Sophie B Hawkins

von MVS, 23.02.05.

  1. MVS

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    Erstellt: 23.02.05   #1
    Nur so mal aus neugier ...

    Gibt es hier irgend jemanden, der ALLE ihre Alben hat (außer mir natürlich). Ich würde mich gerne mit jemandem über sie und ihre Musik (und die Technik) unterhalten.

    Desperately.

    Und hat irgend wer Transkripte von "timbre"-Songs gemacht? Verdammt, auf ihrer Homepage gibt's nix und auch auf meine mehrmaligen Anfragen kommt nur "I will check with Sophie's office".

    mfg
    MVS
     
  2. MVS

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    Erstellt: 06.07.05   #2
    Hm. Komisch. Keine Antwort. :(
     
  3. symbolic

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    Erstellt: 30.07.05   #3
    Und darauf erwartest Du Dir eine Antwort? :D

    Irgendwo zwischen "längst vergessen" und "fantastischer Songwriterin" einzuordnen. "Timbre" ist genial und nahezu unbeschreiblich. Schade, dass dieses Album unter anderem durch den Zwist zwischen Ihr und Sony so untergegangen ist. Ziehe ich den Gassenhauern ala "I Wish I Was Your Lover" oder "As I Lay Me Down" vor. Aber selbst diese sind ja schon fast in Vergessenheit geraten...
     
  4. MVS

    MVS Threadersteller Registrierter Benutzer

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    Erstellt: 08.09.05   #4
    Na da schau her, doch noch eine Antwort.

    Als ich vor ein paar Tagen As I Lay Me Down To Sleep nochmal ein paar mal gehört habe, habe ich gedacht, dass das eigentlich ein brilliantes Stück ist. Die Stelle vor und nach dem Text "Barely Breathing" ist wirklich gut.

    Und "Timbre", nun das ist wohl das Beste, was sie je hervorgebracht hat. Leider kann "Wildernes" da nicht mithalten.

    Ich erlaube mir, hier einen längeren Text über timbre zu bringen:


    Um eines gleich vorweg zu nehmen: ich bin davon überzeugt, dass dieses Album eines der besten ist, die je produziert worden sind, sowohl musikalisch, als auch mixtechnisch. Ich möchte hier nicht viel über die Probleme berichten, die Sophie mit ihrer Plattenfirma (Sony Columbia) hatte, als sie das Album produziert hatte. Sie und ihre Plattenfirma waren sich uneins über einige Arrangement-Details für das Album, und auch darüber, was Sophie in Zukunft für sie machen sollte. Ihre strikte Weigerung, mit von der Plattenfirma gestellten Songwritern ("shlocky songwriters") zusammenzuarbeiten, führte zur Trennung. Es gelang ihr aber, die Rechte an den Mastern des Albums zu bekommen (zu welchem Preis, wissen wir nicht), und so dürfen wir heute dieses Album in (ungefähr) der Form genießen, in der sie es im Sinne hatte. In einigen Rezensionen von sogenannten Rezensenten durfte ich lesen, dass Sophie "das Rad hier zwar nicht neu" erfindet, aber es [das Album] ganz nett sei. Dies ist eine der Untertreibungen des Jahrhunderts. Man darf nicht vergessen, dass das Album eigentlich schon 1999 fertig war (zumindest legt dies der früheste Copyright-Vermerk nahe). Für die nun schon etwa sechs Jahre, die dieses Album auf dem Buckel hat, ist es nach wie vor erstaunlich modern. Ich kann mich an kein Album von dieser Zeit erinnern, das im Mainstream-Pop (denn das macht Sophie B. Hawkins nach wie vor) so selbstständig geklungen hat. Nur Tori Amos fällt mir dazu noch ein, wobei Tori nicht wirklich als Mainstream-Pop bezeichnet werden kann.

