[Amp] Fender 64 Custom Princeton Reverb

Mr.Blue
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- Einleitung und Geschichte des Princeton (Reverb) -
Der Princeton in seinen verschiedenen Varianten hat in Fenders Verstärker-Programm als kleiner Übungs- und Recording-Verstärker eine lange Tradition. Die Liste der mit einem Princeton (Reverb) aufgenommen Songs und Hits dürfte zwar nicht endlos, aber dennoch sehr lang sein…

Los ging es im Jahre 1947 als primitiver 3-Watt-Amp ohne jegliche (!) Schalter und Regler. Nach und nach wurde der Princeton etwas „komplexer“, was Röhrenbestückung und Bedieneinheit anging. Er blieb aber eng verwandt zu Fenders kleinsten Amp, dem 1948 eingeführten Champ.

1961 gab es ein signifikantes Redesign, das den nun im „Brownface“-Gewand prangenden Princeton näher an den Fender Deluxe heranrückte. 1963 wurde die Schaltung des Princeton erneut überarbeitet und 1964 erschien der „Blackface“ Princeton Reverb mit röhrengetriebenen Federhall und Tremolo.

1968 wechselte das Erscheinungsbild des Princeton erneut: er wurde zum Silverface, danach gab es weitere Änderungen am Schaltungs-Layout und der Röhrenbestückung. 1982 wurde er schließlich vom komplett neuen Princeton Reverb II abgelöst, der mit seinem Vorläufer nicht mehr viel gemein hatte.

Erst 2008 kam mit dem 65 Princeton Reverb Reissue wieder ein „traditioneller“ und in den USA gefertigter Princeton auf den Markt, der 2013 um den in Mexiko gefertigten 68 Princeton Reissue ergänzt wurde.
2020 kam schließlich der hier besprochene 64 Custom auf den Markt, der im Gegensatz zum 65er und 68er ohne Platine und somit wie seine historischen Vorgänger aufgebaut ist.

Auf Wikipedia ist sowohl zum Princeton als auch zum Princeton Reverb Detaillierteres zu finden.

- Motivation -
Mein erster „richtiger“ Amp war ein 2011 erstandener 65er Princeton Reverb Reissue. Dieser hat meine Soundvorstellung maßgeblich geprägt. Ich hatte ihn - nach dem Kauf eines Two-Rock Bloomfield Drive - Anfang des Jahres verkauft, da er mir redundant erschien.
So kann man sich irren: mir fehlte der Princeton-Sound doch mehr als erwartet. Also wurde die Chance genutzt, als der 64er Custom Anfang Mai für wenige Tage bei Thomann verfügbar war.
Vor der Alternative „Vintage-Amp“ schreckte ich mangels eigenem technischen Verständnis und eines Amp-Techs an der Hand zurück.

- Aufbau -
Bilder sagen mehr als tausend Worte:
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Das Innenleben sieht so aus (Bildrechte bei Fender):

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Handverdrahtet, Vorstufenröhren 1 x 12AT7 und 3 x 12AX7, Röhrengleichrichtung mittels einer 5AR4, eine mit 2 x 6V6 ausgestattete Endstufe. Ausgangsleistung 12W, die an einen 10" Jensen P10R Alnico Lautsprecher geschickt wird. Wie beim Vorbild sind Reverb und Tremolo an Bord.
Das Ganze befindet sich in einem sauber verarbeiteten Blackface-Chassis und einem ebenso sauber mit schwarzem Tolex bezogenen Gehäuse aus solidem Kiefernholz. Aus meiner Sicht gibt es hier absolut nichts zu bemängeln.

- Sound und Handling -
Spätestens jetzt wird’s subjektiv! Zur (von manchen hier penetrant geforderten) Einordnung: ich bin ein kaum medioker zu nennender Musikzimmer-Gitarrist. Das Gitarrenspiel dient zum Abschalten, zur Pflege meiner seelischen Gesundheit und dem Spaß am Musizieren. Nicht mehr und nicht weniger…

Mit den mir vom 65er PRRI bekannten Einstellungen (Volume 2-3, Treble 5, Bass 6, Reverb 4. Speed 5 und Intensity 3) ist er sofort da, der einzigartige Princeton-Cleansound: trotz des kleinen Lautsprechers und Gehäuses gerade bei geringen Lautstärken voluminös und satt, seidige Höhen, etwas zurückgenommene aber durchaus präsente Mitten, rundes Bassfundament. Und das alles ohne großes Rumfrickeln und stundenlanges Ausprobieren!

Sowohl das Reverb als auch das Tremolo bieten ein breites Spektrum an nutzbaren Sounds. Wer will, kann hier endlos hallende und fast psychedelisch wobbelnde Surf-Sounds einstellen.
Für mich taugen die eher subtil eingestellten Effekte am besten (siehe oben). Das veredelt den Sound wirksam, ohne ihn zu entstellen.

