Antonio Vivaldis Winter: Geschwindigkeit auf Kosten von Bedeutung?

von Bernnt, 29.03.20.

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  1. Bernnt

    Bernnt Registrierter Benutzer

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    Erstellt: 29.03.20   #1
    Hallo Leute,

    ich bin gerade dabei, mir den ersten Satz von Antonio Vivaldis Winter aus den Vier Jahreszeiten anzueignen. Dazu höre ich diverse Youtube-Videos. Die meisten gefallen mir überhaupt nicht und lassen mich ratlos zurück.

    Vivaldi hat seine Komposition ja mit Anmerkungen versehen. Zum Beispiel steht in Takt 1: "Inmitten eisigen Schnees zittert man vor Kälte" oder in Takt 12, als die Solo-Violine deutlich hervortritt: "Bei erbarmungslos schrecklichen Wind". Gegeigt wird dort meist virtuos-flott. Den "erbarmungslos schrecklichen Wind" höre ich in den Aufnahmen an der Stelle nicht, was ich irgendwie unangemessen finde. Man kann doch nicht die Aussage einer Komposition so einfach fallen lassen, weil Vivaldi über den Takt 1 "Allegro non molto" drübergesetzt hat und ein gleichbleibendes Metrum vorzuschreiben scheint.

    In meiner Irritation habe ich mir dann Aufnahmen von Winterstürmen angehört. In der Tat macht der Wind unterschiedlich hohe Töne. Braust ein Wind auf, ist der Startton bei niedriger Windgeschwindigkeit tief. Dann geht es schnell tonlich hinauf, um dann langsamer in der Tonhöhe und der Lautstärke wieder zu fallen. Diese Winde zeichnen sich also durch den zusammengehörenden Prozess des Aufbrausens und Abebbens aus. Die Prozesse selber kommen nicht immer in demselben Abstand und sind selber unterschiedlich lang. Man kann sie nicht in ein Metrum pressen, was ich aber bei fast allen Aufnahmen deutlich spüre, in denen eher eine Stoppuhr zu ticken scheint.

    Jetzt könnte man sagen: "Vivaldi, du bist schuld. Deine Komposition ist schlecht." Aber genau das stimmt nicht: Akzeptiert man, dass Vivaldi hier einen Wintersturm darstellen möchte, finde ich genau den Versuch, diese Aneinanderreihung der chaotischen Prozesse des Aufbrausens und Abbebbens darzustellen. Schaut mal in die Noten hier: T.12, erste 32-tel: tiefer Ton, also Wind in Ruhe, dasselbe wieder in demselben Takt, diesmal 7letzten 32-tel. Es gibt auch Wind in Takt 14. Dort ist Windruhe auf dem 3. Schlag... Ich will das jetzt nicht durchgehen. Mir fällt nur auf, dass Vivaldi durch die Verlagerung seiner musikalischen Motive die chaotische Komponente des Windes zu beschreiben scheint.

    Warum also diese Stoppuhr-Interpretationen? Irgendwie scheinen die mir nicht richtig zu ticken.
    Warum diese Geschwindigkeit? Warum diese Virtuosität? Wird genau dadurch nicht die Intention des Stücks zerstört?

    Vielleicht gibt es ja Aufnahmen, die das herausarbeiten und die ich nicht kenne. In diesem Fall wäre ich für einen Hinweis / Link dankbar.
     
  2. MrRojo

    MrRojo Registrierter Benutzer

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    Erstellt: 29.03.20   #2


    ...diese Aufnahme von Neville Marriner finde ich sehr schön. :great:

    Ebenso: Antonio Vivaldi - Neville Marriner-L'estro Armonico (1994)' was aber mit dem von Dir geposteten Sachverhalt nichts zu tun hat.
    Dennoch: hörenswert!! ;)
     