    Erstaunlicherweise gibt es mindestens drei Ausgaben diese Albums. So weit ich weiß, enthält das erste Release von timbre nicht die beiden Bonus-Tracks der späteren Version, und der erste Song heißt noch Strange Thing, anstatt Walking in my blue jeans, wie der Song später heißt. Ich beziehe mich in dieser Rezension immer auf die zweite Ausgabe von 2001, die auf Sophie's "Trumpet Swan" Label (ein Ryko Disc Imprint) erschien. Diese Ausgabe enthält zwei Bonus-Tracks. Die dritte Auflage des Albums ist eine Doppel-CD, deren erste CD das Album ohne Bonus-Tracks umfasst, und die zweite CD neben den genannten zwei Bonus-Tracks noch einige weitere sowie drei Videos enthält.

    Als Musiker hören wir: Hawkins (alle Vocals, Piano, Keyboards, Akkustische und Elektrische Gitarren, Banjo, Udu, Djembe, Percussion, Vibraphon, Marimba (angeblich die Marimba von Ernest Hemmingway) und Programming), Gerry Leonard (Gitarren), den brillianten Paul Bushnell (Bass), Steve Ferrone und Carlos Vega (Drums), Alex Neciosuop-Acuña (Percussion), Robin Lorenz (Violine), Novi Novog (Viola), Stephanie Fife (Cello), Jon Clarke (Oboe), Skip Waring (Trompete).

    Zu erwähnen ist auch Kevin Killen, der für Mixing und Engineering verantwortlich ist, und dessen Mix dieses Albums eine Meisterleistung darstellt. Killen scheint ein Händchen dafür zu haben, komplexe Arrangements meisterlich zu mischen (unter anderem auch für Tori Amos' Under the Pink Album). Zu erwähnen ist auch, dass Sophie dieses Album selbst produziert hat - wobei Kevin Killen und Peter Asher als ausführende Produzenten im Spiel sind.

    Dieses Selbst-Produzieren scheint auch dazu geführt zu haben, dass dieses Album das bei weitem beste von Sophie ist. Weder vorher noch nachher erreicht sie diese musikalische Genialität - und Eleganz. Dabei ist es interessant zu erleben, dass ihre Alben in sich selbst zwar immer wie ein geschlossenes, in sich stimmiges Ganzes wirken, vergleicht man aber die Alben miteinander, stellt man fest, dass sie stilistisch sehr verschieden sind. Dafür verantwortlich sind zum einen die jeweiligen Produzenten, aber auch ihre Lebenslage zu unterschiedlichen Zeiten scheint enorme Auswirkungen auf ihr Songwriting zu haben.

    Während tongues and tails ein eher düsteres Album ist, das vor allem von Percussion lebt, und whaler eher heller, aber viel kommerzieller ist (ohne dabei zu kitschig zu sein), ist timbre wie eine Reise durch die Jahreszeiten. Es beginnt mit

    Song 1: Walking In My Blue Jeans

    Frühlingshafter kann Musik kaum sein (selbst bei Grieg nicht). Eine zart hingesungene erste Strophe, nur begleitet von einem E-Piano, Bushnells genialem Bass und ein wenig drum herum, fängt dieser Song völlig unaufdringlich und unaufgeregt an. Sophie hat ein untrügliches Gespür dafür, an den richtigen Stellen in dem Song eine Pause zu machen, oder eine Änderung. Es gibt - und das ist eines der Kennzeichen des ganzen Albums - keine Pad-Sounds, keine Flächen, die den Song stützen. Dafür füllt Sophie ihren Song mit einzelnen Melodieinstrumenten an, nur ein paar Noten hier, ein paar Töne da, und dennoch ergibt sich dadurch ein großes Gesamtbild, das so eindrucksvoll wirkt, wie eine Symphonie. Und so komplex die Musik auch ist, verliert sie erstaunlicherweise nicht an ihrer Luftigkeit und Leichtigkeit, klingt nach Frühlingswind und Sonnenlicht wie sonst kaum ein Song, den ich kenne, vielleicht bis auf

