Versuch eines Beratungsrundumschlags: Komplettset-Neukauf mit niedrigem Etat

von hrawth, 26.07.11.

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  1. hrawth

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    Erstellt: 26.07.11   #1
    Lieber kauflustiger Trommel-Neuling!

    Weil mir in letzter Zeit (schon vor den Ferien ;)) besonders stark aufgefallen ist, dass immer wieder dieselbe Frage in Verbindung mit ähnlichen (niedrigen) Budgets gestellt wird und dass in den Antworten immer noch Graupen wie Pearl Forum, Sonor 507 etc. empfohlen werden, dachte ich mir, ich versuch' mal, einen "Beratungs-Rundumschlag" zu erstellen.

    Bevor Du also den hunderttausendsten Thread à la "Welches Set für am besten gratis?" aufmachst und dafür einen Haufen Buh-Rufe und viele mehr oder weniger gute Tipps erntest, lass' Dich von den folgenden Ausführungen desillusionieren.

    1. Geduld, junger Padawan! Oder: Noch viel lernen Du musst.

    2. Hilfe kann man sich nicht nur im Internet, sondern auch im wirklichen Leben holen! Da wir hier aber nunmal im Internet sind: die FAQs für Drum-Anfänger!!!

    3. Wer am falschen Ende spart, zahlt drauf! Vergiss den Neukauf einer Komplettaustattung mit weniger als 1200 Euro!

    4. Don't believe the Hype! Auf deutsch: Lass Dich nicht vom Werbegewäsch der großen Marken und deren Endorser verarschen!


    Nachfolgend die ausführliche Erläuterung dieser doch recht allgemein gehaltenen Axiome unter Berücksichtigung des Themas "Komplettset-Neukauf mit niedrigem Etat".

    1a. Auch wenn's Dich noch so sehr zieht und zerrt: Ein Drumset (erst recht mit allem drum und dran) kauft man nicht "mal eben so". Falls doch, bezahlt man entweder gleich zu viel oder erst zu wenig und in der Konsequenz zu viel -> vgl. Punkt 3 und 4d.

    1b. Hast Du die Suchfunktion benutzt? Ich meine, wirklich und richtig benutzt? Hast Du die von ihr ausgespuckten Threads plus die FAQs gelesen? Ich meine, wirklich und richtig gelesen? Also nicht nur den Titel überflogen, "Ach, ist nicht genau mein Thema" gedacht und wieder weggeklickt, sondern mit eingeschaltetem Hirn durchgelesen?
    Solltest Du das nämlich bereits getan haben, wird Dir das meiste des nun folgenden Textes bekannt vorkommen - herzlichen Glückwunsch, Du gehörst nunmehr zum erlauchten Kreise der Halb-Ahnungslosen! ;) Lies trotzdem weiter!
    Solltest Du das noch nicht getan haben, dann tu es! Jetzt! Dann komm wieder hierher und lies weiter!

    2. Als Neuling ein Set zu kaufen ist auch nach der Beratung durch's Musiker-Board noch eine enorme Herausforderung. Dafür darfst bzw. solltest Du Dir einen Fachmenschen mitnehmen! Theoretisch könnte dieser ja auch gleich nach dem Kauf mit nach Hause kommen und Dir beim Aufbauen und Stimmen helfen...
    Achtung: Nicht alle Musikalien-Verkäufer sind Fachmenschen, und viele fachlich versierte Verkäufer sind eher an Deinem Geld als an Deinem Wohl interessiert! Fachkompetene Verkäufer, die langfristig an Dir als zufriedenem Kunden interessiert sind, vermeiden z.B. Tipps, die Equipment wie das in Punkt 4d beinhalten - aber auch die werden Dich nicht davon abhalten, das zu kaufen, wenn Du Dich unbelehrbar gibst.
    Also nochmal: Nimm jemanden mit ins Geschäft, der sich mit der Materie auskennt (wie z.B. Schlagzeuglehrer, befreundete oder gar verwandte erfahrene Trommler etc.)!

