Musik als Zeitmaschine?!

von Cosinus, 19.07.07.

  1. Cosinus

    Cosinus Registrierter Benutzer

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    Erstellt: 19.07.07   #1
    Fahre ich doch neulich, nichts ahnend, durch Berlin, einen Kumpel besuchen, der vom Mopped gefallen und im Krankenhaus gelandet war.
    Da kommen aus den Lautsprechern mit einem Male Töne, die ich lange, lange nicht gehört hatte.

    Kent Ihr das auch, ein wohlbekannter Duft aus längst vergangenen Zeiten streift plötzlich Euer Bewußtsein und versetzt Euch gleichsam in eine andere, schon fast vergessene Zeit?
    Oder eben ein Musikstück, das Ihr lange nicht gehört habt?

    Als Kind (ich muss gerade 4 Jahre alt gewesen sein) hatte ich immer versucht, eben dieses Lied, diesen Ohrwurm, nachzusingen, bis er irgendwann nicht mehr gespielt wurde.
    Woher ich die Gewissheit nahm, wußte ich nicht. Ich dachte nur: Das ist France Gall! Das muss France Gall sein!!!

    Endlich wieder zuhause (dem Kumpel gings schon wieder besser nach OP und Titan-Implantation) gleich mal den Rechner angeworfen und zu Youtube gesurft.
    Wenn man erstmal einen Anhaltspunkt hat, findet man auch meistens was.
    Und ... Bingo!
    Ein Live-Mitschnitt vom Grand Prix de la Chanson 1965.
    http://www.youtube.com/watch?v=8OHJEm2IwLw

    France Gall hatte mit dem Titel gerade den Titel abgeräumt. Mit 17.
    Bisschen komisch das Kleid, die Bewegungen und das große Orchester - aber der Song hatte was!
    Da kommen Erinnerungen hoch...
    Der Geschmack von Liebesperlen ist plötzlich auf der Zunge und wie die Luft damals duftete. :)

    Wie geht es Euch, wen Ihr heute zufällig ein Musikstück, vielleicht aus Euren Kindertagen, wiederhört, das lange "verschollen" schien.
    Und an welches Stück denkt Ihr da?
     
  2. richy

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    Erstellt: 19.07.07   #2
    Hi Cosinus
    Den Song kenne ich auch. Und auch das alles was du beschreibst. Wahrscheinlich kennt das jeder Musiker, wahrscheinlich alle Menschen. Die einen mehr die anderen weniger. Man kann das auch bischen selbst steuern.
    Nur das der tolle Song von France Gall ist wusste ich nicht :-)
    Na das hier kennt jeder von ihr:
    http://www.youtube.com/watch?v=bQkB-WWzsbg&mode=related&search=
    Phantastischer Pop Song. Super Video. Eine doppelte Zeitreise.
    Sicherlich allen klar wer Ella ist, cet petite flame.

    Musik ist eben eine abstrakte Welt. Dazu gehoeren auch Emotionen.
    Schopenhauer geht sogar so weit, dass wir nur in Momenten des passiven Betrachtens von Kuensten ueber einen freien Willen verfuegen.
    Was wir als Musiker den Menschen geben ist somit nicht nur Emotion sonder einen freien Willen.
    http://de.wikipedia.org/wiki/Arthur_Schopenhauer#Die_Welt_als_Wille
    Das ist schon extrem. Der Satz
    "Der Mensch kann zwar tun, was er will, aber er kann nicht wollen, was er will."
    kann jedoch kaum praegnanter sein. Eine Moeglichkeit nichts mehr wollen zu muessen bietet eben die Musik. Verweigerung !

    Spielen wir zielorientiert. Wettbewerbe jedlicher Form, haben wir selbst keinen freien Wiillen. Es ist wohl eine Kunst sich selbst beim Spielen zuzuhoeren. Der Amateur kann dies vielleicht sogar besser als der Profi. Was du erzaehlst und Schopenhauerrs Idee. Das geht mir oft bei Strassenmusikern so. Du hetzt durch die Stadt, ploetzlich spielt da einer Gitarre. Du bleibst stehen. Vergisst deine ganzen Einkaufe, Ziele.
    Du bist fuer eine kurze Zeit wo anders. Du bist frei weil du die von aussen diktierten Anweisungen Befehle in dem Moment ignorierst.
    Dann reisst du dich los von der musik und hetzt weiter durchs Leben. BZW Es ist umgekehrt. Das Leben reiss dich wieder an dich. Wenn mein Konto mal wieder leer ist, dann weiss ich anhand solcher Betrachtungen, dass ich dennoch das richtige tue.
    Naja man muss dazu bischen Revoluzzer sein.
    Und Strassenmusik muss ich unbedingt mal ausprobieren.