  3. LoboMix

    LoboMix Helpful & Friendly User HFU

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    Erstellt: 29.03.20   #3
    @Bernnt, da bist du auf ein leider recht weit verbreitetes unschönes Phänomen in der Musik, bzw. der Musik-Interpretation gestoßen. Nämlich auf die "Virtuosen", die zwar phänomenal schnelle Finger haben, aber musikalisch und in der Vergeistigung der Musik leider unterbelichtet sind. Diesen nervtötenden, meistens rein mechanisch daher gespielten Ton-Ergüssen begegnet man leider allzuoft, viel bei Profis, aber auch bei Geschwindigkeitsrausch-affinen Amateuren, die ebenfalls mit schnellen Fingern, aber nur geringem musikalischem Verständnis gesegnet sind.

    Vivaldis Komposition "Vier Jahreszeiten" darf gewiss als virtuoses Violinkonzert gelten, bei dem der Virtuose gerne glänzen kann, auch mit schnellen Passagen und Tempi. Aber eine Tempo-Bezeichnung wie "Allegro non molto" ist eigentlich eindeutig genug, nämlich "nicht zu sehr Allegro".
    Es ist nicht zu viel verlangt, von einem Könner ein Mindestmaß an musikalischem Instinkt und geistiger Durchdringung der Komposition zu verlangen, und dass er das Stück angemessen und der Intention der Musik selber folgend interpretiert, anstatt sich mit seinem Instrument als eitler "Pfau" zu präsentieren, der sich mit seiner Aufdringlichkeit störend vor die eigentliche Musik stellt.

    Mache es wie ich, schalte dann einfach schnell ab.

    Die Marriner-Aufnahme gefällt mir auch gut.

    Hier noch zwei interessante Beispiele mit Gidon Kremer.
    Zuerst eine Aufnahme des ganz jungen Kremer, die zwar recht ungestüm und sehr virtuos in den schnellen Passagen daher kommt, aber bei mir gerade wegen der starken Kontraste einen guten und interessanten Eindruck hinterlässt. Der Eindruck eines Winters, der sowohl starken Frost und Schneestürme als auch herrliche Tage mit klarer Sonne bringt mag bei mir jedenfalls entstehen:*



    Im Alter klingt es bei ihm immer noch virtuos (das Stück hat ja tatsächlich seine virtuosen Passagen), aber insgesamt merklich abgeklärter:



    *)
    Man sollte auch bedenken, dass sich der Winter zu Vivaldis Zeiten subjektiv ganz anders angefühlt haben mag als in unserer Zeit und Region, wo gut isolierte Häuser mit Zentralheizungen und allzeit verfügbarem elektrischen Licht der Standard sind.
     
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  4. Bernnt

    Bernnt Threadersteller Registrierter Benutzer

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    Erstellt: 29.03.20   #4
    Ja, @LoboMix, das glaube ich auch. Aber die Windgeschwindigkeiten haben sich nicht geändert.

    [OT]
    Ein anderes Beispiel für dieses Unwesen ist Daquins Kuckuck. Die Virtuosen spielen so schnell, das man den gemächlich rufenden Kuckuck fast gar nicht mehr erkennt. Würde der so schnell rufen wie die Virtuosen spielen, hätte der nach spätestens zwei Wochen einen Herzinfarkt.
    [/OT]
     
  5. LoboMix

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    Erstellt: 29.03.20   #5
    Das ist klar. Aber zu Zeiten, da Reisen und Ortsveränderungen überhaupt nur zu Fuß, auf einem Pferd reitend, in einer (normalerweise unbeheizten) Postkutsche oder über´s Meer mit vergleichsweise kleinen Segelschiffen möglich waren anstatt wie heute im beheizbaren Auto, womöglich einem fettes SUV oder im komfortablen ICE, da mag man die Naturgewalten vielleicht anders empfunden und größeren Respekt vor ihnen gehabt haben.

