Wie Songtext anfangen? Schreibblockade

  • Ersteller Michael Scratch
  • Erstellt am
Der rote Faden, von dem Du sprichst: Ist dieser nicht (wenn wir den Annahmen des Konstruktivismus folgen) auch so etwas wie ein Konstrukt unseres konstruktivistischen Systems? Ist der rote Faden da, oder finde ich ihn aufgrund meines persönlichen, erlernten Ordnungsprinzips - ein anderer würde einen anderen Faden entdecken?
Exakt: Der rote Faden in den eigenen Träumen, Bildern, Assoziationen ist selbst gelegt - und damit individuell. Jedes Individuum legt also seinen eigenen Faden. Das ist eine Tätigkeit - und damit konstruiert dieses Individuum seine Welt.
Das Wiederfinden dieses Fadens ist allerdings nicht trivial. Zum einen speisen sich viele Inhalte aus dem nicht bewußten Teil - und das ist ja nicht zufällig: es gibt Verbotenes, Tabuisiertes etc. Und Assoziationen passieren wahnsinnig schnell - während deren reine Dokumentation oder Nachverfolgung aufwändig ist und Zeit braucht. Man versuche einmal konsequent, seine eigenen Gedanken zu beschreiben - man kommt sozusagen nicht nach und müßte immer wieder die Pausentaste drücken.

Tatsächlich glaube ich, dass aus jedem beliebigen Stoff jeder Betrachtende sich das raussucht, was ihm/ihr etwas sagt. Von 100 Personen in einem Kino faßt keine/r den gleichen Film genau gleich auf: Es gibt unendlich viele Reize, die geboten werden und jede/r trifft seine/ihre eigene Auswahl. Und das trifft natürlich auch auf Assoziationen zu. Jede/r wird etwas anderes finden. Und zwar in weit größerem Maße als es beispielsweise bei einem Sachtext über Dörrobst der Fall wäre.

Der rote Faden ist doch das, was in der Kybernetik als Beobachtung zweiter Ordnung nennen würde - konstruierte Be-Deutung ...
Das kann ich aus dem Stand nicht beantworten. Da müßte ich noch mal nachschauen,

Hier stimmen wir 100% überein! :) Da meine Assoziationen MEINE Assoziationen sind, müssen sie auch (auf mich bezogen) folgerichtig sein. Wenn sie keiner teilen will oder kann, fühle ich mich vorübergehend ziemlich einsam. Aber meine Erinnerungen an einige erfolgreicherer Texte trösten mich immer wieder!
Ja - so meine ich das.

Assoziationen sind individuell verschieden, und somit gibt es zwar die erwähnten Brücken, aber jeder findet andere Brücken.

Ein Texter kann also seine Lyrik völlig frei mit seinen Assoziationen füllen, aber die Leser und Zuhörer verbinden sie mit unterschiedlichen Bildern und Gedanken. Das kann sehr erfolgreich sein (wer versteht schon wirklich die Texte von Bob Dylan), es führt aber nicht dazu, dass die Leute das Gleiche verstehen.
Genau. Das ist das Spannende an assoziativen, bilderreichen und/oder psychodelischen Texten. Ein riesiges Lager aus dem sich jede/r nach Belieben bedient. Allerdings: es gibt natürlich kulturelle, generationelle, geschlechtliche, milieubedingte etc. Codes, Bilder und Erfahrungen. Welches Bild habt Ihr, wenn ich 9.11. sage? Vermutlich zwei Türme, in denen zwei Flugzeuge stecken und die einstürzen. Fall der Mauer, Brandenburger Tor, Leute, die auf einer Graffitybesprühten Mauer sitzen oder stehen, feiern und zur anderen Seite rübersehen ... Viele songtexte benutzen solche Codes, die nicht allgemeinverständlich sind bzw. welche die verstehen, die sie verstehen sollen: Blues ist voll davon, Rock n Roll, HipHop, Gospel ...

