Shawn Colvin - A Few Small Repairs

von MVS, 08.09.05.

  1. MVS

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    Erstellt: 08.09.05   #1
    Frisch, elegant und so abwechslungsreich wie nie zuvor präsentieren Shawn Colvin und John Leventhal ihr nächstes Album A Few Small Repairs, welches Colvins eigentlich einzigen richtigen Hit hier in unsren Breiten enthält: Sunny Came Home. Auf keinem anderen Album ist das Songmaterial so abwechslungsreich gestaltet und schmuck und gefällig arrangiert. Man hat durchaus den Eindruck, dieses Album solle Lebenslust verkörpern. Und das tut es auch.

    Neben Shawn Colvin an Stimme, Gitarren und Piano hören wir John Leventhal (Gitarren, Mandoline, Keyboards, Percussion, "One-Finger-Violin", Harmonica, Bass, Pedal Steel, Organ), Kate Markowitz (Vocal), Michael Rhodes (Bass), Shawn Pelton (Drums), Sandra Park und Carol Webb (Violine), Robert Rinheart (Viola), Eugene Move (Cello), Larry Farrell (Trombone), Bob Carlisle (French Horn), Lyle Lovett (Vocal), Tony Kadlek (Flügelhorn), Rick Depofi (Bass Clarinet, Tenor Sax, Recorder, Piccolo), Mark Plati (Bass), Chris Botti (Trumpet), Danny Ferrington (Background), Judith Owen (Vocal), Malcom Burns (Bass, Keyboards, Vocals, Guitars, Drum Programming), Charlie Sexton (Guitar), Craig Ross (Circular Guitar), Rafael Gayol (Drums), sowie Streicher- und Bläserarrangements von Leventhal und Stephen Barber.

    Diese Masse an Musikern wird auf wundersame Weise durch John Leventhal zusammengehalten, der alle Songs produziert hat, bis auf What I Get Paid For von Malcom Burns.

    Song 1: Sunny Came Home

    Eine gute Wahl für ein Intro in ein Album, denn dieser Song enthält alle Elemente, die Colvin/Leventhal Produktionen so gut machen. Wo sich das vorige Album Fat City noch mehr Gitarren mit reinen Akkorden erlaubt, setzen sie jetzt mehr Gitarren mit Melodien ein, was ihrer Musik eine neue Qualität gibt, und sich sehr von ihren vorigen Werken absetzt. Man könnte sogar sagen, dass A Few Small Repairs ein Gitarren-Album sei. Aber nicht nur die Gitarren haben sich geändert, auch die Drums und Percussion, die Leventhal jetzt viel besser handlen kann als vorher (und Shawn Pelton ist einfach großartig). Und all das präsentiert Sunny Came Home dem Hörer: ein Colvin-üblicher intelligenter Text, einfache, aber wirkungsvolle und elegante Melodien, Arrangements mit Sparsamkeit an den richtigen Stellen und Dynamik, wenn nötig, alles im Leventhal-Mixer harmonisch zusammengemischt, ein geschmackvoller Cocktail guter Einfälle und Musik.

    Song 2: Get Out Of This House

    Eine eindeutige Aufforderung. Eine coole Harmonika von Leventhal. Eine etwas verhaltene Stimme von Colvin. Viel Drums und Percussion von Shawn Pelton und viele kleine Gimmicks, die man gar nicht alle gleichzeitig hören kann. E-Gitarren sind bei Colvin zwar nicht wirklich selten, aber so wirklich rocken dürfen sie selten. Schön, dass es Stücke wie dieses gibt, bei denen das zumindest ansatzweise so ist. Und Leventhals Mundharmonika ist eben cool.

    Song 3: The Facts About Jimmy

    "Duett" mit Lyle Lovett, sehr ruhig, musikalisch vielleicht eine Vorschau auf das kommende Album Whole New You, bei der man Shawn Pelton's großartige Drums wieder gut hören kann. Sehr zart und bescheiden gesungen, aber Colvin klingt immer irgendwie leicht erkältet - was aber ihrem Charme nicht schadet. Eine sehr schöne Melodie, sehr sparsam und erfreulich unaufdringlich produziert.

    Song 4: You and the Mona Lisa

    ist wohl der zweit-schwächste Moment des Albums. Zwar ist auch dieser Song elegant und unaufdringlich wie alles, was Shawn Colvin und John Leventhal ausbrüten, aber irgendwie hat dieser Song weder den "Drive" von Sunny Came Home oder gar Get out of this house, und ist auch nicht so sparsam wie The Facts About Jimmy oder Trouble, und das tut dem Song wohl nicht gut. Naja, Shawn Pelton kann den Song retten - einigermaßen.

