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Thema: Demonstrationen gegen die Theaterschließung in Eisenach

  1. #1
    Klassik- und Theaterkram Avatar von tonstudio2

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    Demonstrationen gegen die Theaterschließung in Eisenach

    Am 13. Mai versammelten sich rund 1000 Menschen vor dem Landestheater Eisenach:

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    um mit einem Beschwerdechor gegen die drohende Auflösung des Theaters zu protestieren. 21 eigens auf die Situation des Landestheaters gedichtete Strophen zu Beethovens „Ode an die Freude“ wurden gesungen (alle Strophen hat die Thüringer Allgemeine veröffentlicht). Zwischen den Strophen gab es jede Menge Grußbotschaften aus ganz Deutschland und auch aus der Welt. Sängerin Katja Ebstein etwa bat die Menschen in Eisenach, auf die Barrikaden zu gehen für ihr Theater.

    (die Fotos zeigen nur einen Teil der Demonstranten, soviele waren es etwa eine halbe Stunde vor (!) der Aktion )

    Nach aktuellem Stand droht dem Landestheater Eisenach zum 31. Juli 2013 die Schließung. Grund: Die Stadt Eisenach kann ihren jährlichen Finanzierungsanteil von zwei Millionen Euro nicht aufbringen und die Landesregierung Thüringen verweigert ihre Hilfe, angeblich lassen die Gesetze des Finanzministeriums das nicht zu

    Gegen den drohenden Kultur-Kahlschlag hat sich inzwischen massiver Widerstand formiert. In Demonstrationen gingen hunderte Bürger auf die Straße, Unterschriften wurden gesammelt (und die ersten 3.000 bereits in der Thüringer Staatskanzlei abgegeben), öffentliche Aktionen auf dem Eisenacher Marktplatz machen auf die Lage aufmerksam.

    Im Internet ist eine ONLINE-PETITIONSSEITE freigeschaltet worden, auf der Stimmen zum Erhalt des Landestheaters gesammelt werden. Ich bitte Euch: Helft mit Eurer Stimme, das Theater am Geburtsort Johann Sebastian Bachs zu erhalten! Unterzeichnet die Online-Petition, verbreitet den Link auf facebook, auf twitter, per E-Mail oder sonstigen Wegen. Eure Meinungen und Proteste könnt Ihr auch direkt an die Thüringer Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht richten

    Am Mittwoch, 16. Mai, 16 Uhr werden Stadtrat und Kreistag in öffentlichen Sondersitzungen zur Zukunft des Landestheaters tagen. Bis dahin sind weitere Protestaktionen für den Erhalt des Landestheaters geplant. So wird ab sofort bis zur Sitzung am Mittwoch um 16 Uhr zu jeder vollen Stunde mindestens eine Strophe des Beschwerdechors mit Instrumentalbegleitung vor der Eisenacher Georgenkirche gesungen werden, und zwar rund um die Uhr; Musiker der Landeskapelle werden sich Tag und Nacht stündlich mit ihren Instrumenten vor der Kirche einfinden, um das Lied zu begleiten. Mitsänger und Musikanten sind willkommen.

    Hier noch ein kurzer Videoausschnitt kurz vor der Demo:


    http://www.youtube.com/v/a38bj_b1TpI

  2. #2
    Boardbetreiber, Redaktion Avatar von Martin Hofmann

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    Martin Hofmann ist gerade online
    wenn man sich das anschaut macht das doch einen sehr hübschen Eindruck: http://www.theater-eisenach.de/index...n&ID_Seite=130

    Demonstrationen gegen die Theaterschließung in Eisenach-theater-eisenach.jpg

    500 Sitzplätze - da fragt man sich, warum so ein Theater 2 Millionen an Subventionen benötigt?

    Klar - Kultur kostet Geld - zumindest habe ich das schon oft genug so gelesen.

    Aber was will man mit dem Gebäude machen, wenn man den Betrieb schließt? Verfallen lassen? Sicherlich sieht man das in unseren Tagen oft: in grauer Vorzeit hat man ein schönes Zweckgebäude errichtet (Schloß, Schwimmbad, Theater, Zoo, Oper, Stadion etc.) und heute tragen sich viele dieser Einrichtungen nicht mehr weil die Leute fernsehen oder ihre Zeit im Web verbringen. So gesehen könnte man auch für die Schließung des Central-Park in New York plädieren, denn dort könnte man sicherlich ein paar schicke Wolkenkratzer aufstellen

    Gibt es nicht kreative Vorschläge, wie man die Kosten senken könnte, vielleicht sogar mit dem Gebäude in Verbindung mit Kultur Geld verdienen könnte, oder bin ich naiv? Ich weiß jedenfalls, dass es einige Veranstalter gibt, die mit Kultur Geld verdienen und das, obwohl sie auch noch teils drastische Beträge für Mieten aufwenden müssen.
    Gruß Martin

    meine Band: Echoes

  3. #3
    Klassik- und Theaterkram Avatar von tonstudio2

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    tonstudio2 ist offline
    Zitat von Martin Hofmann Beitrag anzeigen
    wenn man sich das anschaut macht das doch einen sehr hübschen Eindruck
    Ja, Martin, das wird mir immer wieder, wenn ich Freunden und Bekannten (viele auch von hier aus dem MB) eine Specialführung gebe, bestätigt

    Zitat von Martin Hofmann Beitrag anzeigen
    500 Sitzplätze - da fragt man sich, warum so ein Theater 2 Millionen an Subventionen benötigt?
    Ich hoffe, ich schocke Dich nicht gar zu sehr, wenn ich Dir sage, daß der Gesamtetat des Eisenacher Theaters zur Zeit fast 5 Millionen beträgt. Die Stadt hatte davon bisher knapp 2 Mio getragen und das kann sie nun nicht mehr:

    http://www.news.de/medien/855290449/...oht-das-aus/1/

    In Johannes Thread hab ich mal versucht, eine einfache Kostenrechnung zu zeigen:
    Zitat von tonstudio2 Beitrag anzeigen
    Vielleicht sollte ich auch mal eine meiner berüchtigten Milchmädchenrechnungen aufmachen.

