Steinigung im 3. Jahrtausend nach Christus

von Uli, 03.05.07.

  1. Uli

    Uli Mod Emeritus Ex-Moderator HCA

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    Erstellt: 03.05.07   #1
    Laut Wikipedia ist die Steinigung eine Hinrichtungsmethode, mit der für gewöhnlich das Altertum assoziiert wird. Losgelöst von der Frage der Todesstrafe allgemein muß man wahrscheinlich akzeptieren, daß es trotz Globalisierung immer noch Kulturkreise und damit verbundene Bräuche und Rituale gibt, deren Daseinsberechtigung sich uns nicht ohne weiteres erschließt und bis zum vereinten Europa bzw dem Fernziel der vereinten Welt vergehen womöglich nochmal 3 Jahrtausende.

    Was mich an diesem Medienbericht allerdings besonders schockiert hat, ist weniger die Tatsache, daß es in unserer heutigen Zeit überhaupt noch so etwas gibt wie die Steinigung, sondern daß ein Mob von angeblich rund 1000 Männern diesem Verbrechen beiwohnt, sich aktiv beteiligt und mit hochmodernen Fotohandies der westlichen Welt filmt, wohl kaum als gerichtsverwertbaren Beweis.

    Im Film 'Life Of Brian' hat man noch über die Steinigung gelacht, weil man sie mit längst vergangenen Zeiten in Verbindung brachte und der Film die Sensationsgeilheit des Pöbels persifliert. Der jüngste Bericht ist imho eine eindrucksvolle Bestätigung, daß weder die Zeiten längst vergangen sind, noch sich der Mensch an sich geändert hat, wobei ich behaupte, daß Gleiches auch hier stattfinden würde, wenn es die rechtliche Grundlage/Möglichkeit gäbe.

    Wer jetzt die Ursache im angeblich kulturell rückständigen arabischen Raum sucht, möge sich z.B. vor Augen haten, daß die letzte Hexe in Europa 1793 verbrannt wurde, das sind mal gerade etwas mehr als 200 Jahre, rund 3 mal das Durchschnittsalter des heutigen Bürgers.
     
  2. Jimmay

    Jimmay Registrierter Benutzer

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    Erstellt: 04.05.07   #2
    das ist, denke ich, die traurige wahrheit.

    ich bin einfach nur fassungslos darüber, wie menschen sowas fertigbringen können. was für ein selbstbild haben eigentlich leute, die sowas machen? was fühlen diese leute nur, was lässt sie dazu hinreissen?

    ist es die faszination, die ein kleines kind verspürt, wenn es ne fliege zu tode quält? ach, will ich garnicht weiter drüber nachdenken, da wird mir nur schlecht und ich krieg depressionen...
     
  3. x-Riff

    x-Riff Helpful & Friendly User HFU

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    Erstellt: 04.05.07   #3
    So weit zurück braucht man nun wirklich nicht zu gehen.
    Das zivilisierte Europa hat einen ersten Weltkrieg mit Giftgas und elenden Stellungskriegen geführt, das gloreiche Heimatvolk von Goethe, Schiller, Kant hat einen zweiten Weltkrieg angezettelt und auf barbarisch-grausame Weise Menschen anderen Glaubens, anderer Herkunft, anderer Überzeugung und anderen Blutes gequält und umgebracht. Die Amerikaner haben die Atombombe hergestellt und gezündet und ein kleines Land mit Napalm zur Strecke zu bringen versucht ...

    Die Frage, wie unser so zivilisiertes Europa so dermaßen unter die Schranken jeglicher Menschlichkeit fallen und dabei diese ungeheure technisch-organisatorische Präzision auffahren konnte, ist noch nicht endgültig geklärt.

    Ich will jetzt auch nicht das eine mit dem anderen aufrechnen - beides ist barbarisch genug. Aber ein gewisser Sinn für Proportionen sollte doch erhalten bleiben.
     
  4. Günter Sch.

    Günter Sch. HCA Piano/Klassik HCA

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    Erstellt: 04.05.07   #4
    Der "reiz" der steinigung liegt wohl darin, dass sie eine kollektive hinrichtungsart ist, viele können daran teilnehmen, ohne dass man später weiß, wer den entscheidenden wurf getan hat.
    Aber wird sadismus nicht auch heute "toleriert" und zumindest visuell bedient?
     
