Free your mind!

von doschdn, 06.06.07.

  1. doschdn

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    Erstellt: 06.06.07   #1
    Soeben hast du den Titel "Free your mind!" gelesen und aus Neugier auf den Thread geklickt.

    STOP!
    Hast du gerade richtig Bock, Gitarre zu spielen? Befindest du dich im sog. Flow-Zustand? Wenn nicht, dann mach den Thread wieder zu und komm ein ander mal wieder. Ansonsten lies weiter.

    Du bist noch da? Sehr gut! Gespannt legst du deine Gitarre für einen Moment beiseite und schließt nun langsam deine Augen. Stell dir vor du kommst von einem anstrengenden Tag nach Hause und hast für heute alles hinter dich gebracht. Der Rest des Tages gehört ganz allein dir. Free your mind! Du nimmst in Gedanken deine Gitarre. Du fühlst, wie sie auf deinem Oberschenkel aufliegt und fühlst auch, wie sie leicht auf deinen Bauch drückt und mit der Zeit wärmer wird. Dann nimmst du ein Plektrum in die Hand und richtest es so aus, dass die Spitze in Richtung Saiten zeigt und nicht zuviel heraussteht. Deine Hand ist ganz unverkrampft und hält das Plektrum ohne allzuviel Druck. Du merkst, wie du durch verschieden starken Druck unterschiedliche Klänge erzeugen kannst. Ohne einen Ton gespielt zu haben, hörst du in Gedanken, wie sich die Töne anhören würden, die du erzeugen könntest. Aber egal, genug davon. Du kannst es ja eh kaum noch erwarten, endlich loszulegen. Fangen wir erstmal mit was Einfachem an. Eine langsame Pentatonik Impro zum Beispiel. Ja genau, das wär jetzt geil. Stell dir also einen Ton vor. Du setzt deinen Mittelfinger irgendwo auf, schlägst an und slidest langsam zu dem Ton, den du in deinem Kopf hast. Da ist er ja! Während du auf mehr Input von deinem Gehirn wartest, verzierst du den Ton mit einem kleinen Vibrato und slidest nach unten, um den Ton ausklingen zu lassen. Während du das tust, fällt dir ein weitere Ton ein. Hey, das ist doch die Quarte. Die wollen wir einen Ganzton nach oben benden und dann releasen. Du wartest also, bis dein inneres Metronom dir sagt: "Jetzt musst du anschlagen". Du schlägst also an, bendest langsam einen Ganzton nach oben und hörst innerlich, wie sich der Ton anhören muss, um richtig zu klingen. Er darf nicht zu tief sein, sonst kommt er nicht so orgasmusmäßig herüber. Zu hoch darf er auch nicht sein, sonst klingt es auch kacke. Es gelingt dir, beim nächsten innerlichen Metronombeat genau den Ganzton erreicht zu haben, woraufhin du anhältst, erneut anschlägst und wieder zurückbendest. Auch hier gelingt es dir wieder, zur richtigen Zeit die richtige Tonhöhe erreicht zu haben. Ein kleines Vibrato wäre hier vielleicht auch cool. Du willst nun 2 Bünde weiter unten die kleine Terz und noch einen Bund weiter unten die Sekunde zu deinem Ursprungston spielen. Dazu hebst du deinen kleinen Finger, mit dem du eben noch gebendet hast ab. Die Saite folgt zu nächst deinem Finger, bis sie sich in der Ursprungslage befindet. Du achtest darauf, dass du deinen Finger bis zu diesem Punkt hin nicht zu schnell abhebst, denn sonst würdest du Nebengeräusche erzeugen. Sobald sich der Finger aber von der Saite gelöst hat, muss es schnell gehen. Die nächsten beiden Töne, die du dir vorgenommen hast, sollen ja immerhin in Time sein! Weil du keine Pause dazwischen haben willst, hebst du den Finger erst kurz bevor du weiter spielen willst ab. Du hebst also jetzt ab und schlägst sofort darauf den nächsten Ton an, den du zuvor schon mit dem Mittelfinger gegriffen hast. Diesen hebst du jetzt auch ab und schlägst wieder an, um den Ton zu spielen, den du mit dem Zeigefinger hältst. Daraufhin schlägst du wieder deinen Ursprungston an. Du achtest dabei genau auf die Synchronisation deiner beiden Hände, denn wenn du anschlägst, bevor dein Finger abgehoben ist, erzeugst du ein ungewünschtes Pull-Off. Schlägst du zu spät an, kann es zu Nebengeräuschen kommen. Bei deinem ganzen Spiel achtest du auch darauf, welche Töne du besonders betonen willst, welche lauter sein sollen und und und... Du darfst jetzt deine Augen wieder aufmachen und musst entsetzt feststellen, dass du garkeine Gitarre in der Hand hältst. Die hast du ja vorhin extra beiseite gelegt.