    Gedanken wie diese versuche ich mir immer zu machen, wenn ich auf Musik treffe aus alter Zeit, die sich mit der Umwelt und der Natur beschäftigt (aber nicht nur dort). Wir können uns sicher nicht wirklich in die Gefühls- und Denkwelt und den Alltag der Menschen in der Vergangenheit hinein versetzen, aber den Versuch zu machen, aus unseren gewohnten und alltäglichen Gewohnheiten heraus zu treten und sich einmal gedanklich von unserem alltäglichen Komfort zu distanzieren, der Versuch lohnt meiner Meinung allemal - gerade auch für die Interpretation der Musik der Vergangenheit.
    Nur so als Anregung :).
     
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  6. Daniela Violine

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    Erstellt: 01.06.20   #6

    eine gnadenlose Interpretation auf Barockinstrumenten. Mir gefällt so etwas. In dem Fall wirklich Geschmacksache. Würde mich wundern, wenn das zu Vivaldis Zeiten so gespielt worden wäre.
     
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  7. Daniela Violine

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    Erstellt: 01.06.20   #7
    Das ist ja fast eine böswillige Unterstellung. Solche Virtuosen gibt es sicher auch, aber von den Solisten die ich, zum Teil auch persönlich, kenne, ist da keiner dabei. Ich weiß nur, daß meine KollegInnen und ich uns immer große Gedanken machen um die richtige Interpretation der Satzbezeichnungen. Den Begriff “Allegro“ z.B. kann man gar nicht wörtlich ins Deutsche übersetzen. Wie ist es denn mit den verschiedenen Taktarten? Kann ein Allegro das gleiche sein in einem 3/8-, 6/8-, 4/4-, oder 2/2-Takt?
    Eigentlich sind es meist die mittelmäßigen Musiker die zu schnell spielen. Die spielen keine Phrasen aus, sondern setzen automatisch den Schwerpunkt auf den Taktanfang. Die Musik fließt nicht mehr. Dann probiert man es eben so lange ein wenig schneller bis es scheinbar virtuos klingt. Allerdings, wenn ein Virtouse jemand sein soll, der in der Hauptsache schnell spielen kann, dann sind da sehr viele unterwegs.

    virtuos laut Duden: eine souveräne, vollendete Beherrschung einer Sache, [künstlerischen] Fähigkeit erkennen lassend; meisterlich

    PS es ist mir nicht entgangen, dass Du Virtuose in Anführungszeichen gesetzt hast.
     
  8. LoboMix

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    Erstellt: 01.06.20   #8
    Inwiefern soll meine kritische Äußerung eine Unterstellung sein, gar eine böswillige?
    Namen habe ich gar keine genannt und würde das auch nicht machen, dich und deine Kollegen habe ich gewiss nicht gemeint, ich kenne euch ja gar nicht. Es mag sich jeder selber seine Gedanken dazu machen und überlegen, ob ihm Beispiele dazu einfallen. Ich höre öfter Interpretationen im Radio, die ich als deutlich zu schnell, als völlig Charme-frei, hektisch und ohne Tiefe empfinde, wo die Phrasen nicht ausgespielt werden, die Musik nicht lebendig wird, und wo es dem Interpreten scheinbar nur um die Präsentation seiner schnellen Finger geht.
    Es ist gut und eigentlich unabdingbar, sich über die Details der Interpretation tiefe Gedanken zu machen und nach allem, was ich bisher hier im Forum von dir in deinen Beiträgen gelesen habe, kann ich das gut nachvollziehen, dass du dir viele Gedanken machst. Sicher sind es die mittlemäßigen Musiker, die zu schnell spielen, die wirklich guten vertiefen sich so weit in das Stück, dass sie ´den Ton treffen´. Die großen Virtuosen können auch in einem sehr schnellen Tempo vortrefflich gestalten, würden aber nie das Tempo unangemessen überziehen.