  5. Uli

    Uli Threadersteller Mod Emeritus Ex-Moderator HCA

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    Erstellt: 04.05.07   #5
    Das ist genau das, worum es mir nicht geht, irgendwelche Kontinente oder Völker pauschal anzuklagen. Nur weil ein Pilot, der nichtmal genau wußte, was er da im Bombenschacht hatte, das Ding über Japan ausgeklinkt hat, kann man nicht 'die Amerikaner' verurteilen.
    Mir geht es um die erschreckende Erkenntnis, das der Einzelne sich (ohne Befehl und ohne Herdentrieb) aktiv zu solchen Taten hinreißen läßt und offenbar dabei Lust empfindet, die er dann zur späteren weiteren Verwendung akribisch dokumentiert. Das sind nicht die Amerikaner und nicht die Europäer und nicht die Araber, das ist der Mensch!
     
  6. Pleasure Seeker

    Pleasure Seeker Registrierter Benutzer

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    Erstellt: 04.05.07   #6
    Vertraue Wiki nicht, Steinigen und andere, nicht weniger brutale Folter/Hinrichtungsmethoden sind in Deutschland noch nicht so lange abgeschafft und dominierend im Mittelalter, nicht nur in der Antike, trauriger Höhepunkt war die NS Diktatur.
    Nebenbei dürfte es wohl die älteste aller Hinrichtungsmethoden mit Hilfsmitteln sein, denn sie bedarf keinerlei vom menschen erschaffen Werkzeuge. Ein wahrer Klassiker.

    Willst du die verteufeln kannst du gleich komplett Hinrichtungen in Frage stellen, ob jemand 3 dicke Brocken auf den Kopf bekommt und daraufhin sofort stirbt, oder sich in den Staaten 30min lang mit einer fehlgesetzten Giftspritze zu Tode quält kommt auf das Selbe raus. Hinrichtung ist und bleibt Mord, ebenso wie Waffeneinsatz, Steinigen ist nur eine Möglichkeit von Vielen.
     
  7. Günter Sch.

    Günter Sch. HCA Piano/Klassik HCA

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    Erstellt: 04.05.07   #7
    Nein, keine dicken brocken, wohldosierte, damit auch frauen und womöglich kinder teilnehmen konnten und das schauspiel lange dauerte.
    In der NS-zeit wurden die massentötungen verheimlicht, man war sich der zustimmung der bevölkerung nicht sicher.
     
  8. Uli

    Uli Threadersteller Mod Emeritus Ex-Moderator HCA

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    Erstellt: 04.05.07   #8
    Wer lesen kann, ist klar im Vorteil, diese Grundsatzfrage hatte ich ausdrücklich ausgeklammert:
    Daher geht dein Post auch weitgehend am Thema vorbei, das menschliche Abgründe reflektieren soll und nicht die Varianz der Hinrichtungsmethoden.
    Ich hatte gehofft, daß damit, wie beim Erschießungskommando, das Gewissen des einzelnen Schützen entlastet werden soll, nicht daß damit nur die Hemmschwelle herabgesetzt wird.
    Ich würde das unterschreiben, wenn es begrifflich mehr in die Richtung Voyeurismus tendiert, echter Sadismus sollte weitgehend in juristischen Toleranzen gehalten werden können. Aber im Prinzip hast du natürlich Recht, wenn diese Erkenntnis natürlich auch nichts legalisiert.
     
  9. x-Riff

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    Erstellt: 04.05.07   #9
    500/1
    Völlig einverstanden!

    Genau darum ging es mir.
    Es wird derzeit einiges in die Schublade "Rückständigkeit", "Barbarei von allem was nicht Abendland ist (clash of the cultures)", "Moslems/Araber" gesteckt, was dort nicht hingehört.

    Der Mensch ist ein zu höchster Aggression neigendes oder zumindest fähiges Wesen - und Sitten, Moral, Normen, Werte und Zivilisation bilden eine recht dünne Decke.

