angemessene Theorie für Popularmusik

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gitwork

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Hagenwil ... die ganze Teminologie und Analyse der klassischen Harmonielehre sowohl die des Jazz sind nutzlos für einfache populäre Musik. Solche Musik wird weder so gefühlt noch hat sie ihr Entstehen in irgend welchen theoretischen Ansätzen. Es handelt sich hierbei mehr um minimale Ideen, und populäre Musik ist eigentlich fast immer minimal, naiv und simple, ansonsten wäre sie nicht populär...

Dies spricht mir aus der Seele, - danke für diese Aussage!
Wenn man aber bestimmte harmonische Ideen, die evtl. sogar stilbildend sein können, fassen will - für das eigene Songwriting, für den Unterricht in dem es darum gehen soll nicht nur stumpf Akkordfolgen für einem bestimmten Song zu erklären, sondern Gemeinsamkeiten und Prinzipien klar zu machen, kommt man doch um ein gewisses Mass an Theorie nicht herum, oder?

Ich habe allerdings auch schwer den Eindruck, dass sowohl die Funktions- als auch die Stufentheorie, die vom Höreindruck her einfachen Strukturen der Popularmusik nicht erfasst.

Ich hab gerade mal wieder ein Beispiel:

"In Need" von Sheryl Crow
ein sehr angenehm hörbares Stück Songwriter-New-Country-Pop

Ich versuche mal eine Analyse, berichtigt mich bitte wenn ich falsch liege!

Harmonien:

A Teil:
Bm A G E / 4 Takte, ganztaktige Wechsel
als Tonales Zentrum empfinde ich Bm

Stufen:
Im bVII bVI IV

Funktionen:
t dP sP S

B Teil:

A Em F G

Stufen:
bVII IVm bV bVI

Funktionen:
dP s tPvP sP

... ich frage mich wirklich, ob eine Solche Analyse meinen Schülern weiterhelfen kann.

Gibt es Alternativen dazu?

bin gespannt

viele Grüsse
gw
 
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gitwork

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Ich probiere mal schon eine Alternative:

Das tonale Zentrum könnte auch A-Dur sein, der A-Dur Akkord im B-Teil scheint mir auch ein Heimathafen zu sein, der G-Dur Akkord wäre ein Austauschakkord aus A-mixolydsch

A Teil:
Bm A G E

Stufen:
II I bVII V

Funktionen:
Sp T SS D

B Teil:

A Em F G

Stufen:
I Vm bVI bVII

Funktionen:
T d SpV SS

hmm... sieht für mich ein wenig vernünftiger aus, eine einfache Erklärung ist es aber auch nicht.
 
M

MaBa

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Für mich sieht deine zweite Analyse viel stimmiger aus. Das Lied kenne ich nicht, ich gehe nur von deinen Akkorden aus. Eigentlich sieht es für mich sehr einfach aus. Du verwendest Akkorde aus A-Dur un A-moll. (Modal Interchange).

Erklärt man das mit Worten, klingt es auch vielleicht etwas einfacher :)

Im Refrain wechseln wir von einer Subdominant-Funktion zur Tonika, dann weiter über die MI-Funktion bVII aus dem Moll-Bereich zur Dominante.

In der Strophe wechseln wir nach der Tonika in den Moll-Bereich zur Stufe V. Von hier geht es stufenweise aufwärts (diatonische Mollstufen) zur Tonika, die wieder von Dur stammt.

Zumindest wenn man drüber improvisieren will, ist es gut zu wissen, daß man sich nur in A-Dur und A-moll zu bewegen braucht.

Gruß
 
gitwork

gitwork

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Danke für deine Einschätzung. ;-)

Natürlich ist dieses Stück eine sehr eingängige, einfache Akkordfolge.
Das Konzept des Modal Intergange finde ich auch hilfreich. Ich kann auf den Quintenzirkel verweisen, und jeder erkennt auf einen Blick die austauschbaren Akkordfamilien aus denen eine Akkordfolge gebildet werden kann.

