Bild-Interview mit Wladimir Putin

von Johannes Hofmann, 11.01.16.

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  1. Johannes Hofmann

    Johannes Hofmann v.i.S.d.P. Administrator

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    Erstellt: 11.01.16   #1
    Bild-Chefredakteur Kai Diekmann mit Begleitung ist vor ein paar Tagen nach Sotschi geflogen, um Wladimir Putin zu interviewen. Der erste Teil des Interviews ist hier zu lesen: http://www.bild.de/politik/ausland/...em-russischen-praesidenten-44091672.bild.html

    Natürlich ist Herr Putin ein interessanter Interviewkandidat, vor allem, nachdem aus der vor etwa 25 Jahren begonnenen Annäherung und Vertrauensbildung mittlerweile ein großer Scherbenhaufen geworden ist.

    Ich sehe es so, dass ich die Sanktionen und Verschärfung der Situation richtig finde. Es kann nicht angehen, dass Russland sich das Recht zuspricht, in jedem Land militärisch zu intervenieren, in dem eine russische Minderheit mit dem politischen Kurs der Regierung unzufrieden ist. Natürlich ärgert sich Putin über die Mitgliedschaft der baltischen Staaten in der Nato, würde ein Einmarsch dort doch unmittelbar den 3. Weltkrieg auslösen.

    Das soll aber hier keine xte Diskussion über die Ukraine werden sondern eher eine über den Menschen Wladimir Putin und das Interview. Ist Putin gut für sein Land? Oder ist er gerade dabei, Russland zu ruinieren (wobei der durch Saudi-Arabien, Iran und Fracking abgerutschte Ölpreis einen gewaltigen Anteil hat)? Sollten wir die Sanktionen beenden und Russland beim Aufbau einer Konsumgüter-Industrie helfen? Oder würden wir uns damit ins eigene Knie schießen, weil er dann irgendwann in Ungarn, Bulgarien, Rumänien... einmarschiert, weil er diese Länder klammheimlich immer noch als seinen gottgegebenen Herrschaftsbereich ansieht?

    Da das alles immer noch ein sehr emotionalisierendes Thema ist, bitte ich darum, sachlich zu diskutieren, die Regeln hier im OT/Politik zu beachten und persönliche Beleidigungen anderer Diskussionsteilnehmer zu unterlassen.
     
  2. Vester

    Vester E-Gitarren Moderator HFU

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    Erstellt: 11.01.16   #2
    Wenn man die Frage überhaupt so einfach beantworten kann....ich glaube JA.

    Wenn man sich die Entwicklung in Europa nach Gorbatschow ansieht, die positiven Dinge zwischen uns und Russland - von den ersten Joint Ventures bis zur Sicherheitssituation -
    war das ein Riesengewinn für Europa. Abgesehen davon, dass sehr viele Leute sehr viel ruhiger schlafen konnten.

    Das alles wurde durch den Bruch der Zusagen zur Nato-Osterweiterung gefährdet und fand seinen Höhepunkt in der Sache mit der Ukraine, was sowohl
    hinsichtlich Wirtschaft als auch bezüglich NATO von Russland nicht akzeptiert wurde. Es gibt ja einen umfangreichen Thread dazu...

    Natürlich gibt es die (ziemlich naiven) Argumentationen zur Freiheit, zur Demokratie, zur Souveränitöt, zur (natürlich dem westlichen Vorbild entsprechenden) Entwicklung der Staaten und
    die auf gut/böse reduzierte Wertung solcher Entwicklungen. Aber so einfach funktioniert die Sache leider nicht; was etliche Beispiele ja zeigen.

    Ich glaube auch nicht, dass sich die Mehrzahl der russischen Bevölkerung nun in dem Maße von unseren Werten, unseren gesellschaftlichen Vorstellungen und unserem Konsumblödsinn
    beeindrucken lässt, dass sie eine Aufgabe ihrer Identität durch einen grundsätzlichen Kurswechsel durchsetzt. Nicht umsont hat Putin anscheinend einen ziemlichen Rückhalt in der Bevölkerung.