    Was kostet ein etwa 3 stündiger Opernbesuch beispielsweise in einem kleinen Stadttheater?
    Zitat von Martin Hofmann Beitrag anzeigen
    Klar - Kultur kostet Geld - zumindest habe ich das schon oft genug so gelesen.
    Und trotzdem, wie in dem "Buhrufe-Wagner-Thread" zu sehen ist, gibt es viele sich z.T. widersprechende Meinungen, was die Eintrittspreise und/oder die Subventionen betrifft.

    Zitat von Martin Hofmann Beitrag anzeigen
    Aber was will man mit dem Gebäude machen, wenn man den Betrieb schließt?
    Soll ich Dir es sagen? Es ist nämlich ganz einfach. Genauso, wie wir vor einigen Jahren schon unser amitioniertes Reinigungs- und Pförtnerpersonal "geoutsorced" haben.
    Es werden Freitag, Sonnabend und Sonntag Gastspiele gebucht, je nach verfügbaren Finanzen vielleicht nicht wöchentlich, sondern zweimal im Monat, oder auch nur einmal...
    Dazu werden ein paar Veranstaltungstechniker und ein paar Hilfsarbeiter für die Bühnentechnik eingekauft, für die Organisation des Ganzen wird im Rathaus ein Büro mit 2 oder 3 Mitarbeitern eingerichtet, das alles kostet weit weniger, als ein regelmäßiger Spielbetrieb.
    Und einmal im Jahr wird eine Wartungsfirma beauftragt, Scheinwerfer zu reparieren, Lampen auszutauschen usw...

    Zitat von Martin Hofmann Beitrag anzeigen
    Gibt es nicht kreative Vorschläge, wie man die Kosten senken könnte
    Ja, die gab es schon seit 1991:
    Zitat von tonstudio2 Beitrag anzeigen
    1992 wurde das Schauspiel und ein Teil (40%) der technischen Mitarbeiter entlassen.

    2004 wurde der Opernchor abgewickelt, in den Inszenierungen wurden die Chorpassagen gestrichen oder per CD eingespielt.

    2007 wurden die Sänger und fast die Hälfte (20) der Orchestermusiker sowie die Hälfte der Techniker und Verwaltungsangestellten an die Luft gesetzt. Seitdem produzieren wir kleine Kinder- und Jugendtheaterstücke, Ballette, Musical und Sinfoniekonzerte mit teils eigenartiger Besetzung. Fehlende Instrumente und Darsteller werden als Aushilfen eingekauft oder umarrangiert.
    Opern und Operetten kommen als Gastspiele vom Südthüringer Staatstheater Meiningen.
    Leider waren sie alles andere als kreativ

    Das Eisenacher Theater hatte nie viel Geld, ich bin ja seit 1983 dabei und kenne nur: sparen, sparen, zu teuer...
    In den 80ern hatten wir zwar ein Betriebsauto, einen ollen 8Sitzer, doch die Kollegen wurden oft zu den Gastspielorten mit dem Zug geschickt, um Benzin zu sparen. Dann hat der Direktor in Erfurt strahlend abgerechnet: "wir haben Benzin gespart!" - mit dem Erfolg, daß es im nächsten Jahr einen noch kleineren Benzin-Etat gab.
    Das ist nur ein winzig kleines Beispiel.

    Zitat von Martin Hofmann Beitrag anzeigen
    vielleicht sogar mit dem Gebäude in Verbindung mit Kultur Geld verdienen könnte, oder bin ich naiv?
    Ich sags ungern - aber ich fürchte: ja

    Zitat von Martin Hofmann Beitrag anzeigen
    Ich weiß jedenfalls, dass es einige Veranstalter gibt, die mit Kultur Geld verdienen und das, obwohl sie auch noch teils drastische Beträge für Mieten aufwenden müssen.
    Welche? Haben die eigene Ensembles, Orchester, Techniker, Werkstätten?

    Ich hatte geglaubt, daß das Ohnsorg-Theater ohne Subventionen auskäme, weil es sich durch die Fernsehübertragungen finanziere (was ja auch wieder eine Art Subvention per GEZ ist ), doch Wiki sagt dazu was anderes:
    Heute ist das Ohnsorg-Theater eine GmbH, Eigentümer ist der Verein Niederdeutsche Bühne Hamburg e.V. Das Theater wird zurzeit mit rund € 1,6 Millionen pro Spielzeit subventioniert.
    Und die haben 'nur' Schauspiel und spielen 'nur' sehr massentaugliche Stücke - was ja auch seine Berechtigung hat, aber für einen Vergleich nicht wirklich herangezogen werden kann.
    Oder meinst Du die Musicalbühnen, wie z.B. "König der Löwen" in Hamburg? Das ist auch nicht mit dem Sinn und Zweck eines Stadttheaters vergleichbar, von den Eintrittspreisen ganz abgesehen (obwohl hier wieder zu sehen ist, daß den Leuten es das Geld wert ist, sonst würde das nicht so funktionieren).

    Morgen geht es um die "Wurst", mal wieder:

    http://www.tlz.de/web/zgt/kultur/det...-Mai-438750519
    1 Benutzer findet diesen Beitrag hilfreich.

  4. #4
    Klassik- und Theaterkram Avatar von tonstudio2

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    Das Theater Eisenach bekommt noch eine Gnadenfrist: 14 Tage bis zum Beschluß der Schließung:

    Ein Schlupfloch lassen die Beschlüsse aber offen. Wörtlich heißt es: "Für den Fall, dass sich die Stadt Eisenach bis 30. Mai 2012 dennoch in der Lage sehen sollte, ihren vertraglichen Verpflichtungen ab 2013 nachweislich nachkommen zu können, wird die getroffene Entscheidung hinfällig."
    (Quelle: Thüringer Landeszeitung)

    In drei Tagen hat es die Petition auf 3500 Unterschriften geschafft

    Manchmal stelle ich mir das Gesicht der Thüringer Politiker vor, wenn durch die geballte Macht des Musiker-Boardes die Petition innerhalb 1 bis 2 Tage auf 10.000 oder sogar 20.000 Unterschriften schnellen würde, die würden sicher saudoof in den Monitor gucken

  5. #5
    Helpful & Friendly User Avatar von Backstein123

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    Backstein123 ist offline
    Zitat von tonstudio2 Beitrag anzeigen
    Manchmal stelle ich mir das Gesicht der Thüringer Politiker vor, wenn durch die geballte Macht des Musiker-Boardes die Petition innerhalb 1 bis 2 Tage auf 10.000 oder sogar 20.000 Unterschriften schnellen würde, die würden sicher saudoof in den Monitor gucken
    So ich bin mal 3651
    Einfach weil ich finde, Kultur sollte in jeder Form, für jeden Menschen erhalten werden.

