Abenteuer Plastikgeige aus China (AV-102)

Igor Güldenstern
Igor Güldenstern
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Eine Geige im Angebot einer chinesischen Verkaufsplattform machte mich neugierig: Eine weiße 4/4-Geige mit hellem Hals/Griffbrett und Garnitur im Holzlook: Die AV-102, vermutlich von IRIN. Inklusive Versand auf dem Landweg (sechs Wochen) und Bogen und Etui für knapp über 30 Euro - zu diesem Preis wollte ich herausfinden, ob es tatsächlich möglich ist. eine Geige, abgesehen vom Korpus, weitgehend aus Kunststoff herzustellen. So sieht die Geige einsatzbereit in echt aus:

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Nach langer Wartezeit (sechs Wochen), die ich in diesem Fall (kein notwendiger Kauf) zugunsten eines günstigeren Preises (kein Luftversand) akzeptiert habe, kam das übliche Chinapaket in Folie:

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Heutzutage spart man sich den Umkarton. Immerhin war die Geige in dem üblichen Etui aus stoffbezogenem Styropor. In diesem Fall mit roten Biesen nett anzuschauen:

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Der übliche Auslieferungszustand von China-Geigen: Der Steg ist in einem kleinen Stück Papier eingeschlagen und liegt lose bei; die Saiten sind aufgezogen und warten darauf, dass man den Steg aufstellt.

Die erste Inaugenscheinnahme offenbart eine üble Überraschung: Der Stimmstock bzw. die "Stimme" klappert lose im Korpus umher:

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Einen losen Stimmstock bekommt man heraus, indem man die Geige mit der Decke nach unten so lange hin- und herbewegt, bis die Stimme am F-Loch zu liegen kommt. Um den Korpus nicht zu beschädigen, habe ich die Stimme dann mit einem Zahnstocher herausbewegt - das kann ich inzwischen ganz gut, da ich diesen Vorgang mehrmals wiederholen musste (s.u.).

Neben der Stimme befand sich noch ein weiteres Holzstück in dem Korpus - Herkunft und Zweck unbekannt.

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Zum Glück hatte ich mir bereits vor längerer Zeit einen Stimmstocksetzer zugelegt. Für den Fall der Fälle, der nun erstmals vorlag. Er kam in einem Set mit Stimmen-Rohlingen (die man erst ablängen müsste) und ist im Auslieferungszustand ungebogen, d.h. gerade. Er muss S-förmig gebogen werden, damit man durch das F-Loch die Stimme setzen und bewegen kann. Dazu muss der Endknopf des Saitenhalters entfernt werden, damit man dabei in die Geige hineinschauen kann. Die Stimme wird mit der spitzen Seite des Werkzeuges aufgespießt.

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Entscheidend ist, dass man die Stimme fest aufspießt, damit sie nicht schon beim Einführen durch das F-Loch herunterfällt - das ist mir mehrmals passiert (s.o.).

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Die genaue Vorgehensweise kann man sehr schön in einigen YouTube-Videos sehen. Die Stimme wird etwas hinter dem Aufllagepunkt des Steges eingesetzt, die Daumenregel spricht von der Dicke des Steges, aber das würde ich nicht zu wörtlich nehmen. Es kann auch einige Millimeter nach hinten richtig sein - bei meiner von der Geigenbauerin eingerichteten "guten" Geige sitzt die Stimme auch etwas weiter hinten, und die Geigenbauerin versteht natürlich ihr Handwerk.

Zu den Zargen hin vermindert sich der Abstand von Decke zu Boden, so dass man mit der sternförmigen Seite des Stimmsetzers die Stimme in diese Richtung bewegen muss. Eine bereits einmal gesetzte Stimme ist einfacher zu setzen, als ich dachte, denn sie hat bereits sowohl die richtige Länge, als auch die richtige Schräge an der Schnittkante. Nach mehreren "Umfallern" hatte ich dann endlich den Mut, die Stimme etwas kräftiger nach außen zu drücken, so dass sie festklemmte und schlussendlich stehen blieb.

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Saitenhalter, Kinnstütze, Hals, Griffbrett, Wirbelkasten und Wirbel sind tatsächlich aus Kunststoff gefertigt - diese "Marmorierung" im Plastik soll einen Holzlook imitieren und ist wohl bei jedem Exemplar individuell.

Der Steg war überraschend gut vorgearbeitet - die Füßchen waren der Decke angepasst, er war einseitig abgeschrägt, dünn und von der Saitenlage her akzeptabel. Der Obersattel ist in den Kunststoff eingearbeitaet und fällt durch relativ breite Einkerbungen für die Saiten auf.

Die Kunstoffwirbel sind am Ende nur ein kurzes Stück im Wirbelkasten, dennoch halten die Wirbel die Stimmung. Allerdings ist das anfänglich häufig nötige Nachstimmen damit mühsam, da auch auf Feinstimmer verzichet wurde. Diese werde ich demnächst nachrüsten, sie sind bereits bestellt.

Den Bogen habe ich nur kurz in Augenschein genommen, aber noch nicht getestet, stattdessen meinen Karbonbogen verwendet.

Der Klang ist für eine Geige dieser Preiskategorie überraschend gut, die Ansprache leicht. Der Korpus besteht konventionell aus Holz - offenbar hat man das gesparte Geld bei den Kunststoffteilen in die Fertigung des Korpus investiert.

Fazit: Man kann bei einer Schülergeige prinzipiell auf viele Holzteile verzichten; wie die Dauerhaltbarkeit dieser Konstruktion ist, bleibt abzuwarten.

Zwischenzeitlich habe ich für den Fehler bei der Auslieferung (loser Stimmstock) eine kleine Erstattung erhalten, so dass meine Zusatzarbeit mit dem Aufstellen der Stimme nicht völlig für lau war.

Ich kann mir vorstellen, dass man in Zukunft bei Schülergeigen häufiger auf exotische Holzer zugunsten von Kunststoff verzichten wird. Wenn nur für dauerhaft genutzte, anspruchsvolle Instrumente wertvolle Hölzer wie Brasilholz, Ebenholz usw. genutzt wird, können Schülergeigen aus (Teil-) Plastik vielleicht ein Beitrag zum Natur- und Artenschutz darstellen. Wie die Haltbarkeit ist, wird sich, wie gesagt, zeigen; klanglich ist mein Exemplar eher besser als andere Geigen der U100-Klasse.
 
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