Alzheimer Blues

Und dabei denke ich an meine Erfahrungen als Musik-Therapeut in Altersheimen

Fazit: Wir Menschen haben die Kunst vor allem erfunden, um uns damit zu trösten!
Lieber @Jongleur, vielen Dank fĂŒr deinen Respekt!

Es ist sehr interessant fĂŒr mich zu lesen, dass du als Musiktherapeut in Altersheimen tĂ€tig warst und somit aus dieser Perspektive Erfahrungen machen konntest. Dein Fazit empfinde ich hĂ€ufig zutreffend, wenn auch andererseits Kunst sicher sehr viel öfter auch einfach Freude ausdrĂŒcken soll.

TatsĂ€chlich habe ich als zuletzt als regelmĂ€ĂŸiger Besucher "meiner" betreuten Persionen ebenfalls die diversen therapeutischen BemĂŒhungen der Pflegeheime sehr positiv in Erinnerung. Besonders bei den Menschen dort, die aus anderen GrĂŒnden pflegebedĂŒrftig waren sowie bei denen, deren Demenz noch nicht so weit fortgeschritten ware, habe ich ĂŒberaus erfreute bis begeisterte Reaktionen zur Musik beobachtet.

Leider waren auch teilweise schwer Demenzerkrankte (auch einer "meiner") dabei, die nur noch zusammengesunken im Rollwagen anwesend waren und keine Ă€ußerliche Reaktion mehr zeigten. Es ist schwer fĂŒr mich, zu sagen, was sich bei ihnen evtl. doch noch im Inneren abspielte.

Was war dein Eindruck?
 
Es ist sehr interessant fĂŒr mich zu lesen, dass du als Musiktherapeut in Altersheimen tĂ€tig warst und somit aus dieser Perspektive Erfahrungen machen konntest. Dein Fazit empfinde ich hĂ€ufig zutreffend, wenn auch andererseits Kunst sicher sehr viel öfter auch einfach Freude ausdrĂŒcken soll.
FĂŒr mich ist meine Freude an fremder Musik die eine Seite. Speziell zum FrĂŒhstĂŒck höre ich tĂ€glich ihre zĂ€rtlichen, lustigen oder stĂŒrmischen Botschaften - eine wunderbare Filmmusik unter den aktuellen Nachrichten und sonstigen Themen des Tages. Oft ĂŒberwĂ€ltigen mich beim Hören der Neuigkeiten alle möglichen Arten eines LĂ€chelns.,. ;)

Danach beginne ich zu schreiben und ringe mit jedem Wort, damit es wenigstens eine Spur meiner morgendlichen GefĂŒhle bewahren kann
 und wenn mir das manchmal gelingt, dann bin ich offener als gewöhnlich oder von anderen gewohnt. Und speziell diese Offenheit ringt mir eine Menge Mut ab! Tröstet mich oft, als kĂ€me sie von mir.

Dieses LĂ€cheln erfasste mich beispielsweise, als ich fĂŒr mich entdeckte, wie schlau der Blues Wut, Traurigkeit, Einsamkeit so mit frechen und frischen Worten vermischt, dass er mir mein KinderlĂ€cheln zurĂŒck gibt.

TatsĂ€chlich habe ich als zuletzt als regelmĂ€ĂŸiger Besucher "meiner" betreuten Persionen ebenfalls die diversen therapeutischen BemĂŒhungen der Pflegeheime sehr positiv in Erinnerung. Besonders bei den Menschen dort, die aus anderen GrĂŒnden pflegebedĂŒrftig waren sowie bei denen, deren Demenz noch nicht so weit fortgeschritten ware, habe ich ĂŒberaus erfreute bis begeisterte Reaktionen zur Musik beobachtet.
Letztlich mögen fast alle Menschen in Seniorenheimen Livemusik. Die Sangesfreudigen genauso wie kritischeren, eher noch gesund Wirkenden oder die Schwer-Behinderten. Alle wollen auf ihre Art ernst genommen werden. Ich bin mit der Gitarre immer im Kreis gegangen und habe versucht, Ă€hnlich einem SchlagersĂ€nger beim Singen versucht, jedem ein individuelles Zeichen zu geben. Das Mindeste war ein LĂ€cheln. Aber ich habe auch Momente vor RollstĂŒhlen gekniet!-
Und aus diesen Erfahrungen ziehe ich den Schluss, dass wir alle am Ende in der Offenheit der Musik Trost suchen! Ich habe gelegentlich auch Blues gesungen. Besonders, wenn dieser der Welt sein „Trotzdem“ ins Gesicht schleuderte!! ;)

Leider waren auch teilweise schwer Demenzerkrankte (auch einer "meiner") dabei, die nur noch zusammengesunken im Rollwagen anwesend waren und keine Ă€ußerliche Reaktion mehr zeigten. Es ist schwer fĂŒr mich, zu sagen, was sich bei ihnen evtl. doch noch im Inneren abspielte.

