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Mein erste Konzert: Beggar's Opera

Dieses Thema im Forum "Progressive Rock, Art-Rock" wurde erstellt von Uschaurischuum, 17.03.2008.

  1. Uschaurischuum

    Uschaurischuum Helpful & Friendly User

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    Schon vor drei Jahren habe ich mal einen kleinen Bericht über mein erstes "richtiges" Konzert verfasst. Ich habe, zum größten Hit der Gruppe Beggar's Opera passend, so weit es ging, ein paar Zeitsprünge eingebaut.
    Interessant, Verschnittstücke dieses Textes befinden sich bereits in verschiedenen Pages im WWW:


    Zu Beginn der siebziger Jahre veranstaltete der Stadtjugendring Crailsheim gemeinsam mit dem Starclub Bietigheim mehrere Konzerte, bei denen progressive Rockgruppen zu Gast in der Jahnhalle waren. Einige dieser Formationen gelten bei den Freunden des Genres noch heute als Geheimtipp, andere machten kurze Zeit nach ihrem Besuch in Crailsheim richtig Karriere, manche wiederum sind schlichtweg in Vergessenheit geraten.
    Diese Besucher aus progressiven Rockgefilden waren beispielsweise die Rattles aus Hamburg, Hardin & York, ein Split der Spencer Davies Group, oder auch Golden Earring aus den Niederlanden. Die Pioniere des deutschsprachigen Rocks, Eulenspygel, traten im Ratskeller auf, und „Ihre Kinder“ aus Nürnberg kamen in eine der Nachbargemeinden. Es könnte im Jahre 1973 gewesen sein, als die Band Beggars Opera aus Glasgow zu Besuch in der Jahnhalle war. An diesem Tag hatte es wohl geregnet oder geschneit, ich erinnere mich an kleine Pfützen auf dem alten Parkettboden der nicht bestuhlten Halle, der feuchte, schmuddelige Boden ließ leider nicht zu, dass man sich im Vorfeld des Auftrittes hätte hinsetzten können. Wahrscheinlich waren rund 300 Besucher da, die nach und nach eintrafen. Crailsheim war noch ohne Autobahnanbindung, und manche der Fans sind sicherlich seit dem Arbeitsende unterwegs gewesen, um das Konzert zu besuchen. Ich kann mich nicht mehr erinnern, ob eine Vorgruppe spielte, wenn, dann habe ich sie
    sicherlich genossen, so ausgehungert war ich damals nach Life-Musik. Ich hatte damals nicht unbedingt einen exzentrischen Musikgeschmack, und hatte auch keine Ahnung, was von Beggars Opera überhaupt zu erwarten war.
    „Hätte ich die Möglichkeit, so würde ich zu einem Konzert von Creedence Clearwater Revival oder zu Neil Young gehen, aber die spielen ja immer nur auf einem anderen Planeten.“
    Was ich dann in Folge erleben durfte, hat mir eine ganz neue Sichtweise zur Musik erschlossen. Nachdem dieFormation die Bühne betreten hatte, ertönten nicht die damals typischen röhrenden Gitarren, sondern eine einfache elektronische Orgel und neben Bass und Drums eine Stratocaster, die, wenn überhaupt, dann nur sehr leicht verzerrt gespielt wurde.
    „Der Schlagzeuger Raymond Wilson erscheint im Kilt, und er wird vom Publikum stürmisch begrüßt“
    Die Melodien erinnerten oft an Klassik und zuweilen sogar an Kirchenmusik, manchmal wurden sogar collagenartig Sequenzen aus Werken von Mozart oder auch von Franz v. Suppé eingefügt.
    „Der Sänger Martin Griffiths fasziniert mich besonders, er steht ohne den Ballast eines Instrumentes amMikrofonständer, er hat eine wirklich großartige Stimme, und singt eher wie ein Operretten- oder ein Musicalsänger.“
    Beggars Opera schafften es zwischen 1970 und 1973, mit drei Alben ihr Kapitel der Rockgeschichte zu schreiben. „Act One“ war sehr stark von klassischer Musik beeinflusst, „Waters of Change“ erhielt durch den Einsatz und die Kompositionen der Pianistin Virginia Scott einen gleichermaßen folkloristischen wie auch abgehobenen Flair. Virginia Scott und ihr Mellotron waren beim Konzert in Crailsheim leider nicht mehr dabei.
    Mellotronklänge dürfte jeder schon einmal gehört haben. Die bekanntesten Beispiele für den Einsatz dieses Instrumentes sind „Strawberry Fields“ von den Beatles und „Nights In White Satin“ von den Moody Blues. Das Mellotron war kein Synthesizer, sondern ein Gerät, in dem Klänge auf Bänder aufgenommen und über eine Klaviatur gespielt wurden. Jede Taste verfügte dabei über ein eigenes Band und jeder Klang musste einzeln aufgenommen werden. Im Prinzip war es ein gigantischer Kassettenrekorder, nur, dass die Bänder Laufschwankungen unterlagen und dadurch ein spezieller Sound erzeugt wurde, eben der "Mellotron-Sound".
    Auf Tourneen war es zuweilen wohl eine regelrechte Tortur, das Instrument jeweils den örtlichen Gegebenheiten anzupassen. Ray Thomas, der Keyboarder der Moody Blues, berichtet in seinen Erinnerungen, wie sehr ihm, vor allem in den USA, die Stromschwankungen Schwierigkeiten bereiteten: „The Mellotron was a right pig to travel with.“
    Auf dem Album Nummer Drei, Pathfinder, gab es neben zarten Spinettklängen und rockigen Grooves wie gewohnt verträumten, melodischen Rock zu hören.
    Alsdann schaffte es Beggars Opera nicht mehr, Alben einzuspielen, die eine vergleichbare Beachtung fanden. Die Gruppe wurde in der Folge vollständig umbesetzt, Virginia Scott kehrte zwar zurück, bald war jedoch der Gitarrist Ricky Gardiner das letzte verbliebene Gründungsmitglied. Der größte Erfolg der Band war der acht Minuten lange Song „Time Machine“, dieses Lied fand auch in den Beatclubs Beachtung, und es wurde gerne dazu getanzt. Das Lied über die Zeitreise hinterließ dann bei mir auch die intensivsten Eindrücke, es entsprach sicherlich sehr stark dem damaligen Lebensgefühl eines Teiles der jungen Menschen, vor allem in Deutschland.
    Die akustischen Verhältnisse in der Jahnhalle waren und sind recht lausig, sicherlich ist schon manchem Musiker fast vor Schreck das Instrument aus der Halle gefallen, als er/sie sich hier zu ersten Mal hörte. Man muss schon recht professionell sein, wenn es sich trotzdem nach etwas anhören soll, und diese Probleme hat Beggars Opera dann eben so gut es ging gelöst.
    Nach der endgültigen Auflösung der Gruppe blieben ein Teil der ehemaligen Mitglieder durchaus weiterhin Bestandteil des internationalen Rock-Zirkus.
    Der erste Bassist, Marshall Erskine, arbeitete 1979 beim Rockclown Jango Edwards, im gleichen Jahr tauchte sein Nachfolger Gordon Sellar bei der Alex Harvey Band auf. Der Keyboarder Alan Park ist seit den achtziger Jahren musikalischer Direktor bei Cliff Richards.