Als cleaner Amp bei moderater Lautstärke ist der Princeton für mich noch immer die Messlatte, an der sich andere - vor allem auch (noch) teurere Boutique-Amps - messen lassen müssen. Und daran ist der ein oder andere auch schon gescheitert…
Kombiniert mit einem Pedal nach eigenem Gusto (in meinem Fall einem Rockett Archer), dient dieser Grundsound auch als hervorragende Basis für verzerrte Klänge.
Damit brilliert der Princeton genau in dem Umfeld, für das er ersonnen wurde: als Übungs- und Recording Amp!

Verzerrt (d.h. bei hoher Lautstärke) habe ich den Amp noch nicht intensiv getestet, da dies nicht meinem Anwendungsprofil entspricht. Manch einer schwört jedoch darauf, das Amp-Volume immer auf 10 zu stellen und den Zerrgrad dann über das Volume-Poti der Gitarre zu regeln…

Unterschiede zum verflossenen 65er PRRI?
Der 64er hat gerade mit Strat oder Tele etwas elegantere, weniger beißende Höhen. Die Mitten und der Bass erscheinen etwas voller. Insgesamt liefert der 64er in meinen Ohren einen noch runderen, volleren Klang ab. Erfreulicherweise wurde auch das Volume-Poti gerade im - für das Spiel zu Hause wichtigen - Bereich von 1 bis 3 etwas gutmütiger und damit besser regelbar abgestimmt.

Wie schlägt er sich im Vergleich mit dem doppelt so teuren Two-Rock Bloomfield Drive?
Kurz gesagt: mehr als achtbar! Der BD ist natürlich dank zweier kaskadierter Kanäle flexibler und trotzdem im Handling vergleichsweise simpel. Zudem bietet er mehr Leistung und cleanen Headroom (mein Review zum BD siehe hier).
Den Charakter des Princeton vermochte ich mit dem BD dennoch nicht einzufangen. Somit ergänzen sich die beiden auf sehr hohem Niveau.

Ganz zum Schluss gestehe ich noch ein Sakrileg: ich spiele den Princeton fast ausschließlich über mein UA OX und das dort implementierte Modell eines 10“ Super Champ mit einem „Blue“ Speaker sowie hochwertige InEars. Das kommt sehr nahe an den echten Amp heran und ist noch verträglicher für meine Umgebung.
Damit ist auch das folgende Stück aufgenommen:



Dasselbe Setup, zusätzlich noch mit einem J.Rockett Archer:



Wie immer bitte ich meine Spielkünste zu entschuldigen...

In den Weiten des Webs gibt es einige professionelle Demos/Reviews, darunter auch ein Vergleichsvideo zu den derzeit bei Fender erhältlichen Princeton-Varianten 62er, 64er, 65er und 68er.

- Fazit -
Der Fender 64 Custom Princeton Reverb ist für mich der Amp für den Einsatz zu Hause und fürs Recording. Er bietet einen charaktervollen und dennoch schmeichelnden Cleansound, ist eine exzellente Basis für Zerrpedale und somit höchst flexibel.

Ist er den Aufpreis zum 65er oder 68er Reissue wert? In meinen Augen ja: der Sound ist noch einen Tacken edler, das Handling gerade zu Hause noch angenehmer. Vergleicht man den Preis mit einem fertig aufgebauten und ebenfalls handverdrahteten TAD Kit (von TAD selbst oder etwa von Ritter Amps), liegt das Original von Fender nicht so weit entfernt.

Ich bin sehr froh, dass der Princeton (wieder) bei mir eingezogen ist. Müßte ich mein Equipment auf einen Amp reduzieren, bliebe aufgrund seines Sounds und seines komfortablen Handlings höchstwahrscheinlich der 64er Custom Princeton.
 
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Schönes Review, das liest sich gut. Beim deutlichen Preisunterschied zum '65 RI fragt man sich trotz deiner (subjektiven) Bestätigung, ob der sich tatsächlich lohnt. Für die technischen Laien, zu denen ich mich zähle, ist nicht offenkundig, was die Handverdrahtung wirklich ausmacht. Aufschlussreich finde ich daher z.B. den Artikel von Udo Pipper, in dem man erfährt, dass schon die Auswahl hochwertigerer Komponenten den Klang positiv beeinflusst. Zu lesen hier: https://www.gitarrebass.de/workshops/parts-lounge-fender-princeton-reverb-tunings/

Man kann aber auch mit einem 65er RI sehr zufrieden sein. Meinen habe ich gebraucht für 850 € gekauft, den Klang mit einem anderen Lautsprecher (minimal) runder gemacht, ohne den Grundcharakter zu verändern. Eine schaltbare Leistungsreduzierung ermöglicht crunchige Endstufensättigung schon bei erträglicher Lautstärke und eine schwächere Hallreiberröhre hat die Regelbarkeit des Reverbs wesentlich verbessert.
 