Und langsam sitzen einige Schreiber gut gelaunt im selben Zug! Empfinde ich das richtig??
Geht mir auch so.
Es geht ein Zug nach Nirgendwo
Man liest in den Abteilen
Und schreiben tut man sowieso
Über Wörter, die enteilen

Aber jetzt kommt das Wesentliche: Warum zerbrechen Flaschen in einer Kiste, die nie bewegt wurde?
Man sollte sich sowieso fragen, was die Dinge machen, wenn man grade mal nicht hinschaut ...

x-Riff
 
Zuletzt bearbeitet:
  • Gefällt mir
Reaktionen: 4 Benutzer
Oh je, da habe ich mit meinen kleinen egoistischen Befindlichkeiten eine Lavine los getreten ... :rolleyes:
Ich möchte bei allen, die sich auf die Füße getreten fühlten, um Verzeihung bitten. Vermutlich hat da ein wenig der Neid auf Euer kreatives Potenzial bei mir in den frühen Morgenstunden die Oberhand gewonnen. ;) Bitte also um Nachsicht, wenn es mir so vor kam wie "mein Haus, mein Auto, mein Songtext". Ich versuche also den Ratschlag zu befolgen, von Euren Beispielen zu lernen.
 
  • Gefällt mir
Reaktionen: 3 Benutzer
Genau. Das ist das Spannende an assoziativen, bilderreichen und/oder psychodelischen Texten. Ein riesiges Lager aus dem sich jede/r nach Belieben bedient.
Also ich möchte eigentlich, dass die Leute das verstehen, was ich selber meine. Zumindest, wenn ich ein ernstes Anliegen habe. Ich möchte ja nicht als Argumentationshilfe von Rassisten, Nazis und Impfgegnern herhalten.

Andererseits: Vor vierzig Jahren war ich mal in einem Texterworkshop, in dem jemand ein Lied vorstellte, das mit "Früher waren es die Juden" anfing (in den 80er Jahren ging es auf den Spuren von Wallraffs "Ganz unten" in solchen Liedern immer um Türken – aber egal, wer, immer ein unglücklicher Vergleich).

Da ging es mir dann wie Bernhard Lassahn, der in den 70ern das schöne Lied "Ich weiß jetzt schon immer was kommt" schrieb:

Wir haben schon so viele Filme gesehn.
Die Kamera drückt schnell ein Glasauge zu,
wenn die Hochspannung steigt, sich der Held nackend zeigt,
die Filmmusik sich auf den Höhepunkt geigt.
Ich weiß jetzt schon immer was kommt.

[…]

Wenn sich mal etwas häuft, weiß man schon wie das läuft.
Den Rest vom Lied kann man sich schenken.
Was immer der Herbstwind verweht, wie der Witz weiter geht,
was im Flugblatt steht kann man sich denken.
Ich weiß jetzt schon immer was kommt.

[…]

Du liegst mir im Arm. Ja, das musste so kommen.
Gleich legte ich Hand an dich, an deine Brüste.
Doch will ich das Liebhaben nicht mehr so handhaben.
wie es jetzt eigentlich drankommen müsste.
Ich weiß jetzt schon immer was kommt.
 
Zuletzt bearbeitet:
  • Gefällt mir
Reaktionen: 2 Benutzer
Also ich möchte eigentlich, dass die Leute das verstehen, was ich selber meine. Zumindest, wenn ich ein ernstes Anliegen habe. Ich möchte ja nicht als Argumentationshilfe von Rassisten, Nazis und Impfgegnern herhalten.
Dann eignet sich ein Text, der zum sehr freien Assoziieren eiinlädt und mit viel frei interpretierbaren Bildern etc. arbeitet, nicht.
Die Wahl der textlichen Mittel muss zum Ziel passen, dass mit dem Text verbunden wird. "Nights in White Satin" ist ein großartiger Text, dessen Stärke gerade darin liegt, sehr interpretationsoffen zu sein und der eher eine Stimmung, ein Gefühl, einen Zustand wiedergibt. "Masters of War" von Bob Dylan ist ein sehr starker Text, der eine klare Botschaft mit klaren Adressaten enthält.

Bei beiden songs fällt es mir aber schwer zu glauben, dass sie als Gewehrfutter oder Argumentationshilfe von Rassisten, Nazis und Impfgegnern herhalten können. Insofern stellt sich mir die Frage, was Elemente dieser unerwünschten, mißbräuchlichen Verwendung sein könnten. Interpretationsoffenheit von Texten auf jeden Fall. Aber bei assoziativen oder psychodelischen Texte bin ich mir da nicht so sicher. Spannende Frage, die mich auch bewegt. Ich möchte nämlich auch nicht, dass Nazis, Rassist*innen etc. meine Texte grölen, in der Überzeugung, ich hätte das gemeint, was sie meinen.

