Fachbegriff: Musikalische Veranlagung/Neigung

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Hallo zusammen,

ich bin auf der Suche nach einem Begriff (alternativ einem kurzen Term), der eine bestimmte Eigenschaft beschreibt - ich weiß aber nicht, ob es einen solchen Begriff gibt und nachdem ich mir jetzt schon die Finger Wund-Gegoogelt habe, dachte ich frage ich mal jemanden, der es vermutlich besser weiß :)

Mir geht es darum, dass Menschen ja eine grundsätzliche Veranlagung für Musik zu haben scheinen, da Babies ja z.B. auch schon auf Musik ansprechen und absolutes Gehör bei denen ja auch weitaus verbreiteter ist.
Ich frage mich, ob es einen (wissenschaftlichen) Term gibt, der dieses 'intrinsic hardwiring for music' halbwegs knackig beschreibt.

Zum Hintergrund: Ich verfasse z.T. eine Geschichte und suche einen passenden Titel für ein Kapitel. In dem betreffenden Abschnitt zeigt eine ansonsten eher reaktionsarme Person das erste Mal Anzeichen von Interaktion mit der Umwelt, und dies geschieht über das latente Interesse an Musik als Katalysator. Der Arbeitstitel ist z.Z. noch "Musikalischer Syntax" "Musiksemantik" und ähnlich gelagerte Begriffe. Aber irgendwie werde ich mit denen auch nicht grün.

Freue mich natürlich, wie immer, über Input.
Dankeschön.
 
Eigenschaft
 
Ich frage mich, ob es einen (wissenschaftlichen) Term gibt, der dieses 'intrinsic hardwiring for music' halbwegs knackig beschreibt.

Einen einzelnen Begriff dafür gibt es glaube ich nicht.

Es gibt viele Begriffe die darauf hinweisen das Musik Ausdruck einer inherenten Struktur ist die absolut Allem innewohnt.
Mann klingt das geschwollen, ist aber so.

Alles ist Musik (wir hören halt nur die die unsere Ohren empfangen können) auf einer gewissen Ebene, nämlich der der Schwingungen und der sich wiederholenden Zyklen. Das wir Menschen da keine Ausnahme sind ist nur natürlich.
 
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Ich möchte noch den Begriff "Musikempfinden" bzw. verwandte Begriffe wie "musikalisches Empfinden", "musikalische Empfindungen" etc. vorschlagen.

Die Verarbeitung gehörter Musik im Gehirn ist sehr komplex und daher bis heute nur ansatzweise erforscht. Es sind auf jeden Fall sehr viele Zentren im Gehirn beteiligt, hier eine interessante Quelle dazu: https://www.dasgehirn.info/denken/musik/das-musikalische-gehirn
Das ganze auf einen Begriff zu bringen dürfte kaum möglich sein.
 
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Vote auch für: gibt es keinen einzelnen Begriff für.

Was bei Babys und sehr sehr vielen Menschen passiert, ist, dass sie motorisch - also eher unbewußt - auf Musik ansprechen. Das wiederum kann sehr viel heißen und findet unterhalb der Schwelle von "absolutem Gehör" oder auch Melodien etc. statt. Das heißt, akustische Sinnesreize werden schnell ins motorische (z.B. Mitwippen, Mitsummen, Im Takt schlagen etc.) übersetzt, meist ohne Anstrengung und spontan.
Da könnte sowas passen wie Aufforderungscharakter der Musik / von Rhytmen. Aber auch Musikmotorik oder so etwas.

Dann gibt es alle möglichen Übergänge zu Sprache. Auch Lautmalereien weisen Attribute wie Rhytmus, Dynamik (Lautstärkeunterschiede) und fröhlich/traurig bzw. hell/dunkel etc. auf, weit bevor irgendwelche "Inhalte von Sprache" / "Bedeutung" tangiert sind. So viel ich weiß, erfinden Babys/Kleinkinder ab einem gewissen Alter auch eine eigene Sprache, Geschwister unterhalten sich in einer eigenen Sprache etc. Auch das hat eine motorische Seite, die viel damit zu tun hat, dass es einen angeborenen Drang gibt, sich zu äußern, Dinge aus der Umwelt aufzuschnappen (Ältere sind ja in der Regel besessen davon, mit Babys/Kleinkindern in einer vermeintlichen Baby-/Kindersprache zu reden) und sie zu reproduzieren und dabei entstehen auch eigene lautmalerische Erzeugnisse, bei denen nicht klar ist, ob sie auch etwas bedeuten bzw. bedeuten sollen.
Sowas könnte man in Musik/Lautmalerei als Äußerungsform bzw. Interaktion fassen.

