"Bruchstein": Eindrücke + zwei Fragen

von hobz biz-zejt, 02.09.20.

  1. hobz biz-zejt

    hobz biz-zejt Registrierter Benutzer

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    Erstellt: 02.09.20   #1
    Folgenden Text möchte ich vorstellen, weil es zwei Punkte gibt, die ich selber nur schwer einschätzen kann.

    1 betrifft die sprachliche Wirkung.
    Ich hatte beim ersten Korrekturlesen ein positives Gefühl, dachte sowas wie "wow, das hat Tiefgang" hab dann aber Zweifel gekriegt, ob es zu viel davon ist, aufgesetzt wirkt, zu sehr in eine schwülstige Richtung geht.
    Vor allem zwei Passagen hab ich dabei diverse Male umformuliert und versucht, alltagssprachlicher klingen zu lassen. (Was aber nie geklappt hat, weshalb dies nun wieder und immer noch die erste fertige Fassung ist).
    Wie wirkt das insgesamt auf euch?
    Welche Passagen nehmt ihr als mehr oder weniger gelungen war?

    2 ist die simple Frage nach dem Inhalt:
    Versteht man, worum es in dem Text gehen soll?
    Ich dachte ja und seh den Text auch als eine klar umrissene Geschichte, hab aber einen Freund direkt gefragt und war über dessen (Nicht)verstehen ziemlich überrascht.
    Da würde ich mich über Rückmeldung freuen, für den Anfang sogar lieber noch ohne ausführliche "Interpretation", also nur mit "mir erscheint klar, worum es geht" oder "ich steig nicht durch".

    Alle anderen Eindrücke und Rückmeldungen sind natürlich auch willkommen ;-)



    Bruchstein

    Dort am alten Steinbruch
    der gleich wie immer ist
    wo alles, was gemacht war
    die Zeit wieder verwischt
    sind Pfade zwischen Steinen
    und führen auf und ab
    Der Lauf der Zeit allein
    läuft stetig alle ab

    Die Höhen und die Tiefen
    und wie der Wind dort bläst
    erhaben untermalend
    das stille Zwiegespräch

    Am Wegesrand in Nischen
    Gedanken abgelegt
    wie unsichtbare Stempel
    dem Ödland eingeprägt

    Die Bank am höchsten Punkt
    wo nah und fern verschmilzt
    Gedankenfetzenbilder
    wie Szenen eines Films

    Die Nummer ohne Anschluss
    ins Holz geritzte Spur
    das Stückwerk kleiner Skizzen
    und doch Vermutung nur

    Der Horizont so weit
    der tiefste Punkt so nah
    10 Schritte linker Hand
    10 Schritte und dann da

    Einst stand hier noch kein Stein
    mit eingraviertem Spruch
    Einst stand hier nur die Bank
    Allein im Niemandsland

    Der eingravierte Spruch
    ich hab ihn angesehen
    und Wort für Wort versucht
    die Botschaft zu verstehen
    und irgendwann nur so
    die Wörter laut gezählt

    Es waren genau 11
    genau einer mehr als 10
     
  2. RED-DC5

    RED-DC5 Registrierter Benutzer

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    Erstellt: 02.09.20   #2
    ,Hallo, hab versucht die Botschaft des Textes zu verstehen
    doch ward sie mich mit einem Schloß versehen

    Grüße
     
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  3. streamingtheatre

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    Erstellt: 02.09.20   #3
    Ganz gut, meine ich. An einigen Stellen etwas holperig, aber gesungen kann es funktionieren.

    Ich bekomme eine Ahnung... ein Platz irgendwo in der Natur, der sich in den letzten Jahren verändert hat. Und den Protagonisten in eine Innerlichkeit bringt. Sowas in der Art...
    Ich hab mal ein paar Ideen notiert, die mir beim Verständnis helfen würden.

