Univers Zero / Live / 2006 / CD

von Houellebecq!, 06.03.06.

  1. Houellebecq!

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    Erstellt: 06.03.06   #1

    Univers Zero: Live

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    Die belgische Formation Univers Zero gibt es schon seit 30 Jahren, sie gehören zu den Mitbegründern der rock in opposition-Bewegung; wer mit dem Begriff was anfangen kann, weiß, dass diese Musik oft wenn überhaupt erst auf den zweiten Blick etwas mit rock zu tun hat.
    Das Motto von Univers Zero ist allerdings ziemlich treffend: "If Stravinsky had a rock band, it would sound like this..." Tatsächlich stehen die Mannen um den Schlagzeuger und kreativen Kopf Daniel Denis für düsteren, kammermusikalischen prog (der Zweitling "Heresie" von 1979 gilt nicht ganz zu Unrecht vielen als düsterste Platte des prog-Universums), ordentlich schräg geht es hier zur Sache, weitgehend akustisch gehalten, es wird viel improvisiert, mal neutonal, mal free-jazzig, die letzten Studio-Alben hatten auch einen deutlichen mittelalterlichen touch (und ich meine jetzt nicht In Extremo-"mittelalterlich"...), auch eher impressionistisch anmutende Klangcollagen à la King Crimsons "Moonchild" oder Zeuhl-Elemente gibt's hier gelegentlich zu bestaunen. Zuvorderst wird auf der ersten live-Veröffentlichung überhaupt aber überraschenderweise ordentlich abgerockt, wie man es nach den zuletzt arg steril produzierten Studio-Alben "Rhythmix" und "Implosion" kaum erwartet hätte, hier klingen Univers Zero mehr nach den durchgeknallten Finnen von Höyry-Kone oder den skandinavisch-melancholischen Änglagård (ihr glaubt gar nicht, wie lang ich gebraucht habe, um dieses blöde Sonderzeichen zu finden; sollen sie sich doch ABBA 2.0 nennen, dann klappt's auch mit dem kommerziellen Erfolg!:screwy: ). Auch wer das energiegeladene debut-Album der in Milwaukee ansässigen newcomer von Far Corner gehört hat, kann sich ein Bild der hier rezensierten Platte machen, wobei die Streichinstrumente bei Univers Zero nicht ganz so brachial eingesetzt werden.
    Noch ein paar Formalitäten zur CD: die Besetzung besteht aus dem Kern der band Daniel Denis am Schlagzeug und Michel Berckmans (Oboe, Englischhorn, Fagott, Melodika), daneben ist der Bassist Eric Plantain wieder mit von der Partie; sowie die "Neuzugänge" Kurt Budé (Klarinette, Bassklarinette, Tenorsaxophon), Martin Lauwers (Geige) und für keyboard-parts, die Denis auf dem letzten Studioalbum persönlich eingespielt hatte, springt nun live ein gewisser Peter van den Berghe ein.
    Leider gibt's kein komplettes Konzert, sondern lediglich Ausschnitte von zwei Konzerten (B-Brüssel und F-Les Lilas) der "Implosion"-tour, immerhin kommt der Datenträger dennoch auf ordentliche 66 Minuten. Die setlist ist recht ungewöhnlich ausgefallen: das unter fans nicht gänzlich unumstrittene "The Hard Quest" ist mit "Xenantaya", "Civic Circus" und "Kermesse Atomique" gleich dreimal vertreten, daneben gibt's "Bonjour Chez Vous" von "Ceux Du Dehors", "Méandres" und "Falling Rain Dance" von "Implosion" sowie die beiden Exoten "Electronika Mambo Musette" und "Toujours Plus À L'est" von der mir nicht bekannten Platte "Les Eaux Troubles" von Daniel Denis bzw. der "Crawling Wind"-EP.
    Bereits der opener "Xenantaya" offenbart neben den erstklassigen handwerklichen Fähigkeiten der band, dass man sich offenbar vorher noch in ein stilles Kämmerlein zurückgezogen hat, um die Kompositionen nochmal umzustrukturieren und auszubauen, vieles entsteht aber auch einfach improvisatorisch auf der Bühne. Es wird dermaßen druckvoll aufgespielt, dass man zu keinem Zeitpunkt etwa einen E-Gitarristen vermissen würde, Denis spielt wie gewohnt sehr einfallsreich und variabel, mal klingen Univers Zero in ihrer Rohheit nach Strawinskys "Le Sacre Du Printemps", mal streut van den Berghe à la Keith Tippett in King Crimsons "Cat Food" ein free-jazziges solo ein, trotzdem wirkt alles wie aus einem Guss. Für ein solides rhythmisches Fundament sorgt auch Plantain am E-Bass; tolle, knackige Klangfarbe, die sich harmonisch in das hervorragend abgemischte Gesamtbild einfügt. In "Civic Circus" trifft eine einladend verspielte Melodie auf eine unnachgiebige, archaische Rhythmik. Im Zwischenspiel streut der keyboarder eines seiner wundersam-schrägen soli ein; ganz großes Kino! Wird in "Electronika Mambo Musette" tatsächlich der Maurice Ravel mit seinem "Bolero" zitiert? Irgendwie weckt eine Stelle doch starke Reminiszenzen in diese Richtung, schlägt aber ansonsten eher in die gleiche düster-schräge Kerbe wie die anderen präsentierten songs. Beim folgenden "Kermesse Atomique" gibt's dann aber auch mal etwas ruhigere Klänge zu hören, ehe es beim zynisch-bedrückenden "Bonjour Chez Vous" sowie "Méandres" wieder die volle RIO-Breitseite gibt. "Falling Rain Dance" wird nicht nur mit einem exzellenten drum solo eröffnet, es präsentiert auch die Vorliebe der band für mittelalterliche Musik, und zwar nicht à la Perotinus, sondern richtig tänzerisch-verspielt, zusammen mit dem finalen "Toujours Plus À L'est" wird die Platte sogar mit fast versöhnlichen Klängen abgeschlossen.
    Wie man dem review wohl schon anmerken konnte, bin ich von der neuen Univers Zero-CD ziemlich begeistert, etwas negativ aufgefallen ist mir dagegen, dass die einzelnen songs eine gewisse Gleichförmigkeit kaum leugnen können, Univers Zero haben einfach längst ihren eigenen sound gefunden und den praktizieren sie quasi seit 30 Jahren, wennauch auf sehr hohem, wenn nicht einzigartigem niveau. Ich finde: jeder, der sich "progger" oder wegen mir auch "proggie" nennen will, sollte sich neben King Crimson auch mit Univers Zero beschäftigt haben.
     
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