Vorführreife erlangen

von O.S., 04.07.18.

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  1. O.S.

    O.S. Registrierter Benutzer

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    Erstellt: 04.07.18   #1
    Hallo!

    Vorab, ich bin zwar Pädagoge aber kein Musikpädagoge. Daher aber mein ausgeprägtes Interesse für Lernprozesse.

    Nach einiger Zeit der Gitarrenabstinenz habe ich mir vor einem 3/4 Jahr eine Konzertgitarre gekauft und übe seither mindestens 1x täglich. Jetzt bin ich an einem Punkt angelangt, an dem ich mehrere Stücke durchspielen kann. So sauber, dass man sie vorführen könnte, sind sie aber nicht. Welche Techniken und Strategien gibt es, um diese Vorführreife zu erlangen? Ich bin ein wenig skeptisch, dass noch 500x durchspielen der allein selig machende Weg ist. So könnten sich schließlich auch bestimmte unerwünschte Verhaltensweisen einschleifen.

    Wenn ich Lernberatung durchführe, interessiert mich auch immer die Lernbiografie meiner Schüler, vielleicht deshalb in aller Kürze:
    8. bis 20. Lebensjahr: Gitarrenunterricht, zuerst klassische Gitarre, dann viel Liedbegleitung, dann E-Gitarre, E-Bass, Gitarren-Banjo, wieder E-Gitarre.
    Während des Studiums: Immer mal wieder anlassbezogen Gitarre gespielt.
    Berufseinstieg: Pause
    Jetzt: Rückbesinnung auf klassische Gitarre.
     
  2. Blues-Opa

    Blues-Opa Registrierter Benutzer

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    Erstellt: 04.07.18   #2
    Ich bin nur Laie, und zudem "Späteinsteiger" - habe ich mich aber gerade deshalb auch mit diesem Thema auseinandergesetzt … Aus meiner Erfahrung ist über das reine Lernen und hinaus vor allem eines wichtig … Übung und Spielerfahrung. Es ist nicht etwas das man einmal durcharbeitet und dann fertig ist, sondern es ist eine Entwicklung … es braucht Zeit … man kann es nicht erzwingen.

    Manche Stücke, die ich z. B. vor 2 Jahren gelernt habe und dann sauber durchspielen konnte, vor allem etwas schwierigere, fangen nach regelmäßig wiederholen und weiter daran arbeiten jetzt erst an richtig zu laufen, und "Musik" zu werden … Das rein mechanische Spielen tritt allmählich in den Hintergrund, und man fängt an freier zu spielen und interpretieren …

    Aber "fertig" wurde ich persönlich bisher nie mit einem Stück, es lebt, verändert sich … auch beim "Vorspielen" spiele ich manches je nach Situation oder Stimmung bewusst auch immer wieder mal anders … :)
     
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  3. Captain Knaggs

    Captain Knaggs Registrierter Benutzer

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    Erstellt: 04.07.18   #3
    1. So langsam üben dass es sauber zu spielen ist.
    2. So lange üben bis Du es sauber in original Geschwindigkeit spielen kannst ohne darüber nachzudenken.

    Unerwünschte Verhaltensweisen spielen sich nur durch schlechtes und schlampiges Üben ein.

    Ein Geheimnis, bzw. eine Abkürzung oder eine magische Technik gibt es nicht.

    Deine Skepsis ist diesbezüglich leider unangebracht;)
     
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  4. Claus

    Claus Brass/Keys Trompete Moderator HCA

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    Erstellt: 04.07.18   #4
    Dito. :)
    Was hartnäckige "Verspieler" angeht, hilft zunächst sehr langsames, konzentriertes und isoliertes Üben.
    Erst die entsprechende Stelle (1-2 Noten davor plus "Problembärplus 1-2 Noten danach), dann den entsprechenden Takt, dann die entsprechende (Halb-)Phrase.
    Eine ehemals falsch gelernte Stelle ist dann "korrekt" gespeichert, wenn die korrekte Ausführung mühelos und mehrfach hintereinander im Originaltempo möglich ist (Punkt 2 bei Captain Knaggs).

    Wenn Du total sicher sein willst, dann müsstest Du das Stück unbegleitet auswendig singen zu können.
    Der Weg ist, das Stück mitsingen zu können, dann zur Begleitung singen und schließlich unbegleitet singen. Das Timbre ist bei "Nichtsängern" kein Thema, aber die Intonation sollte ziemlich passen.
    Beim unbegleiteten Singen mit Bemühen um die richtigen Töne merkt man sofort, was man eigentlich gar nicht so genau weiß.
    Ist das Stück komplizierter, lerne ich in Phrasen auswendig. Bei einem 4/4Takt sind das meist 4 bis 8 Takte, am nöchsten Tag die nächsten 4-8 Takte. Das geht nach einiger Zeit ziemlich flott und lässt genug Raum für andere Sachen, die auch geübt werden wollen.
    Wenn Du anspruchsvoller bist, dann ist es auch eine gute Übung, wichtige Töne in Bezug auf den Grundton des jeweiligen Akkordes zu bestimmen (das ist die Terz, die Quint, die Sekund usw.)
    www.youtube.com/watch?v=ayRD8TjPuCI
    www.youtube.com/watch?v=nl2d4zS56cY

    Wie gesagt, es geht schneller, wenn man eine bestimmte Art zu Lernen gewohnt ist.
    Umgekehrt steigt schnell ein gewisser Unwille auf, wenn man sich erst wieder "Reinschaffen" muss und Neuland betritt.