    Song 5: Trouble

    Ja, da ist das kleine Meisterwerk, eine große Leistung von Colvin, Leventhal und Pelton (mehr Musiker sind an dem Stück auch nicht beteiligt). Hier zeigt Leventhal, welches Genie in ihm steckt. Es ist nicht leicht, mehrere Instrumente alleine nacheinander einzuspielen, aber Leventhals Kopf sorgt nicht nur dafür, dass alles im "Takt" bleibt, sondern dass am Ende ein außergewöhnliches Arrangement herauskommt, dass mit seiner Leichtfüßigkeit sogar Tori Amos beste Arbeiten zu voll erscheinen lässt. An diesem Stück merkt man auch, wie großartig die Aufnahmen, das Engineering und natürlich Bob Clearmountains Mix sind.

    Song 6: I Want It Back

    ist der schwächste Moment des Albums. Mir gibt das nix. :-(

    Song 7: If I Were Brave

    Wenn Shawn Colvin schon mal selbst am Klavier sitzt, sollte die Aufnahme davon doch besonders sorgfältig gemacht sein. Hier scheint das nicht passiert zu sein, und so fehlt schon ganz am Anfang ein kleines Stückchen Material, als wären die Lautstärkeregler erst noch aufgedreht worden, als sie zu spielen begonnen hat. Auch ist die Tonqualität nicht besonders berauschend. Davon abgesehen ist das Stück lieb (lieb im Sinne von Häschen-Niedlich).

    Song 8: Wichita Skyline

    Juhu. Es gibt nichts besseres als diesen Song für eine längere Zugfahrt an einem sonnigen Frühlings- oder Herbsttag. Ein fast konventioneller Song, aber wie immer elegant und einwandfrei produziert, mit einem kleinem Harmonie-"Knick" und einer kleinen Überraschung ganz am Ende des Songs.

    Song 9: 84.000 Different Delusions

    Dass es so etwas wie erkältete elektrische Gitarren gibt, wusste ich nicht, bis ich zum ersten Mal den Anfang dieses Stücks hörte. Dass Colvins Stimme selber immer irgendwie leicht erkältet klingt, sind wir ja schon gewöhnt, aber diesmal hat Leventhal sogar eine ganze Produktion "erkältet" klingen lassen.

    Song 10: Suicide Alley

    Obwohl es der Titel nicht gerade nahe legt, ist dieses Stück wieder ein fröhlicher Song darüber, dass das Leben weitergeht. Punktet durch sehr klare Stimme, und Peltons und Leventhals Unverwechselbarkeit (wie Sie schon gemerkt haben, ist Shawn Pelton für Colvins Band ein wahrer Segen).

    Song 11: What I Get Paid For

    Deutlich setzt sich diese Produktion von Malcom Burns vom Rest es Albums ab. Ich kann mir nicht recht vorstellen, warum dieser Song auf dem Album enthalten ist, wenn er sich doch so sehr von Leventhals Stil unterscheidet, dass es fast unangenehm auffällt. Dabei ist der Song von Colvin und Neil Finn eigentlich gar nicht schlecht, und auch nicht schlecht produziert. Er klingt nur eben anders. Wäre es nicht schade um einige Minuten mehr für Leventhal, würde ich diese Abwechslung auch begrüßen.

    Song 12: New Thing Now

    Eine Gitarrenballade, die etwas darunter leidet, dass sie an einigen Stellen übersteuert wurde, aber mit schönem Text und schöner Melodie punktet. Und das, obwohl Colvins Gesang bei diesem Stück auch nicht der beste ist (aber Colvins schlechtester ist immer noch besser als ... naja, so was wie ...).

    Song 13: Nothing on Me

    Colvin und Leventhal entlassen uns mit diesem beschwingten "Rutsch-mir-doch-den-Buckel-runter-wenn-dir-was-nicht-passt"-Song. Wieder beweisen die beiden ihre große Stärke darin, einige einfache Melodiestückchen zu einem herrlichen Ganzen zu vermischen.

    Fazit:

    Das bei weiten abwechslungsreichste Album von Shawn Colvin und John Leventhal, mit überragenden Musikern, einem überragenden Produzenten (Leventhal) und einer so guten Shawn Colvin wie nie zuvor. Produktions- und Arrangement-Technisch ist nur das nächste Album Whole New You noch besser, aber das Songmaterial ist auf A Few Small Repairs das Beste, und abwechslungsreichste. Von melancholischen Balladesken wie Trouble und The Facts about Jimmy über rockigere Hau-bloß-ab Stücke wie Get out of this house zu fröhlich-frischen Sommerstücken wie Wichita Sky Line und Nothing on me gibt es alles, was das Herz begehrt. Colvins Stimme war nie so gut, und ihr Songmaterial nie so abwechslungsreich. Darüberhinaus haben alle beteiligten Musiker eine großartige Arbeit abgeliefert. Besonders hervor stechen Shawn Pelton und Michael Rhodes, die auch auf dem nächsten Album wieder mit dabei sind. Dies ist auch das Album, das ich jedem "Einsteiger" empfehlen würde, weil die stilistische Spannbreite hier am größten ist.

    5 von 5 Sternen.
     
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