    Song 2: No Connection

    welches als Demo noch fast zwei Minuten länger ist, als in der entgültigen Studioversion. Wenn es einen Song für SommerSonneCabrio gibt, dann muss es dieser sein. Vielleicht noch besser als Stephen Barber und John Leventhal flechtet sie ihre drei Streicher in ihr Pop-Arrangement dieses Songs ein. Wer genau hinhört, kann sie den ganzen Song über hören (wofür wiederum Killen verantwortlich ist). Dieser Song ist eines der besten Beispiele für ihre Fähigkeit, Melodien miteinander zu kombinieren, auch wenn es sich nur um kurze Sequenzen handelt. Aber sie bastelt daraus Musik in einer Art von Polyphonie, die ich sonst von niemandem kenne - so als hätte sie die Polyphonie erfunden. Davon abgesehen machen vor allem noch drei Dinge diesen Song zu dem vielleicht besten dieses Albums: Bushness großartiger Bass, der sich nicht auf die Grundtöne der Akkorde beschränkt, sondern eine wirklich eigenständige Melodie hat (und das ist eine wahre Seltenheit, denn zumeist hat der Bass nur eine Unterstützungsfunktion für Klavier oder Gitarre oder Drums), zum zweiten die herrlichen Streicher, die man gegen Ende am Besten hören kann, und der Tonleiternwechsel, der nach der Instrumentalbridge fast unbemerkt den Song einen Ganzton höher führt - auf eine typische Sophie-Weise.

    Song 3: 32 Lines

    Wer ein Lehrbeispiel für Arrangierkunst braucht, könnte dieses Stück hernehmen. Es beginnt mit Sophies sehr hart komprimierter Stimme und einer Gitarre rechts. Mit jedem Strophendurchlauf kommen aber weitere Instrumente hinzu: zunächst ein Bass und ein Gitarrensample in der Mitte und eine zweite akustische Gitarre links, danach ein stärkerer Bass in der Mitte, ein wenig Percussion rechts, schließlich die Drums und die E-Gitarre. Als Streusel singt sie dann in ihrem eigenen Background-Chor etwas links noch mal mit. Das alles kommt quasi Schicht für Schicht nach und nach dazu. Interessant dabei ist auch, dass Killen den Song so gut (oder so vorsichtig) komprimiert hat, dass man wegen des Lautstärkenunterschiedes nicht ständig die Hand am Lautstärkeregler haben muss. Nach einer kurzen Pause kulminiert der Song dann in einem Ausbruch aller Instrumente und ihrem Background-Gesang - und auch hier dürfen die drei Streicher wieder einen wichtigen Part einnehmen. Etwas verwirrend ist vielleicht das doppelte Ende - während alle Instrumente ausgeblendet werden, bleiben nur die Streicher über, die ein paar Takte Solo spielen, bevor sie in ein Hawaiigitarrenstück überblendet werden, wo der Song dann endet.

    Song 4: Mmm my best friend

    ist eine Frau, und was die beiden gerne miteinander machen, ist nicht Gegenstand dieser Betrachtung (...). Ich muss zugeben, dass ich bei den ersten paar mal hören der CD diesen Song meistens gleich übersprungen habe, weil es mit ungewöhnlichen Tom-Drums beginnt, die ich nicht mochte. Zu unrecht. Das Stück ist sogar richtig nett (in einem sehr positiven Sinne, nicht "nett" wie, naja, Natasha Bedingfield). Was mir beim Wiederhören am besten am Song gefällt, sind der Bass, der Text (der sogar komisch ist), und Skip Warings Trompete.

    Zwischenbemerkung:

    Wenn man merkt, dass man beim Hören eines Albums bestimmte Lieder überspringt, dann ist dies oft ein untrüglicher Hinweis dafür, dass etwas mit diesen Liedern "nicht stimmt". Das muss nicht zwangsläufig bedeuten, dass sie schlecht sind. Es kann aber bedeuten, dass sie scheinbar nicht auf das Album passen, weil sie sich stilistisch sehr vom Rest unterscheiden. Es kann auch heißen, dass diese Songs nicht an diese Stelle des Albums passen. Zumindest für den jeweiligen persönlichen Geschmack. Lassen Sie sich davon aber nicht dazu verleiten, diese Songs nicht doch hin und wieder ganz anzuhören. Vielleicht stellen Sie fest, dass Ihre erste Einschätzung ja doch nicht richtig war.