    Ich wuerde auch sagen You Tube ist ne fantastische Zeitmaschine.
     
  3. Orgelmensch

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    Erstellt: 20.07.07   #3
    Ich glaube Musiker reagieren auf Songs wie andere Menschen auf Gerüche...
    Klassiker, man riecht ein Parfüm und denkt an ein Event mit einer Frau mit der man mal was hatte.
    Genauso läuft es auch mit Musik, ich höre einen Titel und mein Gehirn ruft sofort irgendwelche Speicher mit Bildern und Gefühlen ab...
    Kenne ich sehr gut!!!
     
  4. RAUTI

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    Erstellt: 20.07.07   #4
    Nicht nur Musiker.... Tatsächlich ist es wohl so, dass unser Gehirn insbesondere Geräusche, Gerüche und natürlich visuelle Eindrücke ziemlich gut abspeichert. Fast jeder Mensch kennt eben diese Phänomene, dass z.B. bestimmte Geräusche (also natürlich auch Melodien etc) Erinnerungen erwachen lassen.

    Während ich persönlich mich nicht an Gedichte erinnern kann, die ich in meiner Schulzeit lernen musste und zu diesem Zweck in ruhiger Atmosphäre am Schreibtisch gesessen habe, fallen mir oft sehr detailierte Inhalte von Büchern ein, wenn ich die selbe Musik höre, die ich damals nebenbei abgedudelt hab. Das Erlebnis ein gutes Buch zu lesen in einer angenehmen Atmosphäre ist also offenbar bei mir weit intensiver abgespeichert, als in einer "reizarmen" Lernsituation.

    Auch in den folgenden Jahren habe ich das immer wieder so gemacht: Musik als Stimulanz einsetzen, um den eigentlichen Lernstoff damit zu verknüpfen! Leider funktioniert das nicht bei allen Menschen gleich - bei "deutscher Volksmusik" bin ich nach kurzer Zeit nicht mehr aufnahmefähig, sondern reagiere eher genervt und konzentriere mich eher auf das Zerschlagen und Vernichten der entsprechenden Tonträger.....

    Der Musikgeschmack ist eben durchaus verschieden. Aus diesem Grund lässt sich so etwas auch nicht in schulische Unterrichtssituationen übertragen und aus dem selben Grund - also der fehlenden Verknüpfung mit einer angenehmen Situation - sind für viele Menschen die Lerninhalte auch so verdammt flüchtig!

    Trotzdem kann man soetwas wie einen Ritus daraus ableiten: Durch bestimmte Handlungen kann man sich mit etwas Training in eine lernbereite und konzentrierte Form bringen, danach läuft einiges effektiver. Okay, wenn man sich darauf konditioniert, nur bei Ravels Bolero guten S.... - aber lassen wir das vielleicht an dieser Stelle ;)

    Worauf ich raus will, ist der umgekehrte Fall, um den es ja hier eigentlich geht: Wir erleben eine Randbedingung einer längst vergangenen "Lern"situation, also z.B. einen dezenten Parfum-Geruch, den auch diese Frau an sich hatte, und wir erinnern uns nicht nur an erregende Einzelsituation, sondern auch an Details wie Narben oder Grübchen an Stellen, die man eben sonst nicht sieht und die (man möge mir jetzt mal nachsehen, dass ich das jetzt so profan sage) für den Kern der Situation eigentlich vollkommen egal sind. Aber wird haben sie im Gedächtnis behalten!

    Die ganzen "Gehirn-Jogger" oder "Gedächtnis-Meister" verbinden übrigends oft ganz bewusst mit den Zahlenketten, die sie beispielsweise auswendig lernen, eine nette Geschichte oder ein komplexes Bild. Jedes Detail dieser "Erinnerung" wird dabei mit der Zahl verknüpft, die der eigentliche Stoff ist....
     
  5. Orgelmensch

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    Erstellt: 20.07.07   #5
    Ich glaube Deja-Vus (schreibt man das so???) sind sowas ähnliches...bestimmt auch nur eine Kombination aus abgerufenen Infos, die uns vermitteln, die Situation schon zu kennen.

    "Haben sie manchmal Deja-Vus?"
    "Haben sie mich das nicht eben schon gefragt?"
     
  6. richy

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    Erstellt: 20.07.07   #6
    Warum ist das bei Geruechen auch so extrem ?
    Die wissenschaftliche Antwort waere, dass dies ein evolutionaer sehr alter Sinneseindruck ist. Bei mir ist das bei Musik aber auch sehr extrem, dass sich Erinnerungen einstellen. Der Mensch hoert und spielt wohl schon sehr lange Musik.
     