Dann haben Rhytmus und Musik einen direkten Einfluss auf unser vegetatives System und die Gefühlswelt. Die Atmung beispielsweise hat direkten Einfluss auf die Gefühle und Musik hat Einfluss auf die Atmung, weil es ein natürliches Streben nach so etwas wie Stimmigkeit gibt. Bei langsamer Musik verlangsamt sich die Atmung, bei schneller Musik wird sie gesteigert. Das findet in jedem Alter statt, aber in frühem Alter viel unbewußter. Irgendwann lernen wir, Musik gezielt einzusetzen, um uns in bestimmte Gefühlslagen zu versetzen oder Musik zu hören, die unserer Stimmungslage entspricht.
Das würde ich unter sowas wie gefühlsmäßige Reaktion auf Musik beschreiben.

Natürlich gehen diese Dinge auch ineinander über.

just my 4,21 cent und never vollständig

x-Riff
 
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Das liest sich nach einer autistischen Person, vielleicht präziser einer, der man das Asperger-Syndrom attestieren würde, die nun, aus welchem Grund auch immer, eine Kommunikationsebene mit der Umwelt über Musik nutzen könnte bzw. umgekehrt sie von der Normalbevölkerung angesprochen werden könnte.

Eine grundsätzliche Veranlagung für Musik sehe ich bei Menschen nicht, auch nicht, dass bei Babies schon auf späteres geschlossen werden kann (Gaben/Talente).
Das Gehirn samt neuromuskulärer Strukturen bildet sich im Lauf der weiteren kindlichen Entwicklung erst auch. Bspw. ist es möglich, dass Kommunikationsstörungen auf dem neuromuskulären Strang erst vor der Pubertät wahrgenommen werden, weil erst dann alle Leiterbahnen verwendet werden und in vorherigen Entwicklungsstufen zufällig eine gestörte gar nicht für eine Standardbewegung gebraucht wurde, weil die feinmotorische Ebene noch nicht benötigt wurde (Kraftgriff, Pinzettengriff).

Insofern würde ich den Abschnitt
"Die Macht der Sprache Musik" nennen, weil es hier um eine bestimmte Reiz-Reaktionsbeziehung geht und nicht nur um das übliche Maß.
 
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...zeigt eine ansonsten eher reaktionsarme Person das erste Mal Anzeichen von Interaktion mit der Umwelt,...
"eher reaktionsarm" heißt vermutlich, dass das erwartete Verhalten auch spontan bzw. in anderen Kontexten beobachtbar ist.
Dann ist Musik ein Reiz (Stimulus), auf das bisweilen eine Reaktion erfolgt.
Lässt sich die erwartete Reaktion auf den Stimulus in der Auftrittswahrscheinlichkeit durch Belohnung (Token) erhöhen, spricht man von operanter Konditionierung durch positive Verstärkung.
https://de.wikipedia.org/wiki/B._F._Skinner
https://de.wikipedia.org/wiki/Instrumentelle_und_operante_Konditionierung

Mit Musikalität im Sinn einer Begabung hat das so nichts zu tun.