    Nebenbei, das wäre doch mal ein intressanter Artikel für die Startseite, nicht direkt um Peter zu helfen sondern weil ich denke das dass hier viele User ärgern würde.
    Und dann wären die 10.000 Schnell geknackt

    Ist vielleicht nur schwer dem Stadtrat zu erklären warum Menschen aus Hamburg, Bremen, Köln, München, Hintertupflingen finden das dass Theater Eisenach erhaltenswert ist.

  6. #6
    Moderator Akustik-Gitarre Avatar von Jiko

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    Meine Stimme ist abgegeben - ich war ja schon dort und kann nur sagen, dass es wirklich gut war und ich dafür sogar (2x) 400km Weg auf mich genommen habe.

  7. #7
    Klassik- und Theaterkram Avatar von tonstudio2

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    tonstudio2 ist offline

    Wir sind von den Politikern verar***t worden, aber sowas von!!!

    Es ist unglaublich, unglaublich, ich hab lange gebraucht, Worte zu finden - und diese waren nicht schön

    Plötzlich und unerwartet finden die Verantwortlichen der Stadt Eisenach:
    Die Stadt fand überraschend 1,2 Millionen Euro aus höheren Gewerbesteuereinnahmen. Weitere 485 000 Euro kämen durch Zuschusskürzungen bei freien Trägern zusammen, 365 000 Euro hätten sich durch Gesetzesänderungen bei der Grundsicherung im Alter ergeben.
    Also derart versch****ert hat mich schon lang niemand, ich hab momentan gar keine Chance, das zu begreifen.

    So eine Fiesigkeit, als halbwegs ehrlicher Mensch kann ich sowas gar nicht denken...

    http://eisenach.thueringer-allgemein...eport_offset=0

    Ich brauche: "Tschuldigen Sie, haben Sie eine Motorsäge" ...

    Mal sehen, ob der/die dafür Verantwortliche namentlich benannt wird...

  8. #8
    v.i.S.d.P. Avatar von Johannes Hofmann

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    Johannes Hofmann ist offline
    Zitat von Backstein123 Beitrag anzeigen
    Nebenbei, das wäre doch mal ein intressanter Artikel für die Startseite,...
    das IST auf der Startseite. Wir haben das mal für den Peter gemacht und ich hoffe, dass es ihm nützt. Ich möchte trotzdem erwähnen, dass dies eine Ausnahme bleiben wird, dass wir das Board für bestimmte politische Ziele instrumentalisieren.

    Zum Thema: Es ist bedauerlich, wenn kleine Theater schließen müssen. Natürlich reichen die Eintrittsgelder nicht, um ein Theater zu betreiben.

    Meiner Meinung nach wird der kulturelle Auftrag, den der Staat hat, gründlich missverstanden. Da gibt es eben diese illustren Vorzeigeobjekte. Ich weiß nicht, warum der alljährliche Promiauflauf in Bayreuth subventioniert werden muss.

    Und wenn ich dann so was lese: http://www.sueddeutsche.de/kultur/de...uehne-1.798796
    Dann ist meine Toleranz als Steuerzahler völlig überfordert... da inszeniert irgend ein Intendant auf dem Rücken von Mozart irgend einen Mumpitz und weil das teuer in Szene gesetzt werden muss, werden dafür eben mal Steuermillionen aus den Kulturetats verbraten, die an sich dringend gebraucht würden, um einen evtl vorhandenen Kulturellen Auftrag flächendeckend umzusetzen und nicht ein paar Spinner in Berlin oder Bayreuth reich zu machen. Selbst die Promis in Bayreut mögen nicht, was ihnen da hoch subventioniert vorgesetzt wird: Buhrufe in Wagner-Oper - mal was Anderes...

    Völlig entgleist ist mMn, dass die "Kunst eines Mozart" völlig zurück steht hinter der angeblichen Kunst eines modernen Intendanten, dessen Leistung darin besteht, die hochgeachtete Leistung von Mozart zu verfälschen. Das genau ist der Grund, warum ich seit über 30 Jahren kein Theater mehr betreten habe, denn ich ärgere mich schon genug darüber, dass ich oben verlinkten Mist mit meinen Steuergeldern Subventionieren muss, da sollen sie nicht auch noch Eintrittsgeld von mir bekommen.

    Ich denke, dass diese Denke weit verbreitet ist. Mein Tipp an die kleinen Theater: Spielt Mozart & Co unverfälscht und schreibt das auf die Plakate. Dann schauen Menschen wie ich das vielleicht auch mal wieder an und überreden Ihre Kinder, sich mal damit zu beschäftigen

  9. #9
    Klassik- und Theaterkram Avatar von tonstudio2

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    Zitat von Backstein123 Beitrag anzeigen
    Ist vielleicht nur schwer dem Stadtrat zu erklären warum Menschen aus Hamburg, Bremen, Köln, München, Hintertupflingen finden das dass Theater Eisenach erhaltenswert ist.
    Nö, ist nicht schwer Du glaubst gar nicht, wieviele unserer Zuschauer von weit her kommen, vielleicht, weil sie in Eisenach Urlaub machen, vielleicht, weil sie hier Freunde oder Verwandte besuchen...
    Vor ein paar Jahren hab ich mal mit Zuschauern aus Frankfurt/Main gesprochen, die haben gesagt, was wir hier und wie wir es spielen, fänden sie um Längen besser als in den Theatern in ihrer näheren Umgebung

    Was eine gute Überleitung ist:

    Zitat von Johannes Hofmann Beitrag anzeigen
    Mein Tipp an die kleinen Theater: Spielt Mozart & Co unverfälscht und schreibt das auf die Plakate. Dann schauen Menschen wie ich das vielleicht auch mal wieder an und überreden Ihre Kinder, sich mal damit zu beschäftigen
    Ich kenne Deine Meinung dazu, und ich verstehe sie nicht nur, sondern teile sie ebenfalls.

