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Läutet Madonna das Ende der Big Label Ära ein?

Zuerst zu Radiohead: 38% bezahlte Downloads finde ich unheimlich viel. Man muss sich mal darüber im Klaren sein, dass es ja komplett unbekannte Nummern waren, die man vorher noch nicht kannte. Wer nicht gerade absoluter Fan ist und eh jedes Radiohead-Release kauft, musste sich das Zeug erst mal anhören, um feststellen zu können, ob es ihm überhaupt zusagt. Daher wird das Ergebnis natürlich stark verfälscht. Ein realistischeres Ergebnis würde man bekommen mit einem Titel, der bereits durch Radio und Fernsehen bekannt ist.

Das Problem ist doch nicht die "Abgrasermentalität", denn die Kids von heute haben ja viel mehr Taschengeld als früher, d. h. es ist viel mehr Geld für Musik da. Früher habe ich auch nicht dermaßen viel Geld für Musik gehabt, die extrem hohen CD-Preise setzten auch damals schon der Spardose zu. Damals haben wir dann auch im Freundeskreis CD's weitergegeben und kopiert. Wir haben damals mit den Schulfreunden die CD-Käufe teilweise sogar abgesprochen, und dann gegenseitig auf Kassetten überspielt. Nur beschränkte sich die Auswahl, die man so als "Normalmensch" mitbekam. bis Ende der 90er praktisch nur auf Kommerzware. Das war aber noch früher (vor meiner Zeit) auch nicht anders, Beatles, Beach Boys, Rolling Stones oder Bee Gees waren ebenso Kommerz/Mainstream.

Grundproblem ist nach wie vor, dass sich der Konsument immer mehr vom "Kommerz" abwendet, also sobald eine Band wirklich Geld umsetzt, ist sie für den Konsumenten nicht mehr interessant. Wie ich schon schrieb, setzt sich das in anderen Branchen fort. Früher war es so, dass die Leute gefragt haben, was sich am meisten verkauft, und haben dann auch das gekauft. Seit ein paar Jahren ist es genau umgekehrt: Immer mehr Leute wollen "individuell sein", genau das kaufen, was "die anderen" NICHT haben. Das ging ja schon in den 90ern los, als Autos, Uhren und was weiß ich in limitierten Sonderauflagen angeboten wurden - "nur solange der Vorrat reicht", oft auch weil es einfach gar nicht mehr Leute gibt, die an dem jeweiligen Produkt interessiert sind.
 
Ich finde es komisch, dass Prozentzahlungen genommen werden um den Erfolg zu messen... das zeugt doch von einer verkorksten Einstellung.


Das einzige wichtige ist, wieviele Moneten nacher bei Radiohead ankommen. Wenn die sagen wir mal 10 Millionen damit verdienen, ist es doch egal ob drei oder acht Millionen die Musik hören, das Geld ist bei Radiohead angekommen.
Die Leute, die sich das Album nur mal aus Interesse mal gezogen haben, um reinzuhören sind vorher bei CD verkäufen auch nicht in der Statistik.

Ich selber hab das Album zweimal runtergeladen. Einmal umsonst, um es zu hören (bin eigentlich nciht der große Radioheadfan), und war dann so überzeugt dass ich es nochmal bezahlt hab. Mit mir als Käufer hab ich also schon nur 50% Erfolg gebracht, trotzdem ist real Geld von mir Richtung Radiohead geflossen.
 
Ich finde es erstaunlich, daß bei der ganzen Diskussion um "unbezahlte Downloads" und den Untergang der Musikindustrie nie jemand darüber spricht, daß es aus gutem Grund illegal ist, Musik zu saugen ohne dafür zu bezahlen. Man sollte hier mal ein bischen in sich gehen, und sich fragen, ob es sowas wie ein Gewohnheitsrecht für Diebstahl gibt, nur weil sich mittlerweile scheinbar alle daran gewöhnt haben, nichts mehr Musik zu bezhalen.

Wenn mich jemand fragen würde, welche Dinge in meinem Leben den höchsten Stellenwert haben, dann wäre Musik auf jeden Fall unter den Top 3. Musik hat einen Wert- zugegeben, es ist schwer diesen Wert finanziell zu bemessen aber irgendwie kann ich mich nicht damit abfinden, daß Künstler Arbeit, Inspiration, Zeit und Geld aufwenden um Songs zu schreiben und aufzunehmen und am anderen Ende der Leitung sitzen dann Leute, die sich ohne jegliche Bedenken die Festplatte vollsaugen. Es hat auch einfach etwas mit Respekt vor der Kunst oder meinetwegen einfach nur vor der Arbeit anderer Leute zu tun. Wenn ich mir beim Friseur die Haare schneiden lasse, mit dem Taxi fahre oder andere Dienstleistungen oder Produkte in Anspruch nehme, dann ist es eine Selbstverständlichkeit dafür zu bezahlen. Und gerade bei Musik, die uns allen ja offensichtlich so wichtig ist, daß wir uns in diesem Forum rumtreiben und wohl auch alle selber Musik machen, gerade da sagt man dann: ich saug es einfach, Majors selber schuld, alles Mainstream?

Interessant wäre auch mal zu hören, warum sich Leute ohne Ende Musik illegal ziehen, obwohl auf der anderen Seit permanent gemeckert wird, daß alles nur noch dumme Popmusik ist. Ich habe weiter vorne noch ein paar Sachen gelesen auf die ich antworten muß. Da war zum einen mal dieses Zitat "Pop will eat itself" verbunden mit der Aussage, die Majors wären selber schuld an ihrem Verfall, weil sie in den 90ern und später nur noch austauschbare, seelenlose Klone auf den Markt geworfen hätten. Ich bin sicherlich kein Fan von Euro-Dance und Boybands, aber man sollte sich bei solchen Vorwürfen doch auch sehr davor hüten, die elitäre Geschmackspolizei zu spielen. Wenn Songs wie "Bailando", "Der Anton aus Tirol", diverse Blümchen- und Scooter-Titel sich in den 90ern millionenfach verkauft haben, dann spricht das doch eindeutig dafür, daß diese Titel sehr vielen Leuten Freude bereitet haben. Und ich finde es hier völlig unerheblich darüber zu diskutieren, ob solche Songs Kunst sind oder nicht. Man hat in jeder Kunstsparte halt verschiedene stilistische Richtungen und man hat in jeder Kunstsparte eine Advangarde, die eher weniger Anhänger hat, und dann einen Mainstream, der weiter verbreitet ist. Wer will sich jetzt hinstellen und sagen, "meine Musik ist aber besser, weil anspruchsvoller, tiefer, mehr Kunst"? Wenn Leute im Club Bock haben auf Scooter zu tanzen, dann ist das einfach so, und man sollte das mal völlig wertfrei betrachten. Es geht hier nicht darum, ob es mir gefällt. Und wie schon gesagt- ich gehe einfach mal davon aus, daß 99% aller Leute sich Musik saugen die sie mögen, und nicht die, die ihnen nicht gefällt. Also fällt diese Begründung für mich schon mal flach.

Ein weiterer Punkt waren die "überhöhten" Preise für CDs. Ich habe in den 90ern für Neuerscheinungen im Durchschnitt 32.- DM bezhalt. In einem normalen Saturn oder Media Markt kostet eine neue CD heute ungefähr 16.- Euro. Wenn man jetzt mal bedenkt, daß im Laufe der letzten 10 Jahre so ziehmlich alles teurer geworden ist, dann ist es (quasi inflationsbereinigt) sogar so, daß CDs heute billiger sind als in den 90ern. Dazu kommen natürlich auch gestiegene Kosten im kompletten Herstellungs- und Verwaltungsprozess: Löhne steigen, Energiekosten steigen, Transportkosten steigen, etc pp. Es mag sein, daß der eigentliche CD-Herstellungsprozess, also das reine Pressen billiger geworden ist, aber das macht halt auch nur einen Teil der Gesamtkosten aus. Um dann gleich noch mal einem anderem Klischee zu begegnen, das immer wieder auftaucht: nein, man verdient nicht wahnsinnig viel Geld als Angestellter in einer Plattenfirma, auch nicht beim Major!

