Ich vermute, hier gibt es viele neurodivergente Menschen. Ob man darunter leidet, ist wohl sehr individuell. Ich bin auch spät diagnostiziert (mitte 40). Mein größtes Problem war mein Leben lang eine extreme Tagesmüdigkeit, obwohl ich gut schlafe. In den letzten Jahren kamen Depressionen dazu. Ein Zusammenbruch mit Verdacht auf Schlaganfall war der Auslöser, dem "Warum" nachzugehen. Bis zur Diagnose hat's dann noch ein paar Jahre gedauert und viele Ärzte verschiedener Fachrichtungen gebraucht. Dann nochmal Monate, um einen Termin zur Behandlung zu bekommen.
Seit letztem Sommer bekomme ich Methylphenidat. Die Symptome, die mir den größten Stress gemacht haben, sind quasi über Nacht verschwunden. Keine (unerklärliche) Tagesmüdigkeit mehr, keine Überempfindlichkeit gegen Gerüche und Licht, Kontrollzwänge gehen zurück, Brainfog ist kaum noch ein Thema, ich kann sogar einfach mal vom Stuhl aufstehen und etwas erledigen...wahnsinn.
Was mich nie gestört hat, war die Unruhe in meinem Kopf. Die ist auch weiterhin vorhanden, allerdings irgendwie geordneter. Ich bin in meinem Hirn nicht mehr nur der Beifahrer, der mal reinrufen kann wo er emotional/gedanklich hin will, sondern sitze recht oft selbst am Lenkrad. Ich finde immer mehr heraus, wie ich mich selbst zu bedienen habe und brauche vielleicht auch keine Therapie, wofür ich aktuell eh keinen Platz bekomme.
Die erste Probe mit Medikation war...krass. Dieser Nebel im Kopf war weg und alles funktionierte irgendwie einfach. Das Gegenteil merke ich genauso, wenn ich während der Probe in den Rebound rutsche. Ich hatte nie das Gefühl, Probleme mit meiner Konzentration zu haben. Rückblickend sehe ich erst, wie verpeilt ich war. Der verpeilte Typ kommt auch wieder raus, wenn ich die Medis weglasse (also vergesse

). Ich habe aber Hoffnung, irgendwann Frieden mit Ihm schließen zu können. Bis dahin nehme ich halt die Pillen.
Jetz zu deiner Frage

:
Ich kann mich auch mit Medis nicht lange auf etwas konzentrieren. Ich zwinge mir da aber nichts mehr auf. Ich übe dann, wenn ich Lust habe und worauf ich dann Lust habe. Langfristig an etwas dran bleiben geht für mich (aktuell noch?) nicht...so what. Es klappt trotzdem in 2 Bands. Ich komme sicherlich viel langsamer voran, als wenn ich strukturiert arbeiten würde, aber ich mache mich dafür nicht mehr selbst fertig. Oft gehe ich zum Gitarre üben in meinen Musikraum und gehe nach einer Stunde Schlagzeug spielen wieder raus ohne eine Saite gezupft zu haben...hab dann trotzdem Spaß gehabt

.
Bei den Proben gibt's gelegentlich Momente wo ich rausfliege. Manchmal denke ich mitten im Solo...was kam jetzt?!? Ich kenn allerdings die meisten Nummern so gut, dass ich schnell wieder reinkomme. Manchmal reichts, dass einer etwas irgendwie anders spielt als üblich und ich bin weg. Manchmal können alle Anderen komplett daneben liegen und ich fange sie wieder ein. Manchmal übernimmt das Einfangen jemand anderes. Wichtig ist mmN, die Songs alleine zum Metronom spielen zu können. Mir hilfts auch, dass ich mir Texte gut merken kann und fasst alle Songs auswendig mitsingen könnte. Das hilft mir, die Struktur zu verinnerlichen. Außerdem improvisiere ich sehr viel zu Blues- und Rockbackingtracks. Das lässt mich freier werden.
tldr:
Mir helfen die Medis für's Leben, Arbeiten und für meine Hobbies massiv. Ich plane die Einnahme auch entsprechend, damit ich während der Proben oder anderer wichtiger Termine ordentlich versorgt bin. Dafür verzichte ich sogar gerne auf das "Feiarabendbier". Ein Freund von mir sagt, mit Medis geht bei ihm musikalisch nichts mehr. Kein Gefühl, keine Inspiration. Das ist sehr typabhängig und wohl auch eine Frage des richtigen Medikaments und der richtigen Dosis im richtigen Moment. Die Medis sind für mich kein Schalter, der alles Gut macht. Aber sie helfen oft, an sich selbst arbeiten zu können.
Falls du Fragen hast, immer her damit.