Gruß Claus
 
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Hallo zusammen,

vielen Dank für die zahlreichen und super interessanten Beiträge von Euch! Ich finde auch immer spannend zu hören, wie andere Standpunkte zu anderen Perspektiven führen. Da hört man dann teilweise auch die Sparte heraus, aus der jemand kommt, oder die Schwerpunkte, die jemand für sich persönlich setzt.
Gefällt mir sehr gut! :)

Mir ist bewusst, dass es ausnahmslos immer miit Problemen behaftet ist, komplexe Vorgänge auf einzelne Begrifflichkeiten herunterzubrechen. So ist "Synästhesie" beispielsweise für einen Menschen eine vollständig andere und sehr viel konkretere Erfahrung, als für einen Anderen und der einzelne Begriff kann natürlich nie den ganzen Sinneseindruck umreißen.
Das ist m.E. aber auch die Natur der Wörter. Wenn man versucht etwas zu beschreiben, geht imo immer Information verloren. Diesen Anspruch erhebe ich daher auch gar nicht.

Leider aber bestätigt ihr mir auch meine bisherige Recherche :'D und dass es wissenschaftlich für das "intrinsisch musikalische Potential" keinen festgesetzten Term gibt, auf den sich Fachliteratur und Forschung bezieht à la "Einfluss der parentalen Musikalität auf die frühkindliche xxx". Wenigstens weiß ich, dass es dann nicht einzig an meinem Unvermögen zum Googeln liegt.

Ein paar Einzelantworten möchte ich anbei noch anfügen:
@Bholenath, den Satz "Es gibt viele Begriffe die darauf hinweisen das Musik Ausdruck einer inherenten Struktur ist die absolut Allem innewohnt." findest Du vllt geschwollen, mir gefällt er aber sehr gut. Ich finde das sehr schön ausgedrückt :)

@LoboMix, danke für den Link! Ich werde mich da mal einlesen. Manchmal stolpert man dann ja über ein Detail oder einen Aspekt, der es dann ist!

@x-Riff, schöne Analayse, like it a lot! Ja, es gibt so viele Aspekte, die man da betrachten könnte, was die Recherche eben auch so mühsam macht. Leider scheint mir die physiologische/psychologische Forschung i.V.m Musikalität (im Vgl zu Gebieten wie Krebs oder Herz-Kreislaufverkrankungen) jetzt nicht überfinanziert zu sein, was wohl auch zur Folge hat, dass es viele sehr 'weiche' Begriffe, aber wenig 'harte' gibt. Auf die Überschneidung mit Sprachen mit Sprachen bin ich auch schon gestolpert, was ja einer der evolutionaren Erklärungsansätze zu sein scheint. Das ist tatsächlich auch einer der Bereiche, in denen ich zZ noch sehr aktiv suche und hoffe, dass ich da auf einen schönen Term komme, der das Kapitel für mich adäquat umreißt.

Nochmal danke, danke, danke an alle und sorry, dass ich nicht jedem einzeln antworten kann. Euren Input habe ich mir aber vermerkt, um diesen dann in der nächsten Recherchesession nochmal auszubauen.
Ihr seid super! :)
 
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den Satz "Es gibt viele Begriffe die darauf hinweisen das Musik Ausdruck einer inherenten Struktur ist die absolut Allem innewohnt." findest Du vllt geschwollen, mir gefällt er aber sehr gut. Ich finde das sehr schön ausgedrückt

Ich wollte damit nur ausdrücken das es sehr philosophisch und akademisch klingt.
Aber ja er stimmt natürlich.
Joachim-Ernst Berendt hat glaube ich sinngemässes gesagt.
 
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Mit Musikalität im Sinn einer Begabung hat das so nichts zu tun.
Der Begriff Musikalität kann in zwei Bedeutungsvarianten erscheinen:

Klar wird das, wenn man die Antonyme dazu betrachtet:

  1. Musikalität <=> Unmusikalität
  2. Musikalität <=> Amusikalität
Von Unmusikalität spricht man, wenn jemand keine Begabung im Bereich Musik hat, also kein Instrument lernen kann, nicht den Takt schlagen lernt, keine Töne beim Singen trifft etc. Er erkennt trotzdem Musik und hat in der Regel ein angenehmes Empfinden dabei.

Von Amusikalität spricht man, wenn jemand keine Musik empfinden kann. Für denjenigen ist kein Unterschied zwischen einem Ton und einem gewöhnlichen Geräusch wahrnehmbar. Er erkennt keinen qualitativen Unterschied zwischen z.B. einer Klaviersonate und Pferdegetrappel.