    Ich glaube, gerade an den kleineren Stadttheatern ist das inzwischen so langsam erkannt worden. Bei uns hat die Anzahl der stücktreu inszenierten Vorstellungen stark zu- und die der verqueren entsprechend abgenommen.
    Es ist eine sehr schwierige Gratwanderung: wenn man eine Vorstellung weitmöglichst originalgetreu inszeniert, bekommt man die Hütte voll, aber keine überregionale Presse. Macht mach eine schrillschräge Inszenierung, läuft einem der Großteil des Publikums weg, aber man kommt in die Zeit, FAZ, TAZ und was weiß ich (also die richtig großen Zeitungen) und dann reden ALLE über einen.

    Beides ist (oder war zumindest) für ein Theater wie uns wichtig, einerseits sind wir abhängig von den Zuschauerzahlen, andererseits ist das Renommee für uns (und die Touristik in der Stadt) ebenso wichtig. Wie gesagt, eine Gratwanderung, die ein sehr feinfühliges Händchen des Intendanten bei der Auswahl seiner Regisseure erfordert.

    Wir haben vor 10 Jahren einen Albert Herring auf die Bühne gestellt, das ist eine relativ "neue" Oper von Benjamin Britten, die trotzdem die Musik verhältnismäßig modern war, ein Riesenerfolg wurde.

    Man kann also auch das Publikum an neue Denkweisen heranführen, mit neuer Musik, neuen Ideen und Inszenierungen, da gibt es genügend Möglichkeiten, auch Komponisten heutiger Zeit nehmen gern Auftragswerke in Arbeit und dabei kann durchaus Interessantes, Hörens- und Sehenswertes auf die Bühne kommen.

    Aber die Klassiker zu vergewaltigen, um sich als Regisseur einen "ach so tollen" Ruf auf Kosten des wegbleibenden Publikums zu verschaffen, das halte ich für den definitiv falschen Weg.

  10. #10
    Klassik- und Theaterkram Avatar von tonstudio2

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    Der Redaktionsleiter Peter Rossbach von der Thüringer Landeszeitung hat eben einen sehr richtigen Artikel online veröffentlicht:

    Haben Sie sich in den Beschwerdechor vor dem Theater eingereiht oder haben Sie auf dem Marktplatz mitgesungen? Haben Sie eine Karte an einem Luftballon steigen lassen für den Erhalt des Theaters (meine hat es 261 Kilometer weit geschafft und wurde dankenswerterweise zurück gesandt) oder sind sie mit vielen anderen gemeinsam demonstrieren gegangen? Und fühlen Sie sich jetzt irgendwie vera ..., sagen wir veralbert, für Wahlkampfzwecke missbraucht, für eine Politposse ausgenutzt? Sie sind nicht allein. Das geht mir genauso. [...]
    Quelle und mehr lesen

    Siehe auch meinen wütenden Beitrag #7

  11. #11
    MOD Recording HCA Mikros Avatar von Basselch

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    Hallo, Peter,

    da wird irgendwo selbstherrlich Politik nach Gutsherrenart betrieben... Hauptsache, gewisse Herren bleiben an der Macht. Wahrscheinlich werden ein paar kleinere Beamte als Bauernopfer im Rahmenn dieser merkwürdigen Polit-Posse über die Klinge springen müssen. Hatten wir alles schon...
    Warum erinnert mich das so fatal an die Kommunalwahl in Dortmund, bei der am Tag nach der Wahl herauskam, daß die Stadt Dortmund ein Defizit von 100 Millionen Euro hatte? Muß auch vom Himmel gefallen sein...

    Versteh' ich alles nicht so richtig. Trotzdem viele Grüße

    Klaus

  12. #12
    Klassik- und Theaterkram Avatar von tonstudio2

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    Es ist auch für dieses Jahr noch nicht vorbei:

    Das Ultimatum ist klar gestellt: 25. Mai, 12 Uhr. Der zweitägige Glaube an die sichere Rettung des Eisenacher Landestheaters zumindest für ein Jahr, war wohl verfrüht. Zwar erkennt der Vorsitzende des Stiftungsrates der Eisenach-Meininger Kulturstiftung, Kulturstaatssekretär Professor Dr. Thomas Deufel, die politische Willensbekundung der Stadt Eisenach als gutes Signal an, als ausreichend, um die Vorratsbeschlüsse zur möglichen Abwicklung des Theaters Eisenach im Stiftungsrat zu verhindern, aber nicht.
    [...]
    Diese Vorratsbeschlüsse sehen die Abwicklung des Landestheaters vor, die Entlassung aller Beschäftigten in Eisenach zum 31. Juli 2013. Und die Umsetzung dieser Beschlüsse wird auch weiter vorbereitet, um für den Fall, dass die Stadt bis 25. Mai, 12 Uhr, nicht liefern kann, diese fristgerecht fassen und ausführen zu können.
    Quelle: http://www.thueringer-allgemeine.de/...Uhr-2046490702


  13. #13
    Klassik- und Theaterkram Avatar von tonstudio2

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    Bündnisgrüne beantragen Aktuellen Stunde

    Astrid Rothe-Beinlich fordert Bekenntnis aller zum Erhalt des Eisenacher Theaters

    Thüringen (Bündnis 90/ Die Grünen) - Am nächsten Mittwoch wird auf Initiative der Thüringer Landtagsfraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN die Situation des Eisenacher Theaters mit dem Titel „Bühne frei für solide Theaterfinanzierung – Eisenach braucht Unterstützung“ zum Gegenstand der Aktuellen Stunde im Landtag.
    Mehr dazu: http://www.dtoday.de/regionen/mein-t...id,159437.html


    Darum spielen wir morgen, am Tag des Ablaufs des Ultimatums das Spiel "Wie spart man ein Theater tot":

    NACH DEM SPIEL IST VOR DEM SPIEL

    … dieses berühmte Zitat gilt nicht nur für die hierzulande beliebteste Ballsportart. Nein! Denn nach jeder Kürzungsrunde von Kultur- oder Theaterförderung geht das gleiche Spiel an gleicher Stelle in geordneter Regelmäßigkeit wieder von vorne los. Daher wird das Junge Schauspiel Eisenach in seiner nächsten SPIEL-BAR nicht wie angekündigt Fußball, sondern „Unverzichtbar! Das heitere Subventionskürzungsspiel mit Niveau“ spielen.

