ich versuche seit ewigen Zeiten die Zugriegeleinstellung (Hammond) für Michael Holms Mendocino zu finden.
Was ist denn Deine am nahe kommendste Einstellung?
Ansonsten eine kleine Abhandlung in 4 Punkten:
1. Erfahrungswert
Man kann recht ähnlich klingen. Genau gleich zu klingen, ist nicht oder nur mit großem technischen Aufwand erreichbar.
2. Ergebnis vorweg
2.1. Einstellungen
An meiner Nord Stage 3 führen diese Settings recht nahe an die fragliche Orgel:
Zugriegel: 00 2004 008
Percussion: 1 und 3, also Volume Soft und Harmonic 3rd
Leslie: fast, kaum Distortion
EQ: Fender Twin
Treble mid (4 kHz)
Mid: 4 kHz, 0dB
Bass: middle (= 100 Hz)
Drive: 1.2
2.2 Funktionen:
Generell ist es gut, wenn man einen nachrichtentechnischen Hintergrund hat, sich insbesondere Frequenzspektren und die Auswirkungen der Einstellungen darauf zumindest grob vorstellen kann.
Diese Einstellungen sind eher Anhaltspunkte. Je nach Instrument und Hersteller können die auch einmal etwas anders wirken, so dass gezielte "Verstösse" gegen mein Rezept wenigstens einen Versuch wert sind.
2.2.1. Zugriegel
Die weiße 00 0000 008 (1 ft) ergibt eine sehr hohe Tonlage. Die anderen beiden weißen 00 2004 000 (2 ft und 4 ft) ergeben ... Untertöne. Das ist gewissermaßen ein gespiegeltes Spektrum:
- normal wäre für die Frequenzverhältnisse 1 - 2 - 4, mit abnehmender Intensität 8-4-2
- hier umgekehrt zunehmend 2-4-8
00 2004 008 ist übrigens in keiner der "originalen" Werkseinstellungen (linke Tastenfelder) vorhanden. Als "typische" Songeinstellung lief mir die noch nicht über den Weg: also hören und verändern.
Übrigens: Bildete man diese Verhältnisse durch reine Sinusgeneratoren nach, klänge es auch ohne Leslie nicht wie eine Hammond. S.a. 3.2.
2.2.2. Percussion
Würden wir heute als Envelope für die durch Tastenanschläge ausgelösten Klänge bezeichnen. Diese Kombi der 8 möglichen klang gut genug.
2.2.3. Vibrato/Chorus
Keins
2.2.4. Leslie
Der macht aus dem o.g. piepsigen Klang ein interessantes, dem Original recht nahekommendes Geräusch.
Spektral macht er mehr, als nur Obertöne aus Verzerrungen und Dopplereffekt - dazu gibt es viele Untersuchungen. Vermutlich muss man die RPM noch höher als Normal wählen.
S.a. 3.3.
2.2.5. EQ (Fender Twin)
EQ ist immer einen Versuch wert, um den oben erzeugten Grund-Klang etwas lieblicher, schriller usw. zu machen. Durch Amp-Verzerrungen entstehende Obertöne scheinen für die Songnachbildung eher störend zu sein.
3. Zur Klangsynthese
Um dem Klang nahezukommen, ist es gut, sich in der Zeit zurückzuversetzen: Die Aufnahme entstand ja mit den Mitteln jener Zeit ...
3.1. Studioausstattung damals
Etwas übertrieben gesagt: "wir hatten ja nichts ..."
Man liegt sicherlich richtig, anzunehmen, dass die heute mit jeder DAW selbstverständlichen Effekte (Chorus, Compression, Reverb, Hall usw.) eher spärlich in Studios verteilt waren. Gute Ausstattungen ergeben eben auch teure Produktionen.
Heißt für uns: Weniger ist vermutlich näher dran.
3.2. Hintergründe Hammond
Haben wir eine Hammond am Set? Vielleicht gibt es ja Videos oder Bilder aus der Zeit. Nehmen wir es an und betrachten Klang-Streuungen. "Hammond" ist ja kein festgenagelter Standard, sondern ein sehr variables Klanggeschehen.
3.2.1. Modell zu Modell Streuungen
Vom selben Grundprinzip der 1920er Jahre entstanden enorm viele Ableger: Wie bei jedem genügend großen Hersteller. Das wirkt sich auf den Grundklang aus.
Hammond legte, ohne nachzuzählen, im Laufe der Zeit sicher ca. 20 Modellserien auf.
Meine Viscount Legend (B) kann ich umschalten auf die Modelle BC 1936, B3 1956 und A100 1961 ... und das hört man.
3.2.2. Instrument zu Instrument Streuungen
Industrielles Qualitätsmanagement mit hohem Anteil von statistischen Hilfsmitteln entstand in Japan mit dem Kriegsende seit 1945. Mitte bis Ende der 1980er erwachte "der Westen" schockartig, weil das Unmöglich in Japan regelmäßig gelang: hohe Qualität zum günstigen Verkaufspreis, jenseits von Marketing- und Kostenrechnertricks. Als Merkmal fest im Produkt eingebaut.
Heute ist (war ?) es für uns selbstverständlich, dass Qualität über Lieferketten, über Fertigungsschritte, über Entwicklung usw. sichergestellt wird.
Umgekehrt betrachtet zeigten auch Hammond Orgeln einen gewissen "individuellen Charakter" (als Folge aller möglichen Streuungen). Deshalb verlasen viele Musiker Ihre B3, A100 usw. mit dem Ohr. Welche steht also im Studio des Videos?
Hier gehen alle klangprägenden Streuungen ein, wie etwa voneinander abweichend gefertigte Tonewheels und Pickups, Röhrenstreuungen, Übersprechen durch die zahlreichen Kabel, Komponentenstreuungen aller Art usw.
3.2.3. Besitzer zu Besitzer Streuungen
Nicht wenige Hammonds wurden von ihren Besitzern restauriert, umgebaut, getuned. Was haben wir also im Video vor uns?
3.3. Zum Leslie
Hier gilt das o.g. sinngemäß.
Nicht zu vergessen, dass die typische Signalkette damals so aussah:
Hammond - Leslie/Speaker - (Raum) - Mikro - Mischpult - Tonband
Die Nachbildungen, die in Keyboards oder in externen Geräten, wie dem Ventilator, zu finden sind, sind nicht immer nahe dran an den Ergebnissen aus jener Zeit.
3.4. Toningnieur
Auch den darf man für die Klangnachbildung nicht vergessen. Da gab und gibt es echte Experten mit geschulten Ohren, denen so schnell keiner das Wasser reichen kann.
4. Daher dieser Erfahrungswert
Man kann recht ähnlich klingen. Genau gleich zu klingen, ist nicht oder nur mit großem technischen Aufwand erreichbar.