    Wenn man sich fragt, unter welchen Umständen Menschen bereit sind, diese Decke fallen zu lassen, kommt man im Wesentlichen auf folgende Punkte:

    - wenn er dabei entlastet wird.
    Durch Ideologien: Der andere ist kein Mensch, sondern ein Unmensch. Ein Feind von xyz. In jedem Krieg findet eine Umwertung der Werte statt: Töten ist nicht mehr verwerflich, sondern gefordert, wenn es die richtigen trifft. Töten ist gut und ehrenvoll ist es, für das Vaterland zu sterben. Hierzu zählt auch die berühmte, oft aber verkürzt oder falsch zitierte Forschung zum autoritären Charakter. Ein Ergebnis jedenfalls ist: Wenn anerkannte Autoritäten (Ärzte, Forscher, Ranghöhere) sagen oder befehlen, etwas zu tun, was man ohne diese Deckung durch die Autorität nicht tun würde, dann macht das den gewissen Unterschied. Der andere versteckt sich hinter der Autorität: Aber er hat es doch gesagt - der ist doch verantwortlich - ich doch nicht - ich bin doch nur ... Ausführender, Befehlsempfänger etc. (Dass es unter bestimmten Umständen tatsächlich Befehle gibt, deren Nichtbefolgung den eigenen Tod als Folge mit einschließen können, ist wahr - bildet aber auch die Grundlage der Würdigung als "individuellen Notstand". Was ich aber meine, liegt jenseits dieser Kette von: wenn du nicht tötest, wirst du getötet.)

    - je mehr andere mitmachen, desto leichter wird es für den Einzelnen, mitzutun.
    Herdentrieb, Anfeuerung durch andere. Auch das Element, in der Masse zu verschwinden, anonym zu werden. Wer wirft den ersten Stein, ist vielleicht wichtig. Aber wer den dritten oder tödlichen Stein von hunderten wirft - das verschwindet. Man kann dies aber auch nutzen, um gegen entstehende Gruppenaggressivität vorzugehen: wenn in der U-Bahn beleidigt, rumgepöbelt, körperlich gedroht wird und ein, zwei Leute aufstehen, laut werden, sich Verbündete suchen, entsteht ein positives Gegengewicht.

    - je (auf deutsch) beschissener es dem einzelnen geht
    Je mehr unverarbeitete Aggressionen der einzelne hat, dest eher ist er bereit, anderen Gewalt anzutun. Ventilfunktion - Suche und bereitwillige Annahme von Sündenböcken, Suchen nach Ausreden und Legitimationen. Die Prügelstrafe in Schule und Militär hat eben auch die Seite, dass es eine Ventilfunktion für die Ausbilder hat - verbunden mit so schönen Sätzen wie: Ich mache das ja nur zu Deinem Besten und später wirst Du mir dankbar sein. Später heißt es dann oft: Mir hat es ja auch nicht geschadet. Es ist sehr gesichert, dass Opfer von Aggressivität zum einen einer höheren Gefahr ausgesetzt sind, wieder zum Opfer zu werden; zum anderen aber auch gegenüber Schwächeren ihre Aggressivität ausbrechen zu lassen: Trittbrettfahrer, Radfahrer (nach oben buckeln, nach unten treten).

    - die schiere Normalität von Gewalt
    Wenn jeder ein Messer, ein Gewehr hat - was ist schon dabei. Wenn jeder schnell losschlägt, muss man sich eben drauf einrichten. In dem sonst durchaus auch umstrittenen Film von Moore, fand ich die Gegenüberstellung Kanada - USA erhellend. Wenn ich weiß, dass andere eine Waffe haben, besorge ich mir auch eine: USA-Prinzip.
    Als Besorgniserregend empfinde ich, was mittlerweile an Schulen gängiger Umgangston oder Praxis ist. Besonders erschreckend finde ich, dass eine gewisse Beisshemmung und Kontrolle seltener geworden zu sein scheint. Wir haben uns durchaus auch gekloppt - aber wenn einer am Boden lag oder zu erkennen gab, dass es reicht, war Schluß. So blieb es halt bei einer Klopperei - mittlerweile wird das, scheint es, oft zu gefährlicher Körperverletzung.


    Also ein Teil der Aggressivität ist dem Menschen grundsätzlich inne. Schließlich ist Wehrhaftigkeit manchmal notwendig und gehört auch zu unserem biologischen Erbe. Adrenalin wird eben ausgeschüttet, wenn wir uns bedroht fühlen.
    Aber wie und wodurch wir uns bedroht fühlen und wie, wie stark und wie ungehemmt dies ausgelassen wird, hat auch eine individuelle Seite und eine gesellschaftliche.

    x-Riff
     
  10. Uli

    Uli Threadersteller Mod Emeritus Ex-Moderator HCA

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    Erstellt: 04.05.07   #10
    Daß ich diese Rückständigkeits-Schublade nicht bedienen wollte, habe ich versucht im letzten Satz meines Eröffnungsposts auszudrücken.