Was mich stört, ist die komplizierte Terminologie der Stufen und Funktionsanalyse. Die Wirklichkeit sieht doch so aus, dass viele begabte Hobbymusiker, gerade im Gitarrenbereich, allergisch auf Musiktheorie reagieren. Ich bin oft schon froh, wenn ich Intervalle, elementaren Akkordaufbau, Kadenzen und Quintenzirkel überhaupt einigermassen vermitteln kann. Die Stücke die sie spielen und z.T. selbst komponieren, sind aber auch damit noch lange nicht erklärbar, die Theorie bleibt deshalb schleierhaft, praxisfern und langweilig. Aus dieser Sackgasse suche ich einen Ausweg und hoffe, dass diesen Thread auch Harmonielehre-Einsteiger lesen und die kommenden Analysen auf ihre Verständlichkeit hin untersuchen.

Nächstes Beispiel:

"Crazy Little Thing Called Love" - die Queen Version

A-Teil:
D / G C /

Stufen:
I IV bVII

Funktionen:
T S SS

B Teil:
D /Bb C

Stufen:
I bVI bVII

Funktionen:
T SvP SS

C Teil:
G C Bb E A F

Stufen:
IV bVII bVI II V bIII

Funktionen:
S SS SvP DD D TvP

grüsse
gw
 
M

MaBa

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Das wichtigste ist, daß man ein Ohr für die klanglichen Beziehungen der Akkorde untereinander bekommt - daß man sich die Klänge innerlich abspeichert. Die Begriffe oder Symbole braucht man nur, um den Klang zu beschreiben, aber der Begriff sollte natürlich auch passen. (So wie man denkt, so lernt man, schreibt Sikora)

Ich selber verwende meistens die Stufen zusammen mit dem Akkordtype. Die Stufen sind aber keine Abstrakten Nummern für mich, sondern eben die Klänge mit Tonika-, Subdominant- oder Dominantcharakter.
Die drei wichtigen Mollstufen bIII, bVI und bVII fallen in einer Analyse schon durch ihre b-Vorzeichen auf und stellen auch sofort die optische Verbindung zur gleichnamigen Molltonart her.

Einige Akkorde lassen sich immer unterschiedlich analysieren. Mit Funktionssymbolen legt man sich da schon fest, weil sie ja genau eine ganz bestimmte Beziehung beschreiben.

Die bVII ist so ein Kandidat für mich. Im A-Teil klingt das C eindeutig nach SS, da hier zwei I-IV beziehungen aufeinander folgen.
Im B-Teil ist das C in der Akkordbewegung Bb C D enthalten. Hier fällt eher die typische Stufenbewegung in Moll auf. bVI bVII würde ich dann auch eher sP dP klanglich einordnen. Es ist aber gut möglich, daß andere das anders hören.

Interessant ist eigentlich (für mich) immer der Versuch herauszufinden, warum etwas gut klingt...

Im C-Teil würde ich dir ganz zustimmen. In den Stufenbezeichnungen erkennt man die MI-Funktionen aus D-moll auch sofort.

Interessant ist, daß Bb ionisch statt lydisch gespielt wird, der Baß spielt eine Durtonleiter. Bb und E stehen zueinander Tritonusverhältnis, Bb wirkt dadurch auch ein wenig wie ein Tritonusvertreter, er klingt auch ein irgendwie dominantisch zum übernächsten A.

Das F am Ende klingt sehr überraschend, da man hier eigenlich eine Auflösung erwartetn würde.

Gruß
 
gitwork

gitwork

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Vielen Dank Maba, ich zitiere mal zwei Aussagen, weil sie genau das beschreiben, worum es mir in diesem Thread geht:

Maba:Interessant ist eigentlich (für mich) immer der Versuch herauszufinden, warum etwas gut klingt...

Maba: Das wichtigste ist, daß man ein Ohr für die klanglichen Beziehungen der Akkorde untereinander bekommt - daß man sich die Klänge innerlich abspeichert. Die Begriffe oder Symbole braucht man nur, um den Klang zu beschreiben, aber der Begriff sollte natürlich auch passen.

Aber auch das Eingangszitat von Hagenwil und dieses hier:

Günter Sch.: ... In jeder Tonart kann jeder Akkord auftreten, ... Die Rückführung auf Funktionen ist eher lästig.

...scheint mir weiterhin bedenkenswert zu sein.