Die Radiohead-Geschichte habe ich als absoluter Fan natürlich auch verfolgt. Es ist natürlich geschickt, die Einnahmen aus den Downloads möglichst direkt reinzuholen, ohne weitere Dienstleister wie Labels oder iTunes dazwischen zu haben, die am Umsatz partizipieren. Ich finde es auch völlig ok, daß die Band sich für diesen Weg entschieden hat. Was mich allerdings stark wundert ist, daß sich jetzt alle überschlagen, und in diesem Modell die Zukunft der Musik-Vermarktung erkannt haben wollen. Es ist doch allen klar, daß so eine Nummer nur bei einer Band funktioniert, die schon jahrelang etabliert ist und Fans hat, die gespannt auf eine neue Platte warten. Was würden denn bei einer unbekannten Newcomer-Band passieren, die eine Platte von gleichem Niveau auf dem gleichen Weg verkaufen will? Gar nichts, weil es eben vorher keine jahrelange Aufbau- und Promotionarbeit gegeben hat und es einfach überhaupt niemand registriert. Und diese Arbeit kostet Geld, das im klassischen Modell von Seiten des Labels bezahlt wird. Das muß natürlich nicht zwangsläufig so sein, aber von irgendeiner Seite muß Geld in das System fließen, damit man die Musik vermarkten kann. Und warum sollten Leute oder Firmen (ganz egal ob Labels, Konzertveranstalter oder Starbucks) Geld investieren, wenn es keinen Return gibt? Am Ende des Tages sind auch Firmen, die sich mit Musik oder anderer Kunst beschäftigen, wirtschaftlichen Zwängen unterworfen und müßen Rechnungen, Personal und Steuern bezahlen. Um bei Radiohead zu bleiben- die illegalen Downloads übersteigen jetzt schon deutlich die bezahlten Downloads. De facto ist es also so, daß die Musik immer noch massenhaft gestohlen wird, obwohl die Leute jetzt eine Möglichleit hätten, die böse Musikindustrie zu umgehen und ihr Geld quasi fast ohne Umwege der Band zu geben. Das Argument zieht also auch nicht wirklich.

Ähnlich ist es mit dem Vorwurf, Plattenfirmen hätten das digitale Zeitalter verschlafen. Ja, es gab sicherlich zu spät Angebote wie iTunes oder Musicload. Aber jetzt wo sie da sind ändert das auch kaum etwas. Das illegale Downloaden geht lustig weiter. Ich kann es nicht belegen, aber ich bin der festen Überzeugung, daß die Verhältnisse sich in umgekehrter zeitlicher Abfolge auch stark geähnelt hätten. Wenn iTunes, Finetunes und Musicload mit legalen Angeboten vor Napster & Co am Start gewesen wären, dann hätte das mit den illegalen Downloads einfach später angefangen. Es hätte aber sicherlich heute die gleichen Ausmaße, die wir zur Zeit sehen. Menschen sind stark darin ihre Fehler irgendwie schönzureden. Ich habe von einigen Leuten schon das Argument gehört, sie würden im grunde Promotion für eine Band machen, wenn sie deren Songs für lau auf Tauschbörsen anbieten! Tolle Promotion, wenn der Empfänger der Promotion sich dann auch gleich alles umsonst zieht und die Beteiligten an der Entstehung und Vermarktung der Musik in die Röhre gucken. Der Grund warum Leute Musik illegal ziehen ist doch relativ einfach auszumachen: es kostet nichts und die Wahrscheinlichkeit der Strafverfolgung ist relativ gering. Gelegenheit macht Diebe, nicht mehr und nicht weniger.

Thema Musik- oder Kulturflatrate: ich glaube, das ist sogar schon mal von attac ins Gespräch gebracht worden. Der User zahlt eine monatliche Gebühr und kann dann unbegrenzt runterladen. Die Einnahmen werden dann an einen Pool registrierter Bands, Musiker, Songwriter, Produzenten gleichmäßig ausgeschüttet. Hört sich erst mal sympathisch an. Was passiert jetzt aber, wenn ich mich da als Sänger anmelde, jede Woche einen 2-Minuten-Song abgebe, der unter aller Sau ist, weil ich überhaupt kein Interesse habe irgendwas zu verbessern, während andere Bands monatelang an Aufnahmen arbeiten und wirklich geile Sachen abliefern? Ist das gerecht? Und was passiert vor allen Dingen, wenn ich nicht der einzige bin, der auf die Idee kommt, sich so seine Miete bezahlen zu lassen? Spätestens da kommt doch wieder eine Instanz ins Spiel, die werten sollte, welcher Song wie oft angehört wurde und wie er vom Konsumenten bewertet wird. Der Markt sozusagen.

Dann noch kurz was zum Thema Selbstvermarktung: es gibt ja schon zahlreiche Plattformen, auf denen man ohne vorherige Bewertung oder Kontrolle seitens eines A&Rs oder einer Firma seine Musik zum kostenpflichtigen Download anbieten kann. Und es gibt wirklich Dutzende Websites, auf denen Bands Ihre Musik vorstellen und kostenlos runterladen lassen können. Aber wer geht denn auf eine Seite, auf der 230.000 Bands angemeldet sind, und klickt sich da tagelang durch, bis er etwas findet daß ihm gefällt? Es gibt da sicher einige Beispiele wie die Arctic Monkeys, die zm Teil über das Internet bekannt geworden sind, aber das ist doch wirklich die große Ausnahme. Und bei dieser Selbstvermarktungs-Geschichte muß man auch im Auge behalten, daß Band XY vielleicht großartige Musik macht, aber vielleicht einfach überhaupt keinen Bock darauf hat, täglich Stunden damit zu verbringen E-Mails an Musik-Journalisten, Konzert-Locations, Steuerberater, Produzenten, Rechtsanwälte, Radio-Sender und alle anderen zu schreiben, die irgendwie mit der selbstvermarkteten Musik zu tun haben.

Ich finde es grundsätzlich gut, wenn Künstler und Bands viel Kontrolle über ihre Werke behalten. Ich finde es auch gut, wenn Bands stärker an den Einnahmen beteiligt werden. Ich sehe nur in dieser ganzen schönen, neuen Internetwelt nicht wirklich wie das langfristig funktionieren soll. Wenn es in 10 Jahren wirklich soweit ist, daß Labels keine CDs mehr herstellen, weil es nicht mehr rentabel ist, verschwinden zwangsläufig auch die Vertriebe (auch die unabhängigen) und letztlich auch der Handel. Großen Ketten wie Saturn oder Media Markt kann das relativ egal sein, die stellen sich dann halt auf die Verkaufsfläche noch ein paar mehr Handys und Espresso-Vollautomaten. Aber woher soll der Umsatz für die Musik dann noch kommen? Wenn ich meine Songs nur noch im Internet anbiete, kein Geld für Promotion habe, kriege ich auch keine Konzerte, auf jeden Fall nicht in dem Umfang, daß man irgendwie davon leben kann. Wahrscheinlich funkioniert das ganze dann noch ein paar Jahre für wirklich große, etablierte Bands, wie eben Madonna, Robbie Williams, Radiohead, usw. Aber wenn die Kollegen irgendwann alle mal weg sind, dann wird es eng.

Ich will jetzt nicht zu sehr die Moral-Keule schwingen, aber ich finde, das sind ein paar Punkte über die man nicht hinwegkommt, wenn man sich wirklich ernsthaft mit dem Thema "Musikvermarktung der Zukunft" auseinandersetzt. Freue mich auf Eure Reaktionen!
 
Ich finde es erstaunlich, daß bei der ganzen Diskussion um "unbezahlte Downloads" und den Untergang der Musikindustrie nie jemand darüber spricht, daß es aus gutem Grund illegal ist, Musik zu saugen ohne dafür zu bezahlen. Man sollte hier mal ein bischen in sich gehen, und sich fragen, ob es sowas wie ein Gewohnheitsrecht für Diebstahl gibt, nur weil sich mittlerweile scheinbar alle daran gewöhnt haben, nichts mehr Musik zu bezhalen.

