Taktgefühl

  • Ersteller Klangbutter
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G
  • Gelöscht von cello und bass
  • Grund: OT
Ich würde sagen Talent ist etwas, was man in die Wiege gelegt bekommen hat. Man kann vieles lernen und verbessern, aber jemand mit Talent tut sich immer leichter.
Ich kann nur aus meinem Beruf sprechen, ich bin Bandagistin (Orthopädietechnik), das ist ein Handwerk. Wenn wir Praktikanten haben, merke ich am 1. Tag ob die handwerkliches Geschick haben oder nicht und ich erkenne das immer so schnell. Wenn einer nicht Nähen kann, aber geschickt ist, lernt er das schnell, wenn einer ungeschickt ist, dauert es Ewigkeiten.
Ist das mit der Musik und, wie in diesem Fall, mit dem Akkordeon spielen nicht genauso?

Gruß grollimolli
 
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@grolli
+1
ich frage mich nur, ob man es für jedes Gebiet verallgemeinern kann oder ob Talent nicht doch auch ein Stück weit von Aktivitäten auf einem bestimmten Gebiet zusammen hängt - also ob spezielles Talent mit jeweils in Zusammenhang stehenden Fähigkeiten erworben wird. Denn so möchte ich es eigentlich gern glauben!
Aber in vielen Fällen zeigt sich eigentlich ein breites Talent / Talentfreiheit. Aber vielleicht bleiben als Gegenüber einfach bestimmte Talente verborgen.

@Lisa
Da präsentierst Du uns wieder eine ausgeklügelte Methode. Danke!
Ich mußte erst einige male lesen, um mir alles vorstellen zu können und mir wird immer bewußter, dass wahrscheinlich jeder seine eigene Art finden muss. So vielfältig wie die Ansprechbarkeiten der Kinder nämlich sind, so vielfältig sind auch die Lehrer mit den passenden Methoden.
Es ist ein bischen wie bei Vertretern/Verkäufern. Der eine ist jammernd bettelnd, der andere tritt auf wie ein Erfolgsmensch, ein dritter kommt mit bestechenden logischen Argumenten, einer stellt suggestiv-Fragen und wieder ein anderer nervt einfach so lange, bis man kauft. Auf die Überzeugungskraft kommt es an.

Ich kann also nicht versprechen, dass ich die Methoden genau so anwende, aber irgendwas bleibt bestimmt hängen und findet Anwendung :).
 
Zum Thema Talent gibt es aber auch eine Kehrseite - und evtl. sind auch nachher diejenigen die besseren, die eben weniger Talent haben....in meinem Umfeld sah es so aus:

Viele Musikpädagogen (Grundschullehrerin, erste Klavier- und erster Schlagzeuglehrer(-in)) erzählten meinen Eltern, ich hätte ein großes Talent in Sachen Musik. Und da war auch wirklich was dran: Meine Schwester fing ein Jahr vor mir mit Klavier an und übte fast jeden Tag. Ich selber übte immer nur 30 Minuten vor der nächsten Unterrichtsstunde und überholte sie trotzdem nach einem Jahr mit den Stücken. Sie fand das damals so ungerecht, dass sie irgendwann mit dem Klavierspiel aufhörte. Gott sei Dank hat sie dann mit dem Gesang etwas gefunden, wo sie wirklich sehr gut drin ist - sie hat der Musik also nicht ganz den Rücken gekehrt.

Heute stehe ich als durchschnittlicher Musiker da - und ärgere mich ehrlich gesagt ein wenig, früher nicht viel mehr investiert zu haben, anstatt meine Lehrer nur zufrieden zu stellen. Und in meinem Musiker-Freundeskreis haben mich viele überholt - und zwar genau diese, die zwar nicht so viel Talent hatten, aber mit Fleiß und viel Üben an das lernen gegangen sind.

Das sind meine Erfahrungen - auf einem Talent kann man sich super ausruhen - und ein Talent kann anderen einen anreiz geben, mehr zu machen.

Richtig gute Musiker werden eben diejenigen, die das entsprechende Talent haben, und trotzdem so viel lernen und üben wie alle anderen.
 
