Improvisieren auf dem Akkordeon

von Bernnt, 05.01.20.

  1. Bernnt

    Bernnt Registrierter Benutzer

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    Erstellt: 05.01.20   #1
    Beim Improvisieren merke ich gelegentlich, dass ich mich in festgefahrenen Bahnen bewege. Dann dödelt man Skalen oder Tonleiter rauf und runter oder spielt das, was andere schon immer gespielt haben. Man merkt, dass da irgendwas fehlt. Aber wie kommt man von den festgetretenen Pfaden runter?

    Beim Stöbern im Internet fand ich auf Youtube den Account von Oliver Prehn. Er bemüht sich in seinem Kanal "NewJazz" darum, Leuten - auch Anfängern - zu zeigen, wie man improvisiert. Seine These: Jazz-Theorie hilft nicht, sie ist dazu da, über die Spielpraxis zu reflektieren. Vielmehr braucht man Griffe (er nennt sie handgrips), die man über die Tastatur verschiebt. Tut man das bewusst, entstehen die komplexen Skalen und Improvisationen automatisch.:cool:

    Zwei Videos haben es mir angetan. Das erste zeigt in 10 Schritten einen Zugang zu moderneren Jazz-Improvisationen auf und geht total langsam vorwärts.Ich finde es klasse, dass durch die Methodik am Anfang mentale Blockaden überwunden werden können. Und: Ja, auch Anfänger können etwas mitnehmen:



    Unglaublich ist, wie einfach man hier auf dem Knopf-Akkordeon unterwegs ist. Keine schwarzen Stolperfallen auf dem Griffbrett:D

    Das zweite kümmert sich um die II-V-I-Verbindung (also eine Standardakkordabfolge im Jazz):



    Dort wird das "System" von Prehn besonders deutlich. Wenn man auf dem Akko die linke Hand in den Bass verlagert (A-Grundbass + c-Dur, D+d7, G+gm), kann man das auch auf dem Akko nachvollziehen. Ich find den Kanal von Prehn interessant. Wenn man die beiden Grundgattungen im Jazz, Blues und Turn und Rhythm Changes kennt, kann man die Sache sofort praktisch probieren. Ich saß gestern mal wieder fasziniert vor der Kiste und hab mit dem Akko zu den Videos einfach dazu gespielt. Glücklicherweise ist das Grundmuster im zweiten Video pentatonisch. Wenn man richtig spielt, klingt das also nicht kakophonisch, sondern ganz nett.;):D Ich habs genossen.:)
     
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  2. Frager

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    Erstellt: 05.01.20   #2
    Ja dann sind wir gespannt auf die beiden Videoaufnahmen von Bernnt auf dem Knopfakkordeon.
    Bitte und Dank im Voraus vom Frager :-)
     
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  3. Bernnt

    Bernnt Threadersteller Registrierter Benutzer

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    Erstellt: 05.01.20   #3
    Nicht so flott, sonst gibt es Schrott. Paul, ich stecke noch bei Stufe 6. Für mich ergeben sich bei der ersten Übung auf den Knopf zwar einfache, aber neue Bewegungsabläufe, weil man ja konsequent immer kleine Terzen spielt und keine Skalen. Ich bin noch am Üben, wie ich die Dinger flott über das Griffbrett verschoben kriege. Also erstmal: Immer locker vom Hocker.

    Das mit der Aufnahme ist angekommen...
     
  4. Malineck

    Malineck Registrierter Benutzer

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    Erstellt: 08.01.20   #4
    Sehr gutes Thema @Bernnt !
    Bei Improvisation denkt man häufig gleich an“Jazz“.
    Muss es aber erst mal nicht. Ich denke, darauf willst du hinaus (?)

    Wenn man beginnen will, frei zu spielen, würde ich erstmal (also als kompletter Anfänger oder als jemand, der bisher sehr notengebunden spielt) in Vertrauten Harmonien oder Melodien bleiben und darin grundsätzlich immer freier werden.