    Wahrscheinlich hast du mit der überwiegenden Zahl der Argumente Recht. Sie erklären allerdings nur, weshalb es zu solchen Dingen an sich kommt, nicht jedoch, weshalb es für die Beteiligten dann zum fun-event wird.
    Es geht ja nicht mehr 'nur' um den Vollzug einer Strafe, deren Sinn oder Unsinn gar nicht beleuchtet werden soll, sondern um die (nicht mehr nur durch genetisches Aggressionspotential erklärbare) Sensationslüsternheit der Menge, bei der man nur noch auf das Auftauchen des Imbißverkäufers wartet (Otternasen lassen grüßen!).
    Die Evolutionsstufe der um die Guillotine versammelten Menge, die Köpfe rollen sehen will, ist ganz offenbar noch weit davon entfernt, überwunden zu sein. Nur daß der Chronist heute kein Gemälde aus dem Gedächtnis zaubert, sondern die Zuschauer hinterher die Handy-Movies tauschen.
     
  11. x-Riff

    x-Riff Helpful & Friendly User HFU

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    Erstellt: 04.05.07   #11
    Ich denke, dass man es sich zu einfach macht, Aggression nur dem Bösen zuzurechnen.
    Es gibt Aspekte des Lustgewinns dabei. Die Ventilfunktion geht nicht nur darum, die Aggression rauszulassen: dieses Entweichen verschafft auch Lust und Erleichterung und hängt mit einer Reihe von anderen Gefühlen zusammen, die positiv erlebt werden können:

    - Macht
    Wer seine Aggressionen an anderen ausleben kann, erlebt dies als Machtgefühl: einer ist mächtig, der andere ohnmächtig. Macht und Lust hängen eng zusammen.

    - Gruppendynamik
    Es reicht schon, einmal im Fußballstadion oder einem tollen Konzert gewesen zu sein, um das großartige Gefühl und die Faszination kennen zu lernen, die von einer Menschenmenge, die sich gleich wähnt oder zumindest gleiches teilt, ausgeht.

    - Projektion
    Damit ist der psychische Vorgang gemeint, das was man sich selbst eigentlich antun würde oder müsste, an anderen auszuleben. Ein arbeitsloser und -unwilliger Deutscher schimpft über die faulen Ausländer, die ihm die Arbeit wegnehmen. Stromberg ist auch ein Superbeispiel: bekommt nichts gebacken, hängt es immer anderen an, aber ist an erster Stelle, wenn es darum geht, das Lob einzustreichen. Wie der mit "seinen Untergebenen" umgeht ist ein Paradebeispiel für Egozentrik und Aggression. Wie der durch ein paar Bemerkungen Leute fertig macht, das ist schon sehr klasse dargestellt. Und der geht es nicht nur um Rauslassen von Aggressionen sondern auch um Reinlassen von Lust und das Demonstrieren von Überlegenheit. Oder das gute alte Ekel Alfred (Ein Herz und eine Seele): hat Minderwertigkeitskomplexe und macht dafür die Personen in seiner Umgebung nieder.

    - Rauschzustand
    Die Abfuhr von so elementaren Gefühlen wie Aggressionen bringt den Körper in einen rauschhaften Zustand: körpereigene Stoffe werden freigesetzt, die den rationalen Teil des Gehirns aushebeln und das Erleben im Moment steigern. Findet das in der Gruppe statt, potenziert sich das noch. Im Nachhinein äußern dann die Leute, "dass sie gar nicht mehr wissen, wie das passiert ist/passieren konnte", dass "Ihnen die Pferde durchgingen", sie "gar nicht mehr wußten, was geschah", nicht mehr "klar denken konnten" etc.
    Das sind nicht nur Ausreden - das ist auch Beschreibung eines Zustandes.

    Das Lynchen von "Niggern" - noch nicht allzulange her, geschichtliche Dimensionen angelegt - war ein berauschendes gesellschaftliches Ereignis, ein Familienhappening, eine Fete mit den Nachbarn, das regelmäßig inszeniert wurde. Ein Anlass fand sich immer. Frauen und Kinder nahmen daran teil. Die Welt wurde wieder gerade gerückt, dem Herrschenden wurde Nachdruck verliehen - man fühlte sich danach besser.

