Shawn Colvin - Fat City

von MVS, 08.09.05.

  1. MVS

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    Erstellt: 08.09.05   #1
    Nach dem noch nicht so begeisternden steady on starten Colvin und Leventhal durch. Fat City, das zweite Album Colvins, mit "Starthilfe" vom Produzenten Larry Klein (der übrigens auf Tracy Chapmans erstem Album Bass spielt). Dieses Album ist so sehr ein Colvin/Leventhal Album wie nur irgendwie möglich. Ob und wie Larry Klein die Arbeit und den Stil der beiden mitgeprägt hat, kann ich nicht bestimmen, es ist aber gut möglich, dass Leventhal viel von Klein gelernt hat. Die späteren Produktionen von Leventhal/Colvin halten sich zum Großteil an den Stil, den dieses Album vorgibt (übrigens ohne jemals langweilig zu werden!).

    Als Musiker hören wir: Shawn Colvin (Vocals, Akustische und elektrische Gitarren, Hand Claps), Larry Campbell (Pedal Steel Guitar, Citern, Fiddle), David Lindley (Hawaii Guitar, Bazouki, Lap Steel Guitar), Larry Klein (Bass, Keyboards, Piano, Percussion und Drums, Organ, Background Vocals), Alex Acuña (Percussion), Bill Payne (Organ), Richard Thompson (Gitarren),

    Nicht ohne Grund wurde das Best Of Album von Colvin mit "Polaroids" betitelt. Schließlich ist

    Song 1: Polaroids

    vielleicht auch schon der beste dieses schönen Albums, und ein Paradebeispiel für die Art, wie Leventhal und Colvin ihre späteren Songs produzieren (obwohl John Leventhal hier nicht einmal mitspielt!). Der leichtfüßig vorgetragene, meterlange Text, begleitet von einem sehr zurückhaltenden Drums/Gitarren/Bass-Arrangement, das alles kommt irgendwie tänzelnd daher, und klingt sogar niedlich. Vor allem aber Colvins Stimme hat sich seit steady on enorm verbessert. Gedruckte Texte sind fast nicht mehr notwendig, denn ihre recht klare Aussprache und Artikulation machen das Verständnis einfach, ohne aber an gesanglich-künstlerischer Individualität zu verlieren. In der Tat könnte man Colvins Stimme überhaupt nicht mit irgend jemandem anderen verwechseln. Obwohl sie schon damals nicht mehr die jüngste war (heute haben unsere Teenie-Stars ja schon mit 18 ihr drittes Album aufgenommen) klingt ihre Stimme hell und so, als wäre sie nicht viel größer als Nanci Griffith. Als Opener ist das Stück vielleicht nicht unbedingt geeignet, da es einen langen Fade-Out Schluss hat, der gegen Ende des Albums besser passen würde.

    Song 2: Tennessee

    Schon etwas rockiger ist der zweite Song Tennessee, ein Colvin/Leventhal Produkt. Wie viele andere Songs auf diesem und ihrem nächsten Album enthält es eine Menge verschiedener Gitarren und auch ein klasse Banjo (von Bela Fleck), was gemeinsam mit den Drums dem Ganzen einen richtig schönen "drive" gibt, wenn auch die Struktur des Songs ihn etwas zu lange macht (was aber sicher nicht an den tollen Gitarren-Zwischenspielen liegt). Seltsamerweise verliert Kleins Bass im Laufe des Stücks an Lautstärke ...

    Song 3: Tenderness On The Block

    Ausnahmsweise Fremdmaterial verarbeiten Colvin und Klein hier. Als Special treten "The Subdudes" auf, singen ein wenig mit, und John Magnie spielt Akkordeon. Ansonsten ist das Ganze vielleicht ein schwacher Moment des Albums, auch wenn das Stück einige hübsch gemachte Melodiefiguren enthält, passt es doch irgendwie nicht so ganz zum Colvin/Leventhal/Klein Stil des Albums.

    Song 4: Round of Blues

    ist ein wichtiger und auch sehr guter Song. Die Art, wie dieser Song beginnt (Orgel, gezupfte Gitarre) ist kennzeichnend für Colvins Alben. Noch kennzeichnender aber ist hier ihre besonders klare Stimme, die selten zuvor besser war. Wie schon Tennessee geben die perfekten Drums und Percussion dem Song den richtigen "drive", während die Gitarren für die Begleitung und Melodie sorgen. Gitarren sind - wie Sie sicher schon festgestellt haben - das wesentlich tragende Instrument der Alben von Colvin (zumindest bis zum nächsten noch), und man sollte es nicht für möglich halten, wie viele verschiedene Arten von Gitarren es gibt, die man gut zusammenpassend in einen Song verpacken kann, so dass man sie immer noch (mehr oder weniger) voneinander unterscheiden kann. An diesem Song aber (wie auch schon am vorigen) scheint eine kleine Eitelkeit von Colvin/Klein durchzudringen: der Song ist ebenfalls etwas zu lang, auch wenn das schöne dududu am Schluss dafür einigermaßen entschädigt.

