[History] Gitarreneffekte im Laufe der Zeit

von starling, 12.10.09.

  1. starling

    starling Gesperrter Benutzer

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    Erstellt: 12.10.09   #1
    Nachdem ich vor langer Zeit schonmal etwas zu diesem Thema gepostet hatte, folgt hier nach mehreren Bitten eine aktualisierte Version - im Anhang auch als pdf-Datei zu finden (ist vielleicht angenehmer zu lesen... :D ).


    Folgender Text versucht nicht, die technische Funktionsweise eines jeden Effektgerätes in vollem Umfang zu erklären, es dreht sich hier hauptsächlich um die Entstehung der Effektgeräte bzw. ihre Geschichte. Nichtsdestotrotz werden immer mal wieder kleinere Ausflüge in ihren Aufbau oder ihre Funktion unternommen







    Gitarreneffekte im Laufe der Zeit


    Viele Effekte (etwa der Hall) haben ihre Vorbilder in der Natur, viele wurden per Zufall entdeckt. Auch wurden die meisten Effekte zunächst unter abenteuerlichen Bedingungen realisiert. Ebenso schwer ist es dann meistens auch, den wahren Urheber zu ermitteln.




    Tremolo / Vibrato


    Das waren die ersten serienmäßig erhältlichen Gitarreneffekte, soweit ich weiß ca ab Ende der 40er Jahre. Tremolo ist ein periodisch lauter und leiser werdendes Signal, Vibrato hingegen eine Tonhöhenveränderung, die in erster Linie durch die Vibratoeinheiten auf Gitarren bekannt ist. Diese Erfindung wird Paul Bigsby zugeschrieben.
    Das erste Tremolo stammte von DeArmond und funktionierte auf eine für uns heute unvorstellbare Art und Weise (siehe Bild rechts):
    [​IMG]
    Ein kleiner Elektromotor trieb eine unregelmäßige Scheibe an, die an ein mit leitender Flüssigkeit (nicht wie oft fälschlicherweise behauptet Quecksilber!) gefülltes Röhrchen stieß und damit die Schaltung periodisch öffnete und schloss...


    Die bekanntesten Tremolos waren das Fender Style mit einem LFO (low frequency oszillator = langsam schwingender Tongenerator), der pulsierend eine Lichtquelle antrieb, die dann von einem lichtempfindlichen Widerstand abgetastet wurde, sowie das von VOX und Fender verwendete Bias-Tremolo, das mit einer Röhrenschaltung arbeitete und meines Wissens ein Gemisch aus Tremolo und Vibrato erzeugte.





    Chorus / Rotary / Flanging / Phasing

    Diesen Effekten gemeinsam ist, dass sie mit periodisch gesteuerten Filtern oder Tonhöhenveränderungen arbeiten.
    Schon 1945 nahm Lester William Polfus (den meisten wohl als Les Paul bekannt) eine Gitarrenspur auf zwei Bandmaschinen gleichzeitig auf, wovon bei einer die Geschwindigkeit regelbar war. Durch verstellen der Geschindigkeit der einen Maschine beim synchronen Abspielen beider, erfand Lester Polfus schließlich das Flanging.
    Durch die winzigen zeitlichen Unterschiede der beiden Bandmaschinen entstanden sogenannte Kammfiltereffekte. Später spielte jemand auf ähnliche Weise zwei Bandmaschinen ab und drückte ab und zu bei einer mit dem Finger an die Spule (englisch: Flange). Als man dann in der Lage war, den Effekt als Bodentreter herzustellen, nannte man ihn "Flanger". Außerdem gibt es beim Flanger meist eine Feedbackfunktion, die das verzögerte Signal erneut in den Effekt-Eingang sendet; Chorus und Phaser haben dies nicht. Dieses Feedback kann in der Regel fein eingestellt werden und hat großen Einfluss auf den Klang.