    Ich denke, es ist sinnvoll, zu sehen dass Aggression und das Ausleben von Aggressionen eine lustvolle, befriedigende, befreiende Seite hat.
     
  12. Günter Sch.

    Günter Sch. HCA Piano/Klassik HCA

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    Erstellt: 04.05.07   #12
    Die zu einem erschießungskommando befohlenen wurden "vergattert", sie standen unter einem strengen sonderrecht, das sie selbst nicht kannten, das aber im bedarfsfalle gnadenlos angewandt wurde, ging es doch um die disziplin und den ehrenkodex der truppe. Die gewehre wurden - nicht von den schützen - mit je einer patrone geladen, ob es eine legende war, dass eine platzpatrone darunter war, kann ich nicht sagen, auch nicht, ob der gedanke eine gewissenserleichterung war.
    Ich habe viele zweifel, niemand hat mir gesagt, dass der krieg vorüber sei, niemand hat mir befohlen, die waffen niederzulegen, ich weiß bis heute nicht, war ich versprengt von der truppe, war ich deserteur, war ich meine eigene privatarmee, als ich mutterseelenallein ein partisanengebiet durchwanderte; hätte ich mich bis zum letzten blutstropfen verteidigen müssen, als sie mich schließlich in empfang nahmen? Es war niemand da, den ich hätte fragen können, nicht einmal mein regimentskommandeur, der später in seiner heimatstadt einer "kameraden-vereinigung" vorstand. Und als ich später meiner beschworenen pflicht nachkam, wurde ich hart bestraft, pflichten hatte ich wohl nicht mehr, aber auch keine rechte.
    Unter solchen zwängen standen die steinewerfer wohl nicht, sie mussten nicht treffen.
     
  13. Uli

    Uli Threadersteller Mod Emeritus Ex-Moderator HCA

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    Erstellt: 04.05.07   #13
    Ich glaube, daß es mindestens ebenso einfach dargestellt ist, das Ausleben von Macht als unabänderliche Hypothek unseres armen Menschenlebens anzusehen. Natürlich ist die hierarchische Struktur der Lebewesen auf diesem Planeten nicht zu verleugnen. Zu Lande hat sich der Mensch in die Hackordnung des Fressen- und Gefressen-Werdens schon weitestgehend eingemischt, im Wasser (Ozean) ist die Nahrungskette noch relativ ursprünglich nachvollziehbar.
    Allerdings nutzen die angeblich 'niederen' Lebewesen ihre 'Macht' überwiegend, um Grundbedürfnisse wie Nahrung und Fortpflanzung sicherzustellen.
    Ein Thunfisch hat einfach physisch die Macht, einen Hering zu fressen. So wie aber der Faktor 'Intelligenz' dazu kommt, lernt das Individuum, mit dieser Macht auch andere Bedürfnisse zu befriedigen 'weil es das eben kann'. Deshalb z.B. das Bedürfnis, andere zu quälen, einfach kurzerhand auch zum 'Grundbedürfnis' zu ernennen, ist mir dann doch etwas zu einfach.

    Die Fähigkeit und vor allem aber die innere Bereitschaft und Entschlossenheit, mit der jeweils gegebenen Macht auch verantwortlich umzugehen, ist offenbar nicht jedem gegeben. Das ist auch nicht unbedingt an die Position des Einzelnen gebunden. Jemand, der Fort Knox bewacht, kann ein Philantrop sein, während der Toilettenwächter im Biergarten jede seiner noch so kleinen Möglichkeiten nutzen kann, um die Mitmenschen zu schikanieren. Die gleiche Konstellation ist umgekehrt natürlich genauso denkbar.
    Den von dir angeführten Bedingungen bzw. Einflüssen (Gruppendynamik, Projektion, Rauschzustand) unterliegt in gewissen Grenzen jeder, trotzdem gibt es Menschen, die es für einen Grundsatz des Zusammenlebens mit anderen erachten, nicht jedes Gefühl oder jedes kleine bißchen Macht (an jemandem) ausleben zu müssen.

    @Günter Sch.
    Ja, der Platzpatronen-Mythos schwebte mir wohl bei meinem Vergleich vor. Aber du hast natürlich recht, letztendlich sind es zwei verschiedene Schuhe.
     