    3a. Wie überall im Handel gilt auch und insbesondere für Musikinstrumente: Qualität kostet! Man kann günstig kaufen, aber wer billig kauft, kauft zweimal! Und wem der hier empfohlene Etat für Drumkit, Becken, Stative, Hocker und Sticks zu hoch ist, dem kann man nur sagen: Sei froh, dass Du heute und nicht vor dreißig Jahren das Tommeln anfängst! Für das, was man heutzutage an Gegenwert für so ein Budget bekommt, hätte man damals einen Kleinwagen kaufen können.
    Ergo: Nicht am falschen Ende sparen, sondern freuen, dass man heute für so wenig Geld so gutes Start-Material bekommen kann!

    3b. Wenn es denn unbedingt alles auf einmal via Neukauf sein soll, sind derzeit 1200 Euro das absolute Minimum. Ansonsten drohen langfristig Rückenschmerzen bzw. -schäden wegen minderwertiger Sitzgelegenheiten und immense Frustrationerlebnisse wegen schlecht funktionierender Hardware, kaum stimmbarer (und deswegen grausig tönender) Trommeln sowie noch mieser klingender Becken.
    Wer diesen Betrag nicht aufbringen kann, muss sich auf dem Gebrauchtmarkt umsehen und wieder gilt (diesmal sogar ganz besonders) Punkt 2!

    3c. Gute Becken sind wichtiger als das Drumset, denn man kann sie, im Gegensatz zu letzterem, nicht neu befellen und stimmen. Verplane also mindestens ein Drittel des Budgets (i.e. 400 Euro) für die Becken. Die "kleinen Türken", d.h. Masterwork Troy, Istanbul Mehmet Samatya, Zultan Rockbeat, Fame Masters B20, Sonor Armoni und evtl. auch Istanbul Agop Xist sind hier empfehlenswert.
    Antesten ist besonders bei Becken Pflicht; vielerorts ist das mit vorheriger Terminabsprache problemlos möglich. In einigen Läden kann man sich sogar die besten rauspicken und zu seinem eigenen Set zusammenstellen; fragen kostet im Gegensatz zu Qualität nichts! ;)

    3d. Ein Set klingt nur so gut, wie Du es stimmst. Da dies eine erlernbare und keine genetisch vererbbare Kompetenz ist, die man entweder "im Blut" hat oder nicht, hilft ein anerkanntes Stück der entsprechenden Fachliteratur hier ungemein weiter.

    3e. 20 Euro für einen soliden Gehörschutz sollte man auch dann übrig haben, wenn das Budget eigentlich schon restlos aufgebraucht ist. Notfalls bettelt man die Eltern zum Steinerweichen an oder spart sich noch zwei Wochen länger das Kino. Die Hörgeräte, die man sonst später braucht, kosten wesentlich mehr (vom Tinnitus oder verlustig gegangenen Gehör ganz zu schweigen)!

    4a. Es gibt kein Drumset, dass auf irgendeine Musikrichtung ausgelegt wäre. Mit verschiedenen Fellen und solider Stimmkunst lässt sich fast jedem Set fast jeder gewünschte Sound (bis auf... s. Punkt 4b) entlocken - Lernwille, Experimentierfreude und Geduld sind gefragt!
    Ausnahmen bestätigen die Regel, z.B. erzeugt Eine 18"-Bassdrum eher für Jungle als für Hard Rock geeignete Frequenzen, aber mit einer Standardkonfiguration (bspw. 20" BD/10" & 12" TT/14 FT oder 22" BD/12" & 13" TT/16" FT) lässt sich eine sehr breite musikalische Palette abdecken. Fast alles ist Geschmackssache!

    4b. Kein Schlagzeug klingt in Natura so wie auf Album X von Künstler Y oder wie auf einer großen Festivalbühne. An fast jedem Drumsound (besonders im Metal-Bereich) wird sowohl live als auch im Studio produktionstechnisch getrickst, dass die Regler glühen. Du kannst also Fragen à la "Welches Set klingt wie das von XY?" gleich abhaken. Mach' Dich dementsprechend darauf gefasst, dass ein Drumset im Laden ganz anders klingt, als Du es erwartest, und stell' Deine Ohren um, z.B. von "Klingt es nach JJ?" auf "Klingt es sauber und gut?"

    4c. Bei den großen und bekannten Herstellern gehen gute Sets erst ab ca. 1000 Euro los, und damit sind nicht die Einsteiger-Sonderangebot-Mega-Bundles inkl. Becken, Hardware und Hocker plus irgendwelche "Goodies" gemeint, sondern das reine Drumset mit der Grundausstattung an Stativen.
    Viel mehr gutes Material für diese Summe lässt sich bei Hausmarken und kleineren Firmen rausholen, s. Punkt 4f.

    4d. Kein berühmter Trommler spielt "sein" Signature-Set, welches für 700-1500 Euro angeboten wird. Das sind rein optisch getunte, billige Schrott- bzw. Einsteigerklasse-Kits, bei denen Dir lediglich mithilfe des Endorsernamens das Geld aus der Tasche gezogen werden soll.
    Die wirklichen Signature-Sets der Stars sind High-End, d.h. die kosten dementsprechend (plus Aufschlag für den Hype). Also: Vergiss die JJ-/Phil Rudd-/Chad Smith-/etc.-Signature-Sets!
    Für Becken gilt das ebenso: Auch wenn auf den entsprechenden Box-Sets gern mal das Antlitz einer berühmten Drummerpersönlichkeit prangt: Paiste 101, 302 oder PST3, Meinl HCS oder Meteor, Sabian Solar sowie Zildjian Planet Z (plus alle anderen Becken aus Messing [engl.: brass]) sind KEINE Option, wenn man nicht nach ca. einem Jahr über den Topfdeckelsound fluchen will.
    Auch Einsteigerbleche aus Bronze wie Meinl MCS, Sabian B8, Paiste PST5 oder Zildjian ZBT werden Dich nicht lang zufriedenstellen, sind jedoch zumindest nicht ganz so grauenhaft wie die vorhin genannten. Aber halte Dich lieber von vornherein an die Tipps in Punkt 4f!

    4e. Da selbst Experten sich in Blindtests streiten, welche Holzart wie klingt, kannst Du davon ausgehen, dass Du als Anfänger diese feinen Unterschiede in den Klangnuancen der verschiedenen Hölzer garantiert nicht erkennst. Ahorn, Birke, Buche, Bubinga, Mahagoni - für den Klang ist das fast völlig egal. Viel wichtiger sind die Felle sowie deren Stimmung; noch wichtiger ist, dass die Gratungen der Kessel vollkommen intakt sind.
    Zusammen mit den Gratungen am wichtigsten und paradoxerweise am wenigsten anerkannt ist als Klangfaktor aber der Raum, in dem das Set steht: Im Laden haut's Dich um, in Deinem Zimmer jagt's Dir Schauer des Entsetzens über den Rücken. Meistens heißt das für den frischgebackenen Trommler, dass hier einfach Kompromisse eingegangen werden müssen, an dieser Stelle sei auf den Raumakustik-Thread und auf Punkt 2 verwiesen.

    4f. Welche Sets aus dem Low-Budget-Sektor sich als "solide Arbeitstiere" qualifizieren, ist dem veränderlichen Zeitgeist unterworfen: Hersteller verändern ihre Produktlinien oder werfen sie komplett aus dem Programm, Qualitätsschwankungen treten immer mal wieder auf, neue Hausmarken werden ins Leben gerufen etc. Hier gilt es, Ausschau zu halten nach bewährten und günstigen Auslaufmodellen oder einfach nur bewährten günstigen Modellen. Von der letzteren Gattung ist mir derzeit nur das Magnum Birch bekannt, eventuell dürfen die Fame-Premium-Serien FBP und FMP noch mit dazu gezählt werden.

    * Eine kleine Unterbrechung: Nein, Du darfst jetzt nicht noch einen Thread à la "Welche günstigen und guten Drum-Marken gibt es?" aufmachen - Testberichte, Schauergeschichten und Hinweise auf Neukauf-Schnäppchen gibt's immer noch genug im Board! *

    Von der ersteren Gattung haut Musik Meisinger jetzt gerade, im Sommer 2011, "alte" Pearl Vision-Shellsets zu einem guten Kurs raus; zwar fehlt da noch das Stativwerk, aber das kann man sich z.B. in Form des Tama HP5W-Pakets besorgen. Bitte nicht an der Hardware sparen, denn ein aufgrund mangelhafter Verarbeitung umkippender Ständer oder plötzlich herabrutschendes Becken kann - von der ärgerlichen Unterbrechung des Spielens mal ganz abgesehen - großen Schaden anrichten!

