Einstieg in die Zwölftonmusik - Suche nach einer "Brücke"

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Ich würde mich gerne ein wenig mit Zwölftonmusik befassen, genauer gesagt mit dem Übergang von "normaler" Musik zur Zwölftonmusik. In jungen Jahren habe ich mal im Orchester unserer Schule an der Dreigroschenoper mitgewirkt, Texte von Bertold Brecht, Musik von Kurt Weill. Das war schon hart, aber je öfter man das hörte, desto mehr hat man die melodischen Komponenten entdeckt. Interessant war, dass wir mit dem Orchester zuerst ohne den Gesang probten - oh, Ihr Götter, war das schräg! Erst als der Gesang dazu kam, haben viele der Stücke harmonisch einen Sinn bekommen.

Also, Frage an den Schwarm: Welche Musik seht Ihr als tauglich an, um den Übergang von tonaler zu atonaler Musik zu verstehen? Danke im voraus ans Plenum!
 
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Es ist schwierig, genau zu beschreiben, wo ein Übergang zwischen tonaler und atonaler Musik liegen soll, speziell der Zwölftonmusik.
Am ehesten würde ich sagen, dass es um bzw. in der Zeit nach der Jahrhundertwende 1900 irgendwann "in der Luft lag", dass die längst zur Chromatik gesteigerte Dur/Moll-Tonalitä der Hochromantik allmählich ausgereizt war und sich in einer Art Überhitzung einerseits und einer Verkitschung andererseits stilistisch dem Ende zuneigte.
Als Beispiel für eine "Überhitzung" möchte ich das Streichsextett "Verklärte Nacht" von Arnold Schönberg bringen:

Das Sextett stammt zwar schon aus dem Jahr 1899 und steht damit noch nicht eigentlich für eine Abkehr von der Romantik, Schönberg lieferte danach auch noch weitere spätromantische Werke, z.B. die schon von der Besetzung her monumentalen "Gurrelieder" [].

Sehr expressionistisch sind die Opern "Salome" [1905 - ] und "Elektra [1909 - ] mit denen er sich in einer Art Sturm-und-Drang-Phase klanglich deutlich von der Romantik abwendet (um sich ihr aber später wieder um so mehr zuzuwenden, u.a. mit dem "Rosenkavalier" und den Sinfonischen Dichtungen - bei letzteren gleitet es dann gelegentlich ab ins Kitschige - wenn auch handwerklich hervorragend gemacht.

Paul Hindemith sucht und findet einen ersten eigenen Stil weg von der Romantik, wofür ich als Beispiel seine Oper "Cardillac" aus dem Jahr 1920 bringen möchte: .

Weitere bekannte frühe Beispiele von Stilen, die die Romantik überwinden und hinter sich lassen sind etwa die Ballette von Igor Stravinsky: Feuervogel, Petruschka, aber vor allem Sacre du Printemps.

Aber atonal im eigentlichen Sinn sind alle die genannten Beispiele nicht. Ich möchte damit nur einige der Strömungen und Tendenzen aufzeigen, die am Ende der romantischen Epoche stehen und Türen zu neuen Klängen aufstoßen.

Wenn man außer Acht lässt, dass der Wiener Komponist Josef Matthias Hauer parallel zu Schönberg an einer Zwölfton-Kompositionstechnik arbeitete, kann man Schönbergs Schritt in diese Richtung durchaus als singulär ansehen, in seiner Konsequenz war er es sicher.
Der Gedanke, der Schönberg angeleitet hat, war der, dass es vom Ausufern der Chromatik in der Harmonik nur noch ein - gedanklich - kleiner Schritt ist, um in einem System anzukommen, bei dem wirklich alle 12 chromatischen Töne völlig gleichberechtigt nebeneinander stehen und es nicht mal andeutungsweise einen Grundton gibt oder man einen solchen auch nur noch ahnen könnte.
Das sicher zu stellen zwang ihn natürlich zu einer neuen Kompositionstechnik, die dann als "Zwölftontechnik" in die Musikgeschichte einging. Soweit ich weiß, hat er selber ziemlich mit sich gerungen, ob und wie er diesen Schritt tun kann und soll.
Die Zwölftontechnik entsteht also historisch betrachtet zwar aus der Strömung der Abkehr von der Romantik, stellt aber kompositorisch einen deutlichen Bruch dar. Insofern lässt sich von der Technik her kein gleitender oder kontinuierlicher Übergang erkennen (ist mir jedenfalls nicht bekannt).
 
