Ich würde auch nicht "prinzipiell" behaupten; es war / ist aber meine Erfahrung. Liegt vielleicht an meiner Sprachaffinität.
Was aber sicher stimmt: Englisch braucht in der Regel weniger Wörter, um das Gleiche zu sagen. Das sieht man schon am Umfang mehrsprachiger Benutzerhandbücher. Und dass Platitüden sich von einer Sprache zur anderen notwendig nicht unterscheiden, bezweifle ich sehr stark. Das mag für "I love you" gelten, aber bei etwas grösseren Zusammenhängen (z.B. bei manchen ausgelutschten Reimpaaren) gibt es da mit Sicherheit Unterschiede. Was nicht heisst, dass es im Englischen keine Platitüden gäbe, aber es sind andere (und mMn weniger) als im Deutschen.
Hi
@Tseh-M'oll Dass englische Texte in der Regel kürzer sind, stimmt. Aber Bedienungsanleitungen, Romane oder Essays sind meiner Meinung nach wenig aussagekräftig, wenn es um Songtexte oder Gedichte geht. Das zeigt sich beispielsweise bei Übersetzungen von Musicals oder Opern. Da die Musik und damit die Zeilenlängen festliegen, hält sich auch die Übersetzung daran. Und siehe: es funktioniert. Auch für Songtexte von Dylan oder Cohen. Das Problem dabei liegt eher auf anderen Ebenen: man muss sich manchmal für eine eher inhaltlich oder eher rhythmisch oder eher klangfarbig oder eher reimgetreue oder -nahe Übersetzung entscheiden - das trifft aber auch für die Übersetzung eines deutschen Gedichts oder Songtextes ins Englische zu.
Weiteres Beispiel sind Labialübersetzungen (also silbengetreue Übersetzungen), wie sie beispielsweise im Film gefordert sind. Auch hier ist das Wesentliche übertragungsfähig - mit ähnlichen interpretatorischen Entscheidungen wie oben. Ich glaube deshalb nicht, dass die Übertragung des Phänomens "Englische Texte sind bei gleichem Inhalt kürzer als deutsche Texte" große Bedeutung für den Bereich Songtexte oder Gedichte hat.
Ich glaube auch nicht, dass die
Anzahl der Plattitüden, Phrasen oder so etwas wie ausgelatschte Reime (Herz-Schmerz), die man in Härtefällen auch als Reimzwang bezeichnen kann, von Sprache zu Sprache großartig unterschiedlich sind. Aus meiner Sicht gibt es die in jeder Sprache. Einen Unterschied könnte die Anzahl der Wörter ausmachen, weil je weniger Worte einem zur Verfügung stehen, desto häufiger sind tendenziell geläufige bis ausgelatschte Phrasen, Wortkombinationen oder Zwangsreime. Da dürfte es aber keinen großen Unterschied zwischen der englischen und deutschen Sprache geben - beides sind Sprachen mit einem großen Wortschatz. Dass die Plattitüden andere sind, würde ich gar nicht bestreiten wollen - dazu sind es ja andere Sprachen (die beispielsweise auch andere Sprichworte haben.
Jetzt taucht hier viel "ich glaube" auf. Das liegt daran, dass es einerseits meine Einschätzung ist und andererseits daran, dass ich kein Sprachwissenschaftler bin, der wissenschaftlich fundierte Aussagen tätigen kann. Insofern kann und soll da auch jede/r die eigene Einschätzung haben und es liegt in der Natur der Dinge, dass Einschätzungen eben abweichen können. Allerdings glaube ich, dass der Reiz eines Forums wie diesem auch darin liegen kann, über bloße Meinungen oder Einschätzungen hinauszukommen. Das kann in Form von Beispielen oder Belegen geschehen.
Und so würde ich meine Einschätzung von "Reimzwang, Phrasen oder ausgelatschte Reime" sind bei verschiedenen Sprachen nicht groß unterschiedlich, sondern tendenziell gleich belegen wollen - in dem Fall bezogen auf Englisch und Deutsch, weil ich dort Erfahrungen habe und sie meiner Praxis entsprechen. Als Beleg würde ich online-Reimlexika anführen, die ich zuweilen selbst benutze.
rhymezone (Englisch) bzw.
Reimlexikon deutsch
(ich bin da nicht festgelegt, sondern benutze eine, die mir gerade im Augenglick taugt.) Die Unterschiede bei der Ausgabe der Reimworte ergeben sich für mich eher durch die Filter, nicht so sehr durch die Sprache. Und wenn man sich die ausgegebenen Wörter anschaut, wird man in jeder Sprache "ausgelatschte" Reimworte finden und "selten vorkommende".
Ein zweiter Beleg wären aus meiner Sicht englische und deutsche Schlagertexte. Schlagertexte müssen sich nicht durch sonderlich kreativen Umgang mit der Sprache auszeichnen (obschon nicht jeder Schlagertext banal ist) und sind musikalisch und textlich oft am Mainstrem orientiert - man könnte auch sagen: eingängig. Und ich behaupte mal, dass wenn man 1.000 englische und 1.000 deutsche Schlagertexte durch ein quantitatives Textprogramm jagt (das nur die Worte zählt und auflistet und auf bestimmte Art strukturiert), wird man eine sehr ähnliche Anzahl von immer gleichen Worten und Reimpaaren finden. Ich habe mal quantitative Sprachanalysen gemacht, kann aber mangels dementsprechender Software und Zeit den konkreten Beleg hier leider nicht führen. Es bleibt also eine Behauptung. Allerdings würde mich interessieren, ob dem prognostizierten Ergebnis jemand widersprechen würde ...
Im Groben bleibe ich also bei meiner These, dass man sowohl im Englischen wie im Deutschen gleich gut funktionierende und je nach Anspruch Schlagertexte wie anspruchsvolle Texte schreiben kann, die POP- und Rocktauglich sind (bei Blues, Jazz und RAP/HipHop kenne ich mich nicht so gut aus).
x-Riff