Bericht: Wie ich die Organ²/ASLSP Grenze nicht überschritten habe...

Akkordeonengel

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Guten Tag!

Prolog: Seit jeher sehnen sich die Menschen danach, fliegen zu können. Und als ihnen das schließlich gelang, blieb es nicht dabei, nur ein paar Meter über dem Boden zu fliegen. Den Piloten standen verschiedene Triebwerke zur Verfügung, zuerst Kolbenmotoren, dann Turboprop-Antriebe, dann Strahltriebwerke. Und früher oder später begannen Piloten, ein weiteres Ziel anzustreben: die Überwindung der Schallbarriere. Das war ebenfalls erfolgreich. Bis heute fliegt jedoch nur ein kleiner Teil aller Piloten mit Überschallgeschwindigkeit, und keine zivilen Passagiere...

Als ich 6 Jahre alt war, begann ich die Musikschule zu besuchen und sehnte mich danach, "abheben" – Akkordeon spielen zu lernen. Das erste Mal, als ich „vom Boden abhob“, war bei einem slowakischen Kinderlied – etwas im Stil á la "Hänschen klein“ :) ...

Ich wuchs allmählich und gewöhnte mich nach und nach an schwierigere Akkorde, die ich dann auch lernte. Der Begriff "schwierigere“ bezieht sich nicht nur auf den technischen Schwierigkeitsgrad des Spiels. Jedoch - was noch wichtiger war - meist auf ihre mentale Akzeptanz. Nach und nach gelang es mir. Aber als ich zum Beispiel Jazz übte, sah ich in den Augen meiner Großmutter, dass sie mir nur zuhörte, weil sie mich liebte. Sie sang im Kirchenchor, liebte Blaskapellen und Steirische, aber Jazz war ihr fremd. Das war ihre imaginäre "Schallbarriere“, die sie niemals "durchbrach". Und sie verspürte nicht einmal den Wunsch dazu.

Die Musik ist sicher mein lebenslanger Begleiter. Aber ich bin an meine Grenzen gestoßen, die ich nicht überwinden kann: Moderne experimentelle Musik. Ich betone, dass ich damit nicht die Überwindung „technischer“ Schwierigkeiten meine – ich kann viele Werke spielen. Ich bin an meine mentale Barriere gestoßen. Was ich innerlich nichts verstehe, spiele ich nicht. Aber ich bin ein Stück weitergekommen. Im Rahmen meiner Toleranz. Vor zwanzig Jahren habe ich Witze über diese Art von Musik gemacht: "Dass es genügt, die Ventile der Orgel nicht zu reparieren, die Luftpumpe eingeschaltet zu lassen, und schon ist moderne Musik bereit"... Erst später wurde mir bewusst, dass meine Großmutter ähnliche Ansichten über Jazz geäußert hatte. Das heißt, außer wenn sie mir zuhörte ;). Dann schwieg sie einfach und lächelte. Deshalb habe ich meine Ansichten auch bisschen angepasst - ich habe aufgehört, dumme Kommentare abzugeben. Aber ich glaube, diese Barriere werde ich wohl nie überwinden. Nein, ich beschwere mich nicht. Ich bewerte einfach realistisch meine Möglichkeiten und bin zufrieden mit dem, was ich jetzt habe.
:engel:

Ich wünsche allen viel Erfolg beim Erreichen ihrer Ziele, schöne Sommertage und gute Gesundheit!

Gruß, Vladimir
 
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Ich komme gerade vom heutigen Klangwechsel aus Halberstadt zurück. Hast du das Thema aus Anlass des heutigen Events gepostet?

Ansonsten steht uns allen ja frei zu mögen oder nicht zu mögen was wir wollen, und gerade als Jazzer nutzen wir die Toleranz der Zuhörer sehr aus - ähnlich wie John Cage in diversen Stücken.
 
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Hallo,

Hast du das Thema aus Anlass des heutigen Events gepostet?
Ja, auch. Es hat mich vor allem dazu gebracht, über meine Grenzen und Einschränkungen nachzudenken. Ich bin dankbar für solche Ideen...

Liebe Grüße, Vladimir
 
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John Cage hat ja mit 4:33 wirklich etwas Interessantes gemacht, was über die Musik hinausgeht.

Ein Musikstück von CD in Studioqualität ist nur die Musik, mit möglichst wenig Nebengeräuschen.
Wird ein Stück dagegen live aufgeführt, hat man den Raum, das Publikum, unvorhergesehene Dinge im Orchester - das alles verbindet sich zu einem Gesamtereignis Musik plus Nebengeräusche. (Celibidache lehnte ja lange Zeit Aufnahmen generell ab, weil man Musik nur live richtig erleben könne.)

4:33 ist quasi rückwärts gedacht - es ist dieses Live-Gesamtkunstwerk minus die Musik. Man hört die Geräusche des Publikums, die Aufmerksamkeit geht eben mal auf die anderen Dinge, die man sonst eher als störend empfindet.
Noch besser, noch echter ist es, wenn man sich in die Erstaufführung hineindenkt, in ein Publikum, was noch nicht weiß, was kommt.

Na klar ist das keine Musik im eigentlichen Sinne - aber Kunst ist es ganz sicher, es bringt uns zum Nachdenken, wir achten und empfinden Dinge, die wir vorher anders wahrgenommen haben.