Die Stufendarstellung in Verbindung mit dem Quintenzirkel scheint mir geeigneter zu sein als die Funktionen.

Am wichtigsten finde ich aber bei der Vermittlung der Materie auf die imense Freiheit "in jeder Tonart kann jeder Akkord auftreten" hinzuweisen und nicht an Kadenzen und leitereigenen Akkorden hängenzubleiben, nur weil die schon kompliziert genug sind....

grüsse
gw
 
H

Hagenwil

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Als Komponist denke ich keine Sekunde an Harmonielehre, Funktionen, Stufen oder Akkordbezüge, Tonalitäten, Reharmonisation etc., noch analysiere ich meine Arbeit während dem Prozess des Komponierens...

Hier mal ein ganz anderer Ansatz als Frage formuliert; wie der Mensch Musik wirklich hört und was wirklich wesentlich ist, und was passiert beim Hörer:

Wieso erkennt man einen Song in der ersten Sekunde?

Und das obwohl hunderte von Songs mit dem selben Akkord beginnen.
 
H

Hagenwil

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Ein Zitat das mich ein Leben lang begleitet hat:

"Great art is clear thinking about mixed feelings"
- W. H. Auden
 
LUKN-134

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"Warum erkennt man einen Song in der ersten Sekunde"

Meiner Meinung nach ganz einfach:

Weil nicht der Akkord oder die Stufe als solches den Song ausmachen!
Es kommen auch dinge wie Rhytmus, Voicing und vor allem: SOUND dazu.
Bestes Beispiel ist an dieser Stelle denke ich "Jump" von van Haalen.
Sobald man mit den Sound eine Oktave relativ tief spielt, weiß jeder, es ist Jump.


Liebe Grüße,
LUKN-134
 
gitwork

gitwork

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Natürlich ist der harmonische Aspekt nur ein Aspekt unter vielen, wenn es um Autenzität, das Wiedererkennen einer Idee, den Gehalt einer Komposition geht.
Nun habe ich aber diesen Thread nicht ohne Grund im Harmonielehre Board eröffnet und es erscheint mir legitim hier diesen Aspekt isoliert zu betrachten.

An dieser Stelle möchte ich aber mal etwas provokant fragen:

welchen praktischen Nutzen hat Harmonielehre denn überhaupt?

gruß
gw
 
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Hagenwil

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welchen praktischen Nutzen hat Harmonielehre denn überhaupt?

Bei mir ist das etwa so... da ich eine klassische und eine Jazz Ausbildung hinter mir habe, verstehe ich eigentlich jedes musikalische Phänomen, und kenn natürlich auch die ganze Terminologie und kann es via den akademischen Mitteln auch weiter vermitteln. Aber, das ist heute eigentlich überhaupt nicht mehr wichtig für meine Arbeit als Komponist. Während dem Konservatorium war ich ziemlich verwirrt was das Komponieren anbebetrifft, respektive ich wusste nicht mehr genau was ich komponieren soll und was es nicht der Wert ist. Beim Jazz war alles locker und natürlich. Nach der Hochschule wurde es wieder sehr relaxed, eigentlich die selbe Relaxedheit wie vor der formellen Ausbildung, und die letzten Selbstzweifel verschwanden als ich etwa 25 Jahre alt war, respektive verschwanden komplett aus meinem Bewusstsein nach ein paar Monaten Arbeit als Komponist in Burbank.

Ich denke heute, dass der wesentliche Punkt einer allumfassenden Musikausbildung der ist, dass man nach dem Fakt der Ausbildung nicht mehr ganz der selbe ist wie zuvor. Ich brauchte fast zwei Jahre bis ich wieder da ansetzen konnte wo ich war bevor der schulischen Bildung. Meine Lehrer waren alle grosse Kanonen und haben mich immer gefördert und meine unmögliche Individualität akzeptiert, die haben wohl gerochen das der Mann spinnt und bald zum Club gehört. Ein Freund hat mir mal vorgeworfen, dass das beste was ich komponiert habe, dass war als ich noch keine Ahnung von der ganzen Harmonielehre hatte, da hat er natürlich völlig daneben gehauen mit seiner Äusserung.
 