Wenn mich jemand fragen würde, welche Dinge in meinem Leben den höchsten Stellenwert haben, dann wäre Musik auf jeden Fall unter den Top 3. Musik hat einen Wert- zugegeben, es ist schwer diesen Wert finanziell zu bemessen aber irgendwie kann ich mich nicht damit abfinden, daß Künstler Arbeit, Inspiration, Zeit und Geld aufwenden um Songs zu schreiben und aufzunehmen und am anderen Ende der Leitung sitzen dann Leute, die sich ohne jegliche Bedenken die Festplatte vollsaugen. Es hat auch einfach etwas mit Respekt vor der Kunst oder meinetwegen einfach nur vor der Arbeit anderer Leute zu tun. Wenn ich mir beim Friseur die Haare schneiden lasse, mit dem Taxi fahre oder andere Dienstleistungen oder Produkte in Anspruch nehme, dann ist es eine Selbstverständlichkeit dafür zu bezahlen. Und gerade bei Musik, die uns allen ja offensichtlich so wichtig ist, daß wir uns in diesem Forum rumtreiben und wohl auch alle selber Musik machen, gerade da sagt man dann: ich saug es einfach, Majors selber schuld, alles Mainstream?

Diese ganzen Fragen spielen bei den Entscheidungen der Konsumenten schlicht allgemein keine Rolle. Man saugt Musik, weil es nix kostet. Man kauft Produkte aus China, ohne zu bedenken, WIE diese entstehen. Wir müssen heute geradezu diese Scheuklappen anlegen, wenn wir unsere Lebensweise nicht völlig umkrempeln wollen.

Man redet in der Öffentlichkeit immer noch von Dingen wie Wettbewerbsfähigkeit, die erhalten werden müsse, ohne sich mal klar zu machen, dass Wettbewerb Gewinner und Verlierer hat und immer ein Nullsummenspiel ist. Man fragt sich nicht, wie lange man wohl das globale menschliche Zusammenleben als Wettbewerb "organisieren" kann und ob nicht etwa Alternativen nötig wären. Wir sind immer noch auf der Gewinnerseite, da können wir nur sein, WEIL andere auf der Verliererseite stehen. Man legitimiert diese Verhalten dann eben irgendwie, wenn man mit den entstehenden Problematik konfrontiert wird.

Wenn wir die nun die Musikbranche betrachten, ist das doch nur EIN vergleichsweise harmloses Symptom einer gesellschaftlichen Krankheit. Ich weiß nicht, ob man wirklich ein Bewusstsein dafür schaffen kann, dass Entscheidungen des Einzelnen langfristig Konsequenzen haben. Klar, jeder "kämpft" jetzt mit gegen den Klimawandel. Aber auch nur solange, wie kein Arbeitsplatz verloren geht, das Wirtschaftswachstum ja nicht gebremst wird und mein persönliche Lebenstandard größtenteils erhalten bleibt. Es mag so aussehen, als werfe ich hier Sachen in einen Topf, die nichts miteinander zu tun haben, aber ich will eben sagen, dass ich der Meinung bin, dass eben all diese Probleme ein und dieselbe Wurzel haben. Ich glaube inzwischen, dass die Menschheit nicht aus eigener Kraft über den in letzter Konsequenz selbstzerstörerischen Egoismus hinauswachsen kann.


Interessant wäre auch mal zu hören, warum sich Leute ohne Ende Musik illegal ziehen, obwohl auf der anderen Seit permanent gemeckert wird, daß alles nur noch dumme Popmusik ist. Ich habe weiter vorne noch ein paar Sachen gelesen auf die ich antworten muß. Da war zum einen mal dieses Zitat "Pop will eat itself" verbunden mit der Aussage, die Majors wären selber schuld an ihrem Verfall, weil sie in den 90ern und später nur noch austauschbare, seelenlose Klone auf den Markt geworfen hätten. Ich bin sicherlich kein Fan von Euro-Dance und Boybands, aber man sollte sich bei solchen Vorwürfen doch auch sehr davor hüten, die elitäre Geschmackspolizei zu spielen. Wenn Songs wie "Bailando", "Der Anton aus Tirol", diverse Blümchen- und Scooter-Titel sich in den 90ern millionenfach verkauft haben, dann spricht das doch eindeutig dafür, daß diese Titel sehr vielen Leuten Freude bereitet haben. Und ich finde es hier völlig unerheblich darüber zu diskutieren, ob solche Songs Kunst sind oder nicht. Man hat in jeder Kunstsparte halt verschiedene stilistische Richtungen und man hat in jeder Kunstsparte eine Advangarde, die eher weniger Anhänger hat, und dann einen Mainstream, der weiter verbreitet ist. Wer will sich jetzt hinstellen und sagen, "meine Musik ist aber besser, weil anspruchsvoller, tiefer, mehr Kunst"? Wenn Leute im Club Bock haben auf Scooter zu tanzen, dann ist das einfach so, und man sollte das mal völlig wertfrei betrachten. Es geht hier nicht darum, ob es mir gefällt. Und wie schon gesagt- ich gehe einfach mal davon aus, daß 99% aller Leute sich Musik saugen die sie mögen, und nicht die, die ihnen nicht gefällt. Also fällt diese Begründung für mich schon mal flach.

Das "Pop will eat itself" war wohl von mir. Auch wenn ich an anderer Stelle noch über Kunst etc. schwadroniert habe, ich habe das an dieser Stelle nicht abwertend gemeint. Ich habe selbst schon solche Musik produziert, auch die Ballermann-Schublade bedient. Ich habe das eher wirtschaftlich gesehen: Wenn man Musik und Künstler zum all gegenwärtigen und austauschbaren Wegwerf-Artikel macht, brauche ich mich heute natürlich nicht wundern, dass das Publikum diese Musik auch entsprechend "respektlos" behandelt und sich ohne Reue an kostenlosen Angeboten bedient. Anderes Beispiel: Es gehört seit jeher zur Strategie Entertainment-Branche, "Stars" bewusst mit Prunk und Pomp in Szene zu setzen. Das Klischee das jeder Musiker der auf MTV zu sehen ist z.B. mindestens Millionär ist, wird doch bewusst genährt. Selbst in besser informierten Kreisen herrscht dieses Klischee. Auch hier im Forum werden z.B. viele glauben, dass selbst jede bekanntere "Underground-Band", die z.B. bei Roadrunner oder Nuclear Blast unter Vertrag ist, ausgesorgt hat. Vor diesem Hintergrund muss natürlich das Gejammere der Musikindustrie bei den Leuten nach hinten losgehen.

Das alles kann man gut mit "pop will eat itself" zusammenfassen, auch wenn ich nicht wirklich weiß, wo nun der Ausdruck wirklich herkommt und ob er in die Richtung gedacht war. Das System frisst sich einfach selbst. Die Ideale und Inhalte, die "Pop" (im weitesten Sinne) transportiert werden ihm selbst zum Verhängnis.

Die Industrie (nicht nur die Musikbranche) hat sich doch bewusst ein Publikum geschaffen, das möglichst heute dies und morgen schon das nächste kaufen und konsumieren soll. Das man stets wirtschaftlich und ohne große moralische Bedenken zu handeln hat, haben wir ja auch gelernt und vorgemacht bekommen. Also saugen die Leute wirtschaftlich (weil kostenlos) und ohne moralische Bedenken z.B. Musik. Pop will eat itself!

Ein weiterer Punkt waren die "überhöhten" Preise für CDs. Ich habe in den 90ern für Neuerscheinungen im Durchschnitt 32.- DM bezhalt. In einem normalen Saturn oder Media Markt kostet eine neue CD heute ungefähr 16.- Euro. Wenn man jetzt mal bedenkt, daß im Laufe der letzten 10 Jahre so ziehmlich alles teurer geworden ist, dann ist es (quasi inflationsbereinigt) sogar so, daß CDs heute billiger sind als in den 90ern. Dazu kommen natürlich auch gestiegene Kosten im kompletten Herstellungs- und Verwaltungsprozess: Löhne steigen, Energiekosten steigen, Transportkosten steigen, etc pp. Es mag sein, daß der eigentliche CD-Herstellungsprozess, also das reine Pressen billiger geworden ist, aber das macht halt auch nur einen Teil der Gesamtkosten aus. Um dann gleich noch mal einem anderem Klischee zu begegnen, das immer wieder auftaucht: nein, man verdient nicht wahnsinnig viel Geld als Angestellter in einer Plattenfirma, auch nicht beim Major!