    Das fängt ganz primitiv z. B. damit an, ein vertrautes Stück schneller, langsamer, unterschiedlich akzentuiert zu spielen, um überhaupt eine eigene „Willkür“ ins Spiel zu bringen.
    Dann kann man rhythmisch variieren, die Taktart verändern, verschiedene Styles versuchen und dabei noch im vertrauten Stück zu bleiben.
    Wenn es da hapert, werde ich mit ganz neuen Klängen, Harmonien noch mehr Probleme haben und die Improvisiererei vielleicht aufgeben...

    Nächster Step wäre z. B. Verschnörkeln oder Verkümmern der bekannten Melodie, also Töne hinzufügen oder weglassen und damit das Stück immer mehr „verstecken“ bei immer noch gleicher Harmonie.
    Spätestens hier kommen Ideen für eigene Melodien, die entstehen.

    Die dann noch in unterschiedlichen Rhythmen / Tempi und schon komponiert man.

    Das kann man dann mit nem anderen Stück machen, das ne andere Tonart, andere Kadenzen hat.
    Schon merkt man, dass es schwieriger wird.

    Wichtig find ich, dass man vor allem vorher hört, was man spielen würde/ möchte und dann ausprobiert, ob man das findet.

    Mit der Zeit, besonders beim „Ausschmücken“, merkt man, dass alterierte Intervalle schön für Übergänge klingen, anfangs sicherlich mit chromatischen kleinen Einlagen.
    Der Tonraum im Stück wird gerne überschritten. Das gibt ein Gefühl für die Wirkung von Intervallen. (Nebenher kann man feststellen, dass die Quarte runter oder sexte rauf beispielsweise oft schön klingt und man nutzt es vielleicht auch mal für nen Zweiklang)

    Erst viel später kommen Harmonien ins Spiel. Man erkennt Zusammenhänge zwischen Melodie und Harmonie zwischen Spannung und Entspannung und wie sich das steigern oder langziehen lässt.
    Wo Betonungen besonders gut passen und wo eine Pause spannend wirkt, oder langsamer/ schneller werden.

    Das ist alles noch kein Jazz bisher, ich finde aber es ist die Voraussetzung für bewusstes Harmonisches, Melodisches und Rhythmisches „Brechen“ aus dem bisher Gespielten.

    Die oben vorgestellte Pentatonik eignet sich z. B. gut, um wenig Fehler beim Töne finden zu machen, gut, aber es schränkt die Melodik insofern ein, dass man wenig Vertrautes in Pentatonik kennt, womit man dann Herumspielen kann und selbst hören kann, inwieweit das Vertraute erkennbar, stimmig oder versteckt ist.
    Das ist bei den Blues-Skalen ja genau so. Es stimmt (fast) immer (sofern man überhaupt mit Harmonien spielt) aber die Melodik ist eher nicht so anregend.

    Mir ist klar, dass jeder einen ganz persönlichen Startpunkt, ein persönliches Gehör und eine persönliche Rhythmik hat. Daher ist das nur meine Vorgehensweise derzeit.
    Nebenher tut Theorie ganz gut, um hinterher sagen zu können: „Ach soooo, das hier gefällt mir also, deshalb klingst gut , deshalb fand ich so viele harmonische Möglichkeiten.
    Und irgendwann hilft auch Theorie dabei, etwas zu finden, ohne viel zu probieren, weil man weiß, dass z. B. der Dur-Tritonus affengeil zum Dominantseptim passt und dementsprechend auch Einzeltöne daraus.

    Aber zuallererst sollte man überhaupt mit simplem Vertrauten möglichst vieldimensional rumspielen und so ein Grundgefühl für musikalische Impro bekommen.

    Ist beim Bewegen genau so.
    Ich tu erst was ich kenne und kann, modifiziere nach Gefühl und finde irgendwann mein ganz eigenes. Später verstehe ich, wieso die Bewegung so gut läuft. (Und wenn ich hier etwas Theorie kenne, erspare ich mir einige Holzwege, die andere vor mir gegangen sind):)

    [Zum zweiten Video btw: er gibt im ersten Akkord Amoll7 b5 an. Witzigerweise spielt er die „5“ nie links, so lässt er offen, ob es ein Moll oder Halbverminderter ist.
    Korrekterweise spielt sich die Harmonie am Akko mit A+ cmoll = „A-Halbvermindert“- aber wie gesagt, er spielt weder E noch Es links bei dieser Harmonie]

    Grüßle
     
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