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Ich glaube ja auch, dass man viel lernen kann und durch viel Fleiß auch was erreichen kann. Aber Talent ist einem nun mal in die Wiege gelegt. Es kann auch gut sein, dass einer seine Talente nicht erkennt und sie nicht nutzt, aber ich denke die meisten kommen darauf. Denn was man gut kann macht auch meistens viel Spaß.
Ich habe es als Kind immer bedauert, dass meine Eltern mit mir nie gebastelt haben, heute weiß ich die konnten das einfach nicht, weil total ungeschickt. Ich habe trotzdem immer Wege gefunden zu basteln und letzt endlich ja auch so einen Beruf gewählt.
Ausserdem waren sie extrem unmusikalisch, ich habe trotzdem Blockflöte gespielt.. Ich träumte immer davon Klavier zu spielen, habe aber keinem davon erzählt. Das war wohl der Grund warum ich es nie gelernt habe.

Musik spielte immer eine Rolle in meinem Leben. Ich habe erst spät angefangen Akkordeon zu spielen, letzt endlich aus einer Feierlaune heraus. Aber zu einer Zeit, wo die Zeit wohl dafür reif war. Es macht mir super viel Spaß. Und ich kann mir auch die Zeit nehmen zu üben. Hätte ich 15 Jahre früher eher nicht geschafft.

Ich habe noch ein Beispiel aus meinem Leben. In der Berufsschule hatten wir eine, die eine Lernschwäche hatte, sie ging zur Sonderschule und hat es durch viel Fleiß, extrem viel! Zum Realschulabschluss gebracht. Ich dagegen als extrem Faulpelz nur zum Hauptschulabschluss. Als wir unseren letzten Berufsschul-Block hatten kam die Frage auf, wie lange denn schon alle lernen. In dem Block schrieben wir unsere Gesellenprüfungs Arbeiten. Alle lernten schon wochenlang, die eine Besagte sogar Monate. Als bei mir die Frage ankam versank ich in den Erdboden und saget ganz leise "Ich fange dann morgen mal an"
Mit dem Erfolg, dass ich mit 2 bestand und die Besagte mit 3.
Mir viel das Lernen offensichtlich viel leichter, hätte ich meine Fähigkeiten besser genutzt wäre bestimmt noch mehr drin gewesen.

Gruß grollimolli
 
@Lisa
Ich mußte erst einige male lesen, um mir alles vorstellen zu können ...

Es einfach mal zusammen zu machen, wäre sicherlich deutlich einfacher gewesen ... :rolleyes:


... und mir wird immer bewußter, dass wahrscheinlich jeder seine eigene Art finden muss. So vielfältig wie die Ansprechbarkeiten der Kinder nämlich sind, so vielfältig sind auch die Lehrer mit den passenden Methoden. .... Auf die Überzeugungskraft kommt es an.

So ist es! Jeder muss seinen eigenen Weg finden. Und ohne Überzeugungskraft läuft nichts. Überzeugend kann man als Lehrer aber nur sein, wenn man sich selbst treu bleibt und sich nicht irgendein Konzept überstülpen lässt, das dem eigenen Wesen überhaupt nicht entspricht.

Ich kann also nicht versprechen, dass ich die Methoden genau so anwende, aber irgendwas bleibt bestimmt hängen und findet Anwendung :).

Die Methode genau so anwenden mußt Du ja auch gar nicht. Ich variiere ja selber auch ganz nach Bedarf. Es wird nur irgendwann unübersichtlich, wenn man immer wieder schreibt "... bei Bedarf ...", " ... eine von mehreren Lösungen/Möglichkeiten ..." etc. Die ganzen in der Persönlichkeit des Lehrers begründeten feinen Unterschiede der Unterrichtsführung können bei der Beschreibung einer Methode kaum erfasst werden, sind aber in der Praxis von großer Bedeutung. Entsprechendes gilt für die immer wieder anderen Gruppensituationen.
Ein nicht seltenes Problem in der Lehrerausbildung ist, dass Patentrezepte erwartet werden. Die gibt es aber nicht. All die Bücher mit Stundenbildern sind entweder Momentaufnahmen oder die Summe von Erfahrungen, aus denen dann in gewisser Weise Idealbilder extrahiert werden. Sie können immer nur Anregungen sein, Denkanstöße vermitteln.
Die von mir geschilderte Methode ist auch nur ein Denkanstoß. Die Beschreibung soll im Grunde nichts anderes zeigen, als dass es eine Möglichkeit gibt, die Bedeutung eines Notensymbols mit Hilfe eines Bewegungsmusters zu verinnerlichen und dann leichter zu erinnern (vereinfacht ausgedrückt) und wie diese Methode erfahrungsgemäß funktionieren kann. Was Du daraus machst bzw. in dieser oder jener Gruppensituation daraus machen kannst, ist dann Deine Sache. Angesichts Deiner lebendigen Kreativität bin ich aber sicher, Du findest einen für Dich und Deine Schüler guten Weg. :great:

Gruß
Lisa
 
Um zum Ausgangspunkt zurück zu kommen: Ich finde die Idee eines Musiklagers eine supergute Sache! Gerade, weil da dann Zeit ist für so grundlegende Sachen wie Rhythmus-Spiele, da haben ja oft auch normale/begabte Schüler ihre Probleme.
Auch die Idee einer "Zugangsvorraussetzung" (selbstständiges "Vorspiel" eines einfachen Stückes?) finde ich gut, das gibt einen zusätzlichen Anreiz zum Üben und das Lager ist dann eine Belohnung für gute Arbeit. Dem Kasper wird dann schnell klar, dass er üben bzw. mitarbeiten muss, um mitzudürfen. Wenn er weiter macht wie bisher, dann hast du ein klares Argument, ihn nicht mitzunehmen, weshalb auch? Das Prinzip "von nichts kommt nichts" dürfen auch Grundschüler schon lernen, hilft fürs spätere Leben.
Ich würde das auch weniger als "herauskegeln" sehen als als Chance für einen Neuanfang, denn es macht doch für das Kind keinen Sinn, krampfhaft weiter Zeit zu investieren in ein Instrument, das ihm offensichtlich überhaupt nicht liegt bzw. mit dem es furchtbar überfordert ist. Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende. Ich unterstelle mal: Würde der Jeki-Unterricht ernsthaft Geld kosten, hätten die Eltern diese Überlegung vermutlich längst angestellt und nach etwas gesucht, was dem Kind wirklich was bringt, denn als "spaßiges Verwahren in der Mittagspause" (so scheint der Knabe das zu nutzen) ist Musikunterricht meiner Meinung nach definitiv zu schade.
 
Aber Talent ist einem nun mal in die Wiege gelegt.

waere schlimm, wenn es im Leben nur nach "Talent" ginge.
Sollte ich jetzt aus Talentmangel lieber auf den Spass und die Freude an der Musik verzichten...

Ich glaube ja auch, dass man viel lernen kann und durch viel Fleiß auch was erreichen kann.

....weil ich es damit zu nichts bringe? (nichts erreiche)

Schon schlimm genug, dass wir in so einer Leistungsgesellschaft leben :-(

Wie kommt das bei einem 10jaehrigen?: "So, du hast zwar Spass aber kein Talent; geh Heim, Du bringst es zu nix!"
 
@SyLvia: Falsch, gemeint ist wohl eher "So, du hast zwar Spaß aber kein Talent, du wirst immer viel mehr Aufwand treiben müssen als andere, um auch nur einen geringen Erfolg zu haben. Das wird vermutlich auf Dauer extrem frustierend sein (ist es ja offenbar jetzt schon), such dir lieber ein Hobby, das dir leicht fällt und in dem dir Erfolg und Anerkennung zufliegen". Das kann ja durchaus auch einfach ein anderes Instrument, ein Chor oder eine Tanzgruppe sein, kann man in dem Alter ja alles noch ausprobieren.

Das hat mit Leistungsgesellschaft doch rein gar nichts zu tun, Grollimolli zeigt lediglich auf, dass man mit eisernem Willen und großer Disziplin "Talentlosigkeit" bewundernswert überwinden kann, nur zeigt das Kind im Beispiel daran eher wenig Interesse. Seine faktische Arbeitsverweigerung ist ziemlich rücksichtslos gegenüber den anderen Kindern und überfordert damit letztlich auch den Lehrer. Bei Einzelunterricht sähe das anders aus.
 