    Einer Sache bin ich mir jedoch sicher: Es gibt ja bei allen Dingen Steigerungen und besonders krass scheint das hinsichtlich Gesellschaft zu laufen.
    Die Vorgänge, wo man vor ein oder zwei Jahren den Kopf geschüttelt hat, verblassen förmlich im Vergleich zu heutigen Ereignissen. Es bahnt sich also weltweit mehr und mehr an.

    Für uns gibt es letztlich ja doch nur zwei Möglichkeiten:
    Versuchen wir die Wiederherstellung der guten Beziehungen zu Russland, die 20 Jahre sehr erfolgreich funktionierten......oder versuchen wir als kleine und militärisch unbedeutende Staaten weiterhin, das Einflussgebiet dieser Weltmacht zu reduzieren.

    Das soll keine Wertung sein, sondern purer Realitätssinn. Vor allem in Anbetracht der kurzfristig zu erwartenden Entwicklungen von Nordafrika über den Iran bis Korea.
     
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  3. vanderhank

    vanderhank Registrierter Benutzer

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    Erstellt: 11.01.16   #3
    Die Beurteilung Putins aus unserer, westlichen Sicht ist schwierig, denn wenn wir uns fragen, "ist Putin gut für sein Land" meinen wir häufig unterbewusst "ist Putin gut für unser Land?"

    Und das sind dann zwei verschiedene Paar Schuhe. Putins allererste Aufgabe ist es, den Nutzen seines Landes und das Wohl seines Volkes zu mehren. Spreche ich, natürlich absolut nicht repräsentativ, mit Russen aus meinem Bekanntenkreis (zufällig habe ich einige russische Bekannte / Arbeitskollegen), so höre ich nie ein schlechtes Wort über ihn. Die einhellige Meinung lautet eher: Putin tut was für Russland, das russische Volk und die Stellung Russlands in der Welt.

    Dass uns seine Politik nicht unbedingt zusagen mag, steht auf einem völlig anderen Blatt. Russland ist wieder ein "Big Player" in der Weltpolitik, daher kann man auf Kooperation nicht komplett verzichten. Aufgabe unserer Diplomatie muss es sein, einen Modus Vivendi zu finden, der einerseits Kooperation möglich macht, aber auf der anderen Seite auch unmissverständlich Grenzen setzt und eigene Stärke demonstriert, sowohl politisch als auch militärisch.

    Gruß
    Hank
     
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  4. coolaclark

    coolaclark Registrierter Benutzer

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    Erstellt: 11.01.16   #4
    Die Frage ist wie könnte jemand anders regieren und würde die Nato-Osterweiterung und die Destabilisierung Russlands Verbündeter im mittleren Osten überhaupt einen anderen Regierungsstil zulassen?
     
  5. Williamsbirne

    Williamsbirne Gesperrter Benutzer

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    Erstellt: 11.01.16   #5
    Ich habe 2014 und 2015 Russland bereist, um mir ein Bild vom Land zu machen. Ich besuchte Konzerne, Kulturzentren, hatte Kontakt mit "Oligarchen" und mit dem einfachen Volk. Natürlich war auch Putin immer wieder Thema. Ich habe nur einen einzige Russen getroffen, der Putin hasste. Dieser saß einmal wegen einer Schwarzgeldsache im Gefängnis. Der Eindruck, den ich gewonnen habe ist der:

    Putin ist dann ein Konkurrent und eine Gefahr, je weiter nach oben jemand strebt.
    Putin selbst ist ebenfalls Oligarch. Eigentümer der Konzerngruppe "Ozero" und zusammen mit Medwedjew jetzt Eigentümer von Gazprom. In Russland begegnete mir die Zahl 148 Mrd. Dollar - so hoch soll das Privatvermögen Putins sein. Putin wäre damit einer der reichsten Menschen der Welt. Konkurrenten schaltet er aus. Gazprom strebt in vielen Gebieten klar die Monopolstellung an. Kleinen, unabhängigen Tankstellen werden regelmäßig "Angebote gemacht, die sie unmöglich ausschlagen können". Dann steht dort eine Gazprom.

    Das ist die eine Seite.

