Vom Messdiener und dem frommen Mann

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Hallo Alle,
das hier ist ein Thema, dass mir am Herzen liegt. Musikalisch könnte es ein Liedermacher Titel werden oder etwas für`s Musikkabaret.
Aber Richtung Nick Cave ginge womöglich auch.

Vom Messdiener und dem frommen Mann

Sechs Uhr frĂĽh, der Wecker schellt
der Knirps sich aus dem Bette schält
Er zittert, zieht sich ängstlich an
Er hat heut Dienst beim Kirchenmann
Das Haus, es schläft und stille ist`s
Er wünscht´, das jemand mit ihm spricht
Doch keiner steht hier mit ihm auf
Heul nicht! Sagt er und macht sich auf.

DrauĂźen ist niemand unterwegs
Der feuchte Kies knirscht unterm FuĂź
Als er den Weg zur Kirche nimmt
Er hemmt den Schritt, von Angst fast blind
Es ist ja Pflicht, es ist ja Pflicht,
Und Pflicht, nein, die verletzt man nicht!

Die schwere EichentĂĽre knarzt
Die Klinke feuchtkalt von der Nacht
Er hat sich manches Mal gefragt
Wer morgens hier die TĂĽr aufmacht
Und dann von langer Hand geplant
Sich nicht mehr blicken läßt am Tag
Da steht der Mann - der Priester - schon
Jetzt ist’s zu spät, noch was zu tun

Kein Ausweg mehr und auch kein Schutz
Und keine Flucht, die noch was nutzt
Der Priester grunzt und riecht nach SchweiĂź
als er jetzt nach dem Kleinen greift
Es ist doch nichts, säuselt er bloß
tastend nach des Jungen SchoĂź.

Der weiĂź nicht, was er tun soll
Wie schon das andere mal zuvor
Hält er nur noch den Atem an -
Und schlägt dann plötzlich nach dem Mann
Der stürzt und fällt gleich hintenüber
Der Junge zieht ihm einen drĂĽber
der Priester stöhnt und greint und liegt
Als Blut im aus dem Kopfe trieft

Der Junge weiĂź nicht wie es kam
Das plötzlich diese Kraft da war
Er schlägt nochmal und wundert sich
Wie sich das anfĂĽhlt : Gut und frisch!
Die Faust geballt und ohne Hast
Wird dann dem Mann ein Tritt verpasst.

Der heult und schreit und jammert laut
Bis das der Knab` noch einmal haut
So ganz mit Schwung, Elan und Kraft -
Mensch Junge, hast du gut gemacht!
Jetzt lauf schnell heim und…
(Musik bricht ab) Nein! Nein! Nein!

(Rezitativ)
Uns allen ist wohl ziemlich klar
Das dies bloĂź storytelling war
Ich hab’s erfunden und ersonnen. Denn:
So ist`s natĂĽrlich nicht gekommen
Der Junge litt und wuchs heran
Verstummt sprach er niemals davon
Denn niemand hätte je geglaubt
Was er vom frommen Mann erzählt.
Denn niemand hätte je geglaubt
Was er vom frommen Mann erzählt.
 
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Leider ist so.ein Text wie deiner immernoch
aktuell!
 
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Starker Text!!
 
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super!
Wie man innerlich schon protestiert gegen die Unwahrscheinlichkeit, dass sich das Opfer wehrt und wie dann die Bitterkeit doppelt zuschlägt, wenn sie sich als "frommer Wunsch" entpuppt.
Toll erzählt. Und toll getextet.
 
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Ich danke allen fĂĽr Sterne und Kommentare!
 