    "Allegro" ist, wie auch so manche anderen das Tempo betreffenden Bezeichnungen in der Musik im Kern mehr eine Ausdrucksbezeichnung als eine reine Tempobezeichnung.
    Die möglichen Übersetzungen des italienischen Wortstamms "allegro/allegra" geben dazu reichlich schöne Anregungen:

    Allegro.jpg

    "Schnell" taucht in dieser Liste bemerkenswerterweise gar nicht auf. Der Titel der Oper von O.Nicolai "Die lustigen Weiber von Windsor" (bzw. des Schauspiels von Shakespeare) heißt im Italienischen im übrigen "Le allegre comari di Windsor" soviel ich weiß.

    Ich finde die Interpretation des Vivaldi-Concertos, die du oben verlinkt hast sehr spannend und mitreißend.
     

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  9. Daniela Violine

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    Erstellt: 01.06.20   #9
    @LoboMix sorry, die “fast böswillige Unterstellung“ war natürlich übertrieben. Dafür entschuldige ich mich. Ich habe oft erlebt, dass wir Musiker verallgemeinernd kritisiert werden, deshalb reagiere ich manchmal stachlig, wenn ich meine, so etwas nur im Ansatz zu riechen.

    Wenn ich jetzt meinen Thread lese, stelle ich fest, den hätt es nicht gebraucht. War nicht konstruktiv. Verallgemeinernd werden auch andere kritisiert: Politiker, Ärzte, Beamte usw. Irgendwann trifft es jeden.
    Wobei, kritisiert hattet Ihr ja gar nicht, sonder nur ein spezielles Phänomen beschrieben, das Ihr nicht gut findet. Da sind wir sowieso einer Meinung.

    Meine Reihenfolge war wieder einmal verkehrt: Erst schreiben, dann absenden, dann denken; das haut nicht hin.

    Liebe Grüße von Daniela
     
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  10. LoboMix

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    Erstellt: 02.06.20   #10
    Entschuldigung angenommen! Ich hatte mich aber eigentlich nicht angegriffen gefühlt. Außerdem kann ich Kontroversen normalerweise ganz gut aushalten. Ich versuche meine Standpunkte immer so gut wie möglich zu begründen, gerade, wenn die Thematik droht, in sich kontrovers und polarisierend zu wirken.
    Für Anregungen, neue Aspekte und andere Sichtweisen bin ich aber grundsätzlich aufgeschlossen.

    Ich möchte dich noch fragen, in welchen Zusammenhängen du es erlebt hast "dass wir Musiker verallgemeinernd kritisiert werden"?
    Mir ist die Dünnhäutigkeit mancher Kollegen durchaus bekannt, bin ja selbst Profi und eine gewisse Dünnhäutigkeit ist mir auch auch nicht fremd. Man steht ja auch immer sozusagen "im Unterhemd" in der Öffentlichkeit, besonders als Solist. Wobei ich aber immer mehr daran gearbeitet habe, diese Dünnhäutigkeit nicht zu pflegen, sondern so gut es geht, abzulegen.
    Da ich oft Auftritte mit freien Improvisationen mache, gelegentlich auch ganze Programme in dieser Richtung, setze ich mich dem Feedback des Publikums auf eine gewisse Weise noch mehr aus, da ich ja ganz "eigene" Musik präsentiere.

    Andererseits ist es dann natürlich besonders schön, wenn das Feedback positiv ist und der Applaus ehrlich und reichlich ist.

    Aber du hast doch, wenn ich das richtig gelesen habe, einen tollen Job in einem tollen Orchester, und überhaupt in der Musik und mit der Geige deine Berufung gefunden. Dann solltest du, bzw. solltet ihr, du und deine Kollegen auch reichlich sehr positives Feedback bekommen, viel herzlichen Applaus und überhaupt viele positive Rückmeldungen. Wenn dem so ist, wovon ich ausgehe, kann es doch besser nicht sein?
     
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  11. Daniela Violine

    Daniela Violine Registrierter Benutzer

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    Erstellt: 02.06.20   #11
    Kontroversen sind gut und notwendig. In der Musik kann man sowieso alles kontrovers diskutieren. Zu einer guten kontroversen Diskussion gehört jedoch, sich mit den Gedanken Anderer auseinanderzusetzen. Das hatte ich nicht getan. Im Grunde genommen: Thema verfehlt. Deshalb musste ich, auch für mich selbst, auf die Bremse treten.

