Meine aktuelle Situation und Fragen bzgl. Stimmbandschluss

von guitarpicker, 30.12.16.

  1. guitarpicker

    guitarpicker Registrierter Benutzer

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    Erstellt: 30.12.16   #1
    Hallo ihr Lieben!

    möchte mich erstmal mit meinem Problem vorstellen:

    Ich selbst singe quasi schon seit ich denken kann. Ca. vor 4 Jahren habe ich sowohl beim Singen als auch beim Sprechen den Stimmbandschluss verloren. Wusste aber nicht was genau los war, weshalb ich mich bei der örtlichen Musikschule angemeldet habe und 1 Jahr GU genommen habe. Durch den GU wurde das Problem zwar gemindert, mein Lehrer meinte es läge daran, dass ich meine Resonanzräume nicht nutze und wir machten einige Übungen um "durch die Maske" zu singen. Da das Problem beim Singen zwar etwas besser wurde, beim Sprechen jedoch nicht, bin ich zu einem HNO gegangen um meine Stimmbänder ansehen zu lassen. Diagnose: Stimmbandschluss nicht optimal. Stimmbänder schließen an den Rändern, in der Mitte ist jedoch ein Loch. Habe dann Logopädie Stunden verschrieben bekommen, auch brav die Übungen täglich gemacht, aber weitergebracht hat mich das nicht. Die Logopädin meinte, das Hauptproblem sei ein extrem weit hinten liegender Stimmsitz und wir arbeiteten größtenteils am Vordersitz.
    Daher erste Frage: Sind "durch die Maske singen" und der "Vordersitz" tatsächlich Möglichkeiten um den Stimmbandschluss zu verbessern oder haben der GL & Logopäde am eigentlichen Problem vorbeigearbeitet? Das war nämlich öfters mein Eindruck.

    Inzwischen ist es so, dass mein Stimmbandschluss so halb da is. Sprechen geht größtenteils, außer die Umgebung ist extrem laut - dann wird es für mich schwer dagegen anzukämpfen und ich versuche stark zu "twangen" um durchzukommen.
    Beim Singen ist es so, dass es sich beim "locker-singen" ähnlich anhört wie beim Sprechen. Wenn ich mich jedoch darauf konzentrier "nach innen zu singen" wird der Ton plötzlich drei mal so laut, der Hauch komplett weg und es klingt sehr voluminös und etwas nasig. Vom Klang her ähnlich wie die heutige Stimme von Mick Jagger. Ich habe das Gefühl, dass ich hier das Problem direkt beim Schopf packe. Jedoch ist das Singen so auf Dauer etwas anstrengend und ich bekomme Verspannungen im Hals. Beim Sprechen kriege ich das nicht hin, nur beim Singen ab mittlerer Tonlage und mit sehr viel Stütze, die irgendwie einen Unterdruck erzeugt der die Stimmbänder zusammenhält - so fühlt es sich zumindest an.
    Was passiert dabei, wenn ich "nach innen singe"? Ist das tatsächlich der korrekte Stimmbandschluss der dabei hergestellt wird, oder presse ich damit nur die Stimmlippen mit viel Druck zusammen?
    Da ich damit wirklich extrem laut singen kann (lauter als die meisten mit Stimmbandschluss), denke ich, es ist eine Kombination aus dem Stimmbandschluss und der "Maske".
    In den letzen Tagen mache ich das oft abends und meine Stimme ist dannach etwas verspannt, allerdings am nächsten Morgen klingt die Sprechstimme immer viel voller und lockerer, was dann im Laufe des Tages wieder weggeht.

    Ein paar grundsätzliche Fragen zum Stimmbandschluss hätte ich noch:
    1. Liegt die Ursache des Problems bei der Atmung oder an den Muskeln der Stimmbänder, die es nicht schaffen die Stimmbänder aneinander zu bringen? Oder an beidem?
    2. Je mehr Luft einer auf der Stimme hat, schließen die Stimmbänder dann umso "schlechter"? Und haben die Menschen, die Null Luft auf der Stimme gleichzeitig auch den besten Stimmbandschluss?
    3. Was passiert physiologisch beim "Twang", wenn man wie eine Ente schnattert? Der Ton wird da dadurch etwas klarer, wird dann auch Stimmbandschluss verbessert oder wird dadurch nur der Kehlkopf an den inneren Rand des Halses "angelgegt"? (bitte nehmt mir die Ausdrucksweise nicht übel, mir fehlt etwas das Fachvokabular - so stellt ich mir das bloß vor und so fühlt es sich an)

    Wie würdet ihr mir empfehlen das Problem anzugehen? GU ist im Moment leider nicht drin und unsere Gesangslehrer hier in der Nähe lassen auch zu wünschen übrig.