CUDO II

CUDO II

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Furzlau an der Seiche
Hi gitwork,

wenn Du den Threadtitel "Angemessene Theorie für Popularmusik" nennst, meinst Du damit herkömmliche Theorie kann Popularmusik nicht fassen oder Popularmusiker sind nicht in der Lage herkömmliche Theorie zu verstehen?

Zu Ersterem: auch wenn Popularmusik oft, wie Hagenwil behauptet, minimalistisch, naiv und einfach aufgebaut ist, ist sie durchaus theoretisch fassbar. Bei der ganzen Theoriegeschichte geht es doch, einfach ausgedrückt, nur darum, Tendenzen und Spannungsgefälle zu erfassen. Jede Art von Musik lebt von diesen archaischen Kräften. Die Theorie versucht sie mit Worten darzustellen, nicht zuletzt dafür, um darüber reden zu können. Was nützt es Dir, wenn ich aus meiner Erfahrung sage, ich habe letzten Donnerstag da so irgenwie 13 Töne hintereinander gespielt und das war geil? Das wäre doch keine Diskussionsgrundlage um darüber zu reden!

Wenn sich jemand an der Fachsprache stört, soll er weghören und sich mit Anderem beschäftigen. Man kann auch durch Nachahmen sehr weit kommen. Z.B. immer dem anderen Gitarristen auf die Finger gucken oder Melodien aus dem Gedächtnis nachspielen, was nicht zuletzt auch eine gute Übung ist. Aber warum soll ich auf herkömmliche Theorie gar verzichten, wenn sie mir doch so viele Vorteile bringt.
Auch wenn der viel zitierte Satz "beim Spielen musst Du alles vergessen" ohne Einschränkung stimmt, Beim Üben solltest Du ratsamerweise alles präsent haben! Es geht schlussendlich auch darum zu wissen was man tut. Orientation ist für viele Anfänger überhaupt DAS Problem schlechthin. In alle Tonarten sich gleich wohl zu Hause zu fühlen ist für die meisten ein unerreichbares Ziel.
Meine Erfahrung zeigt mir, je bewusster ich übe, desto mehr kann ich mich danach fallen lassen. Theorie schafft bewusstes Spielen.

Die Symbolik und Sprache der Theorie ist eindeutig und ausreichend um ein Großteil der Funktionsweise unserer Musik nachvollziehen zu können. Wer dieses Hilfsmittel gebrauchen will, muss sich hinsetzen und lernen. Alles andere, um zu dieses Wissen zu gelangen, ist nicht realistisch.
Ich weiß, das klingt sehr ernüchternd, vor allem in unserer heutigen Zeit, wo man doch alles umsonst und in jeder Menge bekommt.


Noch was zur Problematik Funktionsanalyse.
Wie Maba erwähnte können Funktionen nicht absolut den einzelnen Stufen zugeordnet werden. Der Zusammenhang ist entscheidend.

|| D-7 G7sus4 | Cma7 ||

|| G7sus4 G7 | Cma7 ||

Im ersten Beispiel hat G7sus4 Dominantfunktion, im zweiten Beispiel hat G7sus4 Subdominantfunktion. Ähnliches passiert z.B. auch mit der bVII Stufe. Beim Anhören wird's klar.

Die Polarität beider Dominanten zur Tonika, bzw. von Sekundärdominanten zu ihren Bezugsakkorden, ist in unserer Musik allgegenwärtig und sozusagen der harmonische Motor des Geschehens. Über die Wirksamkeit einer dominantischen Funktion entscheidet nicht nur der Akkord selbst, sondern auch seine metrische Positionierung, sprich: Harmonischer Rhythmus. Dieses Moment wird bei Analysen oft vernachlässigt.

Übrigens denke ich ebensowenig wie Hagenwil beim Komponieren an Harmonielehre. Das wäre ein bißchen zu spät. ;-)


CIAO
CUDO
 
H

Hagenwil

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Ich versuche mal eine Analyse, berichtigt mich bitte wenn ich falsch liege!