    Chorus ist im Prinzip ein Flanger mit größerer Verzögerungszeit; hier treten die Kammfiltereffekte weniger deutlich hervor.
    Im Grunde genommen klingt er so, als würden 2 Personen (nicht vollkommen synchron!) das Gleiche spielen. Daher ist dieser Effekt ansatzweise auch bei den Saitenpaaren einer 12-saitigen Gitarre (und vielen anderen Musikinstrumenten...) zu hören. Ebenso hörbar ist der Effekt bei einem gut eingeübten Chor - woher der Effekt auch seinen Namen hat.
    Den Effekt gibt es als Rotary-Speaker (siehe links), z. B. als Leslie Lautsprecher-Kabinett (kurz: Leslie), erfunden von Donald Leslie, für Hammond-Orgeln schon mindestens seit den 30er Jahren. Der rotierende Lautsprecher erzeugt hier einen sogenannten Dopplereffekt. In Verbindung mit dem starren Orgelspeaker entsteht bei langsamer Rotation ein Chorus.
    Der erste elektronische Chorus war Roland´s CE-1, der 1976 erschien (dazu habe ich auch ein Review verfasst, zu finden hier).

    Mit Phasing war ursprünglich etwas ganz anderes gemeint. Durch Phasenverschiebungen entstehen Löcher im Frequenzgang; für Radiostationen wurden in den 50ern deshalb Geräte entwickelt, mit denen man Störgeräusche aus dem zu sendenden Material herausfiltern konnte. Wenn man aber so einen Phasenverschieber manuell schnell im Frequenzspektrum hin- und herdrehte, entstanden flüssig phasig und filterige Effekte, die etwas an ein Leslie erinnerten. Aber erst Anfang der 70er gelang es Synthy-Pionier Tom Oberheim, einen Phaser als Bodentreter zu entwickeln. Wieviele Löcher im Frequenzgang sind, nennt man bei einem Phaser "Stages".





    Echo / Delay / Hall / Reverb

    Der räumliche Klang bei Liveauftritten in Hallen hat immer schon bei den Gitarristen den Wunsch nach einem transportablem Hall bzw. Echo aufkommen lassen. Bis zum röhrengetriebenen Bandecho, einer Hallspirale oder einem Analog-Delay war es aber noch ein weiter Weg. Vorerst musste man sich in Studios mit Hall- und Echoräumen (ein grosser, leerer Raum mit stark reflektierenden Wänden; an einem Ende ein Lautsprecher, am anderen Ende ein Mikrofon, welches nun die Delays aufnahm) begnügen.

    Bei der Erfindung des Echogeräts hatte dann mal wieder Lester Polfus seine Finger im Spiel. Er installierte bei seiner Bandmaschine einen zusätzlichen verschiebbaren Wiedergabeknopf. Durch die Zeit, in der das Band vom Aufnahmekopf zum Wiedergabekopf lief, entstand ein verzögertes (englisch: delayed) Signal; das erste Bandecho war erfunden. Später führte er über einen Regler das Echo dem Eingang wieder zu, und nun gab es auf Wunsch viele Echos, die immer flatteriger, leieriger, dumpfer und verzerrter wurden. Die begehrtesten und teuersten Serien-Echogeräte waren damals die "Echoplex"-Geräte (siehe Bild - ja, so sahen Effektgeräte mal aus, wer will sich jetzt noch über zu wenig Platz auf seinem Effektboard beschweren?... :D ).
    [​IMG]
    Erst Mitte der Siebziger konnten Echos mit "Analog Delays" erzeugt werden. Durch immer kleiner und leistungsfähiger werdende Microchips liessen sich die Signale in der "Bucket Brigade Technology (Eimer-Ketten-Prinzip)" genannten Schaltung für kurze Zeit in Kondensatoren speichern und als Echo wieder abrufen. Das verzerrte auch oft recht heftig und dumpfer wurde es auch. Die Geschwindigkeit war stufenlos regelbar. Noch später folgten dann die zunächst fast unbezahlbaren "Digital Delays", bei denen sich der Klang auch bei längeren Delayzeiten nicht verschlechterte - heute sind die dumpfer werdenden Wiederholungen analoger Delays wieder gefragt.





