Elektrische Gitarre oder elektisches Fahrrad?

von Gast75843, 23.02.08.

  1. Gast75843

    Gast75843 Gesperrter Benutzer

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    Erstellt: 23.02.08   #1
    An dieser Stelle möchte ich einen Erfahrungsbericht einstellen, den ich über mein Pedelec geschrieben habe. Ein Pedelec ist ein Fahrrad mit einem elektrischen Hilfsmotor. Der Bericht erschien natürlich auch an anderen Stellen im Netz, vielleicht findet ihn ja aber auch hier jemand interessant! Pedelecs sind durchaus zukunftsorientierte Fahrzeuge, die im Moment noch nicht sehr beachtet werden. Jetzt folgt der Bericht, und ab hier geht es per "Sie" weiter, weil er ja nicht speziell für unser Forum verfasst wurde...

    Ich fahre seit einigen Wochen aus gesundheitlichen Gründen ein Pedelec. Weil meine Kniescheiben etwas schmal sind, findet der Druck dort sehr punktförmig statt, und daher neigen die Knie, seit ich etwa vierzig Jahre alt bin, zu schmerzhaften entzündlichen Prozessen. Mein Arzt hat mir empfohlen, Fahrrad zu fahren, jedoch nur, ohne dabei großen Druck auf die Knie auszuüben, was in der Landschaft, in der ich lebe, kaum möglich ist, da sie geprägt ist von Tälern und auch durchaus steilen Hügeln. Vor allem, wenn kein Zeitdruck besteht und wenn die Temperaturen angenehm sind, fahre ich noch ganz gerne mit einem leichten Mountainbike. Es ist nicht sehr geeignet für den täglichen Weg zur Arbeit bei Wind und Wetter, man weiß ja auch nicht so recht, wo man bei einem solchen Sportgerät all die Dinge verstauen soll, die man vielleicht in den nächsten Stunden brauchen wird. Daher war die Anschaffung eines Fahrrades mit Hilfsmotor die nahe liegende Lösung.
    In diesem Bericht geht es in einerseits um den Hilfsmotor und dem entsprechenden elektronischen Zubehör der Firma Schachner aus Seitenstetten in Österreich, jedoch auch um das Fahrrad, in dem das Aggregat eingebaut ist, da es, nicht zuletzt durch sein Gewicht, das Verhalten des Pedelec insgesamt, was Tempo und Reichweite betrifft, beeinflusst.
    Ich habe mir das Modell Bamberg von Victoria mit 28" Rädern und einem 50er Rahmen zugelegt, darauf fühle ich mich mit 180 cm Größe gut aufgehoben, jeder, der schon einmal ein zu kleines Fahrrad hatte, wird wissen, was ich damit meine.
    Victoria ist ursprünglich eine Marke aus Nürnberg, die bereits Ende des 19. Jahrhunderts Hochräder hergestellt hat, und später erfolgreich im Motorradbau war. In den fünfziger Jahren wurde der Name von Hercules übernommen. Bald darauf verschwand der Name aus den Händlerlisten. Seit den neunziger Jahren wird der Name von der Herman Hartje KG verwendet, und nun werden die Victoria Räder in Hoya/Niedersachsen montiert.
    Das Modell Bamberg ist solide und robust ausgeführt. Das Rad verfügt über eine 7-Gang-Nabenschaltung von Sram, die wohl identisch ist mit der 7-Gang Nabenschaltung, die es zuletzt von Sachs gab. Wichtiger Unterschied zur 8-Gang Nabenschaltung von Shimano: Beim Schalten muss kurz mit dem Antreten ausgesetzt werden, wie man das bei Sachs von eh und je gewohnt war. Der moderne Damenrahmen ist aus Aluminium. Das Rad verfügt über einen Zweibeinständer, angesichts des Gesamtgewichts von 27 kg eine vernünftige Entscheidung. Die Lampe von Basta hat, wie überhaupt das ganze Rad, ein ansprechendes Design zwischen Retro und Moderne. Das Rücklicht verfügt über einen Standlichtakku. Mit dem Dynamo bin ich nicht zufrieden, und er wird von mir demnächst ausgetauscht werden. Er rutscht bei Nässe schnell durch, und könnte dann, wenn er bei Trockenheit vernünftig läuft, etwas weniger ausbremsen. Da der Schachner Motor im Vorderrad sitzt, kann leider kein Nabendynamo eingesetzt werden. Um die Reichweite zu erhöhen, benutze ich auch von den sonstigen Stromkreisen unabhängige Diodenlichter, die ich mir zusätzlich angeschafft habe. Das Fahrrad verfügt über zwei V-Bremsen und eine Rücktrittbremse. Zu erwähnen wäre noch die tolle Bereifung von Conti mit einem Jahr Garantie im Falle einer Reifenpanne! Ein Fahrradcomputer von Sigma gehört zum Lieferumfang, am Anfang ist dieses Instrument eine wertvolle Hilfe, um Reichweite und Leistung der elektrischen Anlage beurteilen zu können. Gefedert wird mit einer Telegabel und einem Federelement in der Sattelstütze, beide sind verstellbar. Das Victoria Bamberg braucht fast 200 km, bis es gut eingefahren ist, dann jedoch läuft das große und schwere Bike auch ohne Hilfsmotor überraschend leicht.

