Ich finde die Diskussion in beiden Beiträgen - insbesondere zum Thema Intonation - wichtig und zeigt zugleich wie unterschiedlich die Wertigkeiten bzw. Wahrnehmungen bei der Intonation doch sind.
Nachfolgend auch ein wenig Senf meinerseits dazu - vielleicht bringt es dem einen oder anderen was ...
1. Intonation ist zwar ein subjektives Klangempfinden, es wird aber von (nahezu) allen Zuhörern wahrgenommen; allerdings auf unterschiedliche Weise:
Ein musikalisch nicht geübtes Ohr wird einen schlecht intonierten Sänger (egal ob Live oder Studioaufnahme) meistens wie folgt bewerten: "Ist so lala", "Ok, hat mich aber nicht vom Hocker gerissen", "Es gibt bessere Sänger", etc. Viele der normalen Zuhörer sind i.d.R. aber nicht in der Lage konkret zu sagen, woran sie genau ihren mäßigen Eindruck vom Gesang festmachen sollen (und das müssen sie auch nicht).
Ein solcher Sänger ist dann auch für die musikalisch ungeübten Ohren in gewisser Weise "durchgefallen".
(Das gilt dann leider oft auch für die gesamte Begleit-Band; denn die beste Band wird einen schlecht intonierten Sänger nicht retten können. Der Gesamteindruck der Band ist und bleibt leider dann auch nur mäßig).
Im Umkehrschluß wird ein musikalisch nicht geübtes Ohr einen Sänger, der gut intoniert (egal ob Live oder Studioaufnahme) meistens wie folgt bewerten: "Das klingt gut", "Das hat sich ja wie das Original angehört", etc.. (Dass bei einem Sänger - insbesondere Live - auch noch weitere Bewertungskriterien dazu kommen wie Unterhaltungsgrad, Performance, Erscheinungsbild, etc., die den Gesamteindruck beeinflußen, ist, denke ich, klar).
FĂĽr ein musikalisch geschultes Ohr ist eine schlechte Intonation das K.O-Kriterium.
Andere "Bewertungskriterien" sind dann erst einmal auch nicht mehr relevant (Es sei denn, man hebt diese bewusst zu weiteren Motivation hervor. Es muss dann aber auch schon sehr klar verdeutlich sein, dass ein zentrales Basic, nämlich die Intonation, das primäre Problem darstellt, um sich entscheidend zu verbessern).
Es ist daher aus meiner Sicht so, dass eine akzeptable Intonation auf einem Instrument mit zu den wesentlichsten Grundvoraussetzungen für guten musikalischen Output gehört.
Ich wĂĽrde daher die Intonation mit dem Timing als die beiden zentralen Grundvoraussetzungen sehen. Erst danach kommen Phrasierung, Dynamik, Ausdruck/Emotion, etc.
Und es ist meines Erachtens auch falsch, die Wichtigkeit von guter Intonation (weil subjetiv unterschiedlich empfunden) zu relativieren und zu glauben, dass man diese z.B. durch überragendes Phrasing kompensieren könnte.
Bei den 3 von 5 von mir gehörten Aufnahmen ist die Gesangs-Intonation jenseits einer tolerierbaren Intonationsbandbreite. Und das hat in diesem speziellen Falle auch nix mehr mit subjektivem Empfinden zu tun. Es klingt falsch und es kann auch nicht (mehr) als Interpretation bzw. eigener Stil "durchgehen", da die Abweichungen vom Zielton doch zu extrem sind.
Daher auch mein Tipp an
@MDN8T: Als nächstes erst einmal gezielt Intonation/Gehörbildung üben !!! Und das ist bei fast allen bis zu einem gewissen Level auch möglich.
Ăśber das "Wie" sollte sich
@MDN8T einmal im Netz schlau machen. Man kann einiges mit ein paar Tools selbst für die Gehörbildung tun und vor allem weiter viel Aufnehmen, sich hören und andere Meinungen zu den Aufnahmen einholen. Ich würde auch ernsthaft über (weiteren ?) punktuellen und temporären Gesangsunterricht nachdenken (falls nicht schon geplant).
Das ist möglicherweise jetzt auch alles (zu ?) hart formuliert. Aber an ein paar musikalisch unumstößlichen Eckpfeilern sollte man (auch als Hobby-Musiker - ich bin einer) festhalten und nicht alles als eigener Stil, künstlerische Freiheit, blablabla bezeichnen und damit in die Komfortzone der Beliebigkeit abgleiten.
2. Es gibt einen benennbaren Intonationsspielraum, der als akzeptabel bezeichnet werden kann:
Da ich selbst regelmässig Instrumenten- und Gesangsaufnahmen mache, haben sich bei mir über die Jahre die nachfolgenden Bandbreiten für eine "akzeptable" Intonation herauskristallisiert.
Im Genre Pop/Rock ist bei Vocalaufnahmen eine Toleranz von maximal ca. +/- 15 Cent vom Zielton für mich i.d.R. akzeptabel. (Selbst klassiche Sänger singen nicht durchgehend zu 100% korrekt intoniert, müssen aber aufgrund des muskalischen Kontextes deutlich besser intonieren können als Pop-Rocker).
Zwischen ca. +/-15 bis +/-25 Cent Abweichung ist es eine Grauzone, die im musikalischen Kontext passen kann, aber schon kritisch ist.
Der Grund liegt aus meiner Sicht daran, dass ab +/-25 Cent wir uns über die Grenze hin zu einer 1/4-Noten-Abweichung (vom Zielton) begeben. Und das hört sich dann zunehmend für die meisten falsch an (50 Cent = 1/4 Note vom Zielton entfernt).
Bei mehr als +/- 25 Cent Abweichung klingt es dann schon zunehmend hörbar falsch.
Die "akzeptable" Bandbreite von maximal +/-15 Cent kann bei intonations-sensiblen Songparts, z.B. ein Intro mit 100%-ig intonierten Keys, ohne andere Instrumente, beim Gesang sogar noch enger gefasst werden müssen. Da können es dann auch schon maximal +/-10 Cent sein.
"Wir reden ja von Pop und nicht von Klassik": Ja, da gibt es bzgl. Intonationsanforderungen einen Unterschied: In der Klassik sind die Intonationstoleranzen beim Gesang noch enger gefasst: Das sind meines Wissens Bandbreiten von ca. +/-5 Cent tolerabel.
Sorry, wenn das fĂĽr manche jetzt zu viel blablabla war. Es war mir aber ein Anliegen. Runterputzen will ich damit niemanden.
Wenn es fĂĽr manchen (zu) besserwisserisch klingt, dann ist das teilweise auch so
GrĂĽĂźe aus Franken - wolbai