    Grüße

     
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  4. Frank_de_Blijen

    Frank_de_Blijen Registrierter Benutzer

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    Erstellt: 02.09.20   #4
    .. das lässt sich gut und sehr rhythmisch lesen (und vortragen), allein der Sinn erschließt sich auch mir nicht. Klingt einfach schön.
    Letzte Zeile müsste eher "genau eins mehr als 10" heißen.
    Hier und da wär auch noch etwas mehr Rhythmus möglich, zum Beispiel gleich die erste Zeile
    "Dort vorn am alten Steinbruch"
    Viele Zeilen gefallen mir einfach so gut, z.B. "erhaben untermalend" oder "Gedankenfetzenbilder" - auch wenn, wie gesagt, die Botschaft sich nicht so recht ergeben will.
    Schreib mal, wenn genug Kommentare da sind, was es meint! :)

    VG
    FdB
     
  5. Ikone

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    Erstellt: 02.09.20   #5
    Hi,

    Ich frage mich ob das ein Songtext (Lyric) oder eine Lyrik sein soll. Für einen Songtext finde ich es zu kryptisch. Meiner Meinung tritt der Text zu lange auf der Stelle. Letztendlich scheint mir der Text eine Betrachung einer Geschichte zu sein? Puh, ok. Songtext, NEIN. Lyrik schon eher.

    "... die Botschaft zu verstehen" - hier fühle ich, wie mir der Inhalt entgleitet. Zu Anfang des Textes dachte in noch an LI's Erinnerungen über den Ort oder über eine andere Person. Der Ort der gemeinsame Geschichte? Oder sogar die Zeit die LI selbst noch hat? Aber dann... ist das jetzt subjektiv gemeint? Soll ich wirklich etwas hinein interpretieren? Die Botschaft ist 11. Waren es die Jahre die LI mit irgendwas/wem verbracht hat? Also, statt den angekommenen 10?
     
  6. hobz biz-zejt

    hobz biz-zejt Threadersteller Registrierter Benutzer

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    Erstellt: 03.09.20   #6
    Danke für die Antworten. Ist sehr interessant für mich zu lesen.

    Jeder kennt das Phänomen, dass dass man auf irgendwas nicht kommt.
    Aber wie heißt das Gegenteil davon, dass einem irgendwas ganz offensichtlich erscheint (weil man es sich selber ausgedacht hat) und man es anschließend nicht nicht sehen kann.

    Wahrscheinlich haben dieses Problem auch viele "Tatort"-Drehbuch-Autoren, deren Plot ich regelmäßig nicht verstehe und mich dann immer frage, ob denen nicht bewusst ist, wie komplett wirre ihre gedachte Auflösung ist. Jetzt schwant mir, dass die ebenfalls gar nicht erahnen können, was ich alles nicht verstehe. Das nur am Rande.


    Hihi, schön gesagt.
    Wobei die Stelle nicht zu den Stellen gehört, die mir zweifelhaft erscheinen.

    Tatsächlich sind es diese zwei Abschnitte:

    "Die Höhen und die Tiefen..."
    "Am Wegesrand in Nischen..."

    Ist quasi der Übergang hin zum warum ist dieser Ort für das LI irgendwie bedeutsam. Vielleicht haben die Zeilen zu viel von dem, was @streamingtheatre als "Innerlichkeit" bezeichnet?



    Sag ruhig konkret, welche Stellen dir holprig vorkommen. ;-) Dass Zeilen gesungen noch mal ganz anders wirken, seh ich definitiv auch so.
    Die notierten Ideen würde ich gern hören. Meine ursprüngliche Befürchtung, dass die erste "Interpretation" alles verrät und die Sache für alle späteren Leser kaputt macht, scheint ja absolut unbegründet zu sein ;-)



    Danke für die Komplimente. Die Rhythmusänderung durch "vorn" gefällt mir. Inhaltlich deckt es sich nur nicht meiner Vorstellung.


    Gut aufgepasst. Ich hab selber überlegt, ob ich an der Stelle, "eins" schreiben soll, hab mich dann aber bewusst für "einer" entschieden.
    Kommt jemand drauf, warum?