  14. x-Riff

    x-Riff Helpful & Friendly User HFU

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    Erstellt: 04.05.07   #14
    Hi 500/1 !
    Es liegt mir fern, aus der Aggressivität eine Unabänderlichkeit oder eine Konstante zu machen.
    Der Mensch hat einen großen Einfluß darauf, wie er mit Aggressionen umgeht - und er ist verantwortlich dafür.

    Es ging mir im Wesentlichen um zwei Sachen:
    1. Aggression ist ein Gefühl, ein Teil des Menschen - nicht etwas, das von Außen kommt.
    2. Aggression ist ein Gefühl, dessen Ausleben Lust macht und Befriedigung verschafft.

    Der Mensch ist weder von Natur aus böse, noch von Natur aus gut.
    Er ist ein Wesen mit vielen Möglichkeiten und ist für die Gestaltung dieser Möglichkeiten selbst verantwortlich.

    Mit den anderen Beiträgen wollte ich sozusagen die "Stellschrauben" beschreiben, die der Aggression und ihrem Ausleben "förderlich" bzw. "hinderlich" sind.

    Vielleicht kommt es auch von meiner ersten Replik auf Deinen ersten Post.
    Ich wollte Dir gar nichts unterstellen und auch gar nicht gegen Dich argumentieren, sondern eher weitere Aspekte einbringen.

    x-Riff
     
  15. Uli

    Uli Threadersteller Mod Emeritus Ex-Moderator HCA

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    Erstellt: 04.05.07   #15
    Ich habe es auch nicht mißverstanden, im Gegenteil, deine Ausführungen waren sehr konstruktiv! Danke ;) .
     
  16. Jimmay

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    Erstellt: 05.05.07   #16
    wahre worte!

    jein. ich finde das ist ein schwieriges thema, und ich denke nicht, das man das als mensch einfach so erfassen, beurteilen und mit bestimmtheit davon ausgehen kann.

    meiner ansicht nach ergibt sich die persönlichkeit eines menschen, und damit die frage nach den entscheidungen die dieser mensch trifft, aus, vereinfacht dargestellt, folgenden faktoren:

    zum einen natürlich die genetisch vorbedingten instinkte, die x-riff schon recht treffend beschrieben hat. ich würde das als biologische vorbedingung beschreiben, die kaum bzw nur evolutionär über lange zeiträume wandelbar sind ( oder mit hilfe der gentechnik ). teil dessen ist natürlich auch die ausformung des intelekts, sprich die intelligenz, "rechenkapazität" oder die fähigkeit logisch zu denken und zu begreifen.

    dann natürlich die umstände, in denen diese sog. biologische vorbedingung "aufwächst", sprich SÄMTLICHE erfahrungen, die ein mensch ( meinetwegen auch tier, ist für mich das gleiche ) im laufe seines lebens sammelt, und die seine entscheidung beeinflussen. das "elternhaus", die bildung, die gesamtgesellschaftlichen verhältnisse, wohlmöglich aber sogar die klimatischen bedingungen und unendlich viele klitzekleine einflüsse, die eben den gesamten menschen ergeben.

    hierzu sei schopenhauer mit dem allseits bekannten satz "Der Mensch kann zwar tun, was er will, aber er kann nicht wollen, was er will." zitiert.

    als beispiel dazu fände ich es schwierig, jemandem, der z.B. als kindersoldat in afrika aufwächst, gewissenloses töten oder freude am foltern und töten vorzuwerfen, wenn derjenige doch nie etwas anderes erlebt hat, und davon seit seiner kindheit an geprägt ist. er hat nie gelernt, sich kritisch oder gar ethisch/ moralisch mit sich und seiner umwelt auseinanderzusetzen.

    absolut nichts und niemand ist gut oder böse, es ist einfach nur so wie es ist. und aufgrund meiner vorbedingungen und erfahrungen, u.a. wahrscheinlich mit der unterbewussten angst, so etwas selbst erleben zu müssen, macht mich soetwas zutiefst traurig und schockiert.

    wahrscheinlich werden mir jetzt viele leute widersprechen...
     
  17. Jimmay

    Jimmay Registrierter Benutzer

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    Erstellt: 05.05.07   #17
    ich halte es für sehr wichtig, diese aggression in sich zu erkennen und nicht zu verleugnen. ich versuche in meiner philosophie immer so kompromisslos ehrlich wie möglich zu sein, was manchen, insbesondere religiös motivierte leute immer schnell auf die palme bringt.

    wenn man das aber nicht verleugnet, kann man wege finden, mit dieser aggression in einem sozial vertretbaren rahmen umzugehen. sport, oder auch musik, kann diese gefühle wunderbar kanalisieren...
     