@cala
Die meisten Musiker liegen mit ihrer Begabung genau zwischen talentiert und untalentiert: die wenigsten kriegen ueberhaupt nie etwas zustande und die wenigsten werden Spitzenmusiker, die allein davon leben koennen, zu letzerem kommt noch ein gewissen Glueck dazu, welches mit Talent gar nix zu tun hat (im Bereich von "etwas erreichen"), darueberhinaus definiert sich jeder selbst, was fuer ihn "erreichen" bedeutet und auch die Aufwandsabschaetzung oder die Bewertung des Aufwandes, muss jeder mit sich selbst ausmachen. Solange ein Kind freiwillig und gern zum Unterricht kommt, bin ich der Meinung, muss es auch bedient werden - unabhaengig von seinem "Talent". Manche Menschen zuenden frueher, manche spaeter und das sollte man ihnen nicht nehmen. Wer als Musiklehrer nicht mit "untalentierten" Kinden umgehen kann, muss sich ueberlegen, ob er da an der richtigen Stelle ist. Jedes Kind muss bei seinem Level abgeholt werden, so lange es abgeholt werden moechte. Das heisst jetzt nicht, dass ich Klangbutter als Lehrer deplatziert sehe. Ganz im Gegenteil, er steckt da enorm viel Muehe, Gedanken und Liebe hinein. Ich meine den Satz mit dem deplazierten Lehrer _generell_ und nicht bezogen auf Klangbutter. Das schreibe ich hier so deutlich, weil ich von Klangbutter sehr viel halte.
Es kann auch vorkommen, dass ein Kind im Unterricht deswegen stoerend oder den Unterricht behindernd wirkt, weil es dort, aus welchen Gruenden auch immer, Sachen kompensiert, weswegen ein Lehrer unbedingt immer auch Paedagoge sein sollte oder an der Schule einen solchen zur Beratung zur Verfuegung haben sollte. Dass das in unserem Schulsystem, auch wenn Musik in dieser Form vielleicht fakultativ ist, nicht hergegeben wird, weiss ich selbst. Und finde es schade fuer jedes Kind, das nicht abgeholt wird oder nicht abgeholt werden kann.

ein Chor oder eine Tanzgruppe
das haette ich vor zwei, drei Jahren vielleicht auch gedacht. Aber nachdem ich Musik mit meinem Instrument kennengelernt habe, weiss ich, dass es dafuer keinen Ersatz gibt
und meiner Meinung nach Chor und Tanzgruppe keine Alternative darstellt.

Jetzt lese ich gern weiter von den Paedagogen und Lehrern, die hier einen sehr guten Thread haben...

Gruss,
Sylvia
 
... die Idee einer "Zugangsvorraussetzung" (selbstständiges "Vorspiel" eines einfachen Stückes?) finde ich gut, das gibt einen zusätzlichen Anreiz zum Üben und das Lager ist dann eine Belohnung für gute Arbeit. Dem Kasper wird dann schnell klar, dass er üben bzw. mitarbeiten muss, um mitzudürfen. Wenn er weiter macht wie bisher, dann hast du ein klares Argument, ihn nicht mitzunehmen, weshalb auch? Das Prinzip "von nichts kommt nichts" dürfen auch Grundschüler schon lernen, hilft fürs spätere Leben.
....

Ob der selbständige Vortrag eines einfachen Stückes das richtige Zugangskriterium für das von Klangbutter geplante Orchesterlager ist, wäre in der Tat noch zu klären. Zugangskriterien sollen ja sicherstellen, dass die geplanten Aufgaben grundsätzlich durchführbar sind. Dazu muss meines Erachtens nicht nur überlegt werden, wie der Stoffplan für das Orchesterlager aussieht, sondern auch, von welchen Verhaltensweisen (!) der Schüler es abhängt, ob dieser Stoffplan durchführbar ist oder nicht. Im vorliegenden Fall stört ein schwieriger Schüler durch verschiedene Verhaltensweisen die Unterrichtsarbeit. Wichtiges Zugangskriterium wäre demnach, störendes Verhalten abzulegen. Um das positiver auszudrücken, könnte man einen "Wenn-Dannn-Katalog" aufstellen, in dem ganz klar definiert wird, welches Verhalten in welcher Situation erwartet wird. Das betrifft in der Regel nicht nur die schwachen Schüler!