    Die andere ist, dass Putin im Gegensatz zu anderen Oligarchen ganz klar loyal zu Russland ist und seine Macht nutzt, um das Land zu stabilisieren. Einfache Leute lassen kein böses Wort auf Putin kommen. Ich fragte einmal eine alte Frau, die schon Stalin miterlebt hatte, dann die Entspannung unter Chruschtschow, die Betonzeit unter Breschnew und den Wandel unter Gorbatschow sowie den Niedergang unter Jelzin - wann es ihr denn am besten ergangen sei.

    Sie antwortete ohne eine Sekunde zu zögern, heute, unter Putin.

    Im Netz habe ich diese Grafik gefunden, die - falls sie zutrifft - das gut zusammenfasst.


    [​IMG]

    Was Putin noch getan hat:
    Er hat u.a. das Gehalt der Polizei drastisch angehoben. Ein Verkehrspolizist bekommt monatlich umgerechnet ungefähr 1000 Euro. Das ist das Doppelte wie der Durchschnittsverdienst. Folge: sehr viele wollen nun zur Polizei. Die Auswahl ist streng, nur die besten werden genommen. Korruption und Abzocke bei Verkehrskontrollen existiert quasi nicht mehr.

    Das Militär wurde unter Putin modernisiert und verfügt heute teilweise über überlegene Technik, die die NATO nicht hat.

    Außenpolitisch verhält sich Putin meiner Ansicht nach sehr umsichtig. Er verfügt - wie seine gesamte Regierungsmannschaft, besonders auch der von mir sehr geschätzte Außenminister Lawrow - über eine erstklassige (Aus)Bildung und ist im Strategischen Denken unseren westlichen Granden meilenweit überlegen.

    Persönlich bin ich der Ansicht, dass wir es vor allem Putin zu verdanken haben, dass ein großer Krieg noch nicht ausgebrochen ist. Die NATO arbeitet mit aller Gewalt auf einen solchen hin. Das ist mMn eine der schlimmsten Entwicklungen derzeit überhaupt.

    Momentan schreibe ich gerade an einem Buch über meine Russland-Erfahrungen.

    (Mein einziger Betrag heute. Viel Spaß damit.)
     
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  6. saitentsauber

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    Erstellt: 11.01.16   #6
    Russland unter Jelzin war ein failed state, innenpolitisch sowieso und militärisch/aussenpolitisch auf dem besten Weg. Insofern kann ich vanderhank nur zustimmen: Die Bewertung ist eine Frage des Ausgangspunkts.

    Was mir nicht klar ist: ist das System mit seinen autoritären Zügen zukunftsfähig?
     
  7. Jackpot

    Jackpot Registrierter Benutzer

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    Erstellt: 11.01.16   #7
    Nujo - das ließe sich auch etwas anders formulieren: Putin schafft es im Gegensatz zu anderen Oligarchen, die Loyalität des Landes auf sich zu beziehen (so hat er sich mit Jelzin gegen Jelzin emanzipiert; und als erster Mann im Staat profitiert er natürlich vom Mythos des guten Zaren, der in der Mentalität nach wie vor implizit wie explizit eine große Rolle spielt), und er nutzt das Land, um seine Macht zu stabilisieren.

    Man muss ihm natürlich zugestehen: Darstellen, repräsentieren, das kann er. Im Gegensatz zu den meisten westlichen Staats- und Regierungschefs weiß er, sich zu inszenieren, und das kommt nicht nur in der eigenen Bevölkerung gut an.
    Dazu gehören auch Grafiken wie u.a. die hier eingefügte. Gerade Facebook ist da ein Sammelplatz für solche Aufbereitungen. Bemerkenswert finde ich, dass der zugehörige Kommentar fast immer die Form "Wenn das stimmt, dann [ist Putin doch gar nicht so schlecht/ist das doch bemerkenswert/...]" besitzt - wobei es fast schon nebensächlich wird, ob diese Dinge dann stimmen.
     
