Sympozion - Kundabuffer

von Houellebecq!, 25.03.06.

  1. Houellebecq!

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    Erstellt: 25.03.06   #1
    Sympozion: Kundabuffer

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    "Generally speaking, I think there is very little music made today which is truly progressive. It's funny to see band calling themselves progressive, playing like other groups played 30 years ago. If there is a prog territory toady, it's where the RIO-related bands are working.”
    Udi Koomran

    Tja, was soll man dazu sagen? Genau der gleiche Gedanke kommt mir auch manchmal, wenn ich an die unzähligen durchschnittlichen retro prog/ prog metal-outputs der vergangenen Monate denke; die neue Platte von The Tangent ist ja nicht schlecht, aber irgendwie fehlt was, oder?

    Jedenfalls ist es doch immer wieder erstaunlich, dass uns in unregelmäßigen Abständen wirklich erfrischender, einfallsreicher prog aus exotischen Ländern erreicht, die man zunächst mal nicht als prog-Hochburgen bezeichnen würde, die indonesische combo Discus ist so ein Kandidat, schon verrückt, wo man sich auf der Welt nicht alles wie selbstverständlich auf die Musik von Yes und den anderen Großen des klassischen progs versteht. Ähnliche Entwicklungen gibt’s seit einigen Jahren in Israel, wo eigentlich das komplette Spektrum der von uns so geliebten Musik abgedeckt wird, wobei ich selbst zugegebenermaßen nur die englisch-israelische Co-Produktion Blackfield und das selbst für RIO-Verhältnisse ungemein sperrige und unzugängliche debut von Ahvak genauer kenne. Nun, der Produzent letzterer band, Uni Koomran (hat auch schon mit Roger Trigaux und Dave Kerman zusammengearbeitet und wirklich wegweisende Musik produziert), zeichnet nun auch für „Kundabuffer“ von Sympozion (haha, tolles Wortspiel!) verantwortlich.
    Das Tolle an dieser Platte ist insbesondere, dass sie sich einerseits wirklich recht schnell erschließt und einen mit ihrer ganz eigenen Atmosphäre völlig gefangen nimmt und andererseits, dass sie durch das „Hinüberschielen“ zu anderen genres wie dem Post-Minimalismus und auch dem modernen jazz Ausgangspunkt für die Erweiterung des eigenen musikalischen Horizonts sein kann, doch dazu später mehr.
    Fangen wir erstmal mit der Besetzung an:

    Arik Hayat: keyboard, Gesang, Erez Kriel: E-Gitarre, Boris Zilberstein: Schlagzeug, Ori Ben-Zvi: E-Gitarre, Dan Carpman: E-Bass, Gesang

    Wie schon der Titel „Patterns“ andeutet, wird’s beim ersten song gleich mal minimalistisch, das klingt schon stark nach Philip Glass oder Steve Reich, ist aber abwechslungsreicher. Hervorstechendstes Merkmal ist hier bereits die durchdachte Polyrhythmik; die schnellen, rhythmisch regelmäßigen Linien in Gitarre und Bass sind toll miteinander verwoben, der keyboarder spielt regelmäßig seine staccato-Akkorde, die durch die wechselnden Taktarten mal auf betonten, mal auf ziemlich krummen Zählzeiten auftauchen; wie gesagt: alle Stimmen scheinen metrisch verschoben zu sein, trotzdem passt alles perfekt zusammen. Hier und da wird’s plötzlich ruhiger; nur, damit sich die Komposition erneut entfalten kann. Auch nach mehreren Durchläufen entdeckt man immer wieder neue details; sehr schön anzuhören, wie die besagten patterns hier verändert und sequenziert werden. Es wird auch mal leicht jazzig angehaucht improvisiert und auch die komplexere Harmonik verdeutlichen, dass man hier nicht den großen Vorbildern der minimal music nachzueifern versucht, sondern deren Musik quasi post-minimalistisch weiterentwickelt. Auch ist die Atmosphäre im Vergleich wesentlich freundlicher und offener, geradezu lebensbejahend – von der Etüdenhaftigkeit und musikalischen Kälte ist nicht mehr viel übrig geblieben.
    Neben der Polyrhythmik gesellt sich bei „Happy War Holiday“ (das aber musikalisch gar nicht so sarkastisch daher kommt, wie der Titel vermuten lässt) anfangs noch die Polyharmonik dazu. Während der eine Gitarrist mehr oder weniger auf seiner Tonart beharrt, moduliert der andere das pattern durch sämtliche Tonarten, wirklich schräg klingt es dadurch witzigerweise aber eigentlich nicht. Ähnlich wie bei „Patterns“ wabert die Musik dann in großen kompositorischen Bögen auf und ab, wartet aber mit vielen überraschend eingestreuten neuen Ideen auf, wie etwa den folkloristisch anmutenden Flöten-Soli.
    Beim folgenden „Bird“ wird dann auch erstmals gesungen – auf hebräisch (bis auf „Zona“ ist der Rest aber wieder ausschließlich instrumental). Hier wird mir auch erstmals klar, was gemeint war, als ich anderswo bei den musikalischen Einflüssen was von videogame music gelesen hatte. Teilweise gibt man sich harmonisch so kreuzbrav, dass man sich die Musik auch gut zur Untermalung eines guten alten japanischen RPG’s vorstellen könnte.
    Umso schräger sind dann die Töne, die bei „Grapefruit“ teilweise angeschlagen werden. Beim bisher komplexesten Werk der Platte bekommt man eine abwechslungsreiche Mischung serviert, die irgendwo zwischen minimal music, Claude Debussy, J.S. Bach, RIO-Tradition und leichtem jazz hin- und herpendelt.
    Bei "Zona" lässt man es gar richtig jazz-rockig krachen, es wird ausgreifend und zielgerichtet improvisiert. Solche Ausbrüche sind aber eher die Ausnahme.

    Insgesamt profitiert man auch von der glasklaren aber erdigen Produktion von Uni Koomran, die Instrumente werden fast ausschließlich clean gespielt, sind aber trotzdem immer präsent und eindringlich. Als Vergleich wird übrigens noch gern die 80er-Inkarnation von King Crimson („Discipline“, „Beat“, „Three Of A Perfect Pair“) herangezogen; wenn man die wavigen Einflüsse subtrahiert, ist das auch sehr naheliegend. Im Gegensatz zu King Crimson kommen Sympozion hier aber längst nicht so unterkühlt und kopflastig daher. Jedenfalls hat man in den zwei Jahren, die man an der Platte gefeilt hat, etwas wirklich Eigenständiges und eines der bemerkenswertesten debuts seit langem geschaffen.
    Vielleicht muss man der Platte mit ihren 52 Minuten ein wenig Zeit geben, aber ich denke, dass das Musik ist, mit der jeder nach kurzer Eingewöhnungsphase etwas anfangen kann.