Was war dein Eindruck?

Keiner weiß, was uns in den letzten Tagen noch bewegt! Aber wenn man die Kraft hat, fĂŒr Momente ehrliches Interesse zu zeigen. Ist das wohl fĂŒr jeden Menschen mit etwas Lebenswillen hilfreich!
 
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Letztlich mögen fast alle Menschen in Seniorenheimen Livemusik. Die Sangesfreudigen genauso wie kritischeren, eher noch gesund Wirkenden oder die Schwer-Behinderten. Alle wollen auf ihre Art ernst genommen werden. Ich bin mit der Gitarre immer im Kreis gegangen und habe versucht, Ă€hnlich einem SchlagersĂ€nger beim Singen versucht, jedem ein individuelles Zeichen zu geben. Das Mindeste war ein LĂ€cheln. Aber ich habe auch Momente vor RollstĂŒhlen gekniet!-
Sehr gutes Vorgehen, die direkte Ansprache durch das Anspielen, Ansingen!

Und aus diesen Erfahrungen ziehe ich den Schluss, dass wir alle am Ende in der Offenheit der Musik Trost suchen! Ich habe gelegentlich auch Blues gesungen. Besonders, wenn dieser der Welt sein „Trotzdem“ ins Gesicht schleuderte!! ;)
Das "Trotzdem!" ist es, sehe ich auch so. :great:
 
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Das "Trotzdem!" ist es, sehe ich auch so. :great:
Und dieses „Trotzdem“ muss jeder KĂŒnstler in sich selber finden. Hauptsache es tröstet! Die ersten Erfolge beim kreieren deuten sich (bei mir) an, wenn Rache und Hohn drohen könnten. Man hat keine Garantie, dass man unverletzt davon kommt, aber es winkt garantiert auch ein vielleicht unbewusster Dank Betroffener
 ;) - und der berĂŒhrt mich jedesmal und macht mich fĂŒr kurze Zeit sogar 
 hĂŒstel.., stolz! :hat:
 
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Herzlichen Dank, lieber @losch fĂŒr diesen sehr interessanten Artikel!! (y) Er deckt sich mit meinen Erfahrungen!

Ich stelle den Einfluss von Musik auf die RĂŒckkehr von Erinnerungen eben auch beim Schreiben fest.

Unbestritten ist wohl, dass das Kreieren Blockaden verursacht, wenn man zu viel Neues auf einmal will. Ich höre mir im Falle einer Blockade regelmĂ€ĂŸig meine Liebling-MusikstĂŒcke (also auch Klassische Musik) an, und erinnere mich so leichter an meine letzten Gedanken-Schritte, bevor ich beim Texten zu hoch-mĂŒtig wurde! ;)

Das hat mE vermutlich nichts mit Demenz zu tun! Eher mit vorĂŒbergehender Überforderung des Hirns, wenn man seine FlugĂ€ngste ins SchreibbĂŒro einlĂ€dt 
 Aber letztlich weiß ich eben auch, dass ich nichts weiß! :unsure:
 
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Musik ist eine Zeitmaschine. Erstaunlich ist auch, dass man viele Lieder nur ein einziges Mal gehört haben muss, um sie ein Leben lang nicht mehr zu vergessen. Auf youtube findet man viele EintrĂ€ge von Leuten, die als Kind mal im Radio eine Melodie gehört haben, aber den Titel nicht wussten und nun 50 Jahre spĂ€ter total glĂŒcklich sind, dass dieses Lied zufĂ€llig wieder gefunden haben ...
 
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Auf youtube findet man viele EintrĂ€ge von Leuten, die als Kind mal im Radio eine Melodie gehört haben, aber den Titel nicht wussten und nun 50 Jahre spĂ€ter total glĂŒcklich sind, dass dieses Lied zufĂ€llig wieder gefunden haben ...