Beispiel:
Es ist klar, das der Unterrichtserfolg der gesamten Gruppe unter anderem davon abhängt, wie sehr die Schüler bereit sind, sich im Unterricht zu investieren. Dazu gehört wesentlich mehr, als Zuhause ein Stück zu üben und dann alleine vorzutragen. Jeder Einzelne muß auch bereit sein, das Zusammenspiel der Gruppe zu unterstützen und zwar im weitesten Sinne. Das kann begabten Schülern unter Umständen schwerer fallen, als unbegabten. Ein Schüler mit Wissensvorsprung oder jemand, der einfach schneller "schaltet" als die anderen, kann durch unentwegtes Vorpreschen die methodische Erschließung des Unterrichtsstoffs völlig zunichte machen. Und das kann den Fortschritt der Gruppe genau dadurch extrem verlangsamen! Das durchschauen die Kinder naturlich nicht von allein. In so einem Fall ist es sinnvoll, das Problem so frühzeitig wie möglich in einem Vier-Augen-Gespräch zu klären und dabei Strategien zu vereinbaren, durch die dieser Schüler besondere Anerkennung und Leistungsmotivation erfährt, ohne dies der Gruppe permanent "vorzuführen". Meine persönliche Strategie ist, mit solchen Schülern eine Art nonverbalen "Geheimcode" zu vereinbaren, der vor allem dazu gedacht ist, Lob und Anerkennung zu vermitteln, damit sich so ein Schüler nicht "ausklinkt". Details sind extrem situationsabhängig. Wenn die Gruppe zusammen musiziert, müssen diejenigen die gut und fehlerfrei musizieren akzeptieren und tolerieren lernen, dass einige Gruppenmitglieder das nicht schaffen. Wer das "packt", hat dafür besondere Anerkennung verdient. Die kann aber aus "strategischen" Gründen nicht ständig laut "herausposaunt" werden. Es wäre aber ein falsches Signal, sich ständig um die "Fehlerproduzenten" zu kümmern und die Leistung der "Fehlerfreien" nicht weiter zu erwähnen. Die guten Schüler fühlen sich dann ignoriert und fallen in ihrer Leistung unweigerlich ab. Daher sind das Vier-Augen-Gespräch und die nonverbalen Signale für Anerkennung sehr wichtig. Durch sie erfahren die guten Schüler aktive positive Zuwendung. Klangbutter fragte ganz am Anfang mal sinngemäß, warum die Schüler nicht selbst erkennen können, ob sie richtig oder falsch gespielt hätten und ihn immer so fragend angucken. Ohne die Situation jetzt mangels persönlicher Kenntnis einschätzen zu können, neige ich zu der Annahme, dass diese Schüler vor allem die Anerkennung des bewunderten Meisters suchen. Das ist etwas ganz anderes bzw. viel mehr als nur die Bestätigung für richtig oder falsch.

