Der Raum gehört zum Instrument

von fiddle, 25.01.12.

  1. fiddle

    fiddle Thomann-Streicher-Service

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    Erstellt: 25.01.12   #1
    Hallo Leute,

    gerade zum Thema Bühne und Mikrofonierung kommen immer wieder Irrtümer auf den Tisch.
    Deshalb dachte ich, etwas über den Raum zu erzählen.

    Akustische Streichinstrumente und der Weg des Klangs bis an das Ohr des Zuhörers:
    Eine Saite schwingt und überträgt diese Schwingungen über den Steg auf den Resonanzkorpus.
    Decke und Boden sind Klangplatten und koppeln mit ihrer großen Fläche an das Klang-Medium,
    die Luft, an. (die Schallöcher haben hier außerdem auch eine Klang-Funktion, lassen wir weg,
    ist kompliziert und ich hab es auch noch nicht ganz begriffen.)

    Bei einer herkömmlichen Schallquelle kann man jetzt sagen: der Schall breitet sich konzentrisch
    vom Entstehungsort aus.

    Jetzt kommts: Das kann man bei Streichinstrumenten so nicht ganz sagen.
    Wir hatten in Mittenwald Unterricht bei einem (damals schon) alten Professor für Akustik aus München,
    der die Akustik des Gasteig mitentwickelt und verbessert hatte. Seine große Passion waren die
    Streicher und der Klang. Nur aus diesem Grund hat er sein Wissen mit den Schülern der GB-Schule
    ehrenamtlich geteilt.
    Er hat Streichinstrumente in seinem Tonlabor untersucht und kam zu der verblüffenden Erkenntnis,
    daß Streichinstrumente eine Richtcharakteristik bei unterscheidlichen Frequenzen aufweisen.

    Das ist schwierige Materie, wie hier Wellenformen wie weit in welchem Zustand reichen und dann in
    andere Wellenformen übergehen. Sei´s drum..

    Ich hatte mal eine Geige restauriert und anschließend in unserer Werkstatt angespielt. Mir kam sie
    extrem leise am Ohr vor. Meine beiden Kollegen meinten aber: nö, die ist wirklich sehr laut.
    Da haben wir alle drei aber mal richtig gestaunt. Das ist auch ein Indiz für diese Richtcharakteristik.
    Diese Geige war in der Hinsicht extrem. Sie hat den kompletten Klang von mir weg geblasen.

    Zurück zum Klang.
    Der Schall startet also (zum Teil in unterschiedlichen Richtungen) unterschiedlich laut und trifft auf
    direktem Weg auf den Zuhörer. Der Löwenanteil des Schalls trifft aber erst auf Wände, Boden, Decke,
    wird dort reflektiert und kommt dann mit einer Zeitverzögerung beim Zuhörer an. Wir haben einen Hall.

    Je größer der Raum, umso länger wird die Laufzeit des Schalls. Extrem: Kathedrale.

    Das andere Extrem wäre: kein Raum.
    Ich habe früher oft Quartett gespielt und wir haben uns auch mal, das ein oder andere mal, mitten
    auf ner Wiese auf irgend nem Berg im Freien getroffen.
    Alle Instrumente klingen hier sehr leise und irgendwie "Saft-los". (macht aber trotzdem Spaß :D)
    Kein Wunder. Der größte Teil des Schalls macht sich auf den Weg zur Erd-Umrundung.

    Wo klingt´s denn am besten:
    Das wird ein mittelgroßer Raum sein (Konzertsaal-Größe), der nicht nur aus blanken/geraden
    Betonwänden besteht, sondern eine verwinkelte Oberfläche von Decke und Wänden besitzt, die
    günstig reflektieren (z.B. Holzpanele) und einen kleinen Anteil an Schallschluck-Masse (z.B. Publikum).
    Sonst saust der Schall ungestört im Viereck herum.