    Die Firma Schachner arbeitet seit 1983 mit Elektroantrieben für Fahrräder, im Jahre 1993 ging ihr erster Radnabenmotor in Serie.
    Die Schachner Antriebskomponenten bestehen aus dem Elektromotor, der in der vorderen Nabe eingebaut ist, dadurch wirkt die Nabe optisch, als wäre sie, wie bei einem alten Motorrad mit einer großen Trommelbremse versehen. In einem speziellen Gepäckträger befindet sich in einer abschließbaren Halterung der Akku daher kann am Rad oder in der Wohnung geladen werden. Letzteres empfiehlt sich bei kühlerer Witterung, da der NIMH-Akku bei Kälte deutlich in der Leistung nachlässt. Er hat allerdings keinen nennenswerten Memory-Effekt, offensichtlich reicht aus, wenn der Akku jedes vierte Mal vollständig entladen wird. Am Tretlager befindet sich ein elektronischer Abnehmer, der gewährleistet, dass der Antrieb nur arbeitet, wenn auch getreten wird. (Ausnahme: Anfahrhilfe bis 6 km/h) Bei entsprechender Gesetzeslage (körperliche Behinderung) darf dieser Abnehmer deaktiviert werden. An der Lenkstange befindet sich ein Kontrollinstrument in Gestalt eines Tachometers, das auf der linken Seite die Energiereserve anzeigt, während auf dem rechten Feld die momentane Energieentnahme dargestellt wird. Des Weiteren finden sich hier auch die Knöpfe zum Ein- und Ausschalten, sowie zum Umschalten zwischen Eco-Modus und voller Leistung. Mit voller Leistung zu fahren, kann ich eigentlich nur empfehlen, wenn der Akku auf dem letzten Streckenabschnitt
    des Heimweges gezielt entleert werden soll, s.o. Die Leistung wird jedoch auch an einem Drehgriff geregelt, wie er von motorisierten Zweirädern bekannt ist. Wer schon Motorrad gefahren ist, wird anfangs etwas unsensibel im Umgang mit diesem Drehgriff sein, denn die Unterschiede in der Leistungsabgabe erscheinen bei einem 250 Watt Motor natürlich nicht sehr groß. Wenn man dann jedoch entdeckt, dass sich hier doch ganz entscheidend Leistung und Energieverbrauch beeinflussen lassen, wird der Schachner Antrieb erst richtig Freude bereiten. Ich fahre mit wenig „Gas", so dass beim Kontrollinstrument, wenn überhaupt, dann nur die niedrigste Anzeige aufflackert, steile Berge fahre ich lieber in niedrigeren Gängen bei Geschwindigkeiten von ca. 10 km/h hinauf, obwohl bei Vollgas durchaus 16 km/h möglich wären. So komme ich einfach weiter mit
    meiner Victoria/Schachner Maschine. Steile Bergauffahrten mit „Vollgas" machen den Akku nämlich oft schlagartig halbleer, und wenn er dies bereits war, dann kann er eben auch recht schnell ganz leer sein, und dies bleibt trotz guter Laufeigenschaften des Rades bei 27 kg Gewicht eben doch sehr unangenehm, vor allem, wenn es auf dem Weg doch noch einmal bergauf geht. Durch scharfe Fahrweise bei einer überschaubaren Distanz kann ich allerdings auch bei Bedarf eine Strecke in weniger als zwei Drittel der Zeit zurücklegen, die ich mit einem leichten und hochwertigen Mountainbike bräuchte.
    Eine weitere wichtige Komponente ist das computergesteuerte Ladegerät. Der vollständig entladene 5 AH-Akku wird damit in maximal fünf Stunden wieder voll, danach stellt das Ladegerät auf Erhaltungsladung um, was durch eine blinkende Diode angezeigt wird. Das Ladegerät kann mitgenommen werden, wenn man größere Touren mit längeren Pausen fahren möchte, z.B. bei einem Besuch.