Extreme "Fehlerproduzenten" produzieren eine Art "Störfeuer", durch das sie im Allgemeinen recht zuverlässig sehr schnell aktive Zuwendung (fortgesetzte Extrahilfen, Ermahnungen ...) erfahren und sogar "Anerkennung" (Gekicher der Mitschüler) ernten. Der Verdacht, dass der besonders auffällige Schüler es (unbewußt) darauf anlegen könnte, auf diese Weise Zuwendung zu erhalten, kam hier bereits auf. Da obendrein bestätigt wurde, dass dieses Kind auch in anderen Fächern auffällig ist, liegt der Verdacht nahe, dass hier bereits ein eingefahrenes Verhaltensmuster entstanden ist, das nur noch schwer zu korrigieren ist. Dafür, wie man solchen Situationen am besten begegnet, kann man nur schwer Tipps geben, wenn man die Unterrichtssituation nicht aus eigener Anschauung kennt. Denn es ist ein sehr schwieriger Balanceakt zwischen Ignorieren und Zuwendung gefragt. Meine Strategie ist: je stärker mich ein Schüler durch Fehlverhalten herausfordert, um so mehr lobe ich die Schüler, die dieses Fehlverhalten ignorieren, unbeirrt mitarbeiten und gute Leistung bringen. Ich ignoriere diesen Schüler aber nicht völlig. Das würde ihn ja herausfordern, sich noch mehr zu produzieren, um meine Aufmerksamkeit irgendwann doch noch zu erreichen. Um also der Eskalation vorzubeugen, quittiere ich seine Aktionen mit passenden (möglichst emotionslosen - wichtig!) Bemerkungen und spende wenn irgendwie möglich im gleichen Atemzug (sehr wichtig!!!) einem guten Schüler oder der ganzen Gruppe ein sachlich nachvollziehbares Lob. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass unentwegte "Fehlerproduzenten" irgendwann dagegen aufbegehren, ständig zur "Falsch-Gruppe" zu gehören ("Nie sagst Du zu mir richtig/gut etc. !") Das ist ein sehr wichtiger Moment, weil das zeigt, dass es dem Schüler nicht mehr allein darauf ankommt, überhaupt Zuwendung zu erfahren. Denn die bekommen die anderen ja auch. Jetzt will er ein "Richtig!" hören, also nicht nur Zuwendung, sondern auch Anerkennung bekommen und fühlt sich extrem ungerecht behandelt, wenn das in einem Moment, wo er tatsächlich etwas richtig gemacht hat, nicht kommt. (... und wenn ich dann mal was richtig machte, merkst Du es nicht ...) Es ist oft schwer, diese nicht selten winzigen Momente im Eifer des Gefechts nicht zu übersehen und zugleich ungeheuer wichtig, diese zu erwischen. Auch deshalb finde ich Videoprotokolle wichtig. Denn als Lehrer habe ich durchaus die Chance zum "Nachbessern". So tut es einem Problemschüler ungeheuer gut, wenn man später auf ihn zugeht und ein Lob im Nachhinein für etwas ausspricht, was man z.B. im Videoprotokoll entdeckt hat. In der Regel zeige ich bei so einem Gespräch gleichzeitig Möglichkeiten für das "Einheimsen" weiterer Pluspunkte auf ( wenn du als nächstes das und das schaffen könntest, fänd ich das ganz toll ... ) Der Schüler muss aber auch akzeptieren lernen, das falsch eben falsch ist und er ein richtig oder gut erst dann zu hören bekommt, wenn das gerechtfertigt ist. Und wenn er mit ins Orchesterlager will, dann muss er lernen bestimmte Spielregeln zu akzeptieren. Und dazu gehört unter anderem, sich bestimmte Grundlagen zu merken, sie ohne "Bohai" abrufen zu können und andere konkret zu nennenden Bedingungen regelmäßig zu erfüllen. Eine einzelne punktuell abgerufene Leistung wäre mir persönlich als Zulassungskriterium zu wenig.

Gruß
Lisa
 
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@Lisa: Klar, es gibt bessere Lösungen als ein isoliertes Vorspielen, war von mir als einfachstes Beispiel mal so hingeworfen, damit der Thread nicht ins letzte Detail ausartet - Ich kenne die spezielle Situation ja auch nicht. Das ist das System Uni (und da wollen 3/4 der heutigen Grundschüler hin...). Leistung in der Prüfung nicht da? Durchgefallen, musst wohl deutlich mehr lernen, brauchst privaten Zusatzunterricht oder bist zu doof. Knallhart, aber Realität. Klar, hier sind es Kinder und sie betreiben ein Hobby, da darf sich der Lehrer auch was pädagogisch aufwändigeres Ausdenken, so er Lust und Zeit hat ;-)

