Elektronische Musik: Definitionen und Grenzen

von Tolayon, 10.12.16.

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  1. Tolayon

    Tolayon Registrierter Benutzer

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    Erstellt: 10.12.16   #1
    Gerade im Thread zum Thema "Gibt es gute elektronische Musik" wurden Beispiele und Kommentare gepostet, die mich zu der grundsätzlichen Frage führen, was denn nun genau als elektronische Musik definiert werden und wo man die Grenzen ziehen kann.
    Manchmal habe ich den Eindruck, dass schon ein elektronisches Instrument inmitten von ansonsten akustischen Varianten ausreicht, um dem Gesamtstück den Stempel "elektronisch" aufzudrücken. Beispiel für sowas wäre ein (Akustik-)Gitarrist, der sich selbst mit einer TR-808 begleitet und dazu noch Mundharmonika spielt.

    Dabei ist die TR-808 geradezu ein Fossil unter den elektronischen Klangerzeugern. In der heutigen Zeit klingen Synthesizer und Computer längst nicht mehr nur typisch "elektronisch", d.h. bewusst künstlich, sondern können akustische und elektromechanische Instrumente zum Teil schon erschreckend gut emulieren - sei es über Tonnen an Original-Samples oder mittels Physical Modeling.
    So wäre es für einen Musiker/ Produzenten heute ein Leichtes, nur mit VST-Plugins und -Libraries ein für den Großteil der Zuhörer authentisch klingendes Latin-Jazz-Album zu generieren, ohne ein echtes Instrument auch nur angefasst zu haben.
    Würde das dann immer noch in die Kategorie "Elektronische Musik" fallen?

    Oder nehmen wir jetzt mal das Gegenteil von dem zuletzt genannten Beispiel:
    Ein Produzent nimmt einen Haufen echter Musiker und deren Instrumente auf, verfremdet die einzelnen Spuren aber anschließend massivst durch Legionen von Plugins und Hardware-Effekten, so dass Akkordeon, Trompete und Co. auf einmal klingen wie Synthesizer.

    Ein Ansatz, das Thema anzugehen bestünde darin, erst einmal folgende Frage zu beantworten:
    Welcher Aspekt ist ausschlaggebender, die tatsächlich zum Einsatz kommende Technologie (u.a. Emulationen statt echter Instrumente) oder die beabsichtigte/ beim Hörer hervorgerufene Wirkung?

    Wie würdet ihr elektronische Musik definieren und wo die Grenzen ziehen?
     
  2. Oer

    Oer Registrierter Benutzer

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    Erstellt: 15.12.16   #2
    Ich würde dies in verschiedene Kategorien unterteilen.
    - elektronische Musik
    - elektronische Musik mit instrumentalem Einfluss
    - elektronisch erzeugte Musik
    - instrumentale Musik mit elektronischem Einfluss
    - rein instrumentale Musik

    Für mich ist es typische elektronische Musik, wenn der große Teil der Musik elektronisch erzeugt ist und auch synthetisch klingt. Dazu kann gesungen werden, vielleicht spielt noch eine echte Akustikgitarre eine Melodie.
    Wenn ich Instrumente aufnehme und stark verändere, sodass sie fern ihrem originalen Klang sind (nicht etwa wie E-Gitarre), dann fällt das für mich auch unter elektronische Musik.
    Produziere ich, z.B. mit einer DAW real klingende Instrumente imitiere, dann zähle ich das unter elektronisch erzeugte Musik. Aber würde sie dennoch ins jeweilige Genre zählen - z.B. klassische Musik.
    Instrumentale Musik mit elektronischem Einfluss würde ich dein erstes Beispiel nennen. Persönlich mag ich solche Musik sehr. Echte Instrumente, begleitet von einem Synthesizer. Jedoch bin ich nicht gerade ein Fan von rein elektronischer Musik, meine oberen zwei Kategorien also.

    Die Grenze ist für mich also etwas schwebend. Deshalb würde ich diese Kategorien zur Unterteilung nehmen. Typische E-Musik zähle ich aber in meine ersten beiden Kategorien. Der Rest ist für mich nicht wirklich elektronische Musik.
     