    Ich sehe es auch so, dass der Text mehr wie ein Gedicht als ein Liedtext wirkt. Für mich ist es aber eher der Aufbau, der das bewirkt, also das Fehlen vom Wechsel Strophe/Refrain.
    "zu kryptisch", "zu lange auf der Stelle treten" sind gute bedenkenswerte Punkte. Ein bisschen gingen meine eigenen Bedenken vielleicht auch in die Richtung.
    Welche Stellen sind das für dich?

    "... die Botschaft zu verstehen" und "Die Botschaft ist 11": Ich hätte es nicht so gesagt, aber das ist gar nicht weit entfernt und fasst es vielleicht gut zusammen.
    Das LI versucht, die Botschaft zu verstehen und eine Erklärung zu finden, schafft es aber nicht. Das einzige, was ihm auffällt ist die Zahl 11, die im Text verborgen ist und die (zufälligerweise) genau eins mehr ist als die vorher so oft erwähnten 10 (Schritte).
     
  7. streamingtheatre

    streamingtheatre Registrierter Benutzer

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    Erstellt: 03.09.20   #7
    Da will ich mir jetzt nicht die Arbeit machen, das auseinander zupflücken... ist halt mein Eindruck beim Lesen.

    Die hatte ich in meinem Post mit fetten Buchstaben gekennzeichnet.

    Schöne Grüße
     
  8. Ikone

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    Erstellt: 03.09.20   #8
    Zusammenfassend würde ich ich sagen, dass ich beim Lesen Deines Textes eine ruhige aber auch betäubende Einsamkeit verspür. Die staubige, wüstenartige und menschenleere Szenerie. Sprachlich klingts rund, gibts nix zu meckern.

    Die Nummer ohne Anschluss
    ins Holz geritzte Spur
    das Stückwerk kleiner Skizzen
    und doch Vermutung nur
    // Steinbruch, Bruchstein, Bank, Steine, Ödland, Zeit, Telefonnummer... aber als persönliche Referenz passt das natürlich. Nur schmeisst es mich raus.

    Der Horizont so weit
    der tiefste Punkt so nah
    // Ist das plump emotional gemeint? Unklar da du sonst objektiv betrachtend bleibst. Die Bank steht doch am höchsten Punkt, oder? Eventuell scheint mir der Abschluss der Zeile unwichtig zu sein.

    10 Schritte linker Hand
    10 Schritte und dann da
    // Mir teilt das 10 Schritte leider nichts mit. Ein Spiel mit einer Schatzkarte alter Kindheitstage?

    // Folglich macht dann auch der Abschluss mit "einer mehr als 10" kaum Sinn. Selbst wenn sich daraus die hintergründige Botschaft Deines Textes verbirgt.

    Es ist nicht der Inhalt einer Botschaft, welche wichtig ist, sondern mit wem man die Zeit verbracht hat, während man die Botschaft schreibt.
     
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  9. hobz biz-zejt

    hobz biz-zejt Threadersteller Registrierter Benutzer

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    Erstellt: 04.09.20   #9
    Stimmt. Da hab ich dich falsch verstanden. Ich dachte erst, du hättest noch was anderes Unerwähntes notiert.
     
  10. 120

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    Erstellt: 04.09.20   #10
    Mittwochmittag hatten wir uns die Füße etwas vertreten bei bestem Wetter in einem Gebiet in dem den bergischen Sage nach mal eine Kapelle versunken sein soll. Als eine Straße in der Nähe tiefergelegt wurde in den 80gern versanken dort unter dem Abraum auf jeden Fall zeitgleich die Portale eines historischen Straßenbahntunnels und unweit davon auch der historische Steinbruch. Abends dann so ein Gedicht! Passende Sprüche mit 11 Worten findet man da sicher mindestens auch drei wenn man will.
     
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  11. Frank_de_Blijen

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    ... die 10 Wörter am Ende ... alles Namen?
     
  12. 120

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    Erstellt: 04.09.20   #12
    Wenns da Noten dazu oder sowas ähnliches gäb , dann fiele mir vielleicht eine ungefaire Bank ein, oder zwei
     
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