So ein Erlebnis hatte ich auch! Den Song meines Lebens als SchĂŒler gehört, Wahnsinnige Musik-Fragmente gemerkt- leider Titel nicht verstanden. Jahrzehnte spĂ€ter als Titelmusik eines Filmes zufĂ€llig entdeckt und 
 plötzlich prasselten 1000e Bilder meiner ehemaligen Heimat auf mich ein!
 
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Umgekehrt gibt es auch: Den Song habe ich schon vergessen, wÀhrend er noch lÀuft.
Wie funktioniert Erinnerung in einem biologisch gesunden Gehirn? Was merkt man sich? Ich denke, es muss im Moment der Speicherung eine gehörige Emotion mit ins Spiel kommem. Ohne emotionale Beteiligung keine Speicherung. Zur Erinnerung braucht es dann einen Triggerimpuls.
Wenn eine Wasserleitung aber durchgesĂ€gt wurde, fließt da kein Wasser mehr durch. Das ist dann weg.
Musiker haben ein teils beeindruckendes GedÀchtnis. Mit 17 einmal gespielt, nach 50 Jahren der Text noch im Kopf, wenn der Trigger zufÀllig kommt.
 
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plötzlich prasselten 1000e Bilder meiner ehemaligen Heimat auf mich ein!

Es sind nicht nur die Bilder, die komplette Szenerie mit GerĂ€uschen, GerĂŒchen und natĂŒrlich den GefĂŒhlen, die man damals hatte, ist plötzlich wieder da. So als wĂŒrde das Gehirn jedes noch so kleine Detail fĂŒr immer speichern, ohne dass es einem bewusst ist. Musik ist der SchlĂŒssel, um das Tor zur Vergangenheit wieder öffnen zu können.

Wenn eine Wasserleitung aber durchgesĂ€gt wurde, fließt da kein Wasser mehr durch. Das ist dann weg.

Das Gehirn ist keine Wasserleitung, die Informationen werden verteilt gespeichert, sozusagen eingewoben in das neuronale Netz. Sogar wenn Teile ausfallen, muss die Erinnerung nicht weg sein, sie verblasst nur etwas und wird unschÀrfer.

Der Hippocampus ist der Index des Gehirns, er verwaltet unser aktives Wissen. Schrumpft der Hippocampus wie bei Alzheimer, verschwinden alle Erinnerungen im Unbewussten. Sie sind aber noch vorhanden und können offensichtlich durch die Musik wieder zugÀnglich werden. Sehr spannend! :cool:
 
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Es sind nicht nur die Bilder, die komplette Szenerie mit GerĂ€uschen, GerĂŒchen und natĂŒrlich den GefĂŒhlen, die man damals hatte, ist plötzlich wieder da. So als wĂŒrde das Gehirn jedes noch so kleine Detail fĂŒr immer speichern, ohne dass es einem bewusst ist. Musik ist der SchlĂŒssel, um das Tor zur Vergangenheit wieder öffnen zu können.
Ich stimme natĂŒrlich auch deinen ErgĂ€nzungen zu. Hatte es ursprĂŒnglich Ă€hnlich formuliert. Wollte nur knapper schreiben. Aber du hast Recht, erst die KomplexitĂ€t betont das „Wunder“! Und schafft irgendwie Trost ‚

——-

Dann will ich noch so ein „Wunder“ ansprechen. Ich bekam mal ein Angebot, mich als Therapeut fĂŒr Wachkoma-Patienten zu bewerben. Unter kompetenter Aufsicht begann ich, vor einigen Patienten zu spielen. Zu 80% erfolglos. Aber ein Patient reagierte plötzlich. Nur auf „ Geh zu ihr“ der Puhdys reagierte sein Zeigefingerfinger! Wieder und Wieder und total im Rhythmus. Auch als ich das Tempo Ă€nderte! Es war nicht mein Verdienst, aber ist nun Teil meiner Erfahrungen!

Ich bekam berechtigt den Job nicht, da ich zu wenig Vorkenntnisse im medizinischen Bereich hatte. Aber auch die Betreuer waren ĂŒberrascht. Sie wussten, dass man im Wachkoma hören kann. Aber die rhythmischen Reaktionen waren wohl nicht alltĂ€glich! Ich meine sogar beim Patienten eine wachsende Entspannung gespĂŒrt zu haben. Das könnte allerdings Einbildung gewesen sein.

