Geige mit halbiertem Klang

W
weka
Registrierter Benutzer
Zuletzt hier
01.12.23
Registriert
24.08.06
Beiträge
20
Kekse
44
Hallo zusammen!
Nach längerer Ruhepause (ca 30 Jahre, leider!) habe ich meine alte Stradi-Copy-Geige mit neuen Oligatos bespannt und kann mir nicht erklären, warum sie jetzt nur zur Hälfte klingt wie früher:
Während die E- und die A-Saite relativ gut sind, klingen die D und die G richtig scheußlich, schwach, näselnd und mehr Kratzgeräusche als Ton.
Vom Setup her sollte sich nichts verschlechtert haben, also Stimme, Steg usw. sind OK, ob es ein Bassbalkenproblem ist, weiß ich nicht, falls der für die tiefen Saiten zuständig ist. Ob der sich gelöst hat, kann ich so nicht erkennen.
Zum Geigenbauer will ich nicht unbedingt gehen, da die Geige keinen großen Wert hat. Da würde ich lieber in eine neue Geige investieren. Mich interessiert nur, ob ich selber noch etwas "richten" kann oder ob es aussichtslos ist. Irritierend ist eben die Tatsache, dass das Teil ja zur Hälfte klingt.
Gruß
Weka
 
Eigenschaft
 
Hi Weka,

- wie hast du die Saiten gewechselt? Alle auf einen Schlag, oder der Reihe nach?
- hast du den Steg (den Stellwinkel) verändert/korrigiert?
- wurde die Geige 30 Jahre nicht gespielt?
- bezieht sich die Klangveränderung auf jetzt, oder auf vor-30-Jahren?

So exotische Geschichte wie Bassbalken-lösen lassen wir mal weg. Das kommt so gut wie nie vor.

Ich selber kenne die Obligat nicht. Sind die schwerer, als z.B. Eudoxa (die ich jetzt als Referenz hernehme)?

Was du zum Test mal machen kannst: eine alte z.B. D wieder aufziehen und nochmal vergleichen.
Da die neue Obligat noch kaum gespielt ist, nimmt sie durch den Wechsel auch keinen Schaden.


cheers, fiddle
 
Hallo fiddle,
danke für die Auskunft.
Die Saiten habe ich alle auf einmal gewechselt, da die Thomastik Dinger uralt waren und überhaupt nicht mehr klangen (bis auf die E-Saite, die noch einigermaßen ging). Vor 30 Jahren klang die Geige in den oberen Lagen sehr klar und laut, in den unteren nur mittelprächtig, aber keinesfalls kratzig-näselnd. Die neuen Obligatos klingen oben (E u. A) ganz gut, praktisch fast wieder so wie früher, an denen kann es nicht liegen, dass die unteren so gruselig klingen.
Allerdings habe ich momentan auch den Steg getauscht, da ich dem alten angepassten Steg die Schuld an der Klanghalbierung gab. Der jetzige Steg ist nicht angepasst und viel dicker als der originale und die Füße schließen nicht besonders gut. Trotzdem klingt er oben gut, aber eben nicht auf den unteren Registern. Das Stegaufschneiden ist natürlich Sache eines Geigenbauers, meine Befürchtung ist halt, dass die Fiedel durch das lange Herumliegen irgendeinen Schaden hat und etwas mehr gerichtet werden muss als nur der Steg. Vielleicht frage ich doch mal einen Geigenbauer hier in der Nähe, ob der Reparaturaufwand sich lohnt oder nicht.
Gruß
Weka
 
oh mann..

Also, der Reihe nach:

- irgend einen Steg draufstellen ist (wie drück ich mich zurückhaltend aus? :gruebel:) ..schlecht.
- die Anpassung der Füße an die Deckenwölbung ist das A und O für einen guten Klang. Außerdem
können nicht angepaßte Stegfüße die Decke beschädigen, evtl. bis hin zum Stimmriss -> dann: prost/Mahlzeit.

