[Effekt] AC Noises - Ricorda - Granular Reverb

escarbian
escarbian
Registrierter Benutzer
Zuletzt hier
29.08.25
Registriert
24.05.16
Beiträge
2.716
Kekse
55.436
Ort
NRW
AC Noises - Ricorda - Granular Reverb


Einleitung:


AC Noises ist eine recht junge kleine Effektpedal-Company aus Norditalien. Gegründet wurde sie 2016 von dem Musiker und Sound-Designer Andrea Ragusa und der Fotografin und Illustratorin Claudia Bellotti.
„A“ steht für Andrea, „C“ für Claudia, und „Noises“ für .. .. ich würde mal sagen: exquisiten Sound.
Relativ schnell machte sich AC Noises auch international einen Namen durch ihre funktional und klanglich außergewöhnlichen Pedal-Kreationen, die sich definitiv abseits des üblichen Mainstreams bewegen.
Ausgehend von Fuzz und Distortion-Pedalen entwickelte sich das Portfolio in Richtung Ambient-Sound-Maschinen wie dem Ama (Reverb + Bit-Crusher) oder dem Respira (Reverb + Tremolo).
In 2024 entstand in Zusammenarbeit mit Andrea Degli Esposti von BunkerNoise das erste Stereo-Pedal von AC Noises, das Ricorda Granular Reverb.

Persönlich waren mir bislang auf einigen YouTube-Demo-Videos das Ama und das Respira aufgefallen, aber da ich eigentlich kaum noch irgendwelche Pedale brauche, bin ich nicht tiefer eingestiegen.

Anläßlich eines Besuches des von Chase Bliss organisierten Bliss Fest in Amsterdam im Juli 2025 konnte ich am Stand von AC Noises deren aktuelles Pedal-Portfolio (Ama, Urla, Ricorda) anspielen.
Da sich meine Musik-Kreationen hauptsächlich im Ambient-Bereich abspielen, war ich sofort von dem ungewöhnlichen Reverb-Charakter des Ricorda (Italienisch: erinnere dich) fasziniert.
Und das ist es, was Pedale von AC-Noises ausmacht: sie haben einen eigenen Charakter.
Da das Ricorda auch noch Stereo In/Out anbietet, war es somit praktisch Liebe auf den ersten Blick, und das Pedal trat mit mir die Heimreise an.
Daneben war es ein großes Vergnügen, die unglaublich netten Menschen hinter den Pedal-Kreationen, Andrea und Claudia, persönlich kennenzulernen.


AC-Noises-Bliss-Fest-1-500px.jpg
..
AC-Noises-Bliss-Fest-2-500px.jpg


Andrea und Claudia an ihrem Demostand beim Bliss-Fest in Amsterdam am 02. August 2025.



Details und Ausstattung:

Das Ricorda Pedal ist in einem schlichten weißen Karton mit aufgedrucktem Logo und Schriftzug verpackt.
Beim Öffnen sieht man den Text: „You care about tone, aesthetic and quality. That’s why you‘re getting excited right now.“
Überrascht wird man dann von einem seidenweichen, pinkfarbenen Stoff-Säckchen mit Logo- und Schriftaufdruck.
Dazu gibt es Pedal-Füßchen, Logo-Sticker und ein Plektrum. Das Pink kontrastiert wunderbar mit dem Azurblau des glänzend lackierten Aluminium-Pedalgehäuses.

Ein Netzteil gehört nicht zum Lieferumfang, was ich gut finde, da von uns ohnehin fast jeder ein Multinetzteil benutzt.

Die größeren durchsichtigen Drehregler für das Reverb oben am Pedal steuern Mix, Decay, Size und Tone.
Die kleineren schwarzen Drehregler darunter sind für Mix, Number, Size und Time des Granular Delay gedacht.
Darunter gibt es drei Kipphebel-Schalter. Der linke Schalter wählt Freeze bzw. Loop, der mittlere schaltet Mono- oder Stereo-Routing.
Mit dem rechten Schalter kann man die Delay-Repeats eine Oktave nach oben transponieren.