Vermutlich hat dieses einmalige Erlebnis nichts mit Alzheimer im engeren Sinn zu tun. Aber ich empfand es trotzdem als ein winziges Detail des unerforschten Zaubers der Musik,,, :unsure: Und wenn es auch nur ein wenig mehr Unsterblichkeit ist, als vorher gedacht
 :unsure: bzw vermutet!:)
 
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Noch ein irgendwie tröstliches Beispiel! :love: Und wieder eins, das mit der Kunst verbunden ist!
Ich wĂŒnsche mir langsam einen weiteren Blues ĂŒber so viel Widerstandskraft .., :unsure: Und mag zugleich immer mehr das EinfĂŒhlsame im Text von @losch.
 
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Der Hippocampus ist der Index des Gehirns, er verwaltet unser aktives Wissen. Schrumpft der Hippocampus wie bei Alzheimer, verschwinden alle Erinnerungen im Unbewussten. Sie sind aber noch vorhanden und können offensichtlich durch die Musik wieder zugÀnglich werden. Sehr spannend! :cool:

Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass es durch das Zusammenwachsen von natĂŒrlicher und kĂŒnstlicher Intelligenz schon in naher Zukunft möglich sein wird, einen kaputten Hippocampus durch einen Chip zu ersetzen. Alzheimer mĂŒsste heilbar sein, wenn die losen Enden der Erinnerung wieder zusammengebracht werden. :unsure:
 
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Es zeigt fĂŒr mich auf berĂŒhrende Weise, mit welcher Macht Musik auf Geist und Seele, auf den Menschen insgesamt wirkt.
Der bestenfalls wirken kann! Es kann mich keiner hindern, daran zu glauben. Eine Ă€hnliche Botschaft. höre ich ĂŒbrigens auch im Blues. Und damit schließt sich fĂŒr mich hier vorlĂ€ufig ein Kreis! :)
 
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Wenn etwas kaputt ist, anatomisch verĂ€ndert, abgestorben, verkĂŒmmert durch fehlende Durchblutung, wenn in einem Netz FĂ€den reißen, usw. usw. hilft Musik vielleicht weniger als man hoffen mag.
Dass das Hirn keine Wasserleitung ist...trotzdem kommt irgendwann nichts mehr durch, nicht raus, nicht rein.
Wenn eine Mutter ihre eigene Tochter nicht erkennt, dann plötzlich wieder, dann nicht, dann ist das medizinisch sicher komplexer als ein Knochenbruch oder halt, sinngemĂ€ĂŸ, eine kaputte Leitung.
Musik sollte Hoffnung machen. Man kann sogar Wunder besingen. Musik muss nicht realistisch sein. Jeder wird Zeuge von Elend, Krankheit und Tod. Als ich vor Jahrzehnten im Rettungswagen saß (arbeitete), klebte das Blut direkt an den HĂ€nden. Das sind emotionale Momente, die man nicht vergisst. Zum GlĂŒck!
 
leider hinter der Paywall,,,

Dennoch erkenne ich Anca auf dem Foto. Ein Urgestein der hiesigen Musikszene. In diesem Kontext wohl eher Organisatorin als Patientien, da sie sich meines Wissens guter Gesundheut erfreut und erst jĂŒngst eine neue Single mit ihrer Band herausgebracht hat.

Sorry fĂŒr OT.

...
 
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Dennoch erkenne ich Anca auf dem Foto. Ein Urgestein der hiesigen Musikszene. In diesem Kontext wohl eher Organisatorin als Patientien, da sie sich meines Wissens guter Gesundheut erfreut und erst jĂŒngst eine neue Single mit ihrer Band herausgebracht hat.

Sorry fĂŒr OT.

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Stimmt: "Als Assistenzkraft betreute sie gemeinsam mit Dozentin Anca Graterol die Musikgruppe."
 
Unter kompetenter Aufsicht begann ich, vor einigen Patienten zu spielen. Zu 80% erfolglos. Aber ein Patient reagierte plötzlich. Nur auf „ Geh zu ihr“ der Puhdys reagierte sein Zeigefingerfinger!

Die Patienten reagieren nur auf Musik, die sie auch mögen bzw. gemocht haben. Deswegen fragen die Pfleger die Angehörigen immer, was die Lieblingsmusik ihrer Verwandten war. Man kann also einen Klassikfan nicht mit Punkmusik aufwecken und einen Beatles-Fan nicht mit den Rolling Stones.
 

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