Ich spar mir jetzt noch weitere Ausführungen zum Steg. Das mach ich in ner Foto-Doku, wie man einen
Steg aufschneidet, damit hier alle mal sehen können, daß das nix für Heimwerker ist. (auch nicht für talentierte!)


Nach 30 Jahren klingt ein Instrument objektiv und subjektiv ganz anders, als man das in Erinnerung hatte.
Zum einen, ist man aus der Übung und man hat den Klang nicht mehr direkt nahe am Ohr, zum anderen ist das
Instrument einfach nur rumgelegen.

Ein Instrument muß nach so einer langen Zeit erstmal wieder in Schuß gebracht werden.
Dazu gehören alle routinemäßigen Arbeiten: neuer Steg, neue Stimme, Kleinkam checken, Wirbel prüfen,
offene Stellen absuchen/checken und Lack auffrischen (retuschieren/polieren).
Das macht ein Geigenbauer.

Nach diesen Arbeiten kommt ein neuer Satz Saiten drauf. Nix tolles, einfach nur was mittleres (Dominant, Corelli Crystal, ect.)
Das Instrument hat nun einen neuen Klang, der mit dem vor 30 Jahren nicht viel gemeinsam hat. Das ist normal.

Jetzt muß das Instrument erstmal eingespielt werden. Es muß schwingen! Bei diesem Prozeß verändert sich das Holz:
es stellt sich auf diese Schwingvorgänge ein und zeigt nach und nach seinen Charakter.
Auch der persönliche Höreindruck verändert sich und man kommt langsam wieder ins Spielen.

Nach 2-3 Wochen sollte man nochmal zum Geigenbauer und nun das Feintuning machen lassen.
Klangeinstellung über die Stimme und den Steg. "zu scharf?, zu mumpfig?, schlechte Ansprache?"
Btw.: Wenn man eine Generalinspektion in dem Umfang machen läßt, ist das nachträgliche Einstellen oft schon mit drin
und man kann da auch zweimal aufkreuzen. (aber irgendwann sollte auch mal gut sein. Aus ner Sachsenschachtel kann
man keinen DelGesu-sound herauszaubern..)

Zusammenfassung:
Wenn du den alten Steg noch hast, mach den wieder drauf! (bitte)
Du kannst, unter diesen Umständen, nicht die Schuld den Saiten geben, denn da stimmen viele andere Faktoren nicht.
Und wenn die Geige 30 Jahre rumlag, dann müßten die Bogenhaare auch ne Katastrophe sein..

Ich helf ja gerne mit Basteltips, aber hier kann ich wirklich nur sagen: geh zum Geigenbauer.


cheers, fiddle
 
Unabhängig davon, daß der Gang zum Geigenbauer unvermeidbar ist, noch etwas zu den Obligatos:
Das sind Einsteiger-Kunstoffsaiten, die den Klang von Darmsaiten näher kommen (sollen). Ich selbst habe ein Jahr auf meiner Geige Obligatos gehabt und dann nie wieder, da ich bessere Saiten gefunden habe.

Der Klang der Obligatos ist obertonreicher als der von Stahlseiten, aber auch viel weniger brillant. Im Vergleich dazu: Die D'addario Zyex sind schon wesentlich besser in dieser Hinsicht. Mir persönlich gefallen auf meiner Geige Warshal Ametyst am besten.

Keine der Saiten macht den Klang nasaler, im Gegenteil: Ein nasaler Klang auf den unteren Saiten ist sehr ungewöhnlich. Ich hatte bei einem Leihinstrument durchgehend nasale Laute. Warum ? Das Instrument war bisher kaum eingespielt worden. Nachdem ich es zurückgegeben habe, klang es schon deutlich besser als vorher.