    Das von Theaterkollegen des Nordharzer Städtebundtheater entwickelte Spiel ist eine mit einer große Prise Ironie und Zynismus gewürzte Metapher für die gesamte deutsche Theaterlandschaft. Vier von uns geladene Gäste aus dem politischen und kulturellen Leben müssen sich bei diesem Spiel als Theaterintendanten versuchen und mit strategischem Denken und viel Glück verhindern, dass ihr Theater auf dem „Kulturfriedhof“ landet. Gespickt werden die Spielrunden durch ein bissiges Rahmenprogramm.
    http://www.theater-eisenach.de/index...rstellung=3669

  14. #14
    Klassik- und Theaterkram Avatar von tonstudio2

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    Und ganz frisch reingekommen:

    Zwar hatte die Stadt Eisenach in ihrer letzen Stadtratssitzung überraschend bekannt gegeben, dass sie wenigstens im nächsten Jahr das Geld aufbringen könnte, aber wie heute bekannt wurde, bedarf dies noch der Zustimmung des Landesverwaltungsamts. Sollte diese bis morgen Mittag nicht erfolgen, muss der Stiftungsrat laut Vorsitzendem Prof. Deufel die "unternehmerische Entscheidung zugunsten der Stiftung treffen". Dies bedeutet, dass die Kündigungen für die 92 Beschäftigten des Theaters ausgesprochen werden müssten.
    http://www.dr-birgit-klaubert.de/new...52&rubrik=news


  15. #15
    Registrierter Benutzer Avatar von Damon_Knight

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    Ich weiß, dass ich mir jetzt wahrscheinlich keine Freunde machen, aber ich möchte an der Stelle mal so ein paar Grundgedanken reinwerfen, ohne dabei konkret auf die Situation in Eisenach einzugehen, die ich gar nicht beurteilen kann.

    Ich hab neulich im Spiegel eine Zusammenfassung eines Buches von vier Kulturexperten gelesen (ich glaube, es heißt "Der Kulturkrampf"). Ich stimme nicht mit allen ihrer Thesen überein, aber so ein paar Sachen haben mich schon nachdenklich gemacht.

    Da hieß es zB dass unser heutiges Kulturangebot in Deutschland auf das Postulat des Städtetages 1971, "Kultur für alle", zurückgeht. Dieses Postulat umfasste u.a. den Beschluss, dass Kultur jederzeit für jedermann zugänglich sein müsse, und zwar so geographisch nah und günstig, dass sie nicht nur für eine Elite konsumierbar sein sollte, sondern eben für alle.

    In der Folge wurden massiv Subventionen in den Kulturbetrieb gepumpt und das Angebot extrem erweitert und ausgebaut. Ich hab den Artikel nicht mehr, aber da stand was, dass sich die Zahl der Museen und Theater in den folgenden Jahrzehnten mehr als verdoppelte, oder sogar verdreifachte.

    Dabei wurden und werden aber - so die Autoren - oftmals nur Kostendeckungen von oft unter 15% erreicht, d.h. so manches Theater und Museum kann mit Kartenverkäufen gerade mal 15% seiner Kosten decken. Und die Kultureinrichtungen wurden extrem von Politikern instrumentalisiert, die natürlich immer gerne ein neues Theater und ein neues Museum eröffnen - ist ja ne feine Sache und bringt allseits gute Presse. Ob aber jedes Kuhkaff sein eigenes Spaßbad, oder eben auch Theater und Museum brauchte, wurde gerne unter den Tisch gekehrt.

    Nun haben wir seit ein paar Jahren aber die Situation, dass die Kommunen extrem verschuldet sind und nicht mehr wissen, wo sie das Geld für ihre Aufwendungen herkriegen sollen; und zudem erleben wir eine gesellschaftliche und auch demografische Entwicklung, die sich wegbewegt vom Theater- und Museumsbesuch. Als Beispiel führen die Autoren an, dass viele junge Konsumenten sich Kultur heute aus dem Internet holen.

    Sie schreiben auch, dass bei einer Kostendeckung von 15% klar geworden ist, dass der Auftrag "Kultur für Alle" eigentlich verfehlt wurde, denn wenn ein Theater oder ein Museum seine Kosten nur zu 15% selbst tragen kann, dann erfüllt es diesen Auftrag gar nicht, sondern liefert genau das, was die Kulturbeauftragten eigentlich nicht wollten: Kultur für eine Elite. Und: Wegen der demographischen Entwicklung stirbt die nun auch noch weg.

    Die Autoren ziehen daraus den Schluss, dass die Hälfte (!) aller Museen und Theater in Deutschland eigentlich gar nicht nötig sind, da sie nur von einem verschwindend geringen Anteil der Bevölkerung überhaupt genutzt werden. Und dass es mehr Sinn machen würde, die Subventionen lieber in gebündelte Angebote zu stecken, dort wo sie auch genutzt werden. Statt vieler Museen mit kärglichen Mitteln und verstaubten Schaukästen lieber wenige mit geilem Angebot, bei denen sich ein Besuch auch lohnt.