Ja. Aber die Musikbranche hat ein enormes Glaubwürdigkeitsproblem, auch aus den oben bereits angeführten Gründen.

Die Radiohead-Geschichte habe ich als absoluter Fan natürlich auch verfolgt. Es ist natürlich geschickt, die Einnahmen aus den Downloads möglichst direkt reinzuholen, ohne weitere Dienstleister wie Labels oder iTunes dazwischen zu haben, die am Umsatz partizipieren. Ich finde es auch völlig ok, daß die Band sich für diesen Weg entschieden hat. Was mich allerdings stark wundert ist, daß sich jetzt alle überschlagen, und in diesem Modell die Zukunft der Musik-Vermarktung erkannt haben wollen. Es ist doch allen klar, daß so eine Nummer nur bei einer Band funktioniert, die schon jahrelang etabliert ist und Fans hat, die gespannt auf eine neue Platte warten. Was würden denn bei einer unbekannten Newcomer-Band passieren, die eine Platte von gleichem Niveau auf dem gleichen Weg verkaufen will? Gar nichts, weil es eben vorher keine jahrelange Aufbau- und Promotionarbeit gegeben hat und es einfach überhaupt niemand registriert. Und diese Arbeit kostet Geld, das im klassischen Modell von Seiten des Labels bezahlt wird. Das muß natürlich nicht zwangsläufig so sein, aber von irgendeiner Seite muß Geld in das System fließen, damit man die Musik vermarkten kann. Und warum sollten Leute oder Firmen (ganz egal ob Labels, Konzertveranstalter oder Starbucks) Geld investieren, wenn es keinen Return gibt? Am Ende des Tages sind auch Firmen, die sich mit Musik oder anderer Kunst beschäftigen, wirtschaftlichen Zwängen unterworfen und müßen Rechnungen, Personal und Steuern bezahlen. Um bei Radiohead zu bleiben- die illegalen Downloads übersteigen jetzt schon deutlich die bezahlten Downloads. De facto ist es also so, daß die Musik immer noch massenhaft gestohlen wird, obwohl die Leute jetzt eine Möglichleit hätten, die böse Musikindustrie zu umgehen und ihr Geld quasi fast ohne Umwege der Band zu geben. Das Argument zieht also auch nicht wirklich.

Ja, das haben wir hier schon gut diskutiert. Im Endeffekt muss man kein Wirtschaftstheoretiker sein, um zu sehen das letztlich die gesamte Wirtschaft am ENDKONSUMENTEN hängt. Diese einfache Tatsache übersehen sowohl die Konsumenten selbst (Strom kommt von selbst aus der Steckdose, die Plattenläden füllen sich von selbst, auch wenn keiner kauft), als auch Wirtschaft und Politik. Die beiden Letzteren machen sich ja auch entsprechend wichtig und möchten einen glauben machen, dass sie für sich selbst existieren können und der Einzelne verkennt seine eigene Verantwortung völlig.

Ähnlich ist es mit dem Vorwurf, Plattenfirmen hätten das digitale Zeitalter verschlafen. Ja, es gab sicherlich zu spät Angebote wie iTunes oder Musicload. Aber jetzt wo sie da sind ändert das auch kaum etwas. Das illegale Downloaden geht lustig weiter. Ich kann es nicht belegen, aber ich bin der festen Überzeugung, daß die Verhältnisse sich in umgekehrter zeitlicher Abfolge auch stark geähnelt hätten. Wenn iTunes, Finetunes und Musicload mit legalen Angeboten vor Napster & Co am Start gewesen wären, dann hätte das mit den illegalen Downloads einfach später angefangen. Es hätte aber sicherlich heute die gleichen Ausmaße, die wir zur Zeit sehen.

Es gab da definitiv Versäumnisse. Ich habe zu der Zeit als Napster aufkam bei einem finanziell sehr gut ausgestatteten Start-Up gearbeitet. Bereits da gab es eine erste Welle von entsprechenden MP3-Unternehmen, besonic, call-a-song, peoplesound, etc, Internet & Musik war der Hype. In unserem Fall wollte man aber Burn-On-Demand-CDs anbieten. Der User sollte sich Online oder am POS seine eigene CD zusammenstellen können, die dann zugeschickt bzw. direkt gebrannt wird. Natürlich aus einem möglichst großen Katalog, sprich sämtliche Majors sollten mit ins Boot. Ein grundlegendes Verkaufsargument war die sinnvolle These: "Solange es MP3 kostenlos gibt, wird keiner dafür zahlen. Für einen solchen Service schon." Es war die Zeit der 56k-Modems. Nun, nach langem hin und her haben sich die Majors nicht dazu durchringen können ihren wertvollen Content für sowas hergeben zu können.

Wie sagte einst Bill Clinton: "Bin Laden ist ein Spinner mit eine Handtuch auf dem Kopf."

Natürlich macht man es sich zu einfach, möchte man allein solche Versäumnisse für die heutige Situation verantwortlich machen.


Menschen sind stark darin ihre Fehler irgendwie schönzureden. Ich habe von einigen Leuten schon das Argument gehört, sie würden im grunde Promotion für eine Band machen, wenn sie deren Songs für lau auf Tauschbörsen anbieten! Tolle Promotion, wenn der Empfänger der Promotion sich dann auch gleich alles umsonst zieht und die Beteiligten an der Entstehung und Vermarktung der Musik in die Röhre gucken. Der Grund warum Leute Musik illegal ziehen ist doch relativ einfach auszumachen: es kostet nichts und die Wahrscheinlichkeit der Strafverfolgung ist relativ gering. Gelegenheit macht Diebe, nicht mehr und nicht weniger.

Schönreden tun hier alle Seiten. Und nochmals möchte ich, auch wenn ich Klischees auspacken muss, darauf hinweisen, dass unsere Gesellschaftsform ohne Scheuklappen, Schönreden, Lebenslügen und Selbst-Legitimieren gar nicht existieren kann. Mann muss eben in die dritte Welt in Urlaub fahren, sonst haben die Menschen da ja gar keinen funktionierenden Wirtschaftzweig.

Thema Musik- oder Kulturflatrate: ich glaube, das ist sogar schon mal von attac ins Gespräch gebracht worden. Der User zahlt eine monatliche Gebühr und kann dann unbegrenzt runterladen. Die Einnahmen werden dann an einen Pool registrierter Bands, Musiker, Songwriter, Produzenten gleichmäßig ausgeschüttet. Hört sich erst mal sympathisch an. Was passiert jetzt aber, wenn ich mich da als Sänger anmelde, jede Woche einen 2-Minuten-Song abgebe, der unter aller Sau ist, weil ich überhaupt kein Interesse habe irgendwas zu verbessern, während andere Bands monatelang an Aufnahmen arbeiten und wirklich geile Sachen abliefern? Ist das gerecht? Und was passiert vor allen Dingen, wenn ich nicht der einzige bin, der auf die Idee kommt, sich so seine Miete bezahlen zu lassen? Spätestens da kommt doch wieder eine Instanz ins Spiel, die werten sollte, welcher Song wie oft angehört wurde und wie er vom Konsumenten bewertet wird. Der Markt sozusagen.

Ein solches System existiert praktisch schon und zwar in immensem Umfang mit quasi-staatlichem Status: Die Verwertungsgesellschaften. Aber natürlich partizipiert auch hier nur derjenige, der sich schon auf dem Markt behauptet hat. Interessanterweise tauchen auch am Beispiel GEMA die gleichen Probleme auf, wie überall: Verteilungs- und Machtkämpfe, hierarchische Strukturen, Ungerechtigkeiten.