Harmonien:

A Teil:
Bm A G E / 4 Takte, ganztaktige Wechsel
als Tonales Zentrum empfinde ich Bm

Stufen:
Im bVII bVI IV

B Teil:

A Em F G

Stufen:
bVII IVm bV bVI

... ich frage mich wirklich, ob eine Solche Analyse meinen Schülern weiterhelfen kann.

Deine Analyse ist rein spekulativ, und wohl kaun richtig.

1) Eine erste Anahme wäre, dass es sich um reine Klangfarben handelt, wie das oft der Fall ist bei Popsongs, und die sich keiner Funktionalität zuordnen lassen.

2) Die zweite Annahme wäre:

Bm A G E ist in der Tonalität F-Moll und der A Akkord hat evtl. eine wandelnde Septime im Bass

A Em F G der B-Teil ist in D-Dur, also V IIm etc.

3) Alles is Klangfarbe, und der B-Teil ist eine reine Klangfarbenverschiebung des A-Teil.

Das alles ist aber auch nur Spekulation. Für eine richtige Analyse braucht es zumindest noch die Melodie, und besser auch doch die Bassnote, dann kann eine nicht-spekulative, respektive korrekte Analyse machen.
 
gitwork

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@hagenwil
freut mich sehr ein so persönliches Statement von Dir zu lesen.
War mir schon klar, dass hinter "Hagenwil" eine aussergewöhnliche Musikerpersönlichkeit stecken muss.

Ich habe zwar auch Musik studiert, aber für Komposition nicht genügend Begabung und Interesse aufgebracht. Ich wollte Gitarre spielen und meine Lieblingsmusik interpretieren. Tonsatz habe ich widerwillig ausgesessen.

Später bin ich Gitarrenlehrer geworden und habe, wie Du, ein paar Jahre gebraucht um den akademischen Elfenbeinturm hinter mir zu lassen. Irgendwann habe ich in der Toskana am Lagerfeuer gesessen und bei den alten Songs aus den 70ern gemerkt wo meine tiefsten musikalischen Wurzeln liegen - nicht Bach und Villa Lobos - bei Neil Young und den Beatles, bei Jonny Cash ging mir das Herz auf. Diese Erfahrung hat sich sehr positiv auf meinen Unterricht ausgewirkt.

Ich denke das wichtigste Hilfsmittel um sich Musik, und der Popularmusik im Besonderen, wirklich zu nähern, sind unsere Ohren. Ich rate jedem, Noten und Tabs bestenfalls als Gedächtnisstütze zu benutzen und sich die Feinheiten unbedingt selbst herauszuhören.

In meinen Kursen begegne ich immer wieder begabten Hobbymusikern, die völlig ohne Theoriekenntnisse erstaunlich gute Lieder schreiben. Ich denke, komponieren ist in erster Linie eine Lebenshaltung und hat mit Kompetenz in Harmonielehre und Musiktheorie wenig zu tun.

Andererseits ist es natürlich so, dass das Komponieren ohne theoretisches Fundament (wenn man nicht ein aussergewöhnlich gutes Gehör hat) mit einem beschränkten musikalischen Vokabular einher geht.

Da denke ich oft: Wenn Er/Sie ein wenig mehr über harmonische Zusammenhänge wüsste, könnten die Kompositionen noch viel reicher und vielfältiger werden.

Die Terminologie sowohl der klassischen- als auch der Jazz-Harmonielehre geht vielen Hobbymusikern aber deutlich über die Hutschnur.

Schrecklich ist es, wenn die Anfangsgründe verstanden werden, dann aber die Blockade "bis hierhin und nicht weiter" eintritt und die anfängliche Unbekümmertheit, mit der interessante Ideen geschaffen wurden, vergeht, und nur noch banale Floskeln entstehen, die dem Regelwerk der "leitereigenen Akkorde" und der "Kadenz" folgen.

Die Analyse von moderner Popularmusik lässt mich überdies vermuten, dass die harmonischen Grundbausteine auch der simpelsten Lieder selten dem klassischen Kadenzmuster folgen, man fängt quasi schon im ersten Musikbeispiel mit den "Ausnahmen" von der "Regel" an.

Deshalb bin ich auf der Suche nach einfachen, für Laien verständlichen Erklärungsmustern, die der Musik wirklich nahe kommen.