Meine Geige hat sich auch enorm im Klang geändert im Lauf der Jahre. Der richtige Durchbruch kam aber nachdem ich sie bei einem wirklich guten Geigenbauer restaurieren lassen habe.
 
Aua, eins auf die Finger gekriegt...
OK, der alte Steg ist wieder drauf, das Problem ist geblieben (wusste ich vorher schon), vielen Dank trotzdem, die Hinweise machen mich schon mal schlauer und vorsichtiger (aus mir wird leider kein Geigenbauer mehr).
Das erneute Einspielen leuchtet mir ein, habe davon gehört, nur der Zeitumfang scheint variabel zu sein (reichen ein paar Tage oder dauert es doch Jahre?).
Der Gang zum Geigenbauer ist eingeplant, versprochen!
Gruß allerseits und den Obligato-rischen Guten Rutsch!
Weka
 
So, ich hol das Thema nochmal an die Oberfläche:
Der Geigenbauer hat einen neuen Steg gemacht und den Stimmstock wieder mehr nach Innen versetzt, so dass sich im Laufe der nächsten Zeit die hochgedrückte rechte Deckenseite wieder absenken kann. Jetzt zum Klang: schon viel besser, aber noch nicht ganz zufriedenstellend, das Näseln auf der G und D ist noch hörbar (besonders im Piano), scheint aber im Forte und im Vibrato zu verschwinden. Geigenbauer sagte mir, dass es eine Weile dauern wird, bis die "Statik" der Decke sich wieder gesetzt hat.
Zu diesem Zweck "dresche" ich die Fiedel im Fortissimo erst mit Doppelgriffen, danach mit Vibrato-Tonleitern, das hat mir mal jemand zur Klangverbesserung geraten. Wenn´s hilft...
Gruß
Weka
 
  • Gefällt mir
Reaktionen: 2 Benutzer
Ja das wird helfen, laut spielen und Doppelgriffspiel hilft beim (erneuten) Einspielen. Vergiss auch nicht, in den hohen Lagen zu spielen (also 8, 9, 10, 11 Lage), am besten noch obertonrein (d.h. Du nimmst die Obertöne beim Spielen war). Lange Noten, langsame Bogenstriche sind am Anfang ebenfalls empfehlenswert (gerade die Obligato, später evtl. auch Tonica, Ametyst o.ä. obertonreiche Saiten) machen es leichter, die Obertöne wahrzunehmen.

Viel Spaß beim Wiederentdecken der Geigenklänge :)
 
  • Gefällt mir
Reaktionen: 2 Benutzer
Hi alle,

der Weg zur Regeneration ist ein längerer - stimmt.
Vielleicht habt ihr das schonmal im TV gesehen: Metallspäne auf einer Klangplatte.
Es bilden sich bei unterschiedlichen Frequenzen Muster aus - sog. Schwingungsknoten.
Das ist bei Streichinstrumenten das Gleiche.

Eine veränderte Statik verändert diese Muster und es dauert einige Zeit, bis sich das Instrument auf
die neuen Verhältnisse eingestellt hat.

Viel Schwingung (Forte) hilft viel.

Wichtig: sauber einstimmen! Immer schön das bevorzugte Kammer-A stimmen.

Es gibt Instrumente, die in alten Stimmungen (z.B. 438 Hz) nicht funktionieren - eigentlich kein Wunder.
Man kann sie darauf "abrichten", aber dann machen sie bei 400, oder 443 Hz auch wiederum kein Spaß mehr.

N bisi Physik, aber ich weiß auch kaum was davon.. ;)


cheers, fiddle

p.s. es freut mich, daß die Geige eine Satz nach vorne gemacht hat. Da geht noch mehr!
 
  • Gefällt mir
Reaktionen: 4 Benutzer

Ähnliche Themen


Unser weiteres Online-Angebot:
Bassic.de · Deejayforum.de · Sequencer.de · Clavio.de · Guitarworld.de · Recording.de

Musiker-Board Logo
Zurück
Oben