    Als Opernmusiker wird uns immer mal wieder nachgesagt, wir hätten bei der einen oder anderen Repertoirevorstellung, wieder einmal mehr, nur Dienst nach Vorschrift gemacht. Oder jemand stellt fest, dass bei einer Ballettvorstellung die zweite Besetzung am Werk war. Wenn in dem Zusammenhang noch der Ausdruck Orchestermusikermentalität fällt, dann könnte ich fast ausrasten.
    Manchmal kämpft man, gerade bei Repertoirevorstellungen extrem mit widrigen Umständen. Repertoire heißt bei uns ja nur, dass eine Produktion immer wieder einmal gespielt wird. Das bedeutet aber manchmal, andere Sänger, ein fremder Dirigent und eine Verständigungsprobe im Probesaal ohne Bühne.
    Man kämpft faktisch den ganzen Abend, um das Niveau und die Qualität hoch zu halten. Mitunter hat man es auch noch mit einem Dirigenten zu tun, der meint immer Recht haben zu müssen. Das kann sehr anstrengend sein. Wenn wir unseren Qualitätsanspruch nicht erfüllen können, was leider doch hin und wieder vorkommt, hat das nichts mit Dienst nach Vorschrift oder ähnlichem Quatsch zu tun. Manchmal läuft es einfach nicht, und je mehr man sich anstrengt, umso schlimmer wird es.

    Eine Lieblingsverallgemeinerung: „Man merkt genau, wenn bei euch der Chef dirigiert, da reißt ihr euch gleich mehr zusammen.“ Nein! Tun wir nicht. Wir haben kein gesteigertes Interesse daran, bei einem Gastdirigenten schlechter zu spielen. Hören tut man nämlich meist das Orchester, nicht den Dirigenten.
    Tatsache ist, der Chef ist ein Workoholik. Er bekommt eben (fast) so viele Proben wie er möchte. Da haben wir keinen Einfluss darauf. Außerdem, man kennt sich über Jahre und kann ganz anders aufeinander reagieren.

    Zumindest in unserem Orchester haben wir immer den Anspruch optimal abzuliefern.

    Vor drei Jahren in Berlin konnte ich ein Konzert der Staatskapelle Dresden, mit Christian Thielemann, in der Philharmonie besuchen. Sie spielten die Symphonie Nr.9 von Anton Bruckner. Ich war begeistert vom Klang dieses Orchesters, von der Intensität, mit der sie zu spielen im Stande waren. Auch Thielemanns Auffassung und Interpretation zogen mich in den Bann. Ich liebe diese Werk sowieso und für mich war dieses Kontert eine Sternstunde der Musik.

    Als ich die Philharmonie verließ, ging hinter mir eine kleine Gruppe Menschen, die sich über das Konzert ausließen. Einer bemängelte das Blech als etwas unpräzise und altmodisch im Klang. Ein anderer fand das Zusammenspiel generell etwas zu ungenau. Dem dritten gefielen Thielamanns Tempi nicht. Lauter Dinge, die ich so nicht wahrgenommen hatte. Der Gipfel war, als jemand meinte, man würde eben merken, dass sich da in der Interpretation halt inzwischen Tournee-Routine eingeschlichen hätte. Ich drehte mich zu diesen Menschen um und meinte: „mir hat das Konzert ausnehmend gut gefallen. Was habe ich doch für ein Glück, dass ich nichts von Musik verstehe.“ „Ja“, meinte einer, „da haben sie Glück gehabt.“ Ich darauf: „eben“.
    Es hat mich unheimlich gejuckt, denen den Stinkefinger zu zeigen. Hab’s natürlich nicht getan.

    Tournee-Routine, wieder so ein Ausdruck. Wer hat den wohl erfunden.