Viele Grüße,
McCoy
 
In dem betreffenden Abschnitt zeigt eine ansonsten eher reaktionsarme Person das erste Mal Anzeichen von Interaktion mit der Umwelt, und dies geschieht über das latente Interesse an Musik als Katalysator.
Es ist schon lange bekannt, dass z.B. Schlaganfallpatienten, die ihr Sprachvermögen verloren haben oft noch ihre von früher bekannten Lieder singen können, auch eine Kommunikation, wenn auch eine sehr eingeschränkte, ist über die Musik, vorwiegend das Singen, möglich. Dasselbe gilt auch für Demenzkranke.
Wenn man nach den Begriff-Paaren "Musik und Schlaganfall", "Musik und Demenz" googelt, kommen viele interessante Quellen dazu.
Die Seite "dasgehirn.info" ist auch wieder recht ergiebig dazu, u.a.: https://www.dasgehirn.info/denken/musik/die-heilkraft-der-musik

Leider scheint mir die physiologische/psychologische Forschung i.V.m Musikalität (im Vgl zu Gebieten wie Krebs oder Herz-Kreislauferkrankungen) jetzt nicht überfinanziert zu sein, was wohl auch zur Folge hat, dass es viele sehr 'weiche' Begriffe, aber wenig 'harte' gibt.
Musikalität darf man gewiss als einen Begriff bezeichnen, der streng wissenschaftlich nicht zu fassen ist. Intuitiv wird so gut wie jeder hier im Forum eine Vorstellung davon haben, was Musikalität sein könnte. Aber für eine (neurologisch-)wissenschaftliche Erfassung ist dieser Begriff zu unkonkret und gleichzeitig zu vieldeutig.
Schon hier im Forum wird das ganz schnell deutlich, wenn die enorme Spannbreite der musikalischen Vorlieben und Interessen betrachtet, die alleine hier vertreten sind. Da gibt es Fans von "Trash-Metal" oder ähnlich, deren Musik zu hören für mich in die Richtung ´Folter´ gehen würde, würde man mich zwingen, sie anzuhören. Wobei ich niemandem zu nahe treten möchte, über Geschmack lässt sich bekanntlich nicht streiten, es geht mir hier eben nicht um Kritik, sondern um ein plastisches Beispiel, warum Musikalität ein extrem schwer zu fassendes Kriterium ist. Denn umgedreht würde manch ein "Trash-Metal"-Fan die von mir so geschätzten Bach-Fugen als langweilig, gräßlich oder sie anhören zu müssen als ´Folter´ bezeichnen.
Dazwischen ist jede nur denkbare Zwischenstufe möglich, auch jede Kombination, wenn etwa ein "Trash-Metal"-Fan auch gleichzeitig Bach-Fugen ganz toll findet.

Nun geht es dabei um das Hören und man könnte einwenden, dass es einfacher und sinnvoller sei, Musikalität anhand der Ergebnisse und Interpretationen ausführender Musiker zu "messen", also anhand konkret von Menschen gespielter Musik. Ein nicht mehr als flüchtiger Blick auf die Rezensionsgeschichte zeigt die Unmöglichkeit eines solchen Unterfangens, auch diesbezüglich wird man in Foren wie diesem hier sicher schnell zu einem solchen Urteil kommen.

Damit will ich nicht sagen, dass sich Musikalität nicht von Unmusikalität unterscheiden ließe, im musikpädagigischen Umfeld geschieht das oft genug - wobei auch da oft sehr zweifelhafte Urteile gefällt werden. Denn das Kriterium Motivation spielt auch eine große Rolle, die nicht immer sauber beachtet wird, aber das zu diskutieren soll hier jetzt keine Rolle spielen.
Amusikalität, wie sie @McCoy beschreibt, geht schon allmählich in die Richtung einer neurologischen bzw. Wahrnehmungsstörung.
Der im reproduzierenden Sinne "unmusikalische" mag dennoch mit Begeisterung Musik-Hörer sein, wie @McCoy ebenfalls erwähnt.