Da ging es mir dann wie Bernhard Lassahn, der in den 70ern das schöne Lied "Ich weiß jetzt schon immer was kommt" schrieb:
Starker Text!

x-Riff
 
Ich nutze für Song-Texte auch gerne mal Chat GPT als Inspirationsquelle. Besonders die Version 4 gibt hin und wieder mal einen guten Einstieg ins Schreiben und man hat schon mal 2-3 Zeilen mit denen man weitermachen kann.

Hier 4 Zeilen als Beispiel:

Sonnenglut auf meiner Haut, der Sommerwind so vertraut,
Wellen küssen den Sand, ich spür' das Leben, Hand in Hand.
Unter Palmen wir liegen, die Welt scheint still zu fliegen,
In diesem goldenen Licht, ist jedes Problem nur ein Gedicht.

Zugegeben etwas plakativ, aber "Unter Palmen wir liegen, die Welt scheint still zu fliegen," da kann man schon was draus machen :)
 
Zugegeben etwas plakativ, aber "Unter Palmen wir liegen, die Welt scheint still zu fliegen," da kann man schon was draus machen :)
Wenn einem Syntax egal ist. Aber immerhin fliegt die Welt still und stört nicht die Idylle.
 
Also ich möchte eigentlich, dass die Leute das verstehen, was ich selber meine. Zumindest, wenn ich ein ernstes Anliegen habe. Ich möchte ja nicht als Argumentationshilfe von Rassisten, Nazis und Impfgegnern herhalten.
Dazu vertrete ich eine andere Position.

1, Missverständnisse können und sollten niemals ausgeschlossen werden. Jeder Empfänger nimmt bekanntlich vor allem emotional und somit eben individuell wahr.

2. Müsste man nicht idiotensicher schreiben, um allgemein verständlich zu sein? — Doch was ist an ‚idiotensicher‘ noch poetisch ?

3. Die meisten Texte benutzen Reime. Diese sind oft automatisch Assoziationen, umschreiben also mit dem Wagnis, missverstanden zu werden. Je gewagter und feinsinniger die Assoziationen ihr Ziel erreichen, umso stärker ist gewöhnlich der Zuspruch im Publikum. ;) Anspruchsvolle Texter suchen daher unverbrauchte Reime und Zusammenhänge. Solchen Textern genügt es oft sogar, wenn sie nur von Teilen ihrer Bubble verstanden werden.

Nun könnte mir ja völlig egal sein, was @Burkhard Ihme für Ansprüche hegt… Aber dass er gerade diesen Text von Bernhard Lassahn so schön findet, verblüfft mich dennoch: Aus meiner Sicht meint Lassahn zwischen den Zeilen nämlich Folgendes: Ich höre einfach zu viele Klischees, die nur benutzt werden, um garantiert nicht missverstanden zu werden.;)

Ich erinnere daran, dass es in der hiesigen Fragestellung um Schreibblockaden geht. Gerade die unlösbare Angst vorm Missverständnis, sollte ein Anfänger überwinden, indem er Kunst als ein spannendes Spiel mit dem Risiko begreift und umsetzt!
 
Zuletzt bearbeitet:
  • Gefällt mir
Reaktionen: 3 Benutzer
Nun könnte mir ja völlig egal sein, was @Burkhard Ihme für Ansprüche hegt… Aber dass er gerade diesen Text von Bernhard Lassahn so schön findet, verblüfft mich dennoch: Aus meiner Sicht meint Lassahn zwischen den Zeilen nämlich Folgendes: Ich höre einfach zu viele Klischees, die nur benutzt werden, um garantiert nicht missverstanden zu werden.;)
Ich muss also erklären, was "andererseits" heißt, damit du nicht das Gegenteil von dem verstehst, was ich sagen wollte?

Im übrigen hat ein Anfänger keine Schreibblockaden. Das betrifft Leute, die viel und regelmäßig schreiben (müssen) und dann an einen Punkt kommen, wo ihnen nichts mehr einfällt bzw. alles missfällt, das sie zu Papier bringen.

Und Missverständnisse sind häufig die Folge von handwerklichen Fehlern (z.B. wenn die handelnden oder angesprochenen Personen wild durcheinandergewürfelt werden). Das sollte ein Autor, der sich was auf sein handwerkliches Können einbildet, besser vermeiden.
 