    Mit einem Anschaffungspreis von ca. € 1600.- gehört das komplette Fahrzeug eher zur unteren Preisklasse der renommierten Anbieter von Pedelecs.Man sollte sich vor dem Kauf im Klaren darüber sein, dass man, wenn die Wahl auf dieses Modell fällt, wirklich ein Fahrrad mit Hilfsmotor erhält, d. h. man darf nicht erwarten, eine Art elektrisches Mofa zu fahren, bei dem man eher symbolisch die Füße auf den Pedalen mit bewegt. Sollte jemand gesundheitlich so stark eingeschränkt sein, dass er gar nicht, oder nur noch unter großen Schmerzen in den Gelenken ein normales Fahrrad fahren kann, so bräuchte derjenige unbedingt ein stärkeres Modell, es sei denn, er käme mit einer nur kleinen Reichweite aus. Beim erwähnten Anschaffungspreis ist ein 36 Volt, 5 AH NIMH-Akku inklusive. Die Motorleistung beträgt 250 Watt. Wenn kaum mitgearbeitet wird, dann ist es mit der Energiereserve nicht weit her. Abhilfe könnte dann nur der 9 AH Akku leisten, den es gegen Aufpreis gibt. Faktoren wie Gegenwind, Geländeprofil, also Berge oder Täler, Temperatur sowie der Einsatz des Fahrers beeinflussen natürlich die Reichweite des Pedelec. In meiner etwas hügeligen Heimat sind bei da 25 km sicherlich realistisch, durch etwas mehr körperliche Arbeit mag die Reichweite auch auf 40 km ausgedehnt werden können. Für die Nutzung in einer Gebirgslandschaft sollte der Schachner Antrieb meines Erachtens in eine etwas leichtere Konstruktion als dem Victoria Bamberg eingebaut sein. Wer nicht ganz so tief in die Tasche greifen kann oder will, der erhält mit der Victoria/Schachner Kombination ein seriöses, robustes Produkt. Billig ist das Pedelec trotzdem nicht, da in der heutigen Zeit wohl kaum jemand € 1600.- aus dem Ärmel schütteln kann. Das Laden des Akkus fällt bei der Stromrechnung kaum ins Gewicht, allgemein heißt es über Pedelecs, eine Ladung koste 8-10 Cent. Wenn der 5 AH Akku ersetzt werden muss, wird es dagegen etwas teurer, er kostet derzeit € 299.-. Wer eine größere Energiereserve benötigt, wird sich überlegen, ob er die € 499.- für den 9 AH Akku investieren möchte. Wer sich für seinen zweiten Stützpunkt ein weiteres Ladegerät anschaffen möchte, muss dafür € 189.- ausgeben.
    Sie können bei Schachner auch einen Nachrüstsatz für Ihr vorhandenes Fahrrad erwerben, dieser kostet mit 5 AH Akku € 999.-. Ein Fachmann machte mich darauf aufmerksam, dass gelegentlich der Austausch der Gabel nötig ist, wenn diese zu eng gebaut ist. Wenn Sie den Motor nicht selbst einspeichen können, kostet Sie dies weitere € 98.-, eine Alufelge ist in diesem Preis bereits mit inbegriffen.
    Bislang gehört noch eine Spur Idealismus und ein besonderes Bewusstsein für die Umwelt dazu, sich für diese Art der Fortbewegung zu entscheiden, selbst bei den steigenden Spritpreisen ist ein Billigscooter aus dem Baumarkt finanziell die schnellere Lösung. Nach einigen eingesparten Autoreparaturen bzw. Kundendiensten ist das Pedelec jedoch schon fast wieder bezahlt. Wer sich für ein Pedelec entschließt, wird belohnt durch Fahren ohne Versicherungskennzeichen und ohne Helmpflicht, durch ein nahezu geräuschloses Gleiten, auch abseits von den Straßen, die nur für Motorfahrzeuge zugelassen sind. Auf kleinen Fahrradwegen oder landwirtschaftlichen Straßen gibt es viel zu sehen und zu hören, sie können die Autofahrer mit ihrem selbst
    gemachten Stress alleine lassen, und Sie werden vielleicht nach kurzer Zeit beginnen, sich gesünder zu fühlen!