  18. Uli

    Uli Threadersteller Mod Emeritus Ex-Moderator HCA

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    Erstellt: 05.05.07   #18
    Da gebe ich dir natürlich völlig recht. Ich möchte nur eigentlich weniger darauf hinaus, daß solche Dinge geschehen (dazu hatte ich im Eröffnungspost schon eingeräumt, daß es ohnehin kaum möglich ist, fremde Kulturkreise vom grünen Tisch aus zu durchdringen), sondern daß sie offenbar inzwischen den Stellenwert von Freizeitaktivitäten erreicht haben, die man amüsiert mit dem Handy filmt. Das ist das Kernproblem, das mich an der ganzen Sache beschäftigt.
    Würde man die Angelegenheit versuchen, rein nüchtern, sachlich zu analysieren, würde man wahrscheinlich zu dem Schluß kommen, daß jemand, der in diesem Kulturkreis lebt, bei der oder jener Handlung mit entsprechender Reaktion der Mitmenschen rechnen muß. Insofern müßte man juristisch ausgedrückt, dem Opfer eine 'billigende Inkaufnahme' der Bestrafung unterstellen und hätte eine Begründung. Das erklärt für mich aber immernoch nicht, wie ein angeblich 'aufgebrachter' Pöbel plötzlich von dieser Aufgebrachtheit in eine Samstag-Nachmittag-Freizeit-Gestaltungs-Laune umschwenkt und, so makaber es in dem Zusammenhang sein mag, die Filmsequenz aus 'Das Leben Des Brian' nachspielt: Langweilig? Laß uns doch zu einer Steinigung gehen!
    Selbst wenn es so wäre, das ist doch der Sinn einer Diskussion, solange wir alle freundlich und sachlich bleiben...:)
     
  19. Quir

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    Erstellt: 08.05.07   #19
    Zum Thema Voyeurismus/Sadismus finde ich beängstigend: Der von der gelinkte Artikel enthält einen weiteren Link zu der ursprünglichen Meldung. Und diese Meldung enthält - was mich wirklich überrascht - besagte Original-Aufnahmen der Steinigung. Und obwohl man sich durch den Text alleine ein hinreichend genaues Bild des Vorfalls denken kann, gibt es irgendetwas in einem, dass einen doch irgendwie dazu treibt, den Link zu klicken und es wirklich zu sehen. Ob man dem nachgibt, ist eine andere Frage, aber ich bin mir sicher, dass jeder zumindest vor dieser Frage steht... Erschreckend.
     
  20. Jimmay

    Jimmay Registrierter Benutzer

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    Erstellt: 09.05.07   #20
    du glaubst wahrscheinlich garnicht, was im netz alles dokumentiert und auf video zu finden ist.

    mittlerweile denke ich, das es doch wichtig ist, z.B. kriegsberichterstattung in vollem umfang zu zeigen. niemand, der mal ein komplettes gefechtsvideo mit verletzten und toten gesehen hat, wird danach noch in den krieg ziehen wollen. das sieht nämlich verdammt anders aus als im film oder im pc-spiel. die realität ist wesentlich dreckiger, grausamer und von nackter angst ums überleben geprägt.
    es wird einem sehr deutlich klar, das man der nächste sein kann, der blutend und schreiend am boden liegt, und wünscht sich und niemandem sonst, einmal in eine solche situation zu geraten.

    so kommt der in meiner familie stark vertretene pazifismus wohl u.a. da her, das die kriegsgeneration ( opas, omas, usw... ) auf den familientreffen immer viel von ihren kriegserfahrungen berichtet hat, die natürlich zum allergrössten teil ziemlich "unschön" waren.

    diese video's lehren mich viel über die abgründe der menschlichen natur, machen mir noch deutlicher bewusst, das ich so etwas niemandem wünsche, und frage mich, wie man dem bestmöglich entgegentreten könnte.
    ich kann darin, zumindest für mich persönlich, nichts voyeuristisches erkennen. sitze nun nicht ständig am rechner um mir explizit solche videos reinzuziehen, habe weder den drang dazu noch überhaupt spaß daran, sowas zu sehen.
    nur, so etwas mal gesehen zu haben, beeinflusst auf jedenfall die eigene perspektive auf kriege, hinrichtungen, whatever ziemlich intensiv.