    Verzerrer: Overdrive / Distortion / Fuzz

    Obwohl sich viele Leute "die Erfindung" des ersten Verzerr-Effekts zuschreiben, war der erste, bewusst genutzte Verzerr-Effekt war höchstwahrscheinlich ein defekter röhrenbgetriebener Mixerkanal, der anfing zu zerren. Da dieser neuartige verzerrte Ton den Leuten gefiel, wurde der Mixerkanal nicht repariert/ausgetauscht, sondern das Stück so abgemischt. Als die Leute dieses Stück hörten und von dem verzerrten Ton fasziniert waren, mieteten sie sich ebenfalls in diesem Studio ein - dummerweise war der Mischer bereits repariert worden...

    Die Musikindustrie folgte dem Wunsch der Musiker mit der Herstellung teilweise haarsträubend klingender Fuzz-Boxen; viele jedoch wurden legendär, besonders als es in den Siebzigern gelang, die harmonische Übersteuerung von Röhren recht gut nachzubilden.

    Leo Fender hat Zeit seines Lebens versucht, durch unempfindliche Eingangskanäle usw. verzerrungsfreie Verstärker zu produzieren. Kaum hatte er es seiner Meinung nach geschafft, begannen die Gitarristen mit allen Mitteln, den Amp zum Zerren zu bewegen...





    Wah-Wah

    Die Bezeichnung "Wah-Wah" beschreibt lautmalerisch den Klang des hervorgerufenen Effekts. Der Effekt wurde ursprünglich bei Blasinstrumenten mittels eines über die Schallöffnung gelegten Hohlkörpers (Dämpfers) rein akustisch erzeugt. Der "Wah-Wah"-Effekt wird durch ein Klangfilter erzeugt, der technisch als Bandpass mit Resonanzspitze beschrieben wird. Der besondere Effekt wird realisiert, indem die Frequenz der Resonanzspitze im Spektrum hin- und hergeschoben wird.
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    Geschieht die Ansteuerung abhängig vom Eingangspegel, spricht man von einem Auto-Wah oder Touch-Wah. Hier kommt das Wah-Wah ohne Pedal aus und es wird ein VCF (Voltage controlled filter) verwendet, der nur durch eine Steuerspannung geregelt wird. Der Effekt wird hier nur durch die Stärke des Anschlags gesteuert. Oft ist in diesen Effekten auch eine zeitabhängige Regelung implementiert, wie sie in Flanger-, Chorus- oder Tremoloeffekten vorkommt. Hierbei wandert die Resonanzfrequenz in einem zuvor eingestellten Intervall auf und ab.

    Das "Vox 847" war das erste Wah-Wah-Pedal, das hergestellt wurde. Jimi Hendrix benutzte hauptsächlich dieses Wah-Pedal, soweit ich weiß. Neben Hendrix waren es in den 60er und 70er Jahren vorallem Eric Clapton und David Gilmour, die ein Wah-Wah benutzten.





    Octaver

    Ein Octaver ergänzt zum gespielten Grundton eine oder mehrere Oktaven. Zur Geschichte dieses Effektes kann ich leider relativ wenig sagen. Ich weiß nur, dass Jimi Hendrix der erste war, der diesen Effekt für Gitarren sowohl auf einigen seiner Aufnahmen als auch live benutzte.




    Ich bedanke mich fürs Lesen!
    Diese Abhandlung hat keinen Anspruch auf Vollständigkeit - Kritik, Verbesserungsvorschläge sowie Kommentare sind gerne willlkommen!

    Grüße,
    starling
     

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    Zuletzt von einem Moderator bearbeitet: 13.10.09

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