    Song 5: Bare the Weight of me

    Kann nicht so schwierig sein, immerhin ist Sophie ja eine schlanke Dame. Dieses Stück ist eher jazzy als Pop, und hat einen ungewöhnlichen wäßrigen Bass, seltsam verschlafene Drums und einlullende Streicher. Es scheint sich also um einen Abend- oder Nachtsong zu handeln. Dieses Stück eignet sich daher gut für nächtliche Zug- oder U-Bahnfahrten, wenn man sich auf dem Heimweg befindet, müde ist, und mit Kopfhörern bewaffnet aus dem Fenster starrt, die Lichter von Autos und Straßenlampen und Fenstern an sich vorbeiflitzen sieht. Das ist zumindest das Bild, das mir bei diesem Song immer einfällt. Besonders kurz vor Schluss, wenn Sophie nur noch jammert, und die Streicher mehr solo spielen dürfen, kommt dieser "getragene", schläfrig-verträumte Charakter dieses Stückes gut zur Geltung.

    Song 6: Nocturne

    fängt dann mit einem wieder munterer machenden, nicht ganz perfekten Drumloop an, und wieder einem stichigeren Bass, verwandelt sich aber mit Einsetzen von Sophies Stimme wieder in etwas jazzigeres. Passend zum Text klingt ihre Stimme plötzlich zehn oder fünfzehn Jahre jünger, zumindest anfangs. Dieses Stück ist eine seltsam-widersprüchliche Mischung aus einer Art R&B-Drum-Unterlage und einer wunderschönen Melodie, relativ sparsam mit Streichern und einem Vibraphon unterlegt. An diesem und dem vorigen Stück hört man auch, wie großartig Sophie Akkordfolgen baut. Wo sich so viele andere "Künstler" auf drei oder gar nur zwei Akkorde beschränken würden, ist sie sich nicht für ausgefeiltere Folgen zu schade. Auch dieses ist ein Nachtstück.

    Song 7: The Darkest Childe

    scheint die Geister zu scheiden. Manch einer mag ihr vorwerfen, dass sie sich damit in ein Terrain begibt, das sie besser Laurie Anderson überlassen sollte (wobei ich bezweifle, dass Laurie Anderson solche Texte schreiben würde). Es handelt sich bei diesem fast sechsminütigen Porno (ja, es ist ein Porno, eigentlich) um etwas sehr seltsames: es beginnt mit einem fast chopin-artigen Piano, bevor ein zerbrechendes Glas den Einsatz für Latin-Percussion-Elemente, eine nervende Gitarre links und einem seltsamen, aus kleinen Schnipseln bestehenden Vokalensemble (immer Sophie selbst) gibt. Gesungen wird das lange Intro nicht, dafür pfeift uns eine Synthie-Pfeife rechts was vor. Beim ersten Refrain setzen dann Base- und Snaredrum ein, und eine mehrfach gesungene Melodie. Den ganzen Song hindurch bleibt das Vokalschnipselensemble dabei, während hie und da kleine Instrumentenschnipsel erklingen. Der zweite Refrain enthält nicht nur die vorige Melodie, sondern eine zweite, ebenfalls mehrfach gesungene Stimme, die beide verschiedene Texte singen. Danach kommt ein Break, der auch nicht jugendfrei ist, bevor ein Schrei den Song in das fulminant arrangierte Ende stürzen läßt, wo gegen Ende sogar die beiden Refrain-Stimmen und eine dritte Solostimme singen. Komplex, aber absolut cool. Und um dem Ganzen noch eins drauf zu setzen, spart sie wieder nicht mit Streichern. Sicher ist dieses Stück von allen das gewöhnungsbedürftigste, nicht nur musikalisch gesehen. Auch der Text hat es in sich. Übrigens ist die von mir oben angesprochene zweite Ausgabe an den "delikaten" Stellen weder im Booklet, noch in der Aufnahme zensiert, die dritte Ausgabe (die Doppel-CD) aber schon.