  8. vanderhank

    vanderhank Registrierter Benutzer

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    Erstellt: 11.01.16   #8
    Unabhängig davon, ob Putin ein Autokrat und geschickter Selbstdarsteller ist, den man ob seiner Innen- und Außenpolitik mag oder nicht - Russland ist eine enorme wirtschaftliche und militärische Macht, welche er aus ihrer überwiegend selbstverschuldeten Ohnmacht und Bedeutungslosigkeit wiedererweckt hat.
    Wenn ich mir derzeit internationale Politik, Diplomatie, Außenpolitik ansehe, so habe ich den Eindruck, dass viel zu viel gepoltert und schwarz / weiß gemalt wird. Auch ich würde mir einen anderen Präsidenten für Russland wünschen, der pflegeleichter und durchschaubarer wäre, der nicht Meinungspluralismus und freien Journalismus manipuliert, vielleicht sogar unterdrückt.
    Aber man muss in der Außenpolitik im eigenen Interesse eben auch mal Ideologie und Überzeugung hintenanstellen und mit demjenigen auskommen, der gerade da ist. Das funktioniert mit China, im übrigen alles andere als eine "lupenreine" Demokratie seit Jahrzehnten wunderbar.

    Insbesondere im Nahen und Mittleren Osten wird es mittelfristig ohne die Russen überhaupt keine Lösungen mehr geben. Vielleicht muss die internationale Diplomatie im Sinne der Realpolitik mit Russland wieder eine Art "eine Hand wäscht die andere"-Politik etablieren.

    Auf jeden Fall ist es jedoch töricht, gerade in Phasen des Konfliktes eine Institution wie den NATO-Russland-Rat, der ja gerade für Konfliktlösungen und Vertrauensbildungen eingerichtet worden war, ruhen zu lassen.

    Gruß
    Hank
     
  9. andiu

    andiu Registrierter Benutzer

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    Erstellt: 11.01.16   #9
    Ich möchte mich Williamsbirnes Analyse fast vollständig anschließen. Putin ist mit Sicherheit gut für die Seele der (meisten) Russen. Wie schon oben gesagt, hat er nicht nur ein Interesse daran sich selbst zu bereichern, sondern, was man so hört, denkt er auch noch an das von ihm vertretene Land. Dabei mischt er geschickt Innen- und Außenpolitisches. Die Annektion der Krim? Dafür jubeln ihm 95% aller Russen zu, selbst seine politischen Widersacher knirschen mit dem Zähnen, weil er damit voll die Volksseele getroffen hat - fragt mich bitte nicht warum vielleicht liegt es daran, dass seit Ende des achtzehnten Jahrh. die Krim russisch war. Nach außen tritt er für eine starke russische Föderation ein die ja fast so groß ist wie die ehemalige Sowjetunion. Er - oder ein gleichartiger an seiner Stelle - hat dieses merkwürdige Konglomerat zusammengehalten und intern stabilisiert, auch wirtschaftlich.

    Ein Heilsbringer ist er deswegen noch lange nicht. Eher schon ein Egomane :) Aber er sorgt in einem sehr großen Teil der Welt für Stabilität und eine gewisse Berechenbarkeit.
     
  10. Harry

    Harry Moderator PA Moderator HCA

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    Erstellt: 11.01.16   #10
    So ist auch meine Erfahrung. Ergänzend kommt noch der Kommentar "IHR wisst einfach nicht Bescheid über Russland und wie wir denken. Ihr seid zu weit weg und habt nicht genügend Ahnung zu unserer Geschichte und unserer Mentalität".
    Seither halte ich mich dazu dezent zurück.
     
  11. Jackpot

    Jackpot Registrierter Benutzer

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    Erstellt: 11.01.16   #11
    Aussagen wie diese betrachte ich eher als Teil des Problems denn als Teil der/einer Lösung. Denn natürlich kann man auch als Außenstehender genügend Ahnung von der russischen Geschichte und der Mentalität der russischen Bevölkerung haben - und natürlich kann man so auch zu anderen Einschätzungen Putins und seiner Politik gelangen. Politische und politikwissenschaftliche Analyse setzt z.B. gerade auf Methoden, die dies erlauben.