Den Quintenzirkel halte ich nach wie vor für absolut hilfreich - die "TonikavariantParallelenVariante" weniger.

viele grüsse
gw
 
gitwork

gitwork

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wow, jetzt gehts aber ab hier ;-)

Entschuldigt meine kryptische, überdies unvollständige Darstellung der Musikbeispiele. Natürlich habt ihr recht, mit diesen Infos allein lässt sich keine vernünftige Analyse machen. Eine Partitur kann ich nicht bieten, aber vielleicht hilft das hier weiter:

Crazy little thing called love:
http://www.youtube.com/watch?v=Thz5198M0L8

für "in Need" von Sherryl Crow habe ich leider kein video gefunden, aba ich sitz hier hinter den sieben Bergen bei den sieben Zwergen mit ner 56k Leitung, da sollte es doch im web 2.0 Möglichkeiten geben...

Meine erste Analyse kam mir auch sehr zweifelhaft vor, deswegen hab ich ne zweite nachgeschoben die A Dur als Tonika annimt, die Wechsel sind regelmässig ganztaktig.


CUDO: wenn Du den Threadtitel "Angemessene Theorie für Popularmusik" nennst, meinst Du damit herkömmliche Theorie kann Popularmusik nicht fassen oder Popularmusiker sind nicht in der Lage herkömmliche Theorie zu verstehen?

Ich meine damit, dass die elementaren Grundbausteine moderner Popularmusik oft nicht den elementaren Grundbausteinen der herkömmlichen Harmonielehre entsprechen und deswegen die Rocker und Folks von Vornherein keine Lust drauf haben. Das sie dann kaum ins 4. Semester Harmonielehre vordringen wundert mich nicht.
Das Experten mit den herkömmlichen Mitteln sehr wohl in der Lage sind diese Musik hervorragend zu analysieren ist mir schon klar. ;-)

Aber seien wir doch mal ehrlich:
In diesem Forum hat ein Gitarrenlehrer namens Gitwork mit Theorieexperten darüber diskutiert wie man "Hey Joe" analysieren könnte...
was sollen die Rocker dazu sagen? - die halten uns doch für bekloppt!

Aber jetzt muss ich Schluss machen, auf die anderen Aspekte eurer Posts, für die ich sehr dankbar bin, komme ich später zurück.

viele grüße
gw
 
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gitwork

gitwork

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... Um zu verdeutlichen was ich meine, hier mal ein paar Beispiele aus dem
Gitarren-Einsteigerbereich:

Das sind die Grundkadenzen eines Gitarrenspielers heute

4 non Blondes: Whats Up
G / Am / C / G

Iggy Pop: Passenger of Love
Am / F / C / G

Bob Dylan & Co: Knocking on Heavens Door
G / D / Am / Am

Tracy Chapman: Crossroads
F C / G Am

oder noch besser

Nirvana: Oh me
E / D / D C D / E

Ich brauche wohl nicht zu erläutern, welchen Faustregeln des elementaren Harmonielehreunterrichts diese Grundkadenzen widersprechen...

Wenn es gleich schon am Anfang dermassen hakt, wie sollen dann die Schüler eine Beziehung zur Musiktheorie entwickeln? Ihre Musik finden sie gleich zu Beginn schon in der Ecke "Ausnahmefälle" wieder.

so long
gw
 
Ploppy8

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Lieber Gitwork ,
die Popmusik ist ein Milliardengeschäft , ich bin sicher dass diese Produzenten schon etliche Konsumentenforschungen durchexerziert haben ,und die Arbeitsweisen ganz klar wie in einem
Industriebetrieb festgelegt sind.Und doch , ganz plötzlich kommt immer wieder so ein "Buena Vista
Social Club" Ding aus dem Nichts herangeschwebt und trifft viele Menschen in ihrer musikalischen,ja sogar kulturellen Seele.
Soweit ich weiss war Mozart ein musikalisches Genie , der zudem ein ausgezeichnetes musikalisches Gedächtnis besass , aber verarmt starb ,da er mit finanziellen Dingen überfordert war.
Wenn man unseren Alltag auf blosse wissenschaftliche Theorien reduziert , bliebe nichts als emotionale Leere.Ich habe den Eindruck , dass diese Theoretiker uns den Blick verstellen , auf dass was wirklich
wichtig ist ,dass was uns als Menschen ausmacht , und was uns letztendlich als intelligente Spezies
das überleben in einer komplexen Umwelt erst ermöglicht.
 
