Man könnte sich der Qualität-Debatte versuchen, einmal rein statistisch zu nähern:
- Der neue CEO hat den Umsatz von Fender Musical Instruments von 600 Millionen USD bei Amtsübernahme auf mittlerweile knapp eine Milliarde USD erhöht.
- Zwei wesentliche Treiber dabei: Cleveres Influencer-Marketing mit einer Verdreifachung der Marketingbudgets aus mittlerweile mehr als 10% des Umsatzes und die COVID-Pandemie.
- 2022 war in Bezug auf verkaufte Stückzahlen FMIs bestes Jahr seit Gründung.
- Die drei Werke in USA, Mexiko und Japan können je nach Quelle irgendwas zwischen 250.000 und 300.000 Einheiten (vielleicht sogar mehr) jährlich produzieren. In den vergangenen Jahren wurde die Produktionskapazität um etwa 40-50% gesteigert.
Die Gretchenfrage ist in so einer Situation: Kann das Unternehmen mit der gestiegenen Nachfrage mithalten? Wir reden hier nicht über z.B. Mikroprozessoren, wo der Forecast 0 mit dem Auftragseingang deckungsgleich sein muss (Commodities), weil ansonsten direkt Produktionsstätten schließen. Wir reden über Gitarren (Luxusgüter). Da ist die Vertriebsgrundlage eine andere - weniger Commit-Deals (Planung ersetzt Zufall durch Irrtum) und mehr Hail-Mary (hoffentlich bekommen wir das hin!).
Selbst wenn also das relative Qualitätsniveau sich halten lässt, sorgt allein schon die absolut höhere Stückzahl, dass die Wahrnehmung am Markt - insbesondere bei nicht vorsortierten Onlinekäufen - sich verschieben kann. Denn in absoluten Zahlen kommen eben mehr Gurken an die Händler und das kann das "gefühlte" Qualitätslevel entsprechend verschlechtern.
Beispiel aus der Gitarrenindustrie und warum ich Kramers die nach 1987 gebaut worden sind extrem kritisch gegenüberstehe: Kramer war durch die Exklusivrechte am Floyd Rose Vibrato und einem sagenhaften Artist-Roster in der Lage zwei Jahre hintereinander mehr Gitarren zu verkaufen, als Fender und Gibson zusammen - stückzahlenmäßig war man Marktführer. Was bei deutlich gestiegener Nachfrage da dann das Werk verlassen hat, taugt in vielen Fällen schon damals nur als Feuerholz - hätte es das WWW damals gegeben, die Firma wäre in einer New York Minute pleite gewesen.
Jetzt sind wir aber in 2023, Produktionskapazitäten und Qualitätsanforderungen von Herstellern sind besser kommuniziert und auch überwachbar. Ja, bei Normalverteilung finden sich bei explodierenden Verkaufszahlen absolut mehr Abweichungen. Das bedeutet aber nicht, dass sich prozentual das Qualitätsniveau verschlechtert hat. Das bedeutet auch nicht, dass "die Amis" "den Deutschen" nur die Gurken schicken - dieselben Diskussionen hat es "drüben" auch (wo das wirklich passiert, ist bei unseren Lebensmitteln - da beklagt sich komischerweise kaum jemand). Man kann auch sagen, es wäre statistische Spiegelfechterei, aber so einfach ist es dann doch nicht, weil: FMI ist ein Unternehmen und hat als solches für seine Produkte Qualitätsstandards und Service Level, die es einzuhalten gilt. Die können nunmal nicht bei 100% liegen.
Das ist jetzt keine abschließende Analyse, aber in meinem alten Job in der Aktienanalyse würde ich FMI mit dem neuen CEO auf "buy" stellen, weil die Zahlen stimmen.