    Klar, ich habe einen tollen Job im Orchester und bin auch sehr glücklich damit. Wir sind als Orchester auch erfolgreich. Ich habe selbstverständlich nichts gegen konstruktive Kritik und kann damit Umgehen. Ich habe etwas gegen verallgemeinernde Beurteilungen und ich mag es auch nicht wenn es andere Kollegen trifft.

    Plötzlich wird über eine(n) Sänger/Sängerin kolportiert, der/die hätte den Zenit wohl überschritten. Irgend ein Depp, hat das in irgendeinem Boulevardblatt vielleicht so geschrieben (sicher kein seriöser Kritiker). Das kommt relativ oft vor und wird dann so lange nachgeplappert, bis es für manche zur Gewissheit wird, auch wenn es objektiv nicht stimmt.

    Ich wechsle jetzt einmal die Seite.
    Ich mag auch einen, wohl humoristisch gemeinten, Satz nicht: „ein Kritiker ist eine Ziege die meckert, aber keine Milch gibt.“ Fällt bei mir unter die Kategorie: beleidigender Blödsinn und trifft höchstens auf ein paar dumme Schreiberlinge zu, die sich anmaßen, Kritiken über Themen zu schreiben, von denen sie nichts verstehen.

    Ich kenne einige Kritiker, ich nenne sie hier einmal, Musikjournalisten, die hervorragend Bescheid wissen, sehr umfangreich gebildet sind und immer fachlich, fundiert argumentieren.

    Es gibt auch Musiker, die Kollegen verallgemeinernd kritisieren.
    Eine der übelsten Verallgemeinerungen ist z.B. Richard Wagners schrecklicher Aufsatz über das „Judentum in der Musik“.

    Verallgemeinerung und Vorurteil liegen oft nah beieinander und können üble Formen annehmen.

    LG Daniela
     
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  12. LoboMix

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    Erstellt: 04.06.20   #12
    Jetzt wird es reichlich OT, aber der Faden hat sich nun in diese Richtung gesponnen, und hoffen wir auf einen gütigen Moderator, der die OT-Beiträge hier belässt. Der eine oder andere mitlesende Forums-Flaneur mag hier ja vielleicht auch unseren Dialog mit Interesse verfolgen.

    Verallgemeinerungen sind in der Tat von Übel und eigentlich immer unfair, denn es gibt wahrscheinlich überhaupt gar keine Personengruppe, die von außen betrachtet zwar homogen erscheinen mag, die dann auch tatsächlich homogen ist. Menschen sind Individuen und so sind auch Gruppen ähnlicher Zusammensetzung praktisch immer inhomogen im Detail betrachtet.
    Natürlich bin ich schon Orchestermusikern begegnet, die dem Typus "Musik-Beamten" erschreckend entsprachen, oder dem Ausgebrannten, der nur noch die Tage bis zu seiner Pensionierung zählt. Oder dem arrogant Abgehobenen, der die "Klassik" auf ein schier unerklimmbar hohes Podest stellt und alle anderen Genres abfällig als ´niedere´ Erscheinungsformen der Musik (ja, gerade noch so als Musik sprachlich bezeichnet) abkanzelt.
    Aber selbstverständlich auch den leidenschaftlichen, enthusiastischen, über alle Maßen begeisterten, glühenden (Orchester-)Musiker, der es schafft, die Flamme dieser Leidenschaft brennend zu erhalten bis zu dem Zeitpunkt, wo sie/er das Instrument aus der Hand legen muss.
    Uns alles dazwischen natürlich auch, wie sollte es auch sonst sein.

    Das Publikum lässt sich ebenso nicht verallgemeinern, wobei die Beispiele, die du bringst, auf ein versnobtes, abgehobenes, besserwisserisches (Pseudo-)Bildungsbürgertum hinweist, dem man in ´gehobenen´ Publikumskreisen gerne mal begegnet, also denen, die sich die teuersten Karten ´mit links´ leisten können (hier bediene ich natürlich auch ein Klischee, aber mitunter ist die holzschnittartige Überzeichung ganz gut geeignet, die Konturen deutlicher hervor treten zu lassen).