Unter dem Strich dürfte derzeit (und soweit ich über dieses Thema informiert bin) der kleinste gemeinsame Nenner der neurologischen Forschung sein, dass (fast) alle Menschen zu musikalischen Empfindungen fähig sind. Die Empfindungen ließen sich zwar sicher noch gerade so standardisieren, etwa Freude, Trauer, Aufregung, Beruhigung (Untersuchungen dieser Art gibt es ja schon lange), was diese Gefühle individuell aber auszulösen vermag, wird sich dann aber wieder nicht oder kaum standardisiert erfassen lassen (siehe meine Beispiele mit Bach und "Trash").

Vor etlichen Jahren habe ich einen Rundfunkbeitrag gehört über eine wissenschaftliche Untersuchung zum Thema "Begabung" (das war während einer Autofahrt und ich konnte keine Notizen dazu machen, ich konnte später leider weder diesen Beitrag wiederfinden noch irgendeine Quelle, ich zitiere nur aus dem Gedächtnis). Man hat sich dazu Musikstudenten ausgesucht, wofür mehrere Gründe sprachen. Ihren relativen Erfolg konnte man leicht anhand der Noten bei Zwischenprüfungen und Abschlüssen evaluieren. Außerdem war aufgrund ihres noch jungen Alters ihr biografischer Hintergrund gut zu erfassen, also ob sie aus einem musikalischen Elternhaus kamen, wieviel sie über die Jahre im Schnitt geübt hatten, wann sie mit dem Instrument anfingen usw.
Das Ergebnis war ernüchternd: das einzige Kriterium, das statistisch signifikant und relevant mit ihrem Erfolg korrelierte war - die Summe ihrer Übezeiten. alle, die messbar mehr geübt hatten, waren statistisch eindeutig besser als alle, die weniger geübt hatten (die Übezeiten differierten in der Summe um rund 10.000 Stunden).
Man konnte also so gut wie nichts über Begabung heraus finden, sondern nur konkret über Fleiß :).

Einzig eine ganz kleine Gruppe stach aus diesem statistisch belegbaren Schema heraus. Das waren diejenigen, die Top-Leistung brachten und dabei signifikant weniger geübt hatten bzw. übten als diejenigen, die viel übten (wobei auch keiner dieser Top-Spieler faktisch sehr wenig übte, auch sie kamen auf viele Stunden.)
Bei diesen konnte man objektiv davon reden, dass sich besonders begabt waren, wenn nicht sogar hochbegabt. Warum sie aber so hoch begabt waren, konnte diese Untersuchung seinerzeit nicht heraus finden.

Ich erinnere mich selber aus meiner Studienzeit an der Folkwang-Musikhochschule um die Mitte der 80-er Jahre an einige wenige solcher Top-Begabungen, die alle keine "Übetiere" waren. Das waren damals in der ganzen Hochschule aber vielleicht nicht mehr als 5.
 
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Was die Entstehung von Musikalität betrifft, so sehe ich das so wie vom Forumsmitglied Mr.513 beschrieben:
(...)Eine grundsätzliche Veranlagung für Musik sehe ich bei Menschen nicht, auch nicht, dass bei Babies schon auf späteres geschlossen werden kann (Gaben/Talente).(...)

@61Tasten
(...) 'intrinsic hardwiring for music'(...) - (...)"intrinsisch musikalische Potential"(...)

würde für mich ein Kreuzprodukt aus Musikpsychologie ,Physiologie des Menschen, Umwelt und Begriffsgeschichte sein.
Der intrinsic factor beschreibt in der Medizin den Umstand der Blutkörperchenanpassung an einen VitaminB Mangel. Ich der Motivationspsycholgie wird die intrinsische Motivation als die Motivation bezeichnet, die aus dem eigenen Selbst Antrieb für Handlungen liefet. Intrinsische Musikalität würde mit der Zuhilfenahme einer Stimmgabel oder eines Metronoms nicht mehr intrinsisch sein.