    Mein Tip dazu sind kleine Übungseinheiten und eine flache Lernkurve mit ausreichend vielen Erfolgserlebnissen.
    Außerdem nicht bis zur Erschöpfung üben, sondern aufhören, "wenn es am Schönsten ist". in der Praxis also nicht den ganzen Abend, sondern wirklich nur 45-60 Minuten, das reicht bei hoher Konzentration und Vorüberlegugnen, was überhaupt geübt werden soll.
    So bleibt die Lust zum Üben möglichst hoch, das ist für Autodidakten entscheidend.

    Gruß Claus
     
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  5. O.S.

    O.S. Threadersteller Registrierter Benutzer

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    Erstellt: 04.07.18   #5
    Hallo!

    Erstmal vielen Dank für die schnellen Antworten!

    Den Gedanken hatte ich auch. Jetzt erstmal Tempo rausnehmen und auf Präzision achten. Beim Erlernen handwerklicher Berufe macht man das übrigens auch so. Langsam aber präzise. Die Geschwindigkeit stellt sich mit der Routine von selbst ein.

    Gilt das auch für Stücke wie die Mondscheinsonate und Asturias? Gerade bei ersterem hatte ich immer den Eindruck, dass die Arbeit mit Akkorden hier mehr im Vordergrund steht.


    Ganz allgemein bin ich noch auf folgendes gekommen:
    Langsam und exakt mit Metronom üben, später dann wieder auf das Metronom verzichten um über eine gewisse Dynamik das Stück ausdrucksstärker spielen zu können.[/QUOTE]
     
  6. HD600

    HD600 Registrierter Benutzer

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    Erstellt: 04.07.18   #6
    Soweit zur Theorie und Spieltechnik. Und wenn mit den Übungen alles geklappt hat, stehst du erstmals vor Leuten und versemmelst es vielleicht trotzdem...
    Was ich damit sagen will: Beim üben ruhig auch mal vor ein paar befreundeten Leuten spielen um dich mit der Situation erstmal anzufreunden. Natürlich nur wenn dies ein Problem für dich darstellen sollte. Lernprozess im stillen Kämmerlein und Liveauftritte sind zwei unterschiedliche Dinge. Live solltest du auch mal in der Lage sein, beim Spielen die Leute anzuschauen.

    Ein anderer Punkt: Selbst die hartgesottensten Profis machen manchmal Fehler auf der Bühne. Für Perfektion und Fehlerfreiheit reicht glaube ich 1 Stunden am Tag nicht, daher sich lieber auch damit beschäftigen, wie man in einer Live-Situation mit Fehler umgeht. Auf jedem Fall immer weiter Spielen auch wenn man sich mal um eine Note vergriffen hat. Ich denke, dass Publikum Fehler in diesem Bereich gut verzeihen kann, was jedoch m.E. tödlich ist, sind Timingfehler. Dein Rhythmus sollte schon gut sitzen.

    Schreibt der der kein Pädagoge ist und auch keine konkrete Bühnenerfahrung hat.... aber gesunder Menschenverstand hat doch auch was.. :D
     
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  7. McCoy

    McCoy HCA Jazz & Piano Ex-Moderator HCA

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    Erstellt: 04.07.18   #7
    Für mehrstimmige Sachen bei z.B. Klavier und Gitarre würde ich die Aussage vonm @Claus dahingehend abändern, daß Du ein Stück ohne Instrument und ohne Noten rein in der Vorstellung mit Fingersätzen, Klangvorstellung und Ausdruck durch"spielen" kannst.

    Stichwort: Mentales Üben.

    Viele Grüße,
    McCoy
     
  8. Claus

    Claus Brass/Keys Trompete Moderator HCA

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    Erstellt: 04.07.18   #8
    Ich weiß nicht, ob es für Alles und Jedes gilt.