    Letztlich brechen sie Kultur auch auf das Gesetz von Angebot und Nachfrage runter, was sträflich vernachlässigt worden sei. Was sie damit meinen, ist dass Künstler wieder mehr Eigenverantwortung übernehmen sollen in der Vermarktung und Präsentation ihrer Kunst, und sich nicht voll auf den zahlenden Staat verlassen sollten. Sie meinen auch - und da gehe ich nicht mit - dass sich Kultur mehr an der Nachfrage ausrichten sollte. DEN Punkt halte ich für problematisch, aber vielleicht müsste man dazu das ganze Buch lesen, denn ich denke, dass die sicher nicht meinen, statt Beethoven sollte lieber nur noch Jürgen Drews gespielt werden. EDIT: Mir ist es gerade wieder eingefallen. Was sie meinen, ist dass Kultur wegen des oben genannten Postulats auch mehr und mehr zu Schleuderpreisen angeboten wurde und wird, ohne dass dies aber zu einem nennenswerten Anstieg der Besucherzahlen geführt hätte, im Gegenteil. Diese Schleuderpreise waren auch Folge eines permanenten Überangebots an Kultur. Ihre These ist, dass eine Verknappung des Angebots wieder zu mehr und vor allem gezielterer Nachfrage führen würde, und dadurch auch wieder höhere Preise für Eintrittskarten etc. gerechtfertigt werden. Mir erscheint das logisch, für ein Springsteen-Konzert fahren auch viele hunderte Kilometer und geben 100 € Eintritt aus - weil es selten und geballte geile Kultur ist.

    Ich teile diese Gedanken wie gesagt nicht zu 100%, finde aber richtig, dass man auch darüber nachdenkt und vor allem spricht. Unsere Gesellschaft befindet sich an einer Umbruchstelle, und das Schlüsselwort der kommenden Jahrzehnte wird "Rückbau" sein - wegen der demographischen Entwicklung, aber auch, weil unsere Industriegesellschaft meiner Meinung nach die Grenzen des Wachstums erreicht hat (weshalb auch BSP-Plusse von 1% gefeiert werden...) und nun damit umgehen muss, dass wir in vielen Bereichen etwas zurückfahren müssen - die leeren Spaßbäder, Autobahnen, Häuser im Osten sind da nur ein Beispiel.
    Geändert von Damon_Knight (25.05.2012 um 10:54:40 Uhr)
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  16. #16
    Klassik- und Theaterkram Avatar von tonstudio2

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    Zitat von Damon_Knight Beitrag anzeigen
    Ich hab neulich im Spiegel eine Zusammenfassung eines Buches von vier Kulturexperten gelesen (ich glaube, es heißt "Der Kulturkrampf").
    Ich habe dieses unselige Buch nicht gelesen, allerdings bin ich darüber auch etwas informiert, wenn auch nicht durch Spiegel oder Bild, sondern durch die TV-Sendung "Aspekte".

    Kulturexperten? ach ja? Wer auch immer die vier Journalisten in diesen Status erhoben hat, täte gut daran, diesen Artikel in der Frankfurter Rundschau zu lesen:

    http://www.fr-online.de/kultur/buchr...,11938556.html

    Und mir spart es eine Menge Tipperei, weil alles, was ich noch dazu zu sagen hätte, bereits geschrieben steht, meinen herzlichen Dank an den Autor:

    „Der Kulturinfarkt“: Krude Mischung, obszöne Ideen

    „Der Kulturinfarkt“ ist ein Buch, das alles durcheinanderbringt. Und zwar so sehr, dass man beim Lesen eigentlich andauernd „Halt!“ rufen möchte. Dass der Spiegel einen Auszug unkommentiert abgedruckt hat, ist ein Skandal, findet unser Autor.

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    Theater macht reich und kostet Geld, in Wuppertal fehlt es. Foto: dpa

    Der Spiegel veröffentlichte vergangene Woche einen Auszug aus dem Buch „Der Kulturinfarkt“, das ohne diese Privilegierung kaum jemand ernsthaft wahrgenommen, geschweige denn zu Ende gelesen hätte. Ich habe mich durch die 300 Seiten geschlagen: Was für technokratisches Durcheinander!

    Die vier Autoren Dieter Haselbach, Armin Klein, Pius Knüsel und Stephan Opitz liefern eine wirre Melange aus Kulturpessimismus, herber Polemik und überheblichem Abschaffungswahn. Sprachlich ist es schwer zu ertragen – es geht um „ästhetische Erlebnisse als Warenform“, „selektive Systeme für Künstler“ oder „Ordnungsverwaltung im Kulturbereich“. Zwischendurch bekommt man Lebensweisheiten zu hören wie: „Der wahre Citoyen ist ein Citoyen, der sein Innenleben kontrolliert“ oder „Nichts ist heute heiliger und wahrer als Gefühle.“ Tja.

    Man solle, so eine der Forderungen, die Hälfte der Theater und Museen zumachen und das gesparte Geld (nein, nicht dem Arbeitsamt, sondern) den verbliebenen Einrichtungen geben. Was für ein charmanter Vorschlag. Das Staatstheater Darmstadt soll sich also freuen, wenn es die Gelder vom abgewickelten Staatstheater Wiesbaden bekommt – oder umgekehrt? Eine obszöne Idee, die gefährlich an kulturelle Gleichschaltung und Zentralisierung denken lässt – Tendenzen, die wir in der Bundesrepublik eigentlich hinter uns gelassen haben.

    Kulturbesserwisser werfen alles in einen Topf

    Dieses Buch ist eine krude Mischung aus so ziemlich allen kulturellen und künstlerischen Bereichen, die bei genauerem Hinsehen wenig bis nichts miteinander zu tun haben. Die selbsternannten Kulturbesserwisser werfen alles in einen Topf – dabei gelten für die prächtig ausgestattete Bayerische Staatsoper ganz andere Bedingungen als beispielsweise für das um sein Überleben kämpfende Theater Schwerin.

    Und wozu Theaterschließungen führen, ist ja zu sehen: Dem Wuppertaler Schauspielhaus etwa fehlen die Mittel für eine Sanierung, nun wird im Foyer gespielt. Das Theater als Ruine, die zusehends verfällt. Auch der Umbau zur Turnhalle dürfte zu kostspielig sein. Im Buch heißt es dazu: „Es geht um Macht. In Stein gefügte Einrichtungen stehen für Macht.“ In einem Theater- oder Museumsgebäude sehe ich bestenfalls das bürgerliche Selbstverständnis einer Stadtgesellschaft gespiegelt. Ruinös, könnte man sagen, im Fall der Wuppertaler. Eine Art Kulturdetroit schwebt den vier Autoren vor, Ruinen statt blühender Kulturlandschaften.