  3. Jonny Joel

    Jonny Joel Registrierter Benutzer

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    Erstellt: 23.12.16   #3
    Also Meiner Meinung nach ist es wirklich schwierig, weil im Grunde ja wirklich beinahe jedes Musikstück das heutzutage im Radio läuft zu 90-99% elektronisch produziert wurde. Manchmal gibt es vielleicht einzelne Instrumentenspuren die über Midi eingespielt wurden aber mit Sicherheit mittels unterschiedlicher Plugins nachbearbeitet wurden..

    Meine Definition von elektronischer Musik ist daher wirklich Genre gebunden, sprich EDM/House/Dance/Techno/Minimal und sämtliche verwandte Musikrichtungen. Wobei auch bei HipHop/RnB und Pop mittlerweile eigentlich fast ausschließlich Synthies eingesetzt werden.

    Eine Ausnahme stellen eigentlich nur die Genres Rock/Metal/Blues/Country etc. dar.

    Was viele nicht wissen ist eben auch die Tatsache das sich die Qualität vieler VST Instrumente so gut entwickelt hat, das "normale" Hörer den Unterschied nicht raushören..
     
  4. Martman

    Martman Registrierter Benutzer

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    Erstellt: 02.01.17   #4
    Elektronische Musik definiere ich so wie Jean Michel Jarre: Musik, die mit elektronischen Mitteln gemacht wird. Punkt. Im Zuge der Vermischung mit nichtelektronischen Instrumenten würde ich sagen, es ist elektronische Musik, wenn die elektronischen Klänge dominant sind. Wie die Musik selbst aussieht, ist dabei irrelevant.

    "Elektronische Musik" ist also nicht unbedingt ein Genre, sondern eine Arbeitsweise. Synthpop ist ein Genre (das übrigens Düsterheit weder impliziert noch voraussetzt, auch wenn die Goths das anders sehen). Italo Disco ist ein Genre. Acid House ist ein Genre. Techno ist ein Genre. Hardstyle ist ein Genre. Trip-Hop ist ein Genre. Dubstep ist ein Genre. Tropical House ist ein Genre. Schranz ist ein Genre. Elektronische Musik ist kein Genre.

    Natürlich gibt es Dogmatiker, die sagen, es ist nur dann elektronische Musik, wenn es überwiegend oder komplett aus geloopten Sequenzen besteht und/oder spontan bzw. experimentell ist. Im Falle älterer Musik wäre also Tangerine Dream elektronische Musik (auch "EM" abgekürzt), weil die eben alles auf sich wiederholenden Sequenzen basieren und darüber improvisieren (bzw. das bis Anfang der 80er taten), Vangelis, Jarre, Kraftwerk, Walter/Wendy Carlos usw. dagegen aber nicht, weil deren Musik auf Songwriting/nicht loopbasierter Komposition beruht und zu erheblichen Teilen über längere Strecken nach ebensolcher Komposition (statt spontan improvisiert) handgespielt ist. Noch häufiger liest man von Definitionen, die klingen, als sei elektronische Musik 1987 von Phuture in Chicago erfunden worden, auch weil fast alles, was danach kam, von Acid Tracks inspiriert war.

    Das läßt aber komplett außen vor, daß es schon vor 1987 (und übrigens auch hinterher) elektronische Musik gab, die mit House, Techno, Trance usw. wenig bis gar nichts zu tun hat. Seit spätestens Mitte der 80er ist Popmusik generell fast komplett elektronisch, aber kein Hahn kräht mehr danach. Ist trotzdem elektronische Musik, auch wenn man Alphaville, Madonna, Hurts oder Helene Fischer nicht in den einschlägigen DJ-kompatiblen Subgenre-Fächern beim Plattenhändler und auf deren Plattencovers keine BPM-Angaben vorfindet.

    Wenn es also um die Geschichte der elektronischen Musik geht, darf man nicht 1987 in Chicago oder 1988 in Detroit und Berlin anfangen, nur weil es da angeblich erstmals nach etwas klang, das auch heute noch im Club/auf dem Rave funktionieren kann. Da muß man noch weiter zurückgehen. Gary Numan 1979. Giorgio Moroder 1977 ("I Feel Love" funktioniert im Club heute wie vor 40 Jahren). Jean Michel Jarre 1976. Kraftwerk 1974. Pierre Schaeffer Ende der 60er. Walter Carlos 1968. Morton Subotnick 1967. Karlheinz Stockhausen ab den 50ern. Oskar Sala schon ab den 1930ern (1963 hat er den ersten vollelektronischen Filmsoundtrack mitgemacht: Die Vögel.) Lew Termen schon um 1920.


    Martman
     
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