    Bei der Mondscheinsonate habe ich versuchshalber die ersten Arpeggios mitgesungen und dann die berühmte Melodie, auch bei den Asturias lässt sich etwas dazu singen. Ich wette, dass kann Jede/r andere auch, die/der das möchte.
    youtube.com/watch?v=kS8eVFq1ZdU
    youtube.com/watch?v=inBKFMB-yPg

    Es kommt m.E. nicht darauf an, das Singen zu einer "transkriptionsreifen" Wiedergabe des Stückes zu führen, sondern eine innere Repräsentation aufzubauen, durch die es im musikalischen Hören besser verankert ist - das Singen muss ja nicht öffentlich sein. Problematische Stellen genauer durch Singen in den Griff zu bekommen lohnt sich aber m.E. schon, das kenne ich von der Trompete aus Erfahrung.
    youtube.com/watch?v=qB76jxBq_gQ
    youtube.com/watch?v=HPqK1JJOFxw

    Eine Supermethode und Übung für das musikalische Hören ist es, bestimmte Akkordtöne und Tensions zu einer bekannten Akkordfolge zu singen.
    www.youtube.com/watch?v=2X-WsnWCAaA
    Wenn man sich da halbwegs entwickelt (z.B. die Dreiklangstöne singen kann), spielt man Stücke schon aus einer ganz anderen Warte.
    Während ich das schreibe bekomme ich das Gefühl, dass wir Amateurmusiker unsere Ziele zu sehr durch Spielen üben erreichen wollen und zu wenig durch Hören üben. Das etwas mehr in Balance zu bringen, wäre ein gutes Stück Arbeit an der "Vorführreife".

    Gruß Claus
     
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  9. glombi

    glombi Registrierter Benutzer

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    Erstellt: 05.07.18   #9
    Als Pädagoge für Dich wahrscheinlich offensichtlich, daher trotz der Gefahr Dir Bekanntes nochmal breit zu treten: Nicht ganze Stücke immer wieder komplett "durchspielen", sondern die problematischen Stellen analysieren, sich die erwünschte Verbesserung klar machen (oder noch besser von einem Außenstehenden aufzeigen lassen), und diese dann in kleinen Häppchen üben und die Geschwindigkeit nur langsam steigern. Wenn das Ziel erreicht ist, im Zusammenhang ausprobieren...

    Viel Spaß und Erfolg.

    Gruß,
    glombi

    P.S.: Ich werde wohl in diesem Leben wohl auch nicht mehr so gut und fehlerfrei, wie es gerne hätte. Das hält mich aber nicht davon ab aufzutreten, falls sich mal die Gelegenheit ergibt. Allerdings kann ich mich dabei auch in einer großen neunköpfigen Band "verstecken"... :embarrassed:
     
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  10. Blues-Opa

    Blues-Opa Registrierter Benutzer

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    Erstellt: 05.07.18   #10
    Mir hilft es auch, mich zur Kontrolle immer wieder mal selbst aufzunehmen. Ich hasse das, den Technikkram, und mich aufzunehmen überhaupt … aber es hilft, es zeichnet gnadenlos jede Schwachstelle auf :)

    Wobei ich nicht das Ziel habe "perfekt" zu werden … Wirklich "perfekt" gibt es sowieso nicht, es gibt IMMER etwas das man besser oder anders machen kann. Und bei allem Respekt vor dem rein technischen Können mancher Virtuosen … vom Gefühl her empfinde ich vieles was scheinbar perfekt ist eher als langweilig ...
     
  11. Abendspaziergang

    Abendspaziergang Registrierter Benutzer

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    Erstellt: 06.07.18   #11
    Ich glaube, ein wesentlicher Aspekt ist auch, sich realistische Ziele zu stecken und sich für Auftritte auf Versionen der Lieder zurückziehen, die man sicherer beherrscht. Auch wenn man im stillen Kämmerlein vielleicht irgendwelche tollen Versionen mit allerlei Extras beherrscht: Im Zweifelsfall zieht das Publikum eine im Rythmus sauber geschrummte Version einer mit Fehlern versehenen wilden Picking-Orgie vor.

    Mein erster Auftritt vor Publikum im "Bandkontext" hat mich derart gefordert, dass ich auf alle Extras verzichtet habe und ganz ehrlich: das Publikum hat es glaube ich gar nicht vermisst. Das Risiko, eine Saite nicht oder nicht richtig zu treffen war mir da einfach zu groß. Wenn man dann sowieso noch mit der PA kämpft und keine Erfahrung mit dem richtigen Abmischen hat, gehen die Details sowieso unter.

    Ich sehe auch noch einen Unterschied darin, ob man eher generisch "in der Breite" besser werden möchte, also flexibel und vielleicht eher spontan verschiedenste Stücke unterschiedlicher Stilrichtungen vortragen möchte, oder ob es dieses eine, total schwere Stück sein soll, an dem man sich dann natürlich entsprechend lange abarbeitet, bis es funktioniert, man aber kaum Gewinn für andere Stücke und die Flexibilität erzielt.

    In jedem Fall gilt aber: eine saubere einfache Version ist besser als eine unsaubere schwierigere.
     
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