    So lässt sich Putins politisches Handeln durchaus in gängige Modelle der vergleichenden PoWi oder der internationalen Beziehungen einordnen, ebenso wie sich Rückschlüsse historischer Art ziehen lassen, die auf belastbaren Ergebnissen zur russischen Mentalität (histoire des mentalités als spezifischer Teilbereich der Kulturgeschichte) aufbauen:
    • Putin steht bspw. ganz deutlich in einer typisch russischen Tradition starker Männer an der Spitze des Staates (die in ihren Rechtfertigungsmechanismen bis zum abstrusen "der russische Bär braucht die Knute" reichen kann);
    • er greift dabei in seinem politischen Handeln auch bewusst den genuin russischen Gegenentwurf zum französischen fraternité (Brüderlichkeit), egalité (Gleichheit), liberté (Freiheit) auf: samoderschawije (Autokratie/Selbstherrschaft), prawoslawije (Orthodoxie/Rechtgläubigkeit), narodnost ("Volkstümlichkeit"/Volksnähe/National-Orientiertheit);
    • und er zeigt gar Ambitionen, das "dreieinige russische Volk" (Großrussen, Klein- bzw. Rotrussen und Weißrussen) wieder unter einen staatlichen Hut zu bekommen.
    Das ist am Ende der/ein wesentliche/r Grund für seine Popularität nach innen.
    Nach außen hingegen lässt sich seine Politik dem sog. realistischen Paradigma zuordnen, das internationalen oder supranationalen Organisationen keinen Eigenwert, sondern nur instrumentellen Charakter für die eigene Machtpolitik zubilligt; das Ruhen-lassen des NATO-Rates kann so auch durchaus als praktizierte Real-politik (und zwar von allen Seiten) gewertet werden. Multilateralität steht da eben nicht hoch im Kurs, und in der bilateralen Alternative hat er als russischer Staatschef meist das größere Gewicht: einmal hinsichtlich der politischen und (volks-)wirtschaftlichen Bedeutung des russischen Staates; zum anderen, weil er im Gegensatz zu den meisten westlichen Staatschefs innenpolitisch fester im Sattel sitzt und so freier in seinem Handeln nach außen sein kann.
     
  12. vanderhank

    vanderhank Registrierter Benutzer

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    Erstellt: 11.01.16   #12
    Er gibt anscheinend den Russen (einer Mehrheit der Russen - Homosexuelle und Punkrocker werden eine andere Meinung über ihn haben), was die Russen wollen.

    Dass sich das fundamental von dem unterscheidet, was wir gern von ihm hätten, dürfte ihn bei dem für ihn relevanten Teil der Russen noch populärer machen.

    Vielleicht müssen wir uns im Falle Russlands in einigen Bereichen auf eine konstruktive Bilateralität der Beziehungen einlassen.

    So bitter die Einsicht sein mag - in internationalen Beziehungen ist Machiavellismus realistischer als Idealismus.

    Gruß
    Hank
     
  13. Jackpot

    Jackpot Registrierter Benutzer

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    Erstellt: 12.01.16   #13
    Auch wenn der Ruf des guten Machiavelli schlechter ist als er es verdient hat - oder vielleicht sogar gerade deshalb: Ja, da stimme ich zu.

    Seien wir also mal machiavellistisch:

    "Wir" "im Westen" haben erstmal zu akzeptieren, dass "die Russen" sich offenbar gut aufgehoben fühlen bei Putin. Selbst wenn die Unterstellung, sie seien mit ihm zufrieden insofern problematisch ist als sie westliche Maßstäbe der freien Meinungsbildung bzw. Meinungsfreiheit voraussetzt; aber lassen wir hier mal die Gunst des Zweifels obsiegen.
    M.E.n. ist es nun gerade dieser Punkt, an dem Putin begegnet werden muss: Ähnlich wie im Umgang mit den Herkunftsländern der Flüchtlinge muss auch mit Russland ein zivilisatorischer Konsens gesucht werden, der für dauerhaft stabile und freundschaftliche Beziehungen sorgt - und auch hier spielt die Kulturbedeutung der Religion eine Schlüsselrolle. Wo es in der islamischen Welt jedoch keine spezifische Soziallehre gibt, da hat das Moskauer Patriarchat der Russisch-Orthodoxen Lehre im Jahr 2008 ein Dokument über Die Grundlagen der Lehre der Russischen Orthodoxen Kirche über die Würde, die Freiheit und die Menschenrechte vorgelegt. Wenn Putin wirklich in der Tradition russischer Herrscher steht - Autokratie, Orthodoxie, Volkstümlichkeit -, so kann, darf, soll und muss er auf die dort formulierten Grundsätze festgenagelt werden. Im BILD-Interview gibt er selbst freimütig zu, sich um die Menschen zu sorgen und nicht um Gebiete oder Ländereien - wunderbar, soll er tun. Das Heilige Russland stattet ihn mit dem notwendigen Rüstzeug aus, ein guter Herrscher zu sein.
    In diesem Zusammenhang spielen die drei Stützpfeiler zur Entwicklung eines zivilisatorischen Konsens mit der islamischen Welt ebenfalls eine eminente Rolle:
    • Die Frage nach der Kultur muss ihren Absolutheitsanspruch verlieren. Historisch betrachtet ist das gerade in Russland sehr schwierig, da auch die Orthodoxie in ihrer Ausrichtung eher kulturell (slawisch-griechisch) gepolt und sehr nahe beim Staat angesiedelt ist; hinzu kommt, dass sich das größte Schisma in Russland (Abspaltung der "Altgläubigen"/raskolniki im 17. Jhdt.) an einer kulturellen (bzw. kultischen) Frage entzündet hat und das ist bis heute nicht ganz geheilt. Aber pan-slawisch gedacht, und mehr noch: pan-orthodox gedacht sind die kulturellen Traditionen so vielfältig, dass das auf jeden Fall möglich erscheint.
    • Das Paradigma der Marktwirtschaft als Macht- und Klassenkampf muss seine Deutungshoheit verlieren. Auch hier ist es durch die lange Herrschaft des Sozialismus in Russland eher schwierig, diese Sichtweise zu überwinden. Andererseits steht gerade der Slogan von "Autokratie/Orthodoxie/Volkstümlichkeit" auch für ein Programm der Modernisierung ohne Klassenkampf. Diese Tradition gilt es zu nutzen. So lässt sich das Erbe des Sowjetstaates mit genuin russischer Mentalität überwinden.
    • Der Säkularstaat darf keine Kampfansage an die Religion sein. Das könnte im Prinzip der unproblematischste Punkt sein: Die symphonia zwischen Staat und Kirche wird gerade im orthodoxen Osten groß geschrieben. Andererseits jedoch haben die Herrscher der Rus immer auch in die Kirche hineinregiert - hier könnte die russische Orthodoxie ihre Position stärken, wenn sie es schafft, Putin mit o.g. Dokument in die Pflicht zu nehmen. Haarig wird es allerdings u.U. bei den anderen Bekenntnissen und Gruppierungen, vor allem, wenn der Kreml und das Patriarchat mehr als nur Symphonie betreiben.

    In den internationalen Beziehungen selbst kömmt es darauf an, Putin den Institutionalismus als realistische Option schmackhaft zu machen:
    Er will das "dreieinige russische Volk" zusammenhalten? Prima, genau dafür gibt es die GuS. Hier besitzt Russland die natürliche Führungsrolle und es läge nahe, die Organisation in einen Staatenverbund weiterzuentwickeln, der die eigene Identität und Integrität der Teilnehmerländer nicht untergräbt; eine Art osteuropäisches Pendant zum westlichen "Kern-Europa" - das dann ggf. auch per privilegierter Partnerschaft zur EU stoßen könnte. Das Eröffnet Moskau Perspektiven, auf dem internationalen Parkett einbezogen zu werden ohne als Bedrohung zu gelten - und kann gleichzeitig helfen, durch eine so vollzogene ökonomische Einbindung in den Kontinent den Wohlstand in Russland dauerhaft und stabil zu steigern.
     
  14. vanderhank

    vanderhank Registrierter Benutzer

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    Erstellt: 12.01.16   #14
    Was will Russland? Was davon bekommt es nicht ohne uns? Was springt für uns dabei heraus? Eine Hand wäscht die andere - so werden auch die schmutzigen wieder sauber...