    Nun fehlt noch der Hocker, da gibt's u.A. diese bequemen, stabilen und roadtauglichen Exemplare: Gibraltar 9608, Tama 1st Chair in vielerlei Ausführung, K&M Gomezz u.A. Auch hier gilt: Lieber etwas Besseres (mithin Teureres) kaufen, Dein Rücken wird's Dir danken! Unter 70 Euro würde ich persönlich hier nicht gehen bzw. wenn's um Markenware geht, lieber die Königsklasse kaufen.

    Die Felle, welche bei den o.g. Sets (und bis zur Mittelklasse bei jedem vorkonfigurierten Set) ab Werk dabei sind, taugen für den Anfang einigermaßen, vorausgesetzt, man kann bzw. lernt stimmen (nochmal: s. Punkt 2 und 3d).
    Willst Du trotzdem gleich neue Felle mitkaufen, leg' noch ca. 100 Euro drauf und beschränke Dich zunächst auf den Kauf neuer Schlagfelle. Die Reso-Felle haben zwar wesentlichen Anteil am Trommelklang (mehr, als den meisten Neulingen bewusst ist), aber wir wollen nicht übertreiben - man bekommt auch mit dem einseitigen Wechsel auf gute Felle einen deutlich besseren Klang hin als mit den Werksfellen. Ob Remo, Evans, Aquarian oder RMV, ist eher am persönlichen Geschmack als an objektiven Kriterien festzumachen, qualitativ nehmen die sich alle nicht viel.

    So, bis hierhin erstmal. Alle Tipps (außer FAQs und Suchfunktion) basieren auf meinen eigenen Erfahrungen, und zwar sowohl denen in der realen als auch denen in der Musikerforen-Welt.
    Da ich nur ein Mensch bin, mag sich durchaus der eine oder andere Fehler eingeschlichen haben, außerdem erhebe ich keinen Anspruch auf Vollständigkeit oder dauerhafte Allgemeingültigkeit und freue mich über Kritik, Lob und Anregungen.

    Ich gehe davon aus, dass es Dir, lieber Trommelneuling, mithilfe dieser Tipps möglich sein sollte, Dir ein Komplettpaket zusammenzustellen, mit dem Du Dich vor nichts und niemandem verstecken musst und mit dem Du lange zufrieden sein wirst. Vor allem aber hoffe ich (wenn auch wahrscheinlich vergebens), dass Du nun davon absiehst, den x-ten "Brauche Hilfe bei Neukauf"-Thread aufzumachen.

    Zum Abschluss noch zwei Rechenbeispiele:

    Drumkit inkl. Hardware: Magnum Birch 499,00
    Beckenset: Istanbul Samatya XL 399,00
    Zusatzstativ: Magnum Professional BS-720 44,00
    Hocker: Tama 1st Chair 159,00
    Sticks: 2x DW "Three's a pair" 23,80
    Buch: Nils Schröders "Drum Tuning" 15,00
    Gehörschutz: Hearsafe 22,90
    Schlagfell-Set:
    - Remo 22"; Powerstroke 3 41,60
    - Remo 10";, 12";, 14"; Emperor clear 38,00
    - Remo 14"; Ambassador coated 13,90
    1256,20

    Drumkit: Pearl VSX 905 399,00
    Beckenset: Fame Masters B20 288,00
    Hardware-Set: Tama HP5W 404,00
    Hocker: Gibraltar 9608 89,00
    Sticks: 2x DW "Three's a pair" 23,80
    Buch: Nils Schröders "Drum Tuning" 15,00
    Gehörschutz: Alpine 19.-
    1237,80


    Und nun: Viel Erfolg beim Durchsuchen des Forums mithilfe der FAQs und der SuFu sowie beim Stöbern und Ausprobieren in den Läden!

    Danke für's Durchlesen!
    André
     
    Zuletzt von einem Moderator bearbeitet: 18.06.12
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  2. Limerick

    Limerick helpful and moderate

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    Erstellt: 26.07.11   #2
    Anregungen hierzu sind hier möglich.

    Alles Liebe,

    Limerick
     
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