    Song 5: Monopoly

    passt hier sicher nicht her. Ohne Drums, nur Stimme, etwas Gitarre (aber keine Akkorde), etwas Klavier - ist das Ganze fast schon langweilig - im Vergleich zu den anderen Songs auf dem Album. Verstehen Sie mich nicht falsch, es ist kein schlechter Song, er ist nur zu ruhig und still für das Album, besticht aber - weil Colvin das eben kann, durch ihre traumhafte Stimme, die sie hier unter bravouröser Kontrolle hat.

    Song 6: Orion In The Sky

    Noch etwas länger als Polaroids ist Orion In The Sky eine lange Ballade in einem schnellen 6/8 Takt. Eigentlich kann man nur hören, wie gut das Stück ist, und nicht beschreiben. Hm. Oder bin ich nur voreingenommen?

    Song 7: Climb On (A Back That's Strong)

    Was produktionsmäßig wie etwas eher belangloses beginnt (und die Produktion dieses Stücks ist nun wirklich nicht Colvin-typisch (handelt es sich hier doch offenbar um ein Stück, dass mit großen Augenmerk auf seine Radio-Tauglichkeit produziert wurde)), ist eigentlich auch gut, und das nicht, weil Bruce Hornsby hier am Klavier sitzt, und gemeinsam mit Valerie Carter und Mary-Chapin Carpenter im Background singt. Vor allem wegen dem Background-Arrangement und dem dynamischere Schluss hinterlässt dieses Stück einen positiven Eindruck. Dass Colvin gut singt, wissen wir ja schon.

    Song 8: Set The Prairie On Fire

    Ha. Abgesehen von dem unglaublich coolen und fast erotischen Text ist dieses Gemeinschaftsprodukt von Colvin und Elly Brown ein kleines Meisterwerk. Wenn Booker Jones hier die Hammond B3 spielt, sieht man direkt eine Wüste, Nachthimmel, ein Lagerfeuer und davor zwei umschlungene Menschen. Absolut cool und gleichzeitig heiß ... und jede Sekunde des sieben Minuten langen Stücks ist völlig gerechtfertigt. Etwas bedauerlich ist vielleicht nur, dass Colvin hier plötzlich zu Nuscheln anfängt, aber naja, wenn man gerade mit etwas (oder jemand) anderen beschäftigt ist, kann man sich nicht so auf die Artikulation konzentrieren - trotzdem bietet sie hier eine sehr beachtliche gesangstechnische Leistung, auch wenn ihre Stimme nicht so klar ist wie sonst, sondern etwas rauher.

    Song 9: Object Of My Affection

    Worum es in diesem Song eigentlich geht, habe ich noch nicht herausgefunden, aber auf jeden Fall ist er ganz nett. Drum-mäßig klingt er noch nach dem vorigen Album, hat aber schon die für dieses Album typischen Gitarren.

    Song 10: Kill The Messenger

    ist ein Colvin-Soloprodukt und hat einen der besten Texte, die Colvin je hervorgebracht hat. Colvin spielt die 6- und 12-seitige Gitarre, Stuart Smith eine elektrische und Larry Klein kümmert sich um Bass, Keys und Percussion (obwohl er sich auf akustische hätte beschränken sollen).

    Fazit:

    Alles in allem ist dies wohl das erste "richtige" Shawn Colvin Album. Offenbar hat Larry Klein Colvin und Leventhal die richtige Richtung vorgegeben, der sie auch später stilistisch treu bleiben, und sogar noch zu einer Perfektion sondergleichen entwickeln. Dieses Album ist zu aller erst ein schön-melodisches, welches durch Sparsamkeit an den richtigen Stellen glänzt, und natürlich durch Colvins Stimme. Es ist einfach eine Wohltat, Stücke wie Polaroids oder Orion in the Sky zu hören, die so ganz anders sind als das übliche Adult Contemporary bzw. Middle of the Road Blabla. Laut ihrer Webseite arbeitet sie zur Zeit an einem neuen Studioalbum - diesmal offenbar ohne John Leventhal. Wir dürfen gespannt sein.

    5 von 5 Sternen.
     
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