    Einiges ist aber durchaus nachvollziehbar. Der Opern- und Konzertbesucher will durch eben diesen Besuch aus seinem Alltag heraus genommen werden und er will die große Kunst genießen. Da will er nichts vom Alltag der Musiker wissen, den mitunter sehr schwierigen Bedingungen, unter denen diese ihre Hochleistung allabendlich abrufen sollen bzw. müssen. Diese Einstellung kann man zwar verstehen, aber dieses Ansinnen ist natürlich gleichzeitig auch naiv, denn der künstlerische Alltag ist eben auch - ein Alltag. Ein Leben mit Höhen und Tiefen. Mit den zu wenigen Proben, schwierigen Dirigenten und all den widrigen Umständen, die du schilderst.
    Es ist das menschliche Maß, was einzig gelten sollte. Ich kann zwar nur spekulieren, in welchem "Spitzenorchester" du spielst (musst du auch nicht mitteilen, die Anonymität soll ruhig gewahrt bleiben), aber ich würde ohne weiteres vermuten, dass ihr selbst dann in der Lage seid, eurem Publikum einen großen Kunstgenuss zu vermitteln, wenn ihr selber das Gefühlt habt, der Abend sei nicht ganz optimal verlaufen.

    Den "Beckmessern" kann man es natürlich nie recht machen. Das sind dann ganz sicher auch die Leute, die tagaus, tagein auf ihrer Arbeit wie selbstverständlich nur die reine Perfektion abliefern, denen immer alles einfach so gelingt und die sowieso keine schlechten Tage kennen.
    Warum die aber in ein Konzert gehen wie das der Dresdener mit Christian Thielemann? Nur, um auch einem vermeintlichen, besser, eingebildeten ´hohen´ Niveau zu lästern ("Was haben wir nicht für Ahnung, wie haben echt den Durchblick, wir hören jedes kleinste Patzerchen, passt also auf, ihr Saiten-Streichler, Luft-Puster, Fell-Hauer. Für unser gutes Geld wollen wir euch tüchtig springen sehen.")
    Präzision ist gewiss eine wichtige Voraussetzung für einen guten Klang und ein sehr präzise spielendes Orchester ist an sich schon ziemlich faszinierend. Aber wenn die Aufführung sich in der Präzision erschöpft, wird noch lange nicht gute und schöne Musik daraus. Es kann auch alles kalt und tot, erstarrt klingen.
    Die Seele der Musik liegt in der Tiefe, und im Zweifel höre ich lieber ein weniger präzises, aber beseeltes Spiel als eine "Hochglanz"-Aufführung, an der die Gefühle abperlen wie die Wassertropfen auf einem auf Hochglanz polierten Autolack. Das geht oft auch eher in die Richtung der "schlechten Routine", die zu selbstgewiss daher kommt und sich an der eigenen Perferktions-Schau ergötzt - und musikalisch stets nur an der Oberfläche bleibt.

    Dagegen ist die "gute Routine" eine sinnvolle Sache, da sie das eigene Können nicht immer wieder geradezu selbstzerfleischend in Frage stellt und einen immer atmeloser einem unbarmherzigen Diktat einer allein als Maßstab zugelassenen "absoluten Perfektion" hinterher läuft. Dieser Maßstab ist an sich unmenschlich, der oben beschriebene Alltag lässt ihn gar nicht zu. Es ist das Wesen von Sternstunden, seltene und außergewöhnliche Ereignisse zu sein. Genial, aber wer hätte etwas davon, wenn Sternstunden zum Alltag absinkten?
    G.O. van de Klashorst (der Begründer der "Dispokinesis für Musiker", bei dem ich eine Ausbildung machen konnte) hatte einen fantastischen Spruch dazu über seinem Schreibtisch hängen: "Mache es gut - nicht sehr gut". Das menschliche Maß eben.