  7. pille

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    Erstellt: 20.07.07   #7
    Ja, das ist wirklich erstaunlich intensiv. Wenn ich beim einüben eines Stückes mal abwesend bin, und meine Gedanken ganz woanders hinschweifen, z.B. an Äreger mit einem Kumpel, ein Problem aus Schule, Studium oder Beruf oder was auch immer. Wenn ich dann Jahre später wieder dieses Stück spiele ist alles wieder da. es ist echt erschreckend. Man hätte in der Schule z.B. Vokabeln immer nur beim Klavierüben lernen sollen. Natürlich hätte man sie dann in der KLasse auch wieder am Klavier abspulen müssen. Man wäre ichgut gewesen :rolleyes:
    Aber beim Musikhören und noch viel stärker beim selbst Spielen kommen auch Gerüche und Stimmungen zurück, die teilweise 30 Jahre alt sind. Aber es stimmt, bei Gerüchen ist das ähnlich, die versetzen mich auch oft in eine andere Welt, eine andere Zeit. Überhaupt wird wohl viel mehr über die Nase gesteuert, als wir uns bewußt sind......nicht nur guter Sex... :p

    Das mit den alten sinneseindrücken könnte schon sein. Allerdings finde ich, dass es bei optischen Reizennicht so schlimm ist. Dabei ist das Sehen ja mindestens genauso alt wie riechen und hören, oder? Andererseits, in der Natur hört und riecht man wohl eher las dass man sieht.
     
  8. RAUTI

    RAUTI Helpful & Friendly User HFU

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    Erstellt: 20.07.07   #8
    Da kann schon was dran sein: Sowohl Opfer als auch Feind verstecken sich ja ganz gerne!
     
  9. loudpipe

    loudpipe Registrierter Benutzer

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    Erstellt: 23.07.07   #9
    Mit ist neulich folgendes passiert.
    Ich fahre im Auto und dann kommt Black Magic Woman im Radio.
    Ich bin aus einer Laune heraus auf einen Parkplatz rausgefahren,
    Sitz nach hinten geklappt, Augen zu und den Song angehört.
    Nicht dass ich jetzt auf Santana steh oder den Song besonders gut finde.
    Der Song hat mich halt in dem Moment ein bissle an meine Jugend erinnert.
    Ich also die Augen zu und plötzlich hatte ich folgende Vision.

    Ich in meinem 70er-Jahre Jugendzimmer,
    es ist nachmitag und ich krame in meiner
    Büchertasche rum. Aus der Büchertasche kommt der typische
    Büchertaschengeruch: alte Schulbücher, Holzstifte, Salamibrot.
    Und tatsächlich, ich ziehe aus der Büchertasche ein angegammeltes
    ungefähr 4-5 Tage altes Salamibrot.
    Und sehe mich mit einem für mich damals typischen Problem konfrontiert:
    wohin mit dem alten Salamibrot, ohne das Mutter was merkt.
    (sonst Anschiss wegen Salamibrotverweierung und den armen Negerkindern
    die nix haben...)

    Dann Black Magic Woman aus,... Verkehrsfunkdurchsage, ich wieder in der Gegenwart
    auf dem blöden Autobahnparkplatz.

    Ich hätte fast geheult.

    Ich weiss nicht so recht, wie das mit der Erinnerung funktioniert, aber
    wahrscheinlich muss ich Zukunft bei Black Magic Woman IMMER an Salamibrot denken.

    Naja.
     
  10. Orgelmensch

    Orgelmensch Registrierter Benutzer

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    Erstellt: 24.07.07   #10
    Es wird davon ausgegangen, daß Musik lange vor der Sprache entstanden ist!

    "Seid mal ruhig...ich glaub' ich riech' was!" Dan Akroyd in Ghostbusters
     
  11. stuckl

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    Erstellt: 24.07.07   #11
    Folgendes Zitat zur Zeitlichkeit von Musik gefällt mir:

    Notation ist die graphische Fixierung eines zeitlichen Phänomens.


    Das zeigt die Besonderheit von Musik - zugleich die Begrenztheit von Notation. ("Das Beste der Musik steht nicht in den Noten" - Gustav Mahler)
     
  12. Orgelmensch

    Orgelmensch Registrierter Benutzer

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    Erstellt: 25.07.07   #12
    Mahlers letzte Worte waren laut Schotts Sammelsurium:

    "Mozart"
     
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