Oper Erfurt - Erfahrungen und Reviews?

von Gast 23432, 19.11.06.

  1. Gast 23432

    Gast 23432 Registrierter Benutzer

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    Erstellt: 19.11.06   #1
    Ich bin heute mal 'fremdgegangen' und war in der Landeshauptstadt im Theater.

    Der "Opernball" von Richard Heuberger in der (Neuen) Oper Erfurt.

    Das Erfurter Haus sieht innen wie außen kalt und häßlich aus - das alte, verfallende Fabrikgebäude (?) rechts daneben hat mehr Charme. :eek:

    Allerdings ist das Personal wirklich sehr freundlich und zuvorkommend. Und man erkennt die Mitarbeiter sofort an der Kleidung, man wird auch sofort und hilfreich angesprochen. :great:

    Der Orchestergraben klingt ganz gut, die Differenzierung der Instrumente ist sehr gut, ebenso die Dämpfung der Obertöne. Insgesamt ein klein wenig zu laut, aber da dies mein erster Besuch war, kann es auch sein, daß das am Orchester oder am Dirigenten lag.

    Der Eisenacher Orchestergraben ist ja seit dem Umbau im Jahre 2000 ziemlich versaut worden. Es kommt nur noch ein gemeinsamer Matsch raus, man hört kein Stereo mehr. Die Höhen (sehr deutlich beim Triangel o.ä.) klingen scharf und überlaut. Deshalb auch der unangenehm sägende Violinenklang...
    Leider sind nur sehr wenige in der Lage, das zu erkennen, zu hören. Naja, wenigstens zweie kenne ich, die das auch so hören, sonst würde ich denken, es liegt an meinen Ohren...

    Die Bühne transportierte die Sängerstimmen überhaupt nicht zum Zuschauer. Die Dialoge waren recht gut zu verstehen, gut, laut und deutlich gesprochen, aber der Gesang wurde vom Orchester teilweise stark überdeckt. Man hörte die Töne der Sänger, verstand aber kaum ein Wort.

    Die Akustik würde ich als ... eigenartig bezeichnen. Ich weiß nicht so recht, wie ich Nachhallzeit und -klang des Raumes beschreiben soll.
    Einerseits schien der Raum für seine Größe recht trocken zu klingen - das wäre ja gut für die Textverständlichkeit gewesen. Andererseits schien es ein sehr langes PreDelay zu geben. Akustisch schienen die Darsteller wenigstens 10 Meter weiter hinten zu stehen, als sie tatsächlich agierten...
    Immerhin war der Klang des Nachhalls nicht so hell und spitz, sondern eher als angenehm warm zu bezeichnen.

    Im Gespräch nach der Vorstellung mit einem Darsteller verfestigte sich mein Verdacht, daß die Ursache für die schlechte Textverständlichkeit zumindest zum Teil im Bühnenaufbau zu suchen ist.

    Keine Seitenabhänger, Bühne nach allen Seiten offen - da geht der Schall sonstwohin, nur nicht zum Publikum. Dieser unübliche Aufbau ist wohl nur bei dieser Inszenierung so, ansonsten ist die Akustik auch besser... Das muß ich bei nächster Gelegenheit mal in einer Oper probieren.

    Optisch unpassend am Bühnenbild fand ich, daß es Einsicht zu den Seiten und nach oben in den Schnürboden gab. Auf den Arbeitsgalerien sah man die LED-Anzeigen der Dimmer- oder anderer Steuerungen rot/grün blinken. Die Zugstangen der Hängedekorationen kamen sehr deutlich in den Sichtbereich. Auftritte der Darsteller im Off waren halt nicht im Off....

    Die Inszenierung...
    Jetzt möchte ich eigentlich nichts mehr sagen.
    Wie jetzt? Was für eine Inszenierung? Gab es da einen Regisseur?! :confused:
    Ne, ne, das laß ich lieber...

    Mir geht es hier eigentlich mehr nur um die Akustik, Klang und Sprachverständlichkeit dieses neu erbauten Opernhauses, weniger um die "künstlerische" Qualität, die ja derartig diskutabel ist, das man da endlos streiten könnte und trotzdem nie zu einem Konsens käme...;)

    Hat jemand von Euch mal die Gelegenheit zu einem Besuch der Erfurter Oper gehabt? Wie war es? Schreibt doch mal einfach Eure Eindrücke.

    Ich bin gespannt!
    Danke!
     