    Song 8: I Walk Alone

    Nach dieser Aufregung brauchen wir etwas Entspannung. Auch Sophie weiß dass, und serviert uns das unglaublich wunderschöne I Walk Alone, welches mit Streichersolo, Klavier und gehauchter Stimme anfängt. Die Melodie ist eher einfach, aber durch die intelligente Akkordfolge wirkungsvoll. Auch an diesem Stück lässt sich schön feststellen, wie gut Sophie die Streicher in eine Pop-Produktion einfügen kann. Drums und Gitarren kommen erst mit Einsetzen des ersten Refrains hinzu. In weiterer Folge schön zu hören ist, wie sie ihre Melodiestimmen zweifach singt, in verschiedenen Tonlagen. Dies verleiht der Stimme eine sehr interessante Atmosphäre. Lediglich das Interlude mit seiner seltsamen Hawaii-Gitarre scheint hier fehl am Platze zu sein, wird aber von der Überleitung in den Schluss mehr als entschuldigt. Auch dort singt sie wieder zweimal, diesmal wieder verschiedene Texte gleichzeitig. Diese Vorgehensweise bei mehreren ihrer Songs machen ihre Arbeiten zu etwas besonderem. Tori Amos oder Kate Bush machen das, und Sophie B. Hawkins steht diesen Damen an musikalischer Intelligenz und Eleganz in nichts nach.

    Song 9: Your Tongue Like The Sun In My Mouth

    Dies ist der erste Song mit einem Orgasmus (es gibt noch einen zweiten). Das klingt lächerlich, ist aber wahr. Der Beginn dieses Songs ist fast brutal langsam und sanft. Ihre Stimme nur ein Hauch, ganz wenig gezupfte Gitarre als Begleitung. Ab der zweiten Strophe auch eine erstaunliche Orgel, die vielleicht mit einem Aftertouch moduliert wurde (?). In diesem Song geht es vor allem um Sex, aber die Musik ist weit davon entfernt, dieses Thema wie in einem billigen Pornofilm zu behandeln. Statt dessen gelingt es Sophie hier tatsächlich, Kerzenlicht, eine leichte Berührung, einen Hauch auf der Haut, musikalisch darzustellen. Kurz vor dem Höhepunkt merkt man schon, "wie sich die Spannung aufbaut", bevor sie ganz plötzlich - begleitet von einem lange gehaltenen, hohen Ton und viel Drums sich entlädt. Musikalisch einen Orgasmus darzustellen ist wohl keine leichte Aufgabe. Das das gelingen kann, ohne dabei widerwärtig zu sein, sondern ganz im Gegenteil sogar elegant, beweist dieses Stück.

    Song 10: Lose Your Way

    Seltsam unpassend an dieser Stelle ist das Stück Lose Your Way, dass Ihnen vielleicht aus der Jugendserie Dawson's Creek bekannt ist, und dessen Banjo der Stein des Anstoßes für die Plattenbosse von Sophie war. Völlig unverständlicherweise, macht doch gerade das Banjo den besonderen Reiz dieses Stückes aus. Wieder melodisch eher einfach, hat das Stück doch eine wundervolle Harmonie (hier im Sinne von Wohlfühl-Feng-Shui-Harmonie!), ist fast zärtlich, an keiner Stelle unangenehm aufgeregt, oder laut. Irgendwo habe ich mal gelesen, dass dieses Stück sie immer an einen ihrer verstorbenen Hunde erinnert, von denen sie nach wie vor eine Menge hat.