    Ganz liebe Grüße, ich freue mich sehr auf eure Antworten!

    Guitarpicker
     
  2. broeschies

    broeschies Registrierter Benutzer

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    Erstellt: 30.12.16   #2
    Stimmsitz an sich kann sich individuell unterscheiden. Starken Twang z.B. kann wahlweise als maskenlastig oder als extrem "hintersitzig" empfunden werden. Auch das Verständnis von "Vordersitz" variiert etwas. Einige meinen damit die Maske, andere den Bereich um die Schneidezähne bzw. den vorderen Mundraum, was dann dem Artikulationsort aus der Phonetik entspricht.

    1. Das ist natürlich individuell. Die Aussagen der Logopädin deuten aber darauf hin, dass bei dir tatsächlich der Twang fehlt. Wenn der Stimmsitz weit hinten ist, aber es trotzdem "hauchig" klingt nach fehlendem Stimmlippenschluss heißt das i.d.R., dass die Epiglottis (der Kehldeckel) weit geöffnet ist, was die Muskeln deaktiviert, die die Stimmlippen schließen. Die Epiglottis zieht sich normalerweise beim Sprechen reflexartig zusammen, weshalb man sie fürs Sprechen nicht zusätzlich trainieren muss. Du scheinst dir aber bewusst oder unbewusst angewöhnt zu haben diesen Reflex zu unterbinden. Das passiert häufig bei Leuten die selten laut reden oder versuchen besonders "sanft" oder "unaufdringlich" zu klingen.

    2. Es kommt drauf an. Die Stimmlippen öffnen und schließen ja bei der Vibration, d.h. es kommt immer auch Luft durch. Es gibt allerdings die Situation wie bei dir, dass ein Teil der Stimmlippen gar nicht schließt und auch in den Schließphasen Luft durchlässt. Abgesehen davon gibt es auch noch die Schlussrate. Die Stimmlippen können z.B. vollständig schließen, aber nur sehr kurz. Dann klingt es auch "luftiger", obwohl der Stimmlippenschluss in Ordnung ist. Den Unterschied zu hören ist gar nicht so einfach. Logopäden können das aber i.d.R.

    3. Beim "Twangen" schließt sich die Epiglottis (und auch die Stimmlippen). Die Definitionen sind dabei leicht unterschiedlich. Einige Systeme bezeichnen nur ein starkes Schließen der Epiglottis als "Twang", was einen sehr scharfen, entigen Sound zur Folge hat. Andere bezeichnen jegliches Schließen der Epiglottis (auch leichtes) schon als "Twang". Ersteres ist v.a. ein stilistisches Element, letzteres ist zum Singen und auch zum Sprechen zwingend notwendig. Twang basiert im Grunde auf dem Schluckmechanismus, denn beim Schlucken schließen sich Stimmlippen und Epiglottis, um zu verhindern, dass Nahrung in die Luftröhre kommt. Deshalb wird Twang auch durch "nach innen singen", "Stimme schlucken" und ähnliche Bilder getriggert.

    Aber zu deinem Problem:

    Sprechstimme
    Meiner Erfahrung nach sind diese Übungen mit starkem Twang zum Singen sehr gut (wenn man sie korrekt macht), zum Sprechen aber eher ungeeignet. Beim Singen macht ein generell verstärkter Twang Sinn, z.B. weil er mehr Lautstärke/Durchsetzungsfähigkeit erzeugt. Zudem ist ein starker Twang in der hohen Lage unabdingbar, um den Stimmlippenschluss zu halten und nicht ins Falsett zu rutschen. Beim Sprechen hingegen ist es schlichtweg uneffizient, denn ein verstärkter Twang beansprucht eine ganze Reihe von Muskeln im Stimmapparat, die zum Sprechen in der angenehmen tiefen Lage überhaupt nicht notwendig wären.

    Deshalb wäre mein persönlicher Tipp zu versuchen, den natürlichen Schlussreflex der Stimmlippen (oder den "leichten Twang" wenn man es so nennen will) wieder in Gang zu setzen und weder auf verstärkten Twang noch auf eine Platzierung "in der Maske" oder "im Vordersitz zu achten".

    Den natürlichen Schlussreflex kannst du triggern mit Übungen auf den Vokalen B, D und G. Du kannst sie einfach der Reihe nach durchgehen und zwar (wichtig) mit viel Luftdruck dahinter. Versuch dabei dein Gesicht, den Kiefer und alles andere möglichst entspannt zu halten (du kannst versuchen möglichst unintelligent zu gucken). Achte darauf wie der Atemimpuls dafür sorgt das die Stimmlippen entspannt zusammenplatschen. Meist wird das empfunden als "dumpfer" Stimmlippenschluss im Gegensatz zum "scharfen" Stimmlippenschluss, den der starke Twang erzeugt. Gehe dann über zu BAH, DAH, GAH und achte drauf, dass du den Impuls nur auf B,D,G gibst, nicht auf dem AH. Danach benutzt du nur das AH und achtest darauf, dass die Stimmlippen "dumpf" zusammenkommen bevor das AH artikuliert wird.

    Wenn es dir gelingt diesen Reflex wider in Gang zu setzen macht es die Stimme weder zu scharf noch zu hauchig, sondern eben schön balanciert dazwischen. Im Idealfall reagieren die Stimmlippen einfach nur reflexartig auf die Intention zum Sprechen.

    Singstimme
    Beim Singen übe ich selber gerne mit starkem Twang. Wichtig ist in dem Fall allerdings, es richtig zu machen. Es ist jetzt natürlich schwer zu sagen, was bei dir das Problem ist. Die beiden typischen Dinge, die beim Twangen passieren sind:

    a) dass die Stimmlippen nicht ausreichend mit Luft gefüttert werden (das wird gerade durch das "nach innen" denken leicht verursacht)

    b) dass Twang mit zu starkem Vordersitz kombiniert wird. Das führt zu einer Überkompression der Stimmlippen und im Extremfall zum Anzerren, weil der Vordersitz (über andere Muskelgruppen als der Twang) ebenfalls den Stimmlippenschluss verstärkt.

    Was in beiden Fällen helfen kann ist die "Projektion nach hinten". Das heißt du singst nicht "nach innen" oder "nach unten", sondern du stellst dir vor, dass du jemandem zurufen willst, der weit hinter dir steht. Und du rufst ihm zu, indem du durch die hintere Rachenwand nach hinten singst.
     
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  3. Vali

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    Erstellt: 30.12.16   #3
    Hallo!

    Da ich dich leider weder kenne noch sehen und hören kann, kann ich leider nichts konkretes vorschlagen. Vielleicht können aber z.B. @6thfoot oder @absoluterfreak von ihrer Erfahrung dir was hilfreiches mitteilen?
    Wie lange bist du denn schon beim Logopäden? Kennt der sich auch mit Singstimmen aus? Ideal wär ein Logopäde, der dich auch als ganzes im Blick hat und nicht nur die Stimme. Vielleicht stimmt ja auch was mit der Körperhaltung nicht, irgendwas im Tagesablauf ist vielleicht ungünstig oder dir schlägt noch anderes sozusagen auf die Stimme. Du könntest auch mal einen Phoniater zu Rate ziehen, vielleicht kennt der jemanden der sowohl Logopäde als auch Gesangslehrer ist und beides zusammen behandeln kann. Was hat der Logo oder dein GL denn dazu gesagt, wenn du das mit dem "nach innen singen" Trick machst? Wär ja schon mal was, wenn zumindest die Richtung schon mal richtig ist.
     
  4. guitarpicker

    guitarpicker Threadersteller Registrierter Benutzer

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    Erstellt: 30.12.16   #4
    Vielen Dank broeschies für die ausführliche Erklärung und die Übung. Die hab ich direkt probiert, wirklich klasse, ich merke direkt den Unterschied! Kann mir gut vorstellen, dass das auf Dauer den Schließreflex wiederherstellen kann. Ich werde das mal die nächsten Tage machen und dann davon berichten. Dass die Logopädin mir sowas nicht gezeigt hat.. Auch der Tipp mit der "Projektion nach hinten" ist sehr gut!
    Habe inzwischen auch mal ein paar Atem/Sützübungen hier aus dem Board gemacht, das hat doch auch mehr gebracht als ich gedacht habe, gerade die Abspann-Übung.

    Auch an dich Vali danke, bin inzwischen nicht mehr bei der Logopädin - ich hatte 10 Sitzungen und dannach meinte sie es müsse nicht mehr verlängert werden. Den nach "innen sing" Tick habe ich erst vor kurzen für mich entdeckt. Problem ist ich wohne in einem ziemlichen Kaff, die wirklich brauchbaren Leute, Phoniater etc. sind alle in der Stadt und das ist sehr weit für mich unter der Woche.
     
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