Stratomano
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Und nicht zu vergessen, dass der Mesa Boogie aus dem Princeton entstanden ist.
 
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Ich finde diese kleinen Fenderkisten genial. Habe ja selber den 68 Custom Virbro Champ. Allerdings wüßte ich jetzt nicht, ob ich so einen Princeton zusätzlich "bräuchte"... wenn wahrscheinlich eher eine günstigere nicht handverdrahtete Version.

Nur über den OX zu spielen empfinde ich allerdings auch als Sakrileg. Ich spiele meinen Champ zwar auch mal über die Fryette + IR aus der DAW und über Aktivmonitore aber jedesmal wenn der eingebaute Speaker arbeiten darf, geht vom Spielgefühl her erst recht die Sonne auf.

Ein herzliches Dankeschön auch für die Hörbeispiele.
 
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Ich spiele einen Ptp VSA Vibrolux Clone. Was das mit dem Review zu tun hat? Der Vibrolux weist trotz seiner 35 Watt mehr Verwandtschaft zum Princeton auf als zum DR, Pro, Super und Twin, was die jeweiligen Schaltungen anbetrifft. Ich mag diesen etwas schlanken Ton, der trotzdem prototyisch fendert.

Schöne Soundbeispiele btw!
 
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Hi!
Und nicht zu vergessen, dass der Mesa Boogie aus dem Princeton entstanden ist.
Äh, jein.
Die ersten Boogies sind nicht "aus" einem Princeton entstanden, sondern "in" einem Princeton ;)
Randall Smith hat den Princeton quasi "entkernt" und einen (etwas heisseren) Tweed Bassman reingebaut - das war eigentlich nur als Spaß/Gag gedacht und wurde dann ein unerwarteter Erfolg (y)

Hier ein Interview mit Randall Smith dazu (die Princeton-Episode geht ca. von Minute 5 bis 8):




Sorry für "off-topic", aber die Story ist so schön, dass ich denke sie passt hier auch (irgendwie) rein ;)


cheers - 68.
 
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DerZauberer
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Für die technischen Laien, zu denen ich mich zähle, ist nicht offenkundig, was die Handverdrahtung wirklich ausmacht.
Klanglich, wenn eine Platine sauber gemacht ist, macht das wenig bis gar nix aus, und Platinen haben sogar gewisse Vorteile (es fliegen im Chassis halt weniger Kabel rum, etc.).

Aber... die meisten Platinen in den meisten modernen Amps sind auf Kostenreduktion getrimmt in Richtung Materialkosten und Baubarkeit. So lange alles geht, ist das kein Problem. Aber wenn mal was kaputt geht, ist das oft mit sehr hohem Aufwand verbunden.

Der massive Vorteil solcher ganz altmodisch aufgebauten Amps mit einem Eyelet Board wie hier (oder Turret Board) ist schlicht, dass sie ein Traum sind was Wartung und Reparatur angeht. Kleine dünnen Leiterbähnchen, keine unterdimensionierten Lötpunkte die sich bei ein wenig Hitze des Lötkolbens von der Platine lösen. Kein fummeliger Ausbau der Platine und das Abstecken von irgendwelchen Strippen, um da richtig dran zu kommen. Hier ziehst du das Chassis raus und alles liegt direkt vor dir. Du kannst messen, schauen, und ggf. wo nötig ganz fix tauschen. Diese Amps sind also auf Wartbarkeit und damit Langlebigkeit konzipiert. Egal was hier vielleicht mal "abraucht" - man kann es tauschen und reparieren.

Bei vielen modernen Amps ist ein technischer Fehler oft gleichbedeutend mit wirtschaftlichem Totalschaden, weil die professionelle Reparatur mehr kostet als der Amp.

Ich lehne mich vielleicht etwas aus dem Fenster, aber solche handverdrahteten Amps sollten eigentlich im Sinne Nachhaltigkeit/Ressourcenverbrauch wieder "modern" werden - sie halten länger, es wird weniger Elektroschrott verursacht, sie sind eigentlich die nachhaltigere Lösung. Ich bin im Gegenzug gespannt, was mit den ganzen Kempers passiert, wenn da in ein paar Jahren die ersten Elkos in der Spannungsversorgung und die Displays alterungsbedingt aufgeben.
 
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SlowGin
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War mal mein erster Röhrenamp. Den hatte ich Ende der 70er oder Anfang der 80er von einem älteren Musiker sehr preiswert gekauft.
Damals war es halt einfach ein einfacher Röhrenamp. Nichts besonderes halt.

Aber ich konnte damals a: nicht wirklich mit umgehen und b: war der uncool weil es ein kleiner Combo war. "Cool" waren halt damals eher diese großen Marshall Türme.

Heute wüsste ich damit durchaus etwas anzufangen. ;-)
 

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