    Deine Reaktion auf die "Beckmesser" in Dresden: :great::great::great:

    Alles, was ich bis heute von der Staatskapelle Dresden gehört habe, insbesondere unter Ch. Thielemann, hat mich ausnahmslos überzeugt!* Die "Beckmesser" sollten besser mit wirklich offenen Ohren, noch besser mit offenen Herzen ins Konzert gehen, nicht mit der Stoppuhr.

    Gruß, Jürgen


    *)
    Eine Ausnahme ist vielleicht die Aufführung der "Rhapsody in Blue" im Neujahrskonzert von 2015 [ ab Min. 46], wo ich damals mehr zufällig in die Life-Sendung genau zu Beginn dieser Rhapsodie hinein geschaltet habe. Aber da ist es weder das Orchester oder gar Thielemann, die mich nerven, sondern der Solist LangLang, der mit seinem affektierten Spiel das wirklich grandiose Orchester manchmal regelrecht in die Enge treibt und ein präzises Zusammenspiel an einigen Stellen kaum möglich macht. Die Schweiß-Ströme, die Thielemann gegen Ende des Stücks von der Stirn tropfen sprechen für mich Bände. Diese Aufführung war wohl wirklich absolute Schwerstarbeit, selbst für ein so tolles Orchester und einen so hervorragenden und (im guten Sinne) routinierten Dirigenten. Das Publikum war gleichwohl begeistert.
    Bei LangLang mache ich im übrigen eine Ausnahme, beim "Lästern" keine Namen zu nennen. Über den habe ich hier im Forum schon an anderen Stellen hergezogen. Was seiner Prominenz selbstverständlich nicht den geringsten Abbruch tut, ich kann mir das also sicher erlauben. (So oft lästere ich aber auch gar nicht, das ist kein wirklich so wichtiges Thema.)
    LangLang ist für mich immer wieder ein Paradebeispiel jener von mir so kritisierten "Virtuosen" (der hat ja unbestreitbar eine phänomenale Fingerbeherrschung und ein mehr als ausgezeichnetes Gedächtnis). Da ich meine Kritik gerne unterlege, habe ich hier noch zwei Beispiele mit der Polonaise Ab-Dur von Chopin, wo ich der Aufnahme von LangLang [] diese Interpretation des von mir hochverehrten und als wahren Virtuosen hochgeschätzten Vladimir Horowitz gegenüber stelle [].
    Man kann nicht nur mit der Schnelligkeit, sondern sogar mit der Langsamkeit übertreiben. Hier noch demonstriert am Beispiel der Liszt-Paraphrase des "Ständchen" von Franz Schubert:
    LangLang -
    Horowitz:
     
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  13. Daniela Violine

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    Erstellt: 04.06.20   #13
    @LoboMix danke für diesen Beitrag und die vergleichenden Videos.

    Deine Ausführungen machen wieder viele Türen auf für weitergehende Diskussionen. Vielleicht sollten wir doch einen neuen Thread starten. Es gibt so viele offene Fragen: z.B.: welchen Einfluss hat der allgemeine Musikmarkt auf den Bekanntheitsgrad eines Künstlers? Welchen Einfluss hat das auf die Interpretation? Werde mal darüber nachdenken und dann ein neues Thema starten.

    Um etwas auf den Anfang zurück zu kommen. Die Jahreszeiten von Vivaldi sind ideal dafür geeignet, kommerziell verwurstet zu werden; nicht kompliziert in der Harmonik, melodisch und rhythmisch eingängig. Auch unter Missachtung sämtlicher, vom Komponisten gemachten, Interpretationsanweisungen und Tempobezeichnungen, kommt da immer noch eine Menge Musik heraus. Eine Komposition also, die man kaum kaputt bekommen kann. Dazu kommt, dass die technischen Anforderungen an den Geiger nicht besonders hoch sind. Das ideale Stück also, für virtuose Blender.

    Es ist allerdings nicht neu, dass der Showfaktor manchmal erheblich Einfluss nimmt auf die musikalische Interpretation.