    Also: Eine Geige klingt auf freiem Feld sehr dürftig und das betrifft auch die Klangwunder der alten
    Italiener und vergleichbare. (gibt ja auch neue Instrumente, die da mithalten können!)

    -> Der Raum ist ein wichtiger Bestandteil des Klangs. Er gehört zum Instrument, wie Bogen und Kolofonium.


    Bühne: bei Rocklautstärke kann man (fast egal, was für ein Raum das ist) davon ausgehen, daß kein Raum
    vorhanden ist. Das, was an Hall fehlt, muß also über ein Hallgerät simuliert werden.
    Wenn man eine akustische Geige auf einer Rockbühne spielt, hat der reflektierte Raumhall keine Chance gegen
    die Gesamtlautstärke - aber auch nicht den Hauch einer Chance!

    Wir stellen ein Mikrofon über einem Geiger mit einem guten Instrument auf:
    Der Klang ist bei verschiedenen Tönen unterschiedlich stark, da er, je nach Ton, in alle möglichen Richtungen
    abgestrahlt wird. Das kann zu einem sehr unausgewogenen Ergebnis führen.
    Bei Rocklautstärke muß ich mit dem Mikrofon so nahe an das Instrument, daß die Schallquelle noch lauter ist,
    als das, was von den anderen kommt, sonst verstärke ich nicht die Geige, sondern alles andere.
    Das verschärft noch mehr die Situation.

    Bei guten Orchesteraufnahmen, werden die Mikrofone in großem Abstand platziert. Bsp. Villa Berg in Stuttgart.
    (SWR Aufnahmesaal)
    Dort hängen ein haufen Mikrofone in etwa 3m Höhe über dem gesamten Orchester.
    Das funktioniert natürlich so in keinem Fall, wenn es sehr laut zugeht.

    Fazit: wenn ich keinen Raum habe, dann nutzt mir die teuerste akustische Geige nix, denn sie klingt kastriert.
    Ist sie ja auch, wenn man den Raum als Teil des Instrumentes ansieht.
    Bühne und Open-air: Hier funktioniert eine E-Geige wahrscheinlich besser, als jedes akustische Instrument.
    Den Hall muß man in beiden Fällen künstlich erzeugen.
    Natürlich bekommt eine E-Geige nicht diesen speziellen Klang einer akustischen zustande, aber man kann ihn
    sehr annähern. Auch eine akustische klingt nicht authentisch, denn wir haben Mikrofon und PA zwischen
    Geige und Zuhörer. Tja, wenn hier nur ein Teil Schwäche zeigt, dann ist es auch mit dem akustischen Klang
    vorbei.


    cheers, fiddle
     
    Zuletzt bearbeitet: 25.01.12
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  2. Hephaistos

    Hephaistos Registrierter Benutzer

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    Erstellt: 26.01.12   #2
    Sehr schöne Erklärung! Und verdeutlicht vor allem, dass man als Musiker eben auch Pragmatiker sein muss.
     
  3. fiddle

    fiddle Thomann-Streicher-Service

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    Erstellt: 26.01.12   #3
    Ich muß noch was anfügen:
    Richtcharakteristik / Abstrahlverhalten.
    Ich weiß, daß Geigen mit etlichen Raum-Mikrofonen auf dieses Phenomen hin untersucht wurden.
    Bratsche dürfte sich ähnlich verhalten.

    Bei Celli und Kontrabässen weiß ich nicht, ob die auch untersucht wurden.
    Es ist möglich, daß die tiefen Frequenzen ein anderes Verhalten zeigen.

    cheers, fiddle
     
  4. suamor

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    Erstellt: 26.01.12   #4
    Von den Subwoofern her weiß ich, wie auch von Konzerten her, daß wir tiefe Frequenzen nicht orten können. Interessant wäre es aber zu wissen, ob man zumindest einschätzen kann, ob man nahe oder entfernt vom Bass ist (natürlich nur, wenn er tiefe Töne spielt ;). Speziell Kontrabässe sind im Orchester zwar nicht unbedingt laut, aber immer deutlich wahrnehmbar im Vergleich zu den höheren Stimmen.
     