ASLSP ist ähnlich angelegt, indem es einen Aspekt der Aufführung betont und ins Extrem bringt, nämlich die zeitliche Komponente. Das regt mich sehr zum Nachdenken an. Musikalisch bringt es natürlich nicht viel, sich ein halbes Jahr lang einen Ton anzuhören. Aber man stelle sich vor, es gäbe ein Musikstück, was Bach 1726 begonnen hätte und jetzt 2026 noch andauern würde. Wäre das nicht eine unglaubliche Verbindung in die Vergangenheit? So empfinde ich dieses "Happening" als eine Brücke in die Zukunft. Außerdem denke ich auch darüber nach, wie wir Zeit empfinden. Für uns ist die Geschwindigkeit, in der alles abläuft, relativ fest. Eine Fliege "tickt" intern viel schneller, eine Schnecke viel langsamer. Die Relativität der Zeit wird durch ASLSP greifbar.

Ich sehe das nicht als Musik, die man sich zum Genuss anhört, sondern als akustische Kunst auf einer anderen Ebene, so wie auch andere Geräusche oder Klänge Kunst sein können - technische Geräusche, Naturgeräusche usw. Mich berührt der Gedanke hinter dem Stück.
 
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Lieber opa_albin,

4:33 ist quasi rückwärts gedacht - es ist dieses Live-Gesamtkunstwerk minus die Musik. Man hört die Geräusche des Publikums, die Aufmerksamkeit geht eben mal auf die anderen Dinge, die man sonst eher als störend empfindet.
Na klar ist das keine Musik im eigentlichen Sinne - aber Kunst ist es ganz sicher, es bringt uns zum Nachdenken, wir achten und empfinden Dinge, die wir vorher anders wahrgenommen haben.
Ich sehe das nicht als Musik, die man sich zum Genuss anhört, sondern als akustische Kunst auf einer anderen Ebene, ...

Danke! Danke! Danke!

Deine wertvollen Worte waren ein Mittel, das mir wahrscheinlich ermöglichen wird, alles zu verstehen und somit vielleicht meine Barriere zu überwinden! Denn:
Ich mache manchmal Aufnahmen, während ich in der Kirche spiele. Ganz genau, ich bin kein Musiknarzisst - die Aufnahmen sind ausschließlich und streng nur für mich bestimmt. Ich mache das als rückblickende und objektive, unabhängige Selbstprüfung. Denn wenn ich spiele, sehe ich die Noten und höre mich selbst, aber das ist die Wahrnehmung meiner "Musik-Blase" in diesem Moment und keine objektive Wahrnehmung. Mich beeindruckte auch die Fülle an redundanten Hintergrundgeräuschen beim Anhören dieser Aufnahmen...

Vor zwei Wochen habe ich spaßeshalber ein Vorspiel zu einem Kirchen-Lied (hier: JKS 265) aufgenommen, bei dem ich hauptsächlich die Hintergrundgeräusche hören wollte. Natürlich habe ich kein Vorspiel nach Noten gespielt, ganz im Gegenteil, es war eine fast kindisch primitive Improvisation. Ich wollte nämlich das Klappern mechanischer Traktur der Orgel hören (und aufnehmen). Das Ergebnis hat mich verblüfft. In der Kirche herrschte nämlich keine Stille. Im Hintergrund waren die Lungen der Orgel leise zu hören – die Luftpumpe und der Luftstrom im Instrument. Dann war das Geräusch einer gebrochenen Hostie im Mikrofon zu hören (es handelt sich um eine katholische Kirche). Und das Knarren der Kirchenbänke und das Geräusch der Gläubigen, die aufstehen. Und natürlich auch der Klappern der Traktur. Ich hänge eine etwa einminütige Aufnahme des Ganzen an. Meine "Klang-Blase" – das sind nur die letzten Sekunden, der Rest ist die autonome Klangwelt der Kirche:



Und diese Erfahrung von mir wartete zwei Wochen, bis ich die Worte von opa_albin lese, damit ich endlich alles verstehen konnte. Fantastisch! Es ist toll, wenn man Barriere mit der Hilfe anderer Menschen überwinden (und verstehen) kann...
☺️

DANKE!

Gruß, Vladimir
 
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In der Kirche herrschte nämlich keine Stille. Im Hintergrund waren die Lungen der Orgel leise zu hören – die Luftpumpe und der Luftstrom im Instrument. Dann war das Geräusch einer gebrochenen Hostie im Mikrofon zu hören (es handelt sich um eine katholische Kirche). Und das Knarren der Kirchenbänke und das Geräusch der Gläubigen, die aufstehen. Und natürlich auch der Klappern der Traktur.
Das ist ja richtig spannend anzuhören!
Die Orgel klingt auch schön mit Deiner Improvisation.
bis ich die Worte von opa_albin lese, damit ich endlich alles verstehen konnte.
Nun übertreib mal nicht ;) aber ich freue mich, wenn meine Gedanken bei Dir ankommen.
 
Mal ganz kurz eben von der Seite heraus (schöne Beiträge, habe aber gerade nur wenig Zeit): Bei mir waren es gerade die Erfahrungen mit experimenteller Musik (auch durch einen hervorragenden Musiklehrer in der Oberstufe), Jazz und (auch außereuropäischer) Folk-Musik, die mich dann Musikwissenschaft studieren ließen.... Mozart ist mir bis heute (ich bin jetzt Mitte 60) fremder als Cage, Gamelan-Musik, Tango nuevo oder Dowland...
 
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