Ein Thema zieht sich wie ein roter Faden durch den Thread: Soll sich die Musik rein über den freien Markt finanzieren oder muss von aussen reguliert werden. Nochmal muss ich hier sagen: Es kann nicht reguliert werden. Es ist immer der Markt letzlich. Der MENSCH ist Markt. Wenn es nicht der Markt im eigentlichen Sinne ist (=Endkonsument), der über Gedeih und Verderb entscheidet, dann sind es andere Einflüsse, die aber wiederum nach gewissen Maßstäben entscheiden. Dann ist diktiert halt nicht mehr der Kommerz, sondern vielleicht die sogenannte "Kultur". Aber es bleibt eine "Diktatur" und da ist der Kommerz ja wenigstens noch am demokratischsten, denn da liegt die Macht letztlich beim Konsumenten.

All das kann gar nicht anders sein. Unsere Ressourcen sind begrenzt und keiner hat ein Interesse daran etwas am Leben zu erhalten, das ihm weder direkten Nutzen bringt (schöne Musik) oder dem er sich moralisch (Kulturgut, arme Künstler) verpflichtet fühlt. Keiner. So funktionieren wir eben leider, jeder Einzelne.

Dann noch kurz was zum Thema Selbstvermarktung: es gibt ja schon zahlreiche Plattformen, auf denen man ohne vorherige Bewertung oder Kontrolle seitens eines A&Rs oder einer Firma seine Musik zum kostenpflichtigen Download anbieten kann. Und es gibt wirklich Dutzende Websites, auf denen Bands Ihre Musik vorstellen und kostenlos runterladen lassen können. Aber wer geht denn auf eine Seite, auf der 230.000 Bands angemeldet sind, und klickt sich da tagelang durch, bis er etwas findet daß ihm gefällt? Es gibt da sicher einige Beispiele wie die Arctic Monkeys, die zm Teil über das Internet bekannt geworden sind, aber das ist doch wirklich die große Ausnahme. Und bei dieser Selbstvermarktungs-Geschichte muß man auch im Auge behalten, daß Band XY vielleicht großartige Musik macht, aber vielleicht einfach überhaupt keinen Bock darauf hat, täglich Stunden damit zu verbringen E-Mails an Musik-Journalisten, Konzert-Locations, Steuerberater, Produzenten, Rechtsanwälte, Radio-Sender und alle anderen zu schreiben, die irgendwie mit der selbstvermarkteten Musik zu tun haben.

Ja, für so jemanden ist kein Platz. Auch nicht für eine Band, die sagt touren langweilt mich ich bin lieber kreativ und bleibe daheim im Studio. Das kann man bedauern. Uns entgeht das sicher Einiges an grandioser Musik. Aber andere Leute haben vielleicht auch keinen Bock sich den Bedingungen eines Berufslebens zu unterwerfen. Pech gehabt. Die haben halt auch keinen Platz. Wer nicht arbeitet soll auch nicht essen, sagte da einst Franz Müntefering.

Ich finde es grundsätzlich gut, wenn Künstler und Bands viel Kontrolle über ihre Werke behalten. Ich finde es auch gut, wenn Bands stärker an den Einnahmen beteiligt werden. Ich sehe nur in dieser ganzen schönen, neuen Internetwelt nicht wirklich wie das langfristig funktionieren soll. Wenn es in 10 Jahren wirklich soweit ist, daß Labels keine CDs mehr herstellen, weil es nicht mehr rentabel ist, verschwinden zwangsläufig auch die Vertriebe (auch die unabhängigen) und letztlich auch der Handel. Großen Ketten wie Saturn oder Media Markt kann das relativ egal sein, die stellen sich dann halt auf die Verkaufsfläche noch ein paar mehr Handys und Espresso-Vollautomaten. Aber woher soll der Umsatz für die Musik dann noch kommen? Wenn ich meine Songs nur noch im Internet anbiete, kein Geld für Promotion habe, kriege ich auch keine Konzerte, auf jeden Fall nicht in dem Umfang, daß man irgendwie davon leben kann. Wahrscheinlich funkioniert das ganze dann noch ein paar Jahre für wirklich große, etablierte Bands, wie eben Madonna, Robbie Williams, Radiohead, usw. Aber wenn die Kollegen irgendwann alle mal weg sind, dann wird es eng.

Ich will jetzt nicht zu sehr die Moral-Keule schwingen, aber ich finde, das sind ein paar Punkte über die man nicht hinwegkommt, wenn man sich wirklich ernsthaft mit dem Thema "Musikvermarktung der Zukunft" auseinandersetzt. Freue mich auf Eure Reaktionen!

Völlig korrekt! Allerdings müssen wir für eine Lösung des Problems ganz tief in die Kiste der Sozial-Utopien greifen. Es ist ein oberflächliches Symptom, aber eine sehr grundlegende Problematik.

Beste Grüße,

Uranus
 
Hi Uranus,

ein paar Anmerkungen von mir:


Wenn man Musik und Künstler zum all gegenwärtigen und austauschbaren Wegwerf-Artikel macht, brauche ich mich heute natürlich nicht wundern, dass das Publikum diese Musik auch entsprechend "respektlos" behandelt und sich ohne Reue an kostenlosen Angeboten bedient. Anderes Beispiel: Es gehört seit jeher zur Strategie Entertainment-Branche, "Stars" bewusst mit Prunk und Pomp in Szene zu setzen. Das Klischee das jeder Musiker der auf MTV zu sehen ist z.B. mindestens Millionär ist, wird doch bewusst genährt. Selbst in besser informierten Kreisen herrscht dieses Klischee. Auch hier im Forum werden z.B. viele glauben, dass selbst jede bekanntere "Underground-Band", die z.B. bei Roadrunner oder Nuclear Blast unter Vertrag ist, ausgesorgt hat. Vor diesem Hintergrund muss natürlich das Gejammere der Musikindustrie bei den Leuten nach hinten losgehen.

Das alles kann man gut mit "pop will eat itself" zusammenfassen, auch wenn ich nicht wirklich weiß, wo nun der Ausdruck wirklich herkommt und ob er in die Richtung gedacht war. Das System frisst sich einfach selbst. Die Ideale und Inhalte, die "Pop" (im weitesten Sinne) transportiert werden ihm selbst zum Verhängnis.

Ich finde es irreleitend an dieser Stelle eine Art Wertediskussion zu starten. Es gibt und gab immer Musiker und Bands, die sich gegen dieses Superstardom gewendet haben, sei es einfach durch ihre Haltung oder auch auch durch Texte. Fakt ist doch auch, daß illegale Downloads sich nicht auf den Pop-Bereich beschränken. Nimm doch einfach Bands wie Rage Against The Machine, Sonic Youth, Deftones um nur mal einige zu nennen. Auch wenn Du als Band diesem ganzen Glamour kritisch gegenüberstehst, schützt Dich das doch in keiner Weise vor illegalen Downloads! Außerdem ist es das gute Recht von Musikern ihre Meinung frei zu äußern, und wenn Leute wie Bushido sagen "mir ist Anspruch egal, ich will Platten verkaufen", dann ist das sein gutes Recht, auch wenn man inhaltlich damit nicht einverstanden sein muß. Wir können doch hier keine Gesinnungs-Diskussion führen, und Leute, deren Inhalte und Aussagen uns nicht gefallen, dann als den Sündenbock hinstellen. Ein weiterer Punkt, der mich an Deinen Aussagen stört ist dieses "die Industrie hat sich ihre Kunden so gezüchtet". Es ist doch nicht so, daß Leute millionenfach von Werbung verführt, das Denken komplett einstellen und zu, von der Musikindustrie gesteuerten, Konsum-Zombies werden. Man hat immer noch wenigstens einen Teil freier Entscheidung und damit auch Verantwortung für das was man macht. Mit dieser Argumentation kannst Du am Ende so ziehmlich jeden Misstand erklären und die Täter zum Opfer machen. Nicht mein Ding.
Ja. Aber die Musikbranche hat ein enormes Glaubwürdigkeitsproblem, auch aus den oben bereits angeführten Gründen.

