Kurze große Oktave

Akkordeonengel
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Liebe Leute,

es war einmal...
...schon sehr, sehr lange her, deshalb wirkt es wie ein Märchen, das nie Wirklichkeit war. Aber es ist kein Märchen: Die historische kurze große Oktave:
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Quelle

Ausnahmsweise begegnen wir auch heute noch solchen Zeugen der Vergangenheit. Diesen Sonntag habe ich angefangen, Gottesdienste in einer Kirche zu spielen, in der sich ein solches Wunder befindet (aus dem Jahr 1787, in unversehrtem Zustand):
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In der Kirche war es bitterkalt, das Spielen war ungemein schwierig, aber der Klang des Instruments (das als Denkmal geschützt und erhalten wird) war großartig...

Angesichts der alltäglichen Sorgen von heute stelle ich mir folgende Fragen (natürlich ein bisschen verrückte ;) ): Hatten die Menschen damals wirklich keinen Strom? Nicht einmal Laptops? Kein Yamaha oder Korg? Keine digitale App zum (Nach)Stimmen der damaligen Instrumente? Wurden die Orgelbälge tatsächlich ausschließlich mit Händen oder Fußpedalen betätigt? Wie kann es sein, dass ein uralter kleiner Positiv mit acht Register einen Raum besser ausfüllen kann als achtzehn Register einer modernen Pfeifenorgel mit zwei Manualen und Pedal? Wau! Unglaublich. Wie konnten sie unter diesen Umständen damals überhaupt überleben? :ROFLMAO: Aber schon, ja, schließlich sind wir, ihre Nachkommen, ja hier. Ich hoffe, wir geben das an unsere Kinder weiter, dieses Erbe…:engel:

Gruß, Vladimir
 
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Eine knappe Woche später dämmerte es mir, woher ich die kurze Oktave kenne. Ich habe im Jahr 2001 habe ich im Urlaub im Wallis einen kleinen Ausflug nach Sion/Sitten, und dort zur mittelalterlichen Kirche/Burganlage Basilique de Valère gemacht. Dort entdeckte ich, daß dort sog. älteste Orgel de Welt steht. Dort Zufall wollte es, daß am Abend ein Orgelkonzert stattfand und der Organist gerade übte. Eigentlich hätte ich gar nicht anwesend sein dürfen, aber die Museumswärter hatten mich übersehen, und so konnte ich das ganze Konzert komplett alleine in der Basilika anhören, ein musikalischer Hochgenuss! Und in der Beschreibung dieser Orgel (Baujahr 1435) war die kurze Oktave erklärt. Ich hatte mich damals sehr gewundert, wozu das gut sein soll. Jetzt habe ich es verstanden. Danke für die Aufklärung 25 Jahre später!


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Bild von Christian David - Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=108370130


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Bild von Frinck51, CC BY 2.0 https://creativecommons.org/licenses/by/2.0, via Wikimedia Commons

Viele Grüße,
McCoy
 
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Ich hatte mich als Gitarrist und notentechnischer Halb-Legastheniker (worauf ich nicht stolz bin) schon gewundert, warum bisher keiner dazu geantwortet hat.
Und in der Beschreibung dieser Orgel (Baujahr 1435) war die kurze Oktave erklärt.
Nach McCoy traue ich mich: das Thema ist doch hochinteressant und die Einführung in dasselbe auch!
 
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Hallo!

Vielen Dank für das Feedback und Ihre Antworten! Es gibt eigentlich nur relativ wenige historische Orgeln mit einer solchen Anordnung der großen Oktave. Deshalb eine noch größere Überraschung erwartet einen, wenn man ihnen begegnet. Zu diesem (ober genanntem) kleinen Orgelpositiv: Ich habe es, glaube ich, zum ersten Mal bei einer Hochzeit in der Kirche um das Jahr 2005 gespielt. Es war damals ein "Zusammenprall der Zivilisationen", zumindest für mich. :ROFLMAO: Aber ich habe es überlebt, und die Hochzeitsgäste damals auch. ;) Damals ahnte ich noch nicht, dass ich zwanzig Jahre später regelmäßig dort spielen würde...

Aber es war damals eine wichtige Lektion für mich. Unter anderem passte es nicht gut zum Geiger, der an heutige moderne, temperierte Stimmung gewöhnt war. Der Zusammenklang seiner Violine und die barocke Stimmung der Orgel war schrecklich. Und nur nebenbei bemerkt: Die Orgel - seine Stimmung beträgt ungefähr 413 Hz (und nicht die heute üblichen 440 oder 442 Hz). Dadurch ist es mit allen nicht leicht stimmbaren Instrumenten (z. B. Akkordeon) inkompatibel...