    Was zum Teufel soll das ganze?

    Es geht darum, sich in Gedanken darauf vorzubereiten, was man spielen will. Was unterscheidet euch von Leuten, die geil Gitarre spielen können? Diese Leute haben nicht etwa einen anders aufgebauten Körper. Sie mögen durch ihr Spiel bestimmte Muskeln trainiert haben, aber das unterscheidet sie eher von Anfängern, denn Gitarrenspiel erfordert ja keine besondere Kraft. Wenn man oft spielt, hat man die benötigten Muskeln wahrscheinlich schon. Dies ist also zu vernachlässigen. Der Wahre Unterschied ist zum einen das Gehör, das ihnen erlaubt, Klänge zu erkennen und sie auf ihr Instrument zu übertragen, und zum anderen sind es die Bewegungsabläufe, die diese Menschen im Schlaf ausüben können, ohne groß darüber nachzudenken. Diese beiden Punkte spielen sich jedoch im Gehirn ab. Der Körper hat damit nicht viel zu tun. Sobald das Gehirn einen Bewegungsablauf erlernt hat, kann es die erforderlichen Nerven ansteuern und die Bewegungen in Gang setzen. Um ein guter Gitarrist zu werden, kann es also von Vorteil sein, wenn man sich erstmal im Klaren darüber wird, was man eigentlich spielen will und wie man das tut. Was ich sagen will ist, dass man etwas nicht automatisch richtig macht, ohne darüber nachgedacht zu haben. Das mag zwar manchmal so sein, aber meißtens nicht. Es lohnt sich also, sich zu vergewissern, worauf man achten muss, um gewisse Klänge hervorzubringen.
    Viele Leute nehmen sich Tabs und spielen diese Ton für Ton nach, ohne darüber nachzudenken, wo Fehlerquellen sein könnten. "Warum auch, es stehen doch alle Töne da, was kann man da falsch machen?" Es kommt auf die Details an. Störfaktoren sind auszuschließen und Verzierungen müssen songdienlich eingesetzt werden um ein gutes Klangbild zu erzeugen. Ihr tut euch also einen großen Gefallen, wenn ihr die Bewegungen zunächst im Kopf durchgeht und herausfindet, worauf ihr achten müsst. Stellt sie euch vor eurem inneren Auge vor, hört mit eurem inneren Ohr die Melodie. Wie gesagt, die Bewegungen werden durchs Gehirn gesteuert und können daher auch zu einem Gewissen Grad durch reine Gedanken erlernt werden. Mit dem Instrument zu üben ist natürlich wichtig, aber es kann wirklich ungemein helfen, auch mental zu üben.

    Dies sollte nur eine kleine Anregung sein. Ob es bei jedem klappt, weiß ich nicht; mir hat es auf jeden Fall sehr geholfen. Erwartet nicht, dass ihr damit sofort hörbare Ergebnisse habt und euch stundenlanges Üben ersparen könnt. Seht es als einen Weg, langsam aber sicher Perfektion in euer Spiel zu bringen, indem ihr einfach genau wisst, was ihr spielen wollt statt stumpf durch mechanische Widerholung zu versuchen, euch Bewegungsabläufe anzutreinieren. Erst Denken, dann spielen lautet die Devise.

    Viel Spaß ;)
     
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