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Ich würde mich gerne ein wenig mit Zwölftonmusik befassen <...> Welche Musik seht Ihr als tauglich an, um den Übergang von tonaler zu atonaler Musik zu verstehen?
Es ist schwierig, genau zu beschreiben, wo ein Übergang zwischen tonaler und atonaler Musik liegen soll, speziell der Zwölftonmusik. <...> Aber atonal im eigentlichen Sinn sind alle die genannten Beispiele nicht. Ich möchte damit nur einige der Strömungen und Tendenzen aufzeigen, die am Ende der romantischen Epoche stehen und Türen zu neuen Klängen aufstoßen.
Wenn man außer Acht lässt, dass der Wiener Komponist Josef Matthias Hauer parallel zu Schönberg an einer Zwölfton-Kompositionstechnik arbeitete, kann man Schönbergs Schritt in diese Richtung durchaus als singulär ansehen, in seiner Konsequenz war er es sicher.
Eure Texte stellen genau das Problem dar. Der Übergang von klassischer Harmonielehre zu Atonalität vollzieht sich über Färbungen, besondere Klänge (Tristan-Akkord), Chromatismen (Strauß: Zarathustra) usw. , aber Schönbergs Idee der Musik mit 12 nur aufeinander bezogenen Tönen ist dann eine eigene Qualität, die zwar historisch zu Strawinsky, Hindemith etc. passt - aber konzeptionell gar nicht.
Hauer wurde schon genannt, aber wenn man ein paar "schöne" dodekaphonische Stücke hören möchte, dann kann man vielleicht Alban Bergs Violinkonzert wählen. Auch Anton Webern hat Nettes im Angebot, http://www.satzlehre.de/themen/webern21.pdf.
Nach dem 2. WK geht es dann in Darmstadt mit der Serialisierung der anderen Parameter weiter (Messiaen: "Mode de valeurs et d'intensités").
 
x-Riff
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Ich würde mich gerne ein wenig mit Zwölftonmusik befassen, genauer gesagt mit dem Übergang von "normaler" Musik zur Zwölftonmusik. ...

Also, Frage an den Schwarm: Welche Musik seht Ihr als tauglich an, um den Übergang von tonaler zu atonaler Musik zu verstehen? ...
Meine Antwort hat nichts mit dem angefragten Übergang oder einer theoretischen oder historischen Herleitung zu tun, aber damit, wie man sich auch mit Zwölftonmusik befassen kann: nämlich, indem man es tut.

Es ist im.Grunde die einzige Sache in positiver und nachhaltiger Erinnerung aus dem gymnasialen Musikunterricht. Dass wir nämlich nach einer Einführung in die Prinzipien der Zwölftonkomposition in Kleingruppen selbst kleine 12-Tonmusikstücke entwickelt (komponiert würde ich nicht sagen) haben.

Ein bisschen wie ein Setzkasten, wo Du begrenzte Teile zur Verfügung hast, die Du nur einmal verwenden darfst ( dazu gibt es, glaube ich, auch Varianten) und dann schaust Du, was daraus entsteht und was reizvoll klingt. Wir hatten beispielsweise eine Reihe, bei der durch unterschiedliche Betonungen bzw. durch gleichzeitiges Spiele zwei oder drei Akkorde erklangen.

In Analogie zu anderen Bereichen (beispielsweise dem Schreiben oder Malen) bin ich zu dem Schluss gekommen, dass durch das bewusste Sich-Einlassen auf enge Regeln Kreativität freigesetzt wird, weil man gezwungen ist, anders vorzugehen.
In der Malerei wäre das beispielsweise ein bewusster Verzicht auf Farben oder die Perspektive, beim Schreiben beispielsweise Formen wie der Haiku oder die cut-up-and-fold-Methode, welche dazu führt, die gängige Chronologie im Erzählen zu verlassen oder beispielsweise rein assoziatives Schreiben.

Ich glaube, der ganze Ansatz von 12-Tonmusik hat damit zu tun, sich aus einem Raster des Gewohnten zu befreien, indem man gänzlich andere Prinzipien zu Grunde legt als die herkömmlichen.

Das würde den Schluss nahelegen, dass es eher um einen bewussten Bruch geht und gerade nicht um einen Übergang, der sich allmählich entwickelt.
Was im Übrigen nicht ausschließt, dass zur gleichen Zeit andere Komponisten andere Wege gegangen sind, um sich auch aus dem Herkömmlichen zu befreien - es würde eher dazu passen, dass gewissermaßen der Eindruck herrschte, die üblichen Mittel hätten sich ausgeschöpft bzw. man befände sich in einer Sackgasse.

Das sind nur meine subjektiven 3.54 cent.

x-Riff
 
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