    Bei allen Sparauflagen darf man nicht vergessen: Nur etwa 0,2 Prozent der öffentlichen Ausgaben in Deutschland entfallen auf Bühnen- und Theaterbetriebe – die Haushalte lassen sich nicht wirksam über Kultureinsparungen sanieren. Aber der Verlust wäre enorm. Gerade in kleineren Städten bilden gewachsene Kulturen die oft einzigen markanten Wiedererkennungselemente. Wenn wir Witten kennen, dann wegen der Kammermusiktage. Oberhausen wegen des Theaters und der Kurzfilmtage, Recklinghausen wegen seiner Ruhrfestspiele. Die Autoren schlagen vor, man solle stattdessen die Laienkultur fördern, sozusagen als theatralen Volkssturm. Aber ein reines Laientheater kann ja wohl kein ernst gemeinter Gegenvorschlag zu einer entwickelten und professionalisierten Spielkultur sein.

    Die Autoren sind wohl nicht viel herumgekommen

    Hier geht so viel durcheinander, dass man andauernd „Halt!“ rufen möchte. Abgesehen von dem überproportional starken Schweizer Gewicht (der Teilautor Knüsel ist Schweizer) und der falsch einsortierten Kultur aus der DDR nach der Wiedervereinigung (die anderen drei Autoren sind westdeutsch geprägt und wohl nicht viel herumgekommen), wird munter zwischen den 60er-, 80er-Jahren und heute gesprungen.

    Luigi Nono hätte man in Italien nicht gebraucht und Christoph Marthaler nicht in der Schweiz, die Goethe-Institute seien zu selbstreferenziell, die Kritiker zu schwach, die Protestanten hätten ein zu ergriffenes Kulturverständnis während die Katholiken sich nur den Karneval gönnen. Handfeste Nachweise fehlen leider in diesem Buch.

    Der Vorabdruck im Spiegel: Ein Skandal

    Doch der wahre Skandal ist der unkommentierte Vorabdruck im Spiegel. Zustimmung kann allenfalls erwarten, wer sich auf Stammtischniveau begibt. Hier wird nicht vorgeschlagen, das kulturelle und gesellschaftliche Tafelsilber zu verkaufen, es soll vielmehr gleich zum Fenster hinaus geschmissen werden. Der Vergleich mit den Kirchen hinkt gewaltig – denn erfreulicherweise sind weder Theater noch Museen ähnlich luftig gefüllt wie (bedauerlicherweise) die Gotteshäuser. Warum eigentlich kommt diese Debatte jetzt? Niemand weiß es so richtig. Ein Sturm im Wasserglas.

    Wenn man das Buch gelesen hat, merkt man, woran es krankt: Es hat keine Persönlichkeit, kein Herz. Nie sagt hier jemand „Ich finde dies und dies, weil ich dieses und jenes erlebt habe.“ Niemand spricht hier von persönlichen Erfahrungen – außer in dem zynischen Grußwort, in dem sich diese Schreibtischtäter bei den Kulturmachern für die unfreiwillige Inspiration bedanken. Ja, schlimmer noch – hier sagt nie jemand auch nur „ich“. Alles ist in einem kalt fordernden, robespierrehaften Ton geschrieben in Vorfreude auf das Blut, das die Guillotine heruntertropft. Es tropft aber nicht.

    Oliver Reese ist seit 2009 Intendant am Schauspiel Frankfurt. Zur Debatte erschien bereits ein Interview mit dem Autor des Buches "Kulturinfarkt", Stephan Opitz und ein Text des Filmregisseurs Christoph Hochhäusler.
    Das Schlimme daran ist, daß Leute, die nicht so sehr in der Materie stehen, diesen vier Reportern ihr Geschreibe glauben, schließlich sind sie Experten und es steht ja schwarz auf weiß...


    Ein kleines Detail vielleicht noch ergänzend: der Eigenfinanzierungsanteil von 15% ist schon sehr hoch gegriffen, bei den meisten Theatern wird der eher in Richtung 10% tendieren - und ja: das ist schon immer so, und nein: das kann man nicht ändern, das liegt in der Natur der Sache. Dazu habe ich weiter oben schon ausführlich geschrieben (Stichwort: Milchmädchenrechnung)

    Man kann einer Familie mit zwei Kindern nicht zumuten, ein paar 100 km zu fahren und 400€ Eintritt zu bezahlen, wenn sie sich das Weihnachtsmärchen anschauen wollen

    Oder Sinfoniekonzerte, wir haben ein sehr treues Konzertpublikum, die haben schon ihre Stammplätze und besuchen unsere monatlichen SiKos regelmäßig. Da sind auch viele rentner dabei, und die, die ich kenne, haben nicht die von den Medien immer wieder beschworene fette Rente, 800€ ist eben nicht die dicke Marie

    Und noch was: das Theatersterben ist zwar kein ostdeutsches Problem, sondern bundesweit (nach der Wende fing es mit dem Sterben der Theater in den fünf neuen Bundesländers zwar an, inzwischen ist dieser tödliche Virus längst auch in die alten Bundesländer geschwappt), aber die (bald ehemalige) Kulturvielfalt im Osten hat definitiv nichts mit irgendwelchen Postulaten von 1971 zu tun, die Ursachen dafür sind wesentlich älter.

    Konkret Eisenach: da hat ein Großindustrieller, der Baron Justus von Eichel-Streiber, das damals noch gar nicht existierende Grundgesetz "Eigentum verpflichtet" ernst genommen und der Stadt unter anderem (!) ein tolles Theatergebäude geschenkt (!), leider hat er nicht wie der Graf Friedrich von Zeppelin in Friedrichshafen eine Stiftung dafür gegründet, sondern hat angenommen, daß die Eisenacher Stadtväter ihr Geschenk mit Leben füllen würden.....

    So, und jetzt versuche ich, mich wieder abzuregen und meinen Blutdruck zu senken, nichts für ungut!