    Unstreitig dürfte sein, dass Russland sich die Krim dauerhaft einverleiben will. Völkerrecht hin oder her - es sind mit der Annexion Fakten geschaffen worden und dass Russland sie wieder hergibt, dürfte eine ziemlich utopische Vorstellung sein. Infolgedessen wird man sich entschließen müssen, die Sanktionen bis zum Sanktnimmerleinstag aufrecht zu erhalten, oder sie gegen Zugeständnisse und Garantien an anderer Stelle nach und nach zurück zu nehmen.

    Gruß
    Hank
     
  15. Leandis Osvald Schenk

    Leandis Osvald Schenk Gesperrter Benutzer

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    Erstellt: 12.01.16   #15
    Innenpolitisch scheint sein Kurs eine breite Mehrheit zu finden.

    Aussenpolitisch war es höchste Zeit, dass jemand den Mut hat, der tollwütigen NATO entgegenzutreten
    und mal einen Strich zu ziehen "bis hierher und nicht weiter".
    Russland musste 20 Jahre mit ansehen, wie der Westen Russland immer mehr miltärisch eingekreist hat,
    obwohl westliche Politiker versichert haben, dass es keine NATO-Osterweiterung gibt.
    Ganz schön verarscht.

    Ich finde es gar nicht uncharmant, dass es 2 Nationen gibt, die das Potential haben, die Welt zu vernichten.
     
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  16. Williamsbirne

    Williamsbirne Gesperrter Benutzer

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    Erstellt: 12.01.16   #16
    Vor diesem Hintergrund muss man auch Putins Aussage verstehen, der Zusammenbruch der Sowjetunion sei die größte geopolitische Katastrophe des 20. Jh. gewesen.
     
  17. saitentsauber

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    Erstellt: 13.01.16   #17
    Kurzer Einwurf zum "wenn": Zumindest in einer Hinsicht steht er, wie zu lesen war, nicht 100% in dieser Tradition. In Bezug auf den Antisemitismus schert er wohl aus.
     
  18. Kasper666

    Kasper666 Registrierter Benutzer

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    Erstellt: 13.01.16   #18
    Da stimme ich Dir zu.

    Innenpolitisch hat er viel Dreck am Stecken aber was seine Außenpolitik angeht agiert er (wenn man sich ein wenig auf den russischen Standpunkt einlässt) rational und – wie ich finde – durchaus berechenbar.

    Insgesamt kommt er bei dem Interview überraschend gut weg, finde ich.

    Es wundert mich allerdings auch nicht, dass Gernegroß Diekmann und sein Lakai nicht die journalistische Qualität haben, jemanden wie Putin in Erklärungsnot zu bringen.

    Diekmann scheint vor allem nach Moskau gereist zu sein, um Putin ein "preisgekröntes Foto von Altkanzler Helmut Kohl vor dem nächtlichen Brandenburger Tor" zu präsentieren (Bildunterschrift im oben verlinkten Artikel) …
     
  19. saitentsauber

    saitentsauber Helpful & Friendly User HFU

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    Erstellt: 28.04.16   #19
    Ich lese gerade, dass die BRD - wer genau, ist mir nicht klar - ins Auge fasst, Bundeswehrsoldaten an die russische Grenze zu verlegen, anscheinend auf Ersuchen Litauens. Vielleicht ist es nur ein Versuchsballon, aber selbst dann...

    Welche Gründe gäbe es für Russland, ins Baltikum zu expandieren? Inwiefern würde sich Putin als vermuteter Betreiber von deutschen Soldaten abhalten lassen, eine solche Aktion zu unternehmen, die ihm jede Menge Probleme einbringen würde?

    Nebenbei: Das einzige russische Gebiet, das an Litauen grenzt, ist die Exklave Kaliningrad. Vielleicht ist das ja ein Argument für die Entsendung der Bundeswehr; da gibt es noch jede Menge alte Landkarten und man kann Kosten sparen?!? :ugly:
     
  20. Günter Sch.

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    Erstellt: 29.04.16   #20
    Säbelrasseln st immer gut für die rüstungsindustrie und wieder einmal ein bespiel für die volksferne unserer demokratie. Wer will denn sowas? Da gibt es "interessierte" mehrheit und "keine alternative" nur im Bundestag.
     
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