@SyLvia: Ich habe selbst 12 Jahre lang ein Instrument gelernt, mit dem ich technisch überfordert war (angeborene motorische Defizite, die ich im Alltag unbewusst und erfolgreich überspielt habe). Ich liebe dieses Instrument und hatte eine wunderbare Lehrerin, die mich immer ermuntert hat, weiterzumachen. Nach deinen Vorstellungen hat sie alles richtig gemacht, sie hat mich auch nie als hoffnungslos untalentiert angesehen. Aber faktisch waren es 12 Jahre Frust, weil ALLE anderen besser waren - mit der Hälfte des Aufwandes. Ich habe nie das Niveau erreicht, in einem normalen Orchester mitzuspielen, und solistisch bin ich eine Zumutung selbst für meine eigenen Ohren. Hätte ich irgendwann aufgegeben und die Zeit stattdessen in ein motorisch machbareres Instrument investiert (vielleicht Gitarre, Akkordeon, Trompete oder Horn), könnte ich damit heute vermutlich ganz normal etwas anfangen und müsste mich nicht bei jedem Mitspieler für meine Unfähigkeit entschuldigen. Aber ich hatte immer Einzelunterricht, habe mit meinen "speziellen Bedürfnissen" nie eine Gruppe in ihrem Lernfortschritt aufgehalten - Und das scheint hier ja das Problem zu sein, nicht die Bereitschaft, den Jungen zu unterstützen. Hätte ich daneben nicht immer auch ohne jeglichen Aufwand erfolgreich im Chor gesungen, ich wäre heute davon überzeugt, völlig unmusikalisch zu sein und hätte nie erlebt, dass Musizieren auch wirklich Spaß machen kann. Und dabei haben es doch alle nur gut mit mir gemeint! Aber das ist meine persönliche Erfahrung, und meine daraus entstandene Ansicht ist sicher nicht repräsentativ, denn natürlich ist jedes Kind anders. Vielleicht war ich einfach nur zu selbstkritisch und nicht frustresistent genug...
 
Ich habe heute ne nette Anekdote gelesen, die im weitesten Sinne auch hierher passt:
Einstein, der ja Geige spielte, bekam nach mehreren falschen Einsätzen von seinem Duopartner Rubinstein einen Anpfiff: Professor, können Sie nicht bis vier zählen?

Gruß,
INge
 
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Morgen,

Ich komme nochmal zum Eingangspost zurueck - wurde da der Stein der Weisen gefunden?
Mein "Problem" ist ein Bandkollege, dessen Taktgefuehl auch nicht das allerbeste ist. Lass ich ihn mitklatschen, dann klatscht er prinzipiell nur halbe Noten. Einsätze klappen garnicht. Interessanterweise setzt er, wenn er mal einsetzt, eigentlich immer auf die 2 ein. Selbst wenn man ihn einzaehlt passiert das des oefteren. Das lässt sich notduerftig kaschieren und wenn er sich im Song verläuft, spielen wir halt entsprechend mit.

Ist aber keine Dauerlösung und so bin ich auch auf der Suche nach ganz grundlegenden Übungen um ein Gefuehl fuer den Rythmus zu vermitteln. Ich kann mich erinnern, dass wir einige solcher Übungen und Spiele gemacht haben, als ich mit 5 in so eine Art "fruehkindliche Musikerziehung" gesteckt wurde. Hab die Details nach 40 Jahren aber vergessen :)
Etwas sehr intuitives waere ideal. Der Sprung von sturer Metronomzählerei zu einer drauflos donnernden Rockband scheint mir doch ein grosser zu sein.
Ich weiss von damals, dass auch kein Metronom im Spiel war. Das waren eher so Spielchen mit 2 Hölzern. Ich waer mir auch nicht zu blöd, das mit ihm so anzugehen, wenn ich nur wuesste wo ich anfangen soll.

Der Thread verlief sich hier ein wenig beim Akkordeon, ich bin konkret auf der Suche nach ganz grundlegenden, gern auch spielerischen Übungen, die Rythmusgefühl nicht perfektionieren, sondern es ueberhaupt erst entstehen lassen ...

danke
martin
 
Eine allgemeine kurze Antwort wird Dir vermutlich kaum weiterhelfen. Um da effektive Hilfestellung geben zu können, muss man diesen Musiker beobachten und Vieles ausprobieren, bis man einen Ansatzpunkt gefunden hat, auf den er wunschgemäß reagiert.

Deine Beobachtung: Halbe Noten klatschen / Einsatz auf die 2
Das könnte daher kommen, dass er auf den "Backbeat" focussiert ist.