    1975 heirateten Virginia Scott und Ricky Gardiner, und sie realisierten in den folgenden Jahren verschiedene Projekte, teils alleine, teils gemeinsam. Virginia Scott wandte sich außerdem der klassischen Musik zu, sie wurde für ihre Arbeiten sogar ausgezeichnet.
    Ricky Gardiner arbeitete zeitweise mit Iggy Pop und David Bowie zusammen. Eines Morgens ging er mit der Gitarre in den Garten, und in einem selbstvergessenen Seinszustand fügte er vier Akkorde auf recht ansprechende Art zusammen. Das Gitarrenriff zum Song „The Passenger“, mit dem Iggy Pop seinen größten Hit hatte, war geboren.
    Gardiner und Scott beschäftigten sich aber auch mit Meditationsmusik und mit dem Computer als Musikinstrument. Es mag als grausame Ironie des Schicksals erscheinen, dass sich Ricky Gardiner seit einigen Jahren kaum noch modernen elektronischen Apparaturen nähern kann, da er eine erhöhte Empfindlichkeit gegen Elektrosmog entwickelt hat. Er muss unter Anderem PCs, UKW-Radios und Handys fern bleiben, selbst in modernen Autos zu fahren, oder im Flugzeug zu fliegen, ist ihm nicht mehr möglich.

    Über den Sänger Martin Griffiths habe ich nichts viel in Erfahrung bringen können. Sein Sohn, Philip Griffiths, singt in der Mannheimer Progrock-Band „Alias Eye“, und auf dem ersten Album der Gruppe, das im Jahr2001 erschien, befindet sich auch ein Duett mit Vater und Sohn. Die junge Band erhält übrigens erfreulich gute Kritiken.
    Über Ray Wilson, den wilden Mann im Kilt, ist nichts bekannt. Mehrere der ehemaligen Mitglieder der Band üben jetzt andere Berufe aus, und musizieren noch regional, oder als Hobby.
    „Die Klänge der Zeitmaschine sind verstummt. Wir treten hinaus in die kühle Nachtluft und den Regen, wir gehen. Es wird wohl eine kurze Nacht werden“


    Uschaurischuum 1973/2005​

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