  5. fiddle

    fiddle Thomann-Streicher-Service

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    Erstellt: 26.01.12   #5
    Sagen wir mal so: eigentlich ist es fast wurscht, was mit Basstönen los ist, in
    Bezug auf eine Bühnen-Abnahme. Ich habe heut nen thread bei den KBs gelesen
    mit einem sehr guten link über alle käuflichen Tonabnehmer-Systeme.

    Da bekommt man als Geiger feuchte Augen, ob der gewaltigen Auswahl.
    Wär ich n Cellist, würd ich mich wahrscheinlich bei den Bassern eindecken.

    Das mit der Bass-Klang-Nicht-Ortung kenn ich auch.

    Ich hatte mal das Vergnügen, mit 5 KBs zu spielen. Also wenn die unisono
    loslegen, dann flattern schon die Hosen :D Sollte man unbedingt mal erlebt haben :D


    cheers, fiddle
     
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    Erstellt: 27.01.12   #6
    :( so tief kommen Celli nicht runter, dass sie nicht mehr ortbar sind :(

    auf der Suche nach einem gutem Tonabnehmer war ich mal bei Fishman und dem im Steg eingelassenen... werde dieses Jahr noch mal auf der MuMe mich umgucken und berichten!
     
  7. Geigermeister

    Geigermeister Registrierter Benutzer

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    Erstellt: 27.01.12   #7
    Sehr schönes Thema, hier noch einige Anmerkungen:

    Das Buch "Tontechnik" von Thomas Görne (Hanser Verlag) erklärt viele der Dinge, die oben erwähnt wurden (insbesondere Raumklang, Raumresonanzen, Hallradius, Ortung bzw. Nicht-Ortung von tiefen Frequenzen) aus meiner Sicht sehr gut. Es werden vor allem auch die physikalischen Hintergründe erläutert und die wichtigsten Formeln angegeben, aber die kann man nach persönlicher Vorliebe auch überlesen. Dieses (oder ähnliche Bücher) sollten zur Allgemeinbildung von Musikern gehören, zumindest, wenn sie auch mal auf Rockbühnen unterwegs sind.

    Bezüglich der Auswahl an Tonabnehmern für Kontrabässe: Zumindest je nach Anspruch sind die Dinger wohl auch alle nicht so toll. Wer mal die Gelegenheit hat ein Coppelius Konzert (GROßARTIGE Band!) zu besuchen, sollte sich danach mit deren Bassisten unterhalten. Der hat wohl ewig gesucht und ist jetzt bei einer maßgeschneiderten Mischung aus 3 (käuflichen) Tonabnehmern gelandet, die er je nach gewünschtem Klang aktiviert. Sehr lehrreich. Deren Cellist nimmt übrigens einen normalen Piezo Tonabnehmer im Steg und schickt das Signal durch ein Boss GT6 Bass und zerrt das gelegentlich an (Der Kontrabassist dann auch).
     
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  8. fiddle

    fiddle Thomann-Streicher-Service

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    Erstellt: 27.01.12   #8
    Ein guter Buchtip, keine Frage! :great:

    Ich denke dennoch, ein Rockbühnen-Streicher hat genug andere Themen, die wichtig wären,
    anstatt noch tiefer in die Raumakustik einzusteigen.

    Da wären:
    - Signalwege und Verbindungen. Symmetrisch, Unsymmetrisch ect.
    - Mischpult, welcher Knopf kann was und was ist nicht möglich?

    In der Praxis sollte man ja auch beim Aufbau mithelfen, sonst hat man schnell Feinde :D
    Da wärs schon gut, wenn man die richtigen Kabel ins richtige Loch stecken kann.

    cheers, fiddle
     

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