Einer von vielen möglichen Übungsansätzen:
Wenn er das Backbeatklatschen wirklich gut kann (ansonsten müsste man das erst einmal festigen), könnte folgende Übung ein Ansatzpunkt sein:
- gezielt den Backbeat stampfen
- im Stehen dabei re/li abwechseln
- dabei locker federn und hoffen, dass das Knicken der Gelenke beim Anheben des Spielbeins sauber auf 1 und 3 fallen

Wenn das gut klappt, kann man die Aufgabe erweitern:
- beim "Knicken" klatschen oder ein Schlag mit Klanghölzern, so dass ein Wechsel zwischen Klatschen / Schlaghölzern und Stampfen entsteht

Wenn das nach einer Weile gut klappt:
- mitzählen lassen
> wenn der Kollege die 1 spontan auf den Backbeat legt, erst mal kontrollieren/üben, ob er nur den Backbeat oder alle 4 Schläge zählen kann, wenn letzteres im flotten Tempo nicht geht, muss man in Zeitlupe üben
- dann ganz bewußt die 1 auf einen Klatscher/Hölzchenschlag legen; dabei darf mit der Stimme gerne weiterhin der Backbeat betont werden, indem die Zahlen 2 und 4 lauter gesprochen werden

Wenn das irgendwann klappt, ausprobieren, ob es gelingt das Einzählen und den Anfang des Liedtextes (zunächst nur gesprochen) zu verbinden.

Viel Erfolg!
Lisa
 
Besten Dank! Da hab ich eh mal einiges mit ihm zu tun. :)
Das ganze mit Gewalt beschleunigen zu wollen und im Hintergrund schon den betreffenden Song mitlaufen lassen, stört dann vermutlich eher als es hilft?

cu
martin
 
Kann sein / Kann nicht sein :nix:

Wenn er den Backbeat einigermaßen sauber trifft, kannst Du ausprobieren, ob er es schafft, das Tempo des Songs synchron mitzugehen. Das kann mit unterschiedlichen Percussion-Instrumenten, Stampfen, Klatschen, Tanzbewegungen oder was Dir sonst noch einfällt geübt / geprobt werden.

Wenn das gelingt, nimm ein Percussion-Instrument mit kontrastierendem Klang und spiele verzahnt mit. Also der Song läuft, er spielt auf 2 und 4 und Du auf 1 und 2. Auf diese Weise hört er dann auch alle 4 Viertel. Ihr könnt dann entsprechend verzahnt zählen. Oder Du zählst alle 4 Schläge und er probiert, ob er das auch schafft, wenn nicht, dann "darf er nur" 2 und 4 "aufsagen" usw. usw.

"Mit Gewalt beschleunigen" wäre, wenn Du ihm ein Tempo abverlangst, dass er im Moment nicht leisten kann. Das bringt gar nichts außer Frust.
Wenn Ihr den Song/das Playback mit einem Sequenzer aufnehmen könnt, läßt sich die Aufnahme im Tempo variieren, ohne dass sich die Tonhöhe ändert. Bei drastischer Verlangsamung geht natürlich der Schwung verloren. Das kann aber in Eurem Fall von Nutzen sein. Denn wenn die Backbeats langsamer gestampft werden, kann das den Effekt haben, dass das "Einknicken" (siehe Post #74) auf 1 und 3 tiefer, die Bewegung größer und dadurch deutlicher wird.

Aus der Ferne genau die für den Kandidaten passende Methode finden, ist ein bischen Glücksache, da das Gelingen auch unter anderem von der Fähigkeit des Lehrenden abhängt, den Lernenden mittels klarer Körpersprachezu führen. Denn mit verbalen Erklärungen allein kommt man da nicht weiter. Der Lehrende muss jeden Lernschritt aktiv unterstützen. Perfektes Vorbild allein reicht da nicht. Es müssen auch Impulse gegeben werden, die mitreißen/mitziehen.

Gruß
Lisa
 
Sehr ausführlich, danke!
Ich hoffe wir finden am Freitag die Zeit um diesbezueglich ein bissl zu experimentieren

cu
martin
 

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