Zuletzt bearbeitet:
Ich schreibe oft zu dem Thema erst einmal eine (Kurz)Geschichte. Dann habe ich etwas, was ich dann in kurze Texte reduzieren kann um die Geschichte trotzdem noch zu erzählen. Am Ende steht dann ein Liedtext.

Wobei du natürlich auch kreativ sein kannst. Allgemein üblich ist ja Strophe, Refrain und wieder von vorne. Mehr Freiheit hast du natürlich, wenn nicht jede Strophe exakt die gleiche Melodie und Länge hat. Vor einigen Jahrhunderten war es sogar so, dass ein Lied vom ersten Wort bis zum letzten ging, ohne Stellen zu wiederholen. Beide Arten haben ihre Vorteile und Nachteile.

Bei Kirchenlieder fällt es besonders auf. Während z.B die originalen Lieder von Luther eine Strophe haben, wo jedes Wort und jeder Ton exakt passt, das hören sich Bearbeitungen von jeder hinzugefügten Strophe unpassender an. Auf der anderen Seite ist die Komplexität gerade bei langen Lieder mit Strophen für immer gleich sind für die singenden und Musiker einfacher...
 
  • Gefällt mir
Reaktionen: 1 Benutzer
Im übrigen hat ein Anfänger keine Schreibblockaden. Das betrifft Leute, die viel und regelmäßig schreiben (müssen) und dann an einen Punkt kommen, wo ihnen nichts mehr einfällt bzw. alles missfällt, das sie zu Papier bringen.
Hm…wie würdest du es dann nennen, wenn ein Anfänger mitten in seiner Idee ins Stocken komm!?

Gerade ein Profi-Texter wird selten beim Schreiben blockiert. ME entstehen Blockaden meistens, wenn ein Partner eine Veröffentlichung verhindert. Solange ich mit Zuversicht arbeiten darf, habe ich immer genügend Ausgangspunkte, von denen ich auf verschiedenen Wegen mein jeweiliges Ziel erreichen kann. Ich besitze in der Zwischenzeit eine wirklich grosse Handwerkskiste. Nicht nur intuitive Erfahrungen, sondern sogar viele eigene Listen. Allein darin zu blättern, bringt mich sofort und immer auf irgendeinen neuen Anlauf.

Als ich mit dem Texten anfing, baute ich auf einige persönliche Vorlieben. Mit der Zeit bemerkte ich (und andere), dass ich anfing, mich zu wiederholen. Das tat sehr, sehr weh! Denn in solchen Momenten kommt schnell die Ahnung auf, dass man gar kein Talent habe. Genau diese Angst verursacht langwierige Blockaden.

Heute weiß ich, dass ein Schreiber kein Talent, sondern ein geeignetes Werkzeug braucht, so wie ein Handwerker manchmal zurück zum Auto muss, um das geeignete Handwerkszeug zu finden!


Es gibt vermutlich gar kein Talent! Jeder kann doch erzählen!! Oder etwa nicht?!? Es gibt nur moderne oder gerade unmoderne Ausdrucksformen. Ich benutze völlig locker u.a. auch „unmoderne“ Formen… Denn hinter irgendeiner Ecke wartet garantiert die nächste Mode! Davon bin ich fest überzeugt! ;)

Wenn einem Syntax egal ist.
Auch diese Bemerkung finde ich zunächst nichts sagend. Ich kann durchaus eine ungelenke Syntax verwenden, um damit ein bestimmtes Subjekt näher zu charakterisieren. Alles ist möglich beim Texten. Mal sollte nur wissen, welches Handwerkszeug man gerade warum benutzt! Sonst kommt eben bald wieder die Angst, man habe eigentlich gar kein Talent.

Also korrigiert sofort , wenn jemand gegen die aktuelle Grammatik verstößt… oder vergewissert Euch vorher, ob hinter einem Verstoß nicht eine bewusste Absicht lauert. Oder ob es sogar für mehr Reichweite sorgen soll und kann, wenn Marmorstein und Eisen bricht … ;) Im Ernst, ich lasse sehr gern Formulierungen stehen, die im Deutschunterricht falsch und auf der Straße richtig klingen.
 
Zuletzt bearbeitet:
  • Gefällt mir
Reaktionen: 2 Benutzer

Ähnliche Themen


Unser weiteres Online-Angebot:
Bassic.de · Deejayforum.de · Sequencer.de · Clavio.de · Guitarworld.de · Recording.de

Musiker-Board Logo
Zurück
Oben