H

Hagenwil

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Ich würde jetzt keinen der genannten Artisten im Anfängerbereich einordnen.

Auch keine der chord progressions wiederspricht ihrer richtigen Analyse. Nur kann man das Zeugs gar nicht analysieren wenn man die Melodie nicht kennt, weil es ohne melodische Information zu viele Variablen gibt was es den wirklich ist, und eine Auflistung aller funktionellen Möglichkeiten dieser Akkordfolgen (es sind doch Akkorde?), würde in eine kleine Doktorarbeit ausarten; nur schon für Nirvana's E / D / D C D / E kommen mir ein halbes dutzend Funktionserklärungen in den Sinn
 
gitwork

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Ich würde jetzt keinen der genannten Artisten im Anfängerbereich einordnen.

Das würde ich auch nicht! und darum gehts doch auch gar nicht. Es geht darum, das diese Songs zum 1x1 eines Gitarreneinsteigers gehören und ein Gitarrenlehrer (wie ich) gut daran täte, die harmonischen Bausteine aus denen sie bestehen als grundlegende, typische Akkordfolgen anzuerkennen und im Theorieunterricht jetzt nicht mit T S D T oder II V I daherzukommen.

Klare Leittonmässige D-T Verbindungen, Tonikabefestigungen, etc. sind für die Hörgewohnheiten der Hörer und Spieler dieser Musik eben nicht die Regel. Das Tonale Zentrum wird verschleiert - nicht befestigt, die Tonika wird als Durchgangsakkord gestreift und erscheint weder am Anfang noch am Ende des Stückes, noch wird darauf verweilt.
nur schon für Nirvana's E / D / D C D / E kommen mir ein halbes dutzend Funktionserklärungen in den Sinn

Das ist doch gerade der Punkt, der Gitarrenschüler hört es aber als harmonischen Archaetyp! Soll ich ihm das halbe Dutzend Funktionserklärungen vorbeten? - oder diese Akkordfolge erst in ein paar Jahren versuchen zu erklären?

Im Übrigen: Kurt Cobain in allen Ehren - ich glaube nicht, dass die Melodieführung in diesem Song wesentlich den Charakter dieser Akkordfolge bestimmt.

Die Mechanismen der Musikindustrie haben mit dem Thema schon gar nichts zu tun - sorry.

buena notte
gw
 
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Hagenwil

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Das ist ja ein richtiges Dilemma in welchem du dich befindest. Aber wenn ich darüber nachdenke sehe ich keine Lösung dafür wenn man solche Anfänger unterrichtet, ausser das es wahrscheinlich mindestens ein Jahrzehnt dauern würde bis der Hobbyist das alles kennt was ein Berufsschüler in drei Jahren rein büffelt.

Wahscheinlich solltest du davon absehen deinen Schülern sowas zu erklären, dass nur schon aus dem Grund da du ja selbst nicht weisst wie eine richtige Analyse gemacht wird . Ich denke für deine Art des Untericht muss es genügen wenn du ihnen die standard chord progression beibringst und die am meisten von denen geliebten Clichées. Auch bei mir ist es so, dass wenn ich mit Musikern arbeite, wir keine Zeit haben über irgendwelche theoretischen Hintergründe zu palavern, ausserdem sind Akkordsymbole wie F, Dm, Abdim etc. auch vollkommen genügend für die Festhaltung einer einfachen Idee, und wenn ich mit Pop/Rock Musikern arbeite ist meistens nicht mal sowas vorhanden, da wird alles memorisiert und tagelang repetiert bis alles sitzt.

Ich werde dann bei nächster Gelegenheit dieses Tune von Nirvana mal anhören, und dir dann sagen ob seine Melodie nichts zu einer Analyse beitragen kann; ich kann mir aber nicht vorstellen das eine Melodie so gestaltet ist das sie es nicht tut, es hat doch eine Melodie, oder gröllt er nur?

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