    Eisenacher Theater hat endlich Planungssicherheit

    Eisenach/Erfurt - Das wochenlange Zittern hat ein Ende - die Zukunft des Theaters Eisenach ist vorerst gesichert. Zugleich mahnte die Landesregierung die Stadt jedoch zu einer nachhaltigen Haushaltssanierung. Nach wochenlangem Streit hatte die Kommune doch noch die erforderlichen zwei Millionen Euro für die Spielzeit 2013/14 aufgetrieben. Am Freitag sind dann in beinahe letzter Minute alle formalen Voraussetzungen für eine Bürgschaft des Landes erfüllt gewesen.
    «Ich bin froh, dass sich die Eisenacher Theatermacher nun wieder der künstlerischen Arbeit widmen können», sagte Kultusminister Christoph Matschie (SPD). Zuvor hatte Eisenachs Bürgermeisterin Ute Lieske (parteilos) mitgeteilt, dem Stiftungsrat der Kulturstiftung Meiningen-Eisenach die rechtsverbindliche Erklärung zur Finanzierung der Spielzeiten 2012/2013 und 2013/2014 des Landestheaters abzugeben.


    http://www.insuedthueringen.de/lokal...t83434,2008209

    Also dann: in 10 Monaten gibt es die nächste Runde...
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  17. #17
    Klassik- und Theaterkram Avatar von tonstudio2

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    Die Kommentare der Unterzeichner der Petition lesen sich größtenteils sehr angenehm, irgendwie hilft das, zumindest emotional auch weiter:

    Wir wohnen zwar 30km von Eisenach entfernt, aber wir besuchen gern eine Vorstellung auch mit unseren Kindern, weil es hier in der Umgebung die einzigste Möglichkeit ist, Theater zu erleben. Wäre sehr enttäuscht wenn es das Theater nicht mehr gibt, trauriges Deutschland, wenn an Kultur gespart wird.

    Das traditionsreiche Theater Eisenach muss erhalten bleiben. Eine Schließung wäre eine Kulturschande für Thüringen.

    Wenn die Kunst nicht mehr gefördert wird, stirbt die gesellschaftliche Kultur und wir fallen zurück in die Barbarei

    Es ist unerträglich akzeptieren zu müssen, dass Kulturabbau so skrupellos stattfinden kann, dass Ignoranz nicht einmal vor Bachs Eisenach Respekt haben kann.

    Im Jahr 2006 musste ich als Redner im legendären Solidaritätskonzert gegen den beabsichtigten Kulturabbau in Thüringen in der Erfurter Oper mit 160 Musikern aus 31 Orchestern bei der Aufführung von Beethovens 9. Sinfonie am Schluss an die Politiker gerichtet fordern: „Freunde, nicht diese Töne!“ Soll jetzt auf kaltem Wege dieser Kulturabbau doch eingeläutet werden? Schon damals hatte ich gefordert: „Halten Sie ein! Würdigen Sie Ihre eigene, so besondere Kultur und vernichten Sie nicht leichtfertig Ihr „hohes Gut“, das, einmal verloren, nie wieder kommt, nie wieder kommen kann.“ Das Landestheater Eisenach darf deswegen auch heute nicht zum Spielball der Politik werden, die Ministerpräsidentin, Frau Lieberknecht, muss mit einem Machtwort die verfahrene Situation lösen und den Bürgerinnen und Bürgern in Stadt und Region ihr Theater erhalten helfen. Gottfried Heilmeier Cellist im Philharmonischen Orchester Regensburg Mitglied des Bundesfachausschuss Musikalische Bildung des Deutschen Musikrats

    Der Kunst kann man nicht vorher (Kurturabbau!)schaetzen wie wichtig fuer unseren Leben ! Aber das ist wie ein grosse Baum,wenn man einmal schneidet nicht mehr sofort zurrueck... Wir duerfen nicht jetzt nach fallschen Weg endscheiden !!

    Eisenach mit seiner für ganz Deutschland kulturell bedeutenden Geschichte darf nicht Opfer rein machtpolitischer einiger Weniger werden.

    Lasst Euch von Politikern nicht unterkriegen, Kultur Ist zu wichtig um Sie zu opfern

    Man muss endlich aufhören, Kultur und alle gesellschaftlichen Bereiche aus dem ökonomischen Blickwinkel zu betrachten. Diese Kapitalhörigkeit ist erschreckend, ungebildet und kurzsichtig. Der Verweis auf die Schuldenhonterlassenschaften für unsere Kinder ist scheinheilig!

    Als ich das letzte mal im Theater war, gab es nach der Vorstellung eine relativ spontane Aktion der Schauspieler für den Erhalt dessen.Ich erfuhr, wie eine Kömödie doch noch einen tragischen, vom Verfasser nicht gewollten, Aspekt bekommt. Das sollte und darf nicht sein. Theater ist nach dem "gut Essen" das zweithöchste Kulturgut. Zumindest für mich persönlich.Es machte mich traurig, Eisenach mit in einer Welt ohne Theater vorzustellen. Deshalb schreibe ich hier.

    Wenn ich an's Eisenacher Theater denke, erinnere ich mich auf meine Kindheit . Hab Ballett Untericht von Fraeulein Peters in 1946 bis 1948 genommen und an vielen wunderschoenen Auffuehrungen mit teilgenommen. Es wuerde ja furchtbar sein, wenn das Theater , und das was es zu bieten hat, nicht mehr fuer die Einwohner und besonders der Jugend von Eisenach und Umgebung, verfuegtbar waere .

    Ihr dummen, dummen Menschen dort in der Politik... - aber sie haben euch "gewählt", die Schafe... oder vielleicht doch nicht?

    Ich habe dieses Theater und sein Ensemble als Gastsängerin kennlernen dürfen und verbinde sehr schöne Erinnerungen damit! Jedes Theater dieser einmaligen "Theaterlandschaft" muss für unsere Kinder und Kindeskinder erhalten werden! Stirbt die Kultur, stirbt der Mensch! Und das nicht erst auf dem Stuhl bei Günther Jauch, wenn man nicht weiß, wer die "Zauberflöte" oder den "Fliegenden Holländer" komponiert hat!!!!

    Es ist eine Schande wie die Politik mit den Künstlern umgeht. Dieses Theater hat vieles überstanden,wir hoffen auch die jetzige kritische Situation.

    Ebenso wichtig wie Gera und Altenburg Schande über Deutschland, dass hier so wenig für Kultur gefördert wird, vorallem in einem Land der Kultur. Enttäuschend, wo der Staat die Prioritäten setzt. Rettung lieber Griechenland, statt das eigene Volk

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