Musik ist dem griechischen Kunst der Musen entnommen. Das Kleinkinder vielerlei treibender Kraft fähig sind, will ich nicht anzweifeln. Nur sollte diese Kraftentfaltung immer aber auch mit den dieser Kraft entgegen- und mitwirkenden verantwortlichen Kräften sein. Um diese Kräfte Musen zuzuschreiben, ist die frühkindliche Phase zu alltäglich. Museneinfluss, falls es ihn denn noch gibt, ist in diesem Stadium doch eher verfehlte Mühe. Das Kind bekommt deshalb die Windeln gewechselt, weil es dazu selber nicht fähig ist. Inwieweit die Äusserungen eines Kleinkindes den Anforderung des Adjektives musikalisch genügen mag auch damit zu tun haben, wie und von wem musikalisch definiert wird'; Was der Einfluss der parentalen Musikalität schon in gewisser Weise anreisst. Erwähnenswert auch der Umstand, das die Gehörbildung mit dem Tastsinn erwächst. Die Vibrationsempfindungen des Trommelfelles im Ohr folgen dem haptischen Begreifen, welches durch die Entwicklung und Identifizierungen von Nervenimpulsen geschieht.

Desweiteren sind neben elterlichen Einflüsse auch die Umgebung zu beachten. Die Musikalität der Eltern ist auch mit in der Umgebung verankert, aber genauso haben Verwandte, Nachbarn und dergleichen einen Beitrag zur Entwicklung des heranwachsenden Menschen. Und nicht zu vergessen, eine musikalische Begabung wird auch von ganz real existierenden Naturerlebnissen geprägt. Damit sind durch unterschiedliche geographische Zeiten auch unterschiedliche Eindrücke verbunden und damit verschiedene Ausdrucksmöglichkeiten. Neben den Naturerlebnissen spielt auch die künstliche, vom Menschen gemachten Umwelt ihre Karte aus. Den Verkehrslärm erleben nie alle im gleichen Umfang. Deshalb ist die Nähe zu einer Feuerwache auch nicht mit der Nähe zu einem Busbahnhof vergleichbar, wenn es um die Entwicklung von Musikalität neben einer musikalischen Ausbildung geht.

Deutlicher als eine musikalische Eignung ist die der körperlichen in der Entwicklung erkennbar. Analog zu grobmotorisch und feinmotorisch würde ein grobmusikalisch neben einem feinmusikalisch existieren können. Potential ist begriffsgeschichtlich dem lateinischen Kraft entnommen. Neben politischen Beschreibungen wie Industriepotential und Kriegspotential gibt es Potential als skalare Größe in physikalischen Systemen aus dem sich Energien, Druck, Temperaturen und Volumen ableiten lassen. Was auch eine Überleitung zu chemischen Potentialen ermöglicht. Insofern mag es auch ein, der physikalischen Musik entwachsenden, musikalischen Potential geben. Damit hat sich die Akustik dann noch weiter vom ursprünglichen Akustikbegriff άχούω entfernt. Die Lehre vom Hören wurde mit der mathematischen Physik zu einer Lehre des vergleichenden Messens.

In der Philosophie wird Musik auch als Gehörkunst umschrieben. Kunst mag vom Wortstamm des Könnens abgeleitet sein. Können ist eine langjährige erlebte Erfahrung, bei der sich menschliche Anpassung im Geschehen der Entwicklung nun zu einem Vorteil gegenüber den Nichtkönnern gebildet hat. Was gemeinhin als Talent umschrieben wird, ist also eine Mischung aus eigenen Fähigkeiten, Interessen und der erlebten Umwelt. Schlafendes Talent kann durch gezielte Schulung geweckt werden, oder durch Existenzkämpfe als entdeckter Vorteil erscheinen. So kann ich nicht umhin, mich an einen gedacht eher hoffnungslosen Fall zu erinnern. Ein eher plumper Typ, der im Training immer getrieben werden musste und selbst kaum aktiv war, behauptete sich äusserst filigran, als Zuschauer ins Spiel kamen und seine Aktivität nicht mehr nur Freizeitaktivität war.