Es gibt zwei Soft-Switch Fuß-Schalter mit dazu gehörigen Betriebs-LEDs. Der rechte Fuß-Schalter aktiviert das Pedal (True-Bypass).
Der linke Fußschalter erlaubt, je nach Position des darüber befindlichen Kippschalters, einen Freeze-Effekt des Reverbs, oder eine ca. 2-minütige Loop mit Overdubs.

Im Inneren des Pedals steht ein USB-C-Anschluss zur Verfügung, um zukünftige Firmware-Updates einspielen zu können.

Stirnseitig finden sich die Anschlussbuchsen für die Stromversorgung und die Ein- und Ausgänge.
Der Eingang ist Mono mit TS-Kabeln oder Stereo mit TRS-Kabeln nutzbar. Der mittlere Kippschalter muss in die entsprechende Position (links Mono, rechts Stereo) gebracht werden.
Für den Ausgang stehen zwei TS-Buchsen zur Verfügung, wobei die Buchse L als Mono-Ausgang genutzt werden kann.
Bei Mono-Eingang-Signal können die beiden Ausgänge auch als Dual-Mono verwendet werden.

Die Verarbeitungsqualität des Pedals ist sehr solide und hochwertig.

Stromversorgung: 9 V DC (center negative) Netzteil (keine Batterie-Versorgung)
Stromaufnahme: 200 mA
Größe: 93 x 120 x 50 mm (B x T x H)
Gewicht: 382 g



Bilder


AC-Noises-Ricorda-1-1200px.jpg




AC-Noises-Ricorda-5-2-1000px.jpg




AC-Noises-Ricorda-2-1000px.jpg




AC-Noises-Ricorda-3-2-1000px.jpg




AC-Noises-Ricorda-4-1000px.jpg


Eine Daisy Seed Platine hatte ich bisher in noch keinem Pedal gesehen. Der USB-C-Anschluss befindet sich rechts unten über dem Ricorda-Schriftzug.




Bedienung und Klang:

Die Regler für das Reverb im Einzelnen:

Mix: regelt im Uhrzeigersinn den Reverb-Anteil hinzu.
Decay: regelt die Länge der Hallfahne
Size: regelt die Länge und Dichte der Reflexionen, zunehmend von 12 im Uhrzeigersinn; links von 12 gegen den Uhrzeigersinn ergibt sich ein zunehmender Reverse-Effekt
Tone: regelt als Low-Pass-Filter (links von 12) oder High-Pass-Filter (rechts von 12)


Die Regler für das Granular Delay:

Mix
: regelt im Uhrzeigersinn den Anteil des Granular-Delay hinzu
Number: regelt die Dichte der Grains, im Uhrzeigersinn zunehmend dichter und komplexer
Size: vergleichbar dem Reverb-Size-Regler mit Reverse-Effekt links der 12 und Forward-Delay rechts der 12.
Time: regelt die Delay-Time zwischen Original-Sound und Granular-Sample

Freeze-Mode: wenn der linke Kipp-Schalter auf Freeze-Mode steht, kann man mit dem linken Fuß-Schalter per Tap den aktuellen Sound „einfrieren“ im Sinne eines Sample and Hold.
Über den „gefreezten“ Sound kann man im Full-Dry dazu spielen. Ein zweites Tap löst den Freeze wieder auf.

Looper-Mode: wenn der linke Kipp-Schalter auf Loop steht, kann man per Tap eine bis zu zwei Minuten lange Loop aufnehmen (LED blinkt).
Ein zweiter Tap beendet die Loop-Aufnahme und wechselt in den Loop-Play-Status (LED dauerhaft an).
Durch weitere Taps können unbegrenzt Overdubs im Rahmen der 2-Minuten-Loop erfolgen. Zum Löschen der Loop wird der linke Fuß-Schalter 2 Sekunden gehalten (LED blinkt schnell).
Das Loop-Recording erfolgt nach den Effekten. Es kann also mit geänderten Parametern zur Loop gespielt werden oder man kann Overdubs aufnehmen.
Die Reihenfolge Pre- oder Post-Effekt kann über die Sekundär-Funktionen (siehe unten) geändert werden.

Neben den Hauptfunktionen gibt es für fast jeden Regler und Schalter eine Sekundär-Funktion (Secondary Functions). Leider sind diese Funktionen nicht auf dem Pedalgehäuse aufgedruckt.

In das Sekundär-Menu gelangt man, wenn der linke Kipp-Schalter auf Freeze steht und man den linken Fußschalter zwei Sekunden gedrückt hält, bis die entsprechende Leuchte blinkt.
Damit der Regler-Parameter geändert werden kann, muss er zuvor ganz auf Linksanschlag gedreht werden. Durch einfache Betätigung des linken Fuß-Schalters wird der Sekundär-Funktions-Mode wieder verlassen.
Will man die Sekundär-Funktionen alle zurücksetzen, muss der linke Fuß-Schalter 6 Sekunden gehalten werden (Kipp-Schalter in Freeze-Position). Die Factory-Settings kann man dem Manual entnehmen.


Die Regler für die Sekundär-Funktionen des Reverb:

Mix -> Diffuse: regelt die „Raumverteilung“ der Reverb-Fahne
Decay -> LFO-Speed: regelt die Modulations-Geschwindigkeit
Size -> LFO-Depth: regelt die Modulationstiefe
Tone -> Pre-Delay: regelt die Verzögerung zwischen Original-Sound und Beginn der Reverb-Fahne


Die Regler für die Sekundär-Funktionen das Granular Delay:

Mix -> Feedback: regelt den Anteil des Feedbacks des Granular-Delays
Number -> Spray: regelt die Zufälligkeit der Verteilung der Grains im Raum
Size -> Stereo-Spread: weitet den Stereo-Effekt der Granular-Delay-Repeats
Time -> Pitch-Offset: regelt ein Pitch-Shifting der Granular-Delays in 12 Halbton-Schritten

Und noch die Sekundär-Funktionen für die drei Kippschalter:

FREEZE/LOOP -> POST-/PRE-Effekt-Position der Loop: durch Setzen des Kippschalters nach rechts wird die Loop auf Pre-Effekt geschaltet.
MONO/STEREO -> DUAL MONO OUTPUT/TRUE STEREO OUTPUT: wird der Kipp-Schalter nach links bewegt, so erfolgt der Output nun in Dual-Mono
0 +12 -> PRE-/POST Position (GRAINS): wird der Kipp-Schalter nach rechts (+12) gestellt, dann ist das Granular-Delay nun im Signalweg nach dem Reverb. Dies führt zu sehr unterschiedlichen Klangvariationen.

Die Einstellung der Sekundär-Funktionen ist etwas gewöhnungsbedürftig, aber man kann sich recht schnell einarbeiten.
Wünschenswert wäre aber gewesen, wenn die Sekundärfunktionen in abgeblasster Farbe unter den Primär-Funktionen erkennbar wären.

Zum Klang des Pedals will ich mich verbal gar nicht groß blumig auslassen. Dies soll den Soundbeispielen auf YouTube vorbehalten bleiben.
Ich möchte aber anmerken, dass durch die Kombination eines räumlich „groß“ einstellbaren Reverbs in Kombination mit dem Granular-Delay und den Reverse-Funktionen eine Vielzahl unterschiedlicher und klanglich einzigartiger Soundvarationen möglich sind. Auch der Wechsel der Reihenfolge von Reverb und Granular Delay im Signal-Routing bringt überraschende Ergebnisse.
Persönlich bin ich kein großer Fan von Shimmer-Reverb-Effekten, aber die Octave-Up-Funktion im Ricorda klingt richtig gut.
Mit all den Funktionen ist das Ricorda eine Fundgrube für Experimentalisten und Ambient-Sound-Musiker. Und es klingt einfach nicht wie die üblichen (Reverb-)Verdächtigen, sondern hat einen eigenen Charakter.



Soundbeispiele auf YouTube:


AC Noises




View: https://youtu.be/Ht9V1EqQ4UA?si=i2nJG24PbDzA8SGx



View: https://youtu.be/hphDCXWq4YU?si=e0XFE8vOHiOomjCZ




Collector//Emitter



View: https://youtu.be/7ibz0fSOuCo?si=0Ej_4GAUiHgWpeyf




Mark Johnston



View: https://youtu.be/STQyTDVEg3U?si=nDgWMPM8gt2JZDvf




Harp Lady (Emily Hopkins)



View: https://youtu.be/K9v1K77qMU8?si=h6lkG_o6PVD7_yyS




Ambient Endeavors



View: https://youtu.be/dSuoQUWOeew?si=M0_ybKOHJVyvI8eT




Fazit:

Das AC Noises Ricorda Granular Reverb überzeugt und fasziniert durch seinen infolge des Granular Delays eigenständigen Klang, verbunden mit einer großen Funktionalität.
Neben Stereo I/O, Reverse-, Octave- und Pitch-Shift-Optionen bekommt man noch eine Freeze-Funktion und einen Looper.
Granular Delay und Reverb können wechselseitig ineinander gespielt werden und erlauben damit ganz unterschiedliche Klangeffekte.
Durch diese Klang- und Funktionsvielfalt ist das Ricorda in erster Linie für den experimentierfreudigen Ambient-Musiker prädestiniert.
Der Preis ist für das Gebotene angemessen.

Pro:
  • überraschend große Vielseitigkeit der Klangmodulationen
  • Stereo-Reverb mit Klangcharakter abseits des Mainstreams
  • diverse Funktionen mit Alleinstellungsmerkmal
  • sehr solide und saubere Verarbeitungs-Qualität
  • Option für Firmware-Upgrades

Contra:
  • etwas unübersichtliche Bedienung der Sekundär-Funktionen der Regler/Schalter


Preis: 399,00 bis 429,00 Euro (Stand 08/2025)



Alternativen (subjektive Auswahl ohne Anspruch auf Vollständigkeit):

Persönlich ziehe ich eine Pedal-Bedienung mit Reglern und Schaltern einer menü-basierten Einstellung vor.
Ich habe ein Meris LVX (Delay, im Bedienungskonzept identisch zum Mercury X), und die Bedienung ist für mich nicht so intuitiv.
Das Ricorda hat mein Source Audio Ventris Dual Reverb im Handumdrehen vom Board verdrängt.
Seit ich das Ricorda habe, war auch mein Eventide Space kaum noch im Einsatz (wird aber definitiv bleiben).



Link zur Hersteller-Webseite und interessante Links:

https://acnoises.com/products/ricorda-stereo-granular-reverb-freeze-loop
https://acnoises.com/pages/support-faqs
https://acnoises.com/pages/about-us
http://www.effectsbay.com/2017/05/talking-andrea-claudia-ac-noises/


Conflicts of Interest: keine
(ich habe das Pedal selbst gekauft und keine geschäftlichen Verbindungen zu AC Noises)



Vielen Dank für's Lesen.
Fragen, Anmerkungen und Diskussionen sind gerne willkommen.
Gruß, Helmut
 
Zuletzt bearbeitet:
  • Gefällt mir
Reaktionen: 1 Benutzer
Deine Reviews sind Reviews, wie sie sein sollten. Thanx!
 

Unser weiteres Online-Angebot:
Bassic.de · Deejayforum.de · Sequencer.de · Clavio.de · Guitarworld.de · Recording.de

Musiker-Board Logo
Zurück
Oben