Wir können auch größeren "Monstern" begegnen. Im Jahr 2022 habe ich diese barocke zweimanualige Orgel ausprobiert. Die unten angehängten Fotos stammen von mir (und meiner Kollegin, die mein Foto hinter dem Spieltisch gemacht):

Pruske 1.jpg Pruske 2.jpg

Pruske 3.jpg

Obwohl es sowohl in beiden Manualen als auch im Pedal eine kurze große Oktave gibt und der Tonumfang sowohl der Manuale als auch des Pedals insgesamt kurz ist, hat es jedoch auch einen Vorteil: Die Orgel befindet sich vorne über der Balustrade, und dahinter ist ein großer Platz für einen wirklich großen Chor mit einem Orchester...

Solche Treffen sind wie Zeitmaschinen in die Vergangenheit. Sie sind für mich immer aufregend.

Herzliche Grüße, Vladimir
 
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Aber das Konzept der kurzen Oktave scheint sich ja über mehrere Jahrhunderte hinweg gehalten zu haben. Erstaunlich!

Viele Grüße,
McCoy
 
Hab ich das richtig verstanden die kurze Oktave gibts nur ganz unten? Ich hab von pfeifenorgeln echt null Plan, aber mich würde interessieren warum es sie gibt? Komfort? Technische Notwendigkeit? Selten benutze pfeifen sparen? Wer hat sich das ausgedacht und warum?
 
Die kurze Oktave war in der Frühzeit der Tasteninstrumente eher der Normalfall als die Ausnahme, vor allem bei den seinerzeit günstigeren, weil kleineren Bauformen, wie den Spinetten, Virginalen und ganz besonders den Klavichorden. Letztere hatten praktisch keine Mechanik. Am hinteren Ende der Tasten gab es eine Art Metallstift ("Tangente"), und wenn die Taste gespielt wurde, drückte man damit die Tangente an die Saite, bzw. Saiten bei mehrchörigen Klavichorden. Denn die sind von Hause aus sehr leise, so dass bei ihnen die Mehrchörigkeit üblich war.
Ein billiger herzustellendes Tasteninstrument gab es nicht, es war in der frühen Zeit das Instrument für den Hausgebrauch schlechthin.

Da die Musik (für Tasteninstrumente) dieser Epoche harmonisch deutlich weniger komplex war, schon alleine wegen der damals noch vorwiegend gebräuchlichen Mitteltönigen Stimmung, waren insbesondere die Fundament-/Basstöne tonal wenig variant.
Mit anderen Worten genügten als die tiefsten Töne im Bass die Dreiklangstöne C-E-G, die dazwischen liegenden Töne C#/Db, D#/Eb, F#/Gb aber oft auch das F waren obsolet. Das - scheinbare - tiefe F# übernahm das E, und die darunter liegende - scheinbare - Taste E brachte dann schon das tiefe C.
Das waren mindestens 3, normalerweise aber 4 Tasten, die einfach weg gelassen werden konnten, was die kleinen und günstigen Instrumente noch etwas kleiner und günstiger machte. Aber auch größere Tasteninstrumente hatten in der Frühzeit nicht selten eine kurze Oktave, schlicht weil die "fehlenden" Töne erst lange nicht gebraucht wurden. Ab etwa 1700 dürften aber die Instrumente mit "vollständiger" Tastatur die Regel und die kurze Oktave nur noch die Ausnahme gewesen sein.

Eine typische Sammlung mit Stücken für Tasteninstrumente aus dieser Zeit ist z.B. das Fitzwilliam Virginal Book, mit Stücken vom späten 16. bis zum frühen 17. Jahrhundert. Dort finden sich keinerlei Stücke, die im Bass eine der fehlenden Tasten gebraucht hätten. Kurioserweise finden sich dort manchmal gleichzeitig gespielte Töne mit sehr weiten Intervallen über die man an einem modernen Klavier sehr verwundert ist und denkt, was müssen die damals für große Hände gehabt haben. Hatten sie natürlich nicht, eher sogar im Gegenteil. Aber mit der "kurzen" Oktave waren diese weiten Intervalle natürlich "easy".

Ich habe mal vor langer Zeit aus Neugierde und Bastelleidenschaft aus einem (weitgehend vorgefertigten) Bausatz ein Klavichord selber gebaut. Das war spannend und hat Spaß gemacht. Dieses Instrument hatte ganz selbstverständlich eine "kurze Oktave" im Bass.

Wer als Suchbegriff "Virginal short octave" oder "Clavichord short octave" eingibt findet schnell viele schöne Bilder solcher alten Instrumente oder Nachbauten von diesen (mit den englischen Begriffen findet man meiner Erfahrung nach mehr und bessere Ergebnisse.).
 
Grund: Typo
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