Ob die Veranlagung des Menschen grundsätzlich sein muss, ist vielleicht Haarspalterei. Die in letzterer Zeit gehypten Musikausstrahlungen jeglicher Art mag einen Grundsatzanspruch nahelegen, andererseits sehe ich vom Standpunkt der Mobilität aus, genauso nur eine Nebensächlichkeit der Musik. Eine Grundsatzforderung mag dem Musikwissenschaftler zustehen, andererseits verliert diese gefordert natürliche Wichtigkeit beim Perspektivenwechsel ihre Berechtigung. Als Kapitelüberschrift liefert es Ideenanreize, als Schlagwort für eine Googlesuche wird es eine Vielzahl möglicher Übereinstimmungen liefern.

Grüsse
:)
 
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Moin,

ich habe nur kurz, wollte aber um ggf. Verwirrung zu vermeiden anbei noch ein Detail betont haben: Ich meinte nicht (und gehe auch nicht davon aus), dass es eine bestimmte Veranlagung für Musik gibt in der Art "Gen X macht Menschen besonders musikalisch" - an welchen Faktoren man das nun auch festmachen möge.

Ich bezog mich dabei auf die Fähigkeit des Gehirns spezifisch und messbar auf Musik / Musikalische Parameter, with Pitch, Rhythmus etc. pp. anzusprechen (wie z.B. angerissen unter Pubmed ID 11458822 oder 26304229). Und dass diese Fähigkeit m.W. universell (d.h. Kulturunabhängig) und wohlmöglich daher auf eine intrinsische Prädisposition zurückzuführen ist (in dem Sinne also eine genetisch bedingte Konzeption des Gehirns, im Gegensatz zu äußeren Faktoren meiner Umwelt, Kultur, Ernährung). Allerdings habe die Primärliteratur dahingehend, wie beschrieben, vielmehr auf schöne (für mich brauchbare) Stichwörter gescannt, als auf deren Inhalt. Angaben also ohne Gewähr.

Als etwas plattes Beispiel: 'Veranlagung zu Musik' meinte ich wie 'Veranlagung zur Kraft'.
So ist jeder Mensch in seiner Grundaustattung dazu befähigt Muskelmasse aufzubauen, wenn seine Muskeln den entsprechenden Reiz hierzu erhalten. Dafür müssen seine Muskeln nicht erst von jemandem beigebracht bekommen "Ah, wenn Reiz X kommt, dann leite ich Signalkaskade X ein", sondern wenn der Reiz kommt wird der Aufbau von Muskelmasse induziert, auch ohne dass die Umwelt ihm dies lehrte. Heißt nicht, dass er deswegen zum Muskelmann oder Hänfling wird - nur dass er grundsätzlich zum Muskelaufbau befähigt ist.

In jedem Fall danke für den weiteren Input und Eure Zeit! Inzwischen bin ich an den Punkt angekommen, an dem ich leider keine für mich passende Begrifflichkeit gefunden haben (meist klang es einfach zu sperrig u/o schwulstig). Ich werde am Wochenende nochmal etwas recherchieren. Sollte ich dann immer noch nicht fündig geworden sein, werde ich den Wink mit dem Zaunpfahl als diesen verstehen und mich in eine andere Richtung orientieren.

Schönes Wochenende und nochmal danke an alle! :)
 
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In dem betreffenden Abschnitt zeigt eine ansonsten eher reaktionsarme Person das erste Mal Anzeichen von Interaktion mit der Umwelt, und dies geschieht über das latente Interesse an Musik als Katalysator.

In diesem Zusammenhang könnte Musiktherapie ein relevanter Begriff bzw. eine ergiebiger Ausgangspunkt für weitere Klärungen sein. Der Begriff wurde bisher in der Diskussion noch nicht genannt, deswegen möchte ich dich nur drauf hinweisen: Musiktherapie ist der gezielte Einsatz von Musik im Rahmen der therapeutischen Beziehung zur Wiederherstellung, Erhaltung und Förderung seelischer, körperlicher und geistiger Gesundheit.

Gerade in der Arbeit mit alten Menschen (Musikgeragogik) gibt es solche Szenarien wie du sie in deiner Geschichte beschreibst. Da können Methoden der Musiktherapie weiterhelfen. Musiktherapie setzt keine besondere Musikalität des Patienten voraus, sondern nur eine durchschnittliche. Die Beschäftigung mit Musik kann ein Kommunikationskanal sein, selbst wenn andere Kommunikationskanäle des Menschen nicht (mehr) funktionieren.
 