Ich habe jetzt eine Weile gezögert, ob ich hier antworten soll. Aber es ist zum Kotzen, dass es diese Problematik gibt. Und deswegen ist es wichtig, sie zu thematisieren. Der Text ist dafür auch gelungen. 👍

Schwierig finde ich es, weil damit schnell mal alle „Kirchenmänner“ unter Generalverdacht stehen, oder Erzieher (was viele davon abhält, diesen wichtigen Job zu machen), oder… Auch könnte man einen ähnlichen Text über den „Fußballeleven und den nach billigem Duschgel stinkenden, jovial tätschelnden Trainer“, den „Kleinen Jungen und seinen nach Alkohol stinkenden „lieben“ Onkel“, etc. schreiben, falls es um die Problematik an sich geht, und nicht die spezielle Tätergruppe… Nur als allgemeine Rückmeldung zum Text.

Einzige konkretere Anmerkung zum Text:
(Rezitativ)
Uns allen ist wohl ziemlich klar
Das dies bloĂź storytelling war
Ich hab’s erfunden und ersonnen. Denn:
So ist`s natĂĽrlich nicht gekommen
Den Part finde ich nicht ganz schlĂĽssig, weil er fĂĽr mich die gesamte Geschichte infrage stellt, du aber wahrscheinlich nur den Teil mit der Notwehr meinst.

GruĂź,
glombi
 
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Den Part finde ich nicht ganz schlĂĽssig, weil er fĂĽr mich die gesamte Geschichte infrage stellt, du aber wahrscheinlich nur den Teil mit der Notwehr meinst.
Das wird fĂĽr mich durch die weiteren Zeilen klar:
Der Junge litt und wuchs heran
Verstummt sprach er niemals davon
Denn niemand hätte je geglaubt
Was er vom frommen Mann erzählt.
Denn niemand hätte je geglaubt
Was er vom frommen Mann erzählt.
Ansonsten hast Du natürlich recht, dass leider Kindesmißbrauch überall da vorkommt, wo Kinder sich der Macht von vorwiegend männlichen Erwachsenen gegenüber sehen, sowohl im privaten Bereich (was sehr häufig vorkommt) als auch in den Bereichen, wo Kinder sich in Organisationen aufhalten bzw. ihnen anvertraut werden, sei dies nun im sportlichen, im musischen oder in sonstigen Freizeitbereichen. Gleichzeitig scheint es mir in Ordnung zu sein, in Texten Beispiele zu thematisieren, in dem Wissen, dass diese halt exemplarisch für weitere stehen. Ist eher ein generelles Dilemma: Wähle ich ein Einzelschicksal, kann ich viel mehr in die Tiefe gehen, bleibe aber beim Einzelfall - will ich die ganze Bandbreite schildern, wird es schnell abstrakt, ich kann aber Zusammenhänge aufzeigen ... beides ist möglich und wird auch (mal mehr, mal weniger überzeugend) gemacht - beides bleibt aber auf seine Art begrenzt.

Ich finde den Text sehr gelungen.

Herzliche GrĂĽĂźe

x-Riff
 
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Siehe "THE WHO- UNCLE ERNIE-aus"TOMMY"
 
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Hallo @glombi, danke fĂĽr Deinen Gedanken zum Text!
Dass sich ein Gefühl des Generalverdachtes einstellen kann, verstehe ich, obwohl ich das an keiner Stelle intendiert habe. Es ist möglicherweise dem Umstand geschuldet, dass wir sexuellen Mißbrauch im Kirchenkontext als strukturelles Problem erleben, weil die Kirche als Institution diesen Mißbrauch durch Priester systematisch gedeckt hat.

Aber wie gesagt, das war nicht mein Anliegen. Mein Interesse war bei dem jungen Messdiener und landete dann bei der Idee einer Utopie (das erfolgreiche Wehren) um schlieĂźlich wieder auf dem Boden der Tatsachen zu landen.

Wähle ich ein Einzelschicksal, kann ich viel mehr in die Tiefe gehen, bleibe aber beim Einzelfall - will ich die ganze Bandbreite schildern, wird es schnell abstrakt, ich kann aber Zusammenhänge aufzeigen
Dem stimme ich zu.
 
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