    Song 11: Help Me Breathe

    Lange Zeit hielt ich diesen Song für den besten auf dem Album (jetzt glaube ich, dass es Walking in My Blue Jeans ist). Das 5:43 lange Stück beginnt wieder sehr ruhig und leise (hier sind ausnahmsweise dünne Pads zu hören), sehr spärliche Percussion und zwei Klavier-Akkorde (das ganze beginnt eher wie eine Collage), bevor Sophie um etwa 0:40 mit dem sehr langen und recht schnellen Text anfängt, der hier im Großen und Ganzen nur aus zwei Noten besteht. Ganz klar ist an diesem Stück, dass es vor allem um den Text geht, und dieser ist so gut, wie nichts, was sie je geschrieben hat. Besonders gelungen in diesem Stück der Gitarren-Background (nur einzelne, lang ausgehaltene und modulierte Noten), sowie die großartigen Streicher. Nach etwa zwei Minuten kommt das erste Mal der Refrain, mit dem auch ausgefeiltere Drums und Gitarren einsetzten, was zu einer erstaunlichen Dramatik führt. Während ich dies hier schreibe, lausche ich gerade dem großartigen Stück, das man eigentlich gar nicht hoch genug loben kann. Obwohl es so ruhig beginnt, verwandelt es sich im Lauf der Zeit in ein recht dramatisches und intensives Stück, wozu nicht nur die Streicher und Drums, sondern auch Bushnells toller Bass beitragen, und natürlich Sophies Stimme, die - auch wenn sie nicht die beste Sängerin der Welt ist - hier doch sehr beachtlich ist. Dieser Song zeigt alles, warum ich Sophie B. Hawkins für eine der besten Sänger-/Songwriter-/Produzent-/Multiinstrumentalistinnen halte, die es zur Zeit gibt. Es gehört enormes Können dazu, so etwas zu machen.

    Noch eine Zwischenbemerkung

    Es ist sehr schwierig, einen Song zu beschreiben, wenn man davon ausgehen muss, dass die Leser den Song nicht kennen. Wem Musik von Leuten wie Tori Amos oder Suzanne Vega gefällt, wer darauf "steht", dass SängerInnen ihre Songs selbst schreiben, und wenn möglich auch noch selbst Instrumente spielen - und vielleicht sogar noch selbst produzieren - dann bleiben außer Leuten wie Kate Bush, Amos, Vega, Shawn Colvin und Sophie B. Hawkins nicht mehr allzu viele übrig. Sophie spielt auf diesem Album die Mehrzahl der Instrumente selbst, und hatte offenbar wirklich die Möglichkeit, etwas zu Schaffen, dass sie hatte: eine Vision.

    Song 12: The One You Have Not Seen

    Man könnte streiten, ob man die letzten beiden Stücke auf dem Album nicht in ihrer Reihenfolge umdrehen sollte. Das Outro des Albums beginnt wieder sehr still, nur Gesang, Gitarre und ein Heartbeat-Beat, dann etwas Streicher, ab der zweiten Strophe auch etwas Drums, aber weiterhin steht ihre Stimme im Vordergrund, die zwar irgendwie weinerlich klingt, was aber - angesichts des Textes - durchaus passt. Erst nach drei Minuten explodiert das Stück (das ist hier der zweite Orgasmus) und endet mit zwei konfus-brutal-"mingled" Elektrogitarren, viel Drums und Bass, und wer genau hinhört, kann sogar einen Chor hören (oder ist das eine akustische Täuschung?).

    Outro: Baby's fishing for a dream

    Gleich im Anschluss an das letzte Stück singt Sophie wie eine alte Frau ein Wiegenlied. Nett.

    Fazit:

    Glanzleistung. timbre fasst alles Beste zusammen, was Sophie kann und je gemacht hat. Das einzige Problem an dem Album ist: es hat ein Ende. Und: wie soll sie dieses Niveau halten können? Trotzdem: wenn ich hier nur eine Kaufempfehlung abgeben dürfte, dann: kaufen Sie die zweite timbre Ausgabe von Rykodisk (2001) mit den beiden Bonus-Tracks (You Turn Me On, Travelling Light), aber ohne die Bonus-CD. Timbre hält, was der Name verspricht: Klang in allen Farben. Nach den im Umfang der verwendeten Instrumente doch eher beschränkten ersten zwei Alben, von denen sich vor allem das erste auf Maschinen verlässt, hat Sophie offenbar entschieden, dass sie sich nicht mehr mit Synthesizern und Drum-Machines abgibt, sondern zum Großteil mit "richtigen" Instrumenten zu arbeiten. Und in diesem Sinne passt der Titel timbre natürlich perfekt.

    6 von 5 Sternen.


    Hm. Ja. So ungefähr.
     
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