  2. Günter Sch.

    Günter Sch. HCA Piano/Klassik HCA

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    Erstellt: 20.11.06   #2
    Interessant, theater aus dieser perspektive zu sehen und zu hören! Wie war der besuch, die akustik hängt auch von der im saale vorhandenen garderobe ab? Hat der alte "Opernball" regen zuspruch gefunden? Das mit dem schnürboden erinnert mich an die schöne geschichte von E.T.A. Hoffmann, "Der vollkommene maschinist", das 6.Kreislerianum, womit ich das geheimnis um Schumanns klavierzyklus lüfte, "Kreisleriana" ist die mehrzahl von "Kreislerianum".
    Das krasseste, was ich erlebt habe, war der orchesterraum im damals neuen kulturhaus in Boizenburg. Der war so tief angelegt, dass bühne und orchester einander nicht hören konnten; damit der dirigent einen blick auf die bühne werfen konnte, war sein podest so hoch, dass er wiederum seine musiker nicht sah. Es grenzte an artistik, mit einer hand die sänger, mit der anderen das orchester zusammenzuhalten, ein ohr nach unten, das andere nach oben gerichtet. Hier kochte -pardon-, dirigierte auch nie der chef, aber da ich damals mein eigener war, musste ich ran. Ich hätte gern ein paar worte mit dem architekten gewechselt.
    Wer nicht weiß, wo Boizenburg liegt: um an die Elbe zu gelangen, mussten wir ein rinnsal überqueren, über das die längste brücke der welt führte (bezog sich auf die bauzeit!). Ja, so war es mit den großbauten des kommunismus ! Es war die zeit, als die amerikaner auf dem flug nach Westberlin gefräßige kartoffelkäfer über unserem friedfertigen land abwarfen, ja, einmal rief ein spaßvogel von posaunist "jetzt haben sie sogar schneebomben abgeworfen !" und wies auf einen weißen kunstdüngerhaufen.
     
  3. Gast 23432

    Gast 23432 Threadersteller Registrierter Benutzer

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    Erstellt: 20.11.06   #3
    Ahja, stimmt, das vergaß ich zu erwähnen.
    Das Haus war voll, knapp 1000 Plätze, schätzungsweise zu 90% ausgelastet.
    Viele Senioren, viele Reisebusse, wie meistens Sonntag nachmittags.

    Der Zuspruch war sehr gemischt, einige waren (so wie ich sehr still und knapp beim Applaudieren, vom Rang kamen zum Schluß Bravo-Rufe (von den Claqueuren?)...

    Die Hör- und Sichtprobleme eines zu niedrigen Orchestergrabens werden heutzutage mit Hilfe der Technik gelöst.
    Mikrofone im Graben übertragen das Orchester auf die Bühne und sorgen mitunter durch die Laufzeitverzögerung für Timingprobleme zwischen Sänger und Orchester :(
    Bühne und inzwischen auch Zuschauerraum werden mit Videomonitoren bestückt auf denen der Dirigent zu sehen ist.
    Bei den Schloßfestspielen in Schwerin sogar auf einer großen Leinwand im Rücken des Publikums.
    Vor der Vorstellung und in der Pause wurde diese Leinwand zu Reklamezwecken der Sponsoren des Events genutzt.

    Und seitdem bei uns zwei Videomonitore über den Köpfen des Publikums im 1. Rang hängen, frotzel ich gerne (natürlich nur, wenn er nicht dabei ist): Jetzt haben wir endlich auch einen GMD ersten Ranges.... :D
     
  4. Günter Sch.

    Günter Sch. HCA Piano/Klassik HCA

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    Erstellt: 01.12.06   #4
    Ob man die dirigenten immer sehen muss? Sie sollen ihre arbeit machen und keine show abziehen, Karajans salbaderei war unerträglich, musiker sehen das sehr realistisch: ein sehr bekannter dirigent gab ein gastspiel "auf anstellung", ich erfuhr: "Nee, den ham wir nich genommen, der sabbert so - - -!" Ein anderer gastierte in Prag, auf dem programm auch die "Freischütz-ouverture", nach dem horneinsatz klopfte er ab und faselte vom mythos des deutschen waldes, bis es dem konzertmeister zu bunt wurde, er stand auf und sagte "die hörner ein bisschen leiser blasen!".
    Und die schlimmste drohung: "Wenn Sie nicht - - - - - , dann spielen wir so, wie sie dirigieren!"
    Ein heiteres erlebnis hatte ich in Rom, mein logenplatz gestattete mir unerwartete einblicke. Ich hatte mich gewundert, dass solisten und chor wie gebannt auf den souffleurkasten starrten (da soll schon kaspertheater gespielt worden sein, selbst höchst unmoralisches soll da vorgekommen sein), bis ich dort den eigentlichen dirigenten des abends sah, der mit flügelmännischen gebärden alles zusammenhielt, während der meister am pult vor sich hin pinselte. Man erspart sich damit viel teure bühnenproben, in Mailand wird das, glaube ich, auch praktiziert.
    In Eisenach können die sänger erhobenen hauptes singen, den blick frei auf den ersten rang gerichtet. Da würde ich zur abwechlung mal schwammkopf oder sowas einspielen.
     
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