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Um an das von HaraldS Benannte vielleicht mal etwas genereller anzuknüpfen.

Evolutionsbedingt haben alle unsere Sinne eine Bedeutung, sonst wären sie nicht da bzw. hätten sich nicht weiterentwickelt. Insofern sind sie alle wichtige Zugänge zur Welt und zur Interaktion mit der Welt und insofern ist der Mensch von seinem Wesen her und damit auch jeder einzelne Mensch dazu veranlagt, seine Sinne zu nutzen und weiterzuentwickeln.
Dabei fand ich den Hinweis von DandyKong über den Zusammenhang zwischen Be-greifen und Hören hilfreich. Das Gehör ist beispielsweise - wie die Riechorgane und im Gegensatz zu beispielsweise den Augen - nicht verschließbar, das heißt der Mensch hört immer, er nimmt immer Gehörtes wahr. Bei Babys macht man einen Test, ob das Gehör funktioniert. Das Gehör ist in der Lage, nicht nur die Geräusche, sondern auch deren Qualität einzuschätzen: Lautstärke, Tonhöhe und Dynamik, sondern auch die Lage und Entfernung bzw. Bewegung der Quelle einzuschätzen. Das heißt, Hören ist ein aktiver Vorgang - unser Hirn wertet automatisch aus, was wir hören. Insofern würde ich immer davon sprechen, dass unsere Sinne und unsere ganze Entwicklung darauf angelegt sind, sich die Welt anzueignen und das in einem wechselseitigen, kommunikativen Sinne.

Von Tieren kennen wir den unmittelbaren Wert des Gehörs für das Überleben, bei vielen Räubern ist das Gehör sehr weit entwickelt, zum Teil deutlich besser als die Augen.

Für den hohen Wert des Gehörs für die Kultur, das heißt in der Gemeinschaft der Menschen und damit von hoher Bedeutung für alle sozialen Wesen und weltumspannend für alle Kulturen spricht die Ausdifferenzierung von Sprache, Gesang und Musik. Bis zur Entwicklung der Tonträger und der beliebigen Reproduktion und Wiedergabe von Musik - und das ist gerade mal etwas über hundert Jahre her, also von der Entwicklung der Menschheit her gesehen, eine Sekunde - war Musik abhängig davon, dass sie in dem Moment und für den Moment geschaffen wurde, in dem sie konsumiert wurde. Damit ist Musik ein Gemeinschaftserlebnis und bedeutet nicht nur einen bestimmten akustischen Reiz, sondern auch eine kulturelle und gemeinschaftsstiftende Handlung und ist eingebettet in Gesellschaft, Riten und Gepflogenheiten der Gesellschaften.
Musik ist gleichzeitig ein sehr enger Zugang zum ganzen emotionalen Erleben und biografischen Erlebnissen bzw. Erlebnissen von Generationen.

Von Demenzkranken ist bekannt, dass das Abspielen von Musik, die in der Jugend eine Rolle gespielt haben, direkt Regionen im Gehirn aktiviert, die mit Gefühl, Erinnerung und Verarbeitung zu tun haben. Von einem Moment zum anderen ist die Person eine andere bzw. zeigt andere Seiten von sich bzw. wird wieder aktiv, reagiert wieder auf die Umwelt, öffnet sich etc.

Das kann prinzipiell auch mit anderen Sinnen erreicht werden - der Geruchssinn ist beispielsweise ebenfalls sehr eng mit unmittelbaren Emotionen und Erinnerungen verbunden und auch das Zeigen von alten Bildern oder ein Raum, der von der Einrichtung her dem entspricht, was demente Personen als ihre von früher gewohnte Umgebung wahrnehmen, kann eine Öffnung von Menschen erreichen oder zumindest befördern. Hirnareale werden wieder angesprochen und aktivieren sich, eine Kommunikation wird möglich etc.

Insofern könnte man - um mal wieder auf die Begriffswelt zu kommen - von Musik als Kanal oder Zugang zur Welt sprechen.

x-Riff
 
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