Das wär mal zu überprüfen, warum gerade die Musikbranche für viele Leute so ein rotes Tuch ist. Früher gab es immer diese Klischees, daß da eh nur gestörte, geldgeile Drogenkonsumenten arbeiten, die sich den größten Teil des Geldes in die eigenen Taschen stecken. In den letzten Jahren kommt dann immer wieder das Argument, daß Plattenfirmen nur noch von spießigen Buchhaltern betrieben werden, die überhaupt keinen Plan von Musik haben. Stimmen tut beides nicht und ich habe während meiner Zeit bei Universal wirklich sehr viele Leute kennengelernt, denen Musik wirklich sehr, sehr wichtig ist und die mit viel Herzblut und Energie an die Sache rangehen.
Ja, das haben wir hier schon gut diskutiert. Im Endeffekt muss man kein Wirtschaftstheoretiker sein, um zu sehen das letztlich die gesamte Wirtschaft am ENDKONSUMENTEN hängt. Diese einfache Tatsache übersehen sowohl die Konsumenten selbst (Strom kommt von selbst aus der Steckdose, die Plattenläden füllen sich von selbst, auch wenn keiner kauft), als auch Wirtschaft und Politik. Die beiden Letzteren machen sich ja auch entsprechend wichtig und möchten einen glauben machen, dass sie für sich selbst existieren können und der Einzelne verkennt seine eigene Verantwortung völlig.
Ich weiß nicht, ob das wirklich so ist. Die Leute sind in der Mehrzahl auch nicht völlig dumm. Daß der Strom nicht in der Steckdose erzeugt wird muß man genausowenig erklären, wie die Tatsache, daß eine Branche, deren Produkte systematisch (und im grunde genommen auch vor den Augen der Justiz) permanent geklaut werden, langfristig ernsthafte Probleme bekommen wird. Aber scheinbar ist hier so, wie bei anderen Katastrophen auch- man muß erst mal den Ernstfall erleben, bevor man sich das Problem eingesteht. Und zur Zeit läuft ja alles noch halbwegs.


Ein solches System existiert praktisch schon und zwar in immensem Umfang mit quasi-staatlichem Status: Die Verwertungsgesellschaften. Aber natürlich partizipiert auch hier nur derjenige, der sich schon auf dem Markt behauptet hat. Interessanterweise tauchen auch am Beispiel GEMA die gleichen Probleme auf, wie überall: Verteilungs- und Machtkämpfe, hierarchische Strukturen, Ungerechtigkeiten.

Ein Thema zieht sich wie ein roter Faden durch den Thread: Soll sich die Musik rein über den freien Markt finanzieren oder muss von aussen reguliert werden. Nochmal muss ich hier sagen: Es kann nicht reguliert werden. Es ist immer der Markt letzlich. Der MENSCH ist Markt. Wenn es nicht der Markt im eigentlichen Sinne ist (=Endkonsument), der über Gedeih und Verderb entscheidet, dann sind es andere Einflüsse, die aber wiederum nach gewissen Maßstäben entscheiden. Dann ist diktiert halt nicht mehr der Kommerz, sondern vielleicht die sogenannte "Kultur". Aber es bleibt eine "Diktatur" und da ist der Kommerz ja wenigstens noch am demokratischsten, denn da liegt die Macht letztlich beim Konsumenten.

All das kann gar nicht anders sein. Unsere Ressourcen sind begrenzt und keiner hat ein Interesse daran etwas am Leben zu erhalten, das ihm weder direkten Nutzen bringt (schöne Musik) oder dem er sich moralisch (Kulturgut, arme Künstler) verpflichtet fühlt. Keiner. So funktionieren wir eben leider, jeder Einzelne.

Thema GEMA: die GEMA ist natürlich in ihrem Wesen KEIN sozialistisches Verteilungs-System, daß Gelder gleichmäßig verteilt. Wenn Du CDs pressen läßt, dann meldest Du ja bei der GEMA an, welche Titel, von welchem Autoren da drauf sind. Ergo kann das dann auch nach den tatsächlich hergestellten CDs abgerechnet werden. Das gleiche gilt für Aufführungsrecht im Radio oder TV. Es ist ja sogar so, daß Du als Band für jedes gespielte Konzert einen Live-Bogen an die GEMA schicken kannst (und solltest), auf dem dann steht, welche Líeder Du wo gespielt hast. Also gibt es auch hier eine genaue Zuordnung, so daß die Leute anteilig an ihrer tatsächlichen Leistung vergütet werden. Es gibt dann einen Pool an Geldern die nicht zugeordnet werden können. Diese Gelder werden dann nach einem Verteilungs-Schlüssel a la "wer eh schon viel verdient hat, bekommt auch hiervon am meisten" ausgeschüttet. Aber es ist ja echt nicht so, daß Dieter Bohlen und Ralf Siegel das Geld von meiner veröffentlichten CD bekommen.

Und dann zum Schluß noch: ich bin auch strikt gegen eine staatliche Einmischung in die Marktmechanismen. Ich denke auch, daß die Leute, die viel verkaufen auch viel Geld bekommen sollen, und daß der Konsument das beste Mittel ist um den Markt zu regulieren. Das Problem ist aber im Moment eher, daß die Konsumenten im eigentlichen Sinne immer weniger werden. Konsum hat ja auch was gegenseitiges: ich gebe mein Geld und bekomme dafür Ware. Und wenn jetzt von einer Seite kein Geld mehr in dieses System fließt, dann kommt es ganz einfach zur Störung. Ich sehe auch nicht, wie Du an diesem Punkt davon sprechen kannst, ob jemand moralisch ein Interesse hat etwas am Leben zu erhalten, daß ihm keinen Vorteil bringt. Der Vorteil besteht doch offensichtlich aus Gigabytes illegal gesaugter Musik auf der Festplatte. Das ist für mich in erster Linie keine moralische Frage, sondern eine rechtliche. Es weiß doch wirklich jeder seit Jahren, daß es illegal ist Musik zu saugen ohne zu bezahlen. Nur in sachen Strafverfolgung passiert halt so wenig, daß die Leute sich dabei relativ sicher fühlen können. Das kann man doch nicht dauerhaft außen vorlassen. Und daß hat dann auch nichts damit zu tun, wie das Wesen des Menschen beschaffen ist. Zusammenleben in einer Gesellschaft und damit auch wirtschaftliche Abläufe, sind von Gesetzen reglementiert und wer dagegen verstößt, muß mit Bestrafung rechnen. Zugegeben, es gibt etliche Straftaten, die wesentlich gravierender sind und bei der Verfolgung auch völlig zurecht höhere Priorität haben müssen, als das Runterladen von 5 Radiohead-Songs. Aber mach Dir auch mal Gedanken über den Schutz von anderen Urheberrechten, von Patenten zum Beispiel. Es wird im Moment soviel davon geredet, daß Deutschland vom Produktions-Standort zum Wissens- und Informations-Standort umgebaut werden soll. Wie soll das funktionieren, wenn bei den Leuten nicht der geringste Ansatz von Respekt vor Arbeit besteht, die zum größten Teil geistig erbracht wird? Wenn jemand hier einen Gegenstand klaut, meinetwegen ein Auto, dann sind sich alle einig, daß es nicht ok ist. Aber bei Dingen, die nicht-physisch sind wie MP3s, gibt es dann diese Einstellung, "es ist kein Gegenstand, also hat es auch keinen Wert".

So, mein vorgezogenes Wort zum Sonntag :D
 
Ich finde es erstaunlich, daß bei der ganzen Diskussion um "unbezahlte Downloads" und den Untergang der Musikindustrie nie jemand darüber spricht, daß es aus gutem Grund illegal ist, Musik zu saugen ohne dafür zu bezahlen. Man sollte hier mal ein bischen in sich gehen, und sich fragen, ob es sowas wie ein Gewohnheitsrecht für Diebstahl gibt, nur weil sich mittlerweile scheinbar alle daran gewöhnt haben, nichts mehr Musik zu bezhalen.

Wenn mich jemand fragen würde, welche Dinge in meinem Leben den höchsten Stellenwert haben, dann wäre Musik auf jeden Fall unter den Top 3. Musik hat einen Wert- zugegeben, es ist schwer diesen Wert finanziell zu bemessen aber irgendwie kann ich mich nicht damit abfinden, daß Künstler Arbeit, Inspiration, Zeit und Geld aufwenden um Songs zu schreiben und aufzunehmen und am anderen Ende der Leitung sitzen dann Leute, die sich ohne jegliche Bedenken die Festplatte vollsaugen. Es hat auch einfach etwas mit Respekt vor der Kunst oder meinetwegen einfach nur vor der Arbeit anderer Leute zu tun. Wenn ich mir beim Friseur die Haare schneiden lasse, mit dem Taxi fahre oder andere Dienstleistungen oder Produkte in Anspruch nehme, dann ist es eine Selbstverständlichkeit dafür zu bezahlen. Und gerade bei Musik, die uns allen ja offensichtlich so wichtig ist, daß wir uns in diesem Forum rumtreiben und wohl auch alle selber Musik machen, gerade da sagt man dann: ich saug es einfach, Majors selber schuld, alles Mainstream?

Es haben schon viele Leute gesagt, dass sie sehr wohl bereit sind, für Musik viel Geld zu bezahlen, die Musikindustrie es aber nicht geschafft hat, ihr Geschäftsmodell den veränderten Marktbedingungen anzupassen. Das betrifft vor allem diesen Punkt hier:

Interessant wäre auch mal zu hören, warum sich Leute ohne Ende Musik illegal ziehen, obwohl auf der anderen Seit permanent gemeckert wird, daß alles nur noch dumme Popmusik ist. Ich habe weiter vorne noch ein paar Sachen gelesen auf die ich antworten muß. Da war zum einen mal dieses Zitat "Pop will eat itself" verbunden mit der Aussage, die Majors wären selber schuld an ihrem Verfall, weil sie in den 90ern und später nur noch austauschbare, seelenlose Klone auf den Markt geworfen hätten. Ich bin sicherlich kein Fan von Euro-Dance und Boybands, aber man sollte sich bei solchen Vorwürfen doch auch sehr davor hüten, die elitäre Geschmackspolizei zu spielen. Wenn Songs wie "Bailando", "Der Anton aus Tirol", diverse Blümchen- und Scooter-Titel sich in den 90ern millionenfach verkauft haben, dann spricht das doch eindeutig dafür, daß diese Titel sehr vielen Leuten Freude bereitet haben. Und ich finde es hier völlig unerheblich darüber zu diskutieren, ob solche Songs Kunst sind oder nicht. Man hat in jeder Kunstsparte halt verschiedene stilistische Richtungen und man hat in jeder Kunstsparte eine Advangarde, die eher weniger Anhänger hat, und dann einen Mainstream, der weiter verbreitet ist. Wer will sich jetzt hinstellen und sagen, "meine Musik ist aber besser, weil anspruchsvoller, tiefer, mehr Kunst"? Wenn Leute im Club Bock haben auf Scooter zu tanzen, dann ist das einfach so, und man sollte das mal völlig wertfrei betrachten. Es geht hier nicht darum, ob es mir gefällt. Und wie schon gesagt- ich gehe einfach mal davon aus, daß 99% aller Leute sich Musik saugen die sie mögen, und nicht die, die ihnen nicht gefällt. Also fällt diese Begründung für mich schon mal flach.

Dass sich Titel von Scooter oder "Bailando" damals so super verkauft haben, lag einfach daran, dass der Dance-Markt (und andere Richtungen auch) damals noch sehr überschaubar war. Man konnte sich Mitte der 90er tatsächlich alle paar Monate eine "Bravo Hits" oder "Just The Best" kaufen und hatte dann praktisch alles das, was aktuell im Radio oder in der Disco lief, kompakt auf einer Doppel-CD. Vielleicht erinnert sich der eine oder andere noch an die WDR-Fernsehsendung "Hit Clip" mit Thomas Germann. Die brachten täglich eine halbe Stunde 5-6 Musikvideos, haben eine überschaubare Anzahl an Titeln gepusht, bei der man nicht den Überblick verlieren konnte. Eins Live (gehört ja auch zum WDR) hat das Radioprogramm auch an denselben Titeln ausgerichtet - wenn die neue Captain Jack auf Hit Clip lief, lief sie auch bei Eins Live. Da Eurodance meistens eine sehr melodielastige Musikrichtung ist, hatten die Titel einen sehr hohen Wiedererkennungswert.

Nehmen wir noch mal "Bailando" her: Damals gab es nur Loona, die diese Musikrichtung (die mir persönlich sehr gut gefällt) vertreten hat. Heute haben wir dazu noch Las Ketchup, Hot Banditoz, Las Chicas, Estrella (übrigens die Sängerin von Bluelagoon), Yamboo ... Hier verliert man einfach den Überblick, wenn man nicht gerade DJ ist und täglich alles genau mitverfolgt. Im Grunde genommen hätte man hergehen müssen und die "Top-Knaller" dieser Musikrichtung alle mit Loona rausbringen müssen (da sie diesen Stil populär gemacht hat). Man hätte sich die Kosten sparen können, für "Veo Veo" (m. E. ein echter Klassiker dieser Richtung) nicht die Hot Banditoz extra für casten müssen, sondern hätte gleich Loona singen lassen können. Bei "Chucu Chucu" oder dem "Ketchup Song" oder "La Fiesta Loca" hätte man ebenso verfahren können: Alles direkt am Anfang auf EIN Album drauf, Füllmaterial weglassen (was soll dieses Cover von "Head, Shoulders, Knee & Toe" ???), und schon hätte man eine schöne Latino-Dancepop-CD mit 15 geilen Songs, die dann auch 15 Euro wert ist.

Bei Clubmusik sieht es genauso aus: Die Anzahl der Releases ist völlig unüberschaubar. Ich höre z. B. auch sehr gerne Trance, aber wenn man z. B. ein DJ-Set von Paul Van Dyk, DJ Tiesto oder Piet Blank (wer erinnert sich noch an den Eins Live Partyservice?) hört, kennt man oft selbst als Fan der jeweiligen Musikrichtung oft in einer ganzen Stunde kein einziges Lied. Selbst bei Größen wie Scooter hören viele junge Leute im Club die neue Scheibe nur ein einziges Mal, nächste Woche hat der DJ schon wieder 50 neue Platten am Start. Damit sind die "Normalos" völlig überfordert. Jeder DJ versucht durchs Kaufen von irgendwelchen ausgefallenen exotischen Platten die Musik neu zu erfinden und überfordert sein Publikum damit. In den 90ern lief es deswegen so gut, weil es eine überschaubare Anzahl von Titeln gab, die monatelang gelaufen sind und die dann jeder kannte. In den Großraumläden ist weniger oft mehr.

Ein weiterer Punkt waren die "überhöhten" Preise für CDs. Ich habe in den 90ern für Neuerscheinungen im Durchschnitt 32.- DM bezhalt. In einem normalen Saturn oder Media Markt kostet eine neue CD heute ungefähr 16.- Euro. Wenn man jetzt mal bedenkt, daß im Laufe der letzten 10 Jahre so ziehmlich alles teurer geworden ist, dann ist es (quasi inflationsbereinigt) sogar so, daß CDs heute billiger sind als in den 90ern. Dazu kommen natürlich auch gestiegene Kosten im kompletten Herstellungs- und Verwaltungsprozess: Löhne steigen, Energiekosten steigen, Transportkosten steigen, etc pp. Es mag sein, daß der eigentliche CD-Herstellungsprozess, also das reine Pressen billiger geworden ist, aber das macht halt auch nur einen Teil der Gesamtkosten aus. Um dann gleich noch mal einem anderem Klischee zu begegnen, das immer wieder auftaucht: nein, man verdient nicht wahnsinnig viel Geld als Angestellter in einer Plattenfirma, auch nicht beim Major!

Richtig. Nur war es bis in die 90er noch relativ problemlos möglich, einen Großteil der absoluten Lieblingssongs zu kaufen, weil die Auswahl überschaubar war.

Mein zweites Hobby neben der Musik sind ja Modelleisenbahnen. Da ist - ebenfalls in den 90ern - quasi dasselbe Phänomen aufgetreten: Immer mehr Hersteller haben versucht, über immer mehr Sortimentsbreite ihren Marktanteil zu erhöhen. Das hat z. B. dazu geführt, dass immer mehr Modelle im Laden nicht vorrätig sind und umständlich betellt werden müssen. Durch eine Schwemme von Einmal- und Sonderserien ("Jetzt kaufen, in einem halben Jahr gibt es das Modell nicht mehr") wurde der Markt regelrecht überflutet, man weiß oft nicht mehr, welcher Hersteller welches Modell anbietet, es kommt zu Doppelentwicklungen (vergleichbar mit Haiducii vs. O-Zone), usw. Nur der normale Endkonsument ist mit diesem Angebot völlig überfordert. Wenn im Jahr zwei Lokmodelle à 100 Euro rauskommen, die einem richtig gefallen, funktioniert das noch, weil man es sich leisten kann. Gefallen aber einem jedes Jahr 20 Loks, sind viele Kunden verwirrt/überfordert und kaufen einfach nichts. Hierbei spielt es gar keine Rolle, dass man Modelleisenbahnen nicht kostenlos kopieren kann, aber die Umsätze gehen auch da zurück, weil es einfach zu viel gibt und sich der Otto-Normalkonsument nicht entscheiden kann.

DJ Nameless
 
Nun zu dem, was Uranus geschrieben hat:

Diese ganzen Fragen spielen bei den Entscheidungen der Konsumenten schlicht allgemein keine Rolle. Man saugt Musik, weil es nix kostet. Man kauft Produkte aus China, ohne zu bedenken, WIE diese entstehen. Wir müssen heute geradezu diese Scheuklappen anlegen, wenn wir unsere Lebensweise nicht völlig umkrempeln wollen.
Man redet in der Öffentlichkeit immer noch von Dingen wie Wettbewerbsfähigkeit, die erhalten werden müsse, ohne sich mal klar zu machen, dass Wettbewerb Gewinner und Verlierer hat und immer ein Nullsummenspiel ist. Man fragt sich nicht, wie lange man wohl das globale menschliche Zusammenleben als Wettbewerb "organisieren" kann und ob nicht etwa Alternativen nötig wären. Wir sind immer noch auf der Gewinnerseite, da können wir nur sein, WEIL andere auf der Verliererseite stehen. Man legitimiert diese Verhalten dann eben irgendwie, wenn man mit den entstehenden Problematik konfrontiert wird.

Genau. Wie ich aber weiter oben schon schrieb, gibt es den Wettbewerb insofern kaum mehr, weil der "Otto Normalverbraucher" ob der Vielfalt der Produkte völlig überfordert ist, und die "Freaks" möglichst individuell sein wollen und dann einfach keinen "Kommerz" kaufen.

Wenn wir die nun die Musikbranche betrachten, ist das doch nur EIN vergleichsweise harmloses Symptom einer gesellschaftlichen Krankheit. Ich weiß nicht, ob man wirklich ein Bewusstsein dafür schaffen kann, dass Entscheidungen des Einzelnen langfristig Konsequenzen haben. Klar, jeder "kämpft" jetzt mit gegen den Klimawandel. Aber auch nur solange, wie kein Arbeitsplatz verloren geht, das Wirtschaftswachstum ja nicht gebremst wird und mein persönliche Lebenstandard größtenteils erhalten bleibt. Es mag so aussehen, als werfe ich hier Sachen in einen Topf, die nichts miteinander zu tun haben, aber ich will eben sagen, dass ich der Meinung bin, dass eben all diese Probleme ein und dieselbe Wurzel haben. Ich glaube inzwischen, dass die Menschheit nicht aus eigener Kraft über den in letzter Konsequenz selbstzerstörerischen Egoismus hinauswachsen kann.

Ich habe das Gefühl, dass das Problem Ende der 90er und um die Jahrtausendwende richtig hochgegangen ist, als durchs Internet praktisch jeder die Möglichkeit bekam, sich quasi kostenlose selber weltweit zu präsentieren. Bis Mitte der 90er sorgte der limitierte Zugang zum Markt dafür, dass nur wenige Anbieter die Chance bekamen, ihre Produkte dem Endkonsumenten zugänglich zu machen. Dadurch konnte der einzelne viel mehr Geld verdienen. Jetzt bekommen einfach viel mehr Leute was vom Kuchen ab, zu sehen z. B. auch an den Webradios. Früher hatten viele Leute gar nicht die Möglichkeit, ins Radio zu kommen, heute erreichen sie immerhin 10 oder 20 Hörer. Das finde ich dann schon einen gewaltigen Schritt nach vorne so gesehen. Nur: von den paar wird niemand satt.

Das "Pop will eat itself" war wohl von mir. Auch wenn ich an anderer Stelle noch über Kunst etc. schwadroniert habe, ich habe das an dieser Stelle nicht abwertend gemeint. Ich habe selbst schon solche Musik produziert, auch die Ballermann-Schublade bedient. Ich habe das eher wirtschaftlich gesehen: Wenn man Musik und Künstler zum all gegenwärtigen und austauschbaren Wegwerf-Artikel macht, brauche ich mich heute natürlich nicht wundern, dass das Publikum diese Musik auch entsprechend "respektlos" behandelt und sich ohne Reue an kostenlosen Angeboten bedient. Anderes Beispiel: Es gehört seit jeher zur Strategie Entertainment-Branche, "Stars" bewusst mit Prunk und Pomp in Szene zu setzen. Das Klischee das jeder Musiker der auf MTV zu sehen ist z.B. mindestens Millionär ist, wird doch bewusst genährt. Selbst in besser informierten Kreisen herrscht dieses Klischee. Auch hier im Forum werden z.B. viele glauben, dass selbst jede bekanntere "Underground-Band", die z.B. bei Roadrunner oder Nuclear Blast unter Vertrag ist, ausgesorgt hat. Vor diesem Hintergrund muss natürlich das Gejammere der Musikindustrie bei den Leuten nach hinten losgehen.

Ich hätte jetzt auch gedacht, dass z. B. bei Roadrunner viel Geld umgesetzt wird, immerhin sind da große Acts wie Nickelback oder Phats & Small unter Vertrag.

Die Industrie (nicht nur die Musikbranche) hat sich doch bewusst ein Publikum geschaffen, das möglichst heute dies und morgen schon das nächste kaufen und konsumieren soll.

Das ist die logische Entwicklung der aktuellen Marktübersättigung: Wenn heute jeder ein Telefon, einen Computer, eine Mikrowelle, ein Handy, einen DVD-Spieler usw. hat, also seinen Bedarf längst gedeckt hat, gibt es für den Hersteller nur zwei Möglichkeiten: Entweder er erfindet etwas geschmäcklerisch Innovatives, das den Kunden zum Neukauf verleitet (was aber nur noch sehr schwer machbar ist wegen der Übersättigung), oder er produziert Sachen mit immer kürzerer Lebensdauer, so dass der Kunde zum Neukaufen gezwungen wird - man schaue hier im Forum nur mal in die Schlagzeug-Rubrik, bei wie vielen Leuten da Sticks schon nach wenigen Minuten (!!!) durchgebrochen sind.

Im Endeffekt muss man kein Wirtschaftstheoretiker sein, um zu sehen das letztlich die gesamte Wirtschaft am ENDKONSUMENTEN hängt. Diese einfache Tatsache übersehen sowohl die Konsumenten selbst (Strom kommt von selbst aus der Steckdose, die Plattenläden füllen sich von selbst, auch wenn keiner kauft), als auch Wirtschaft und Politik. Die beiden Letzteren machen sich ja auch entsprechend wichtig und möchten einen glauben machen, dass sie für sich selbst existieren können und der Einzelne verkennt seine eigene Verantwortung völlig.

Wenn sich der Markt aber immer weiter aufsplittet, was jetzt derzeit der Fall ist, helfen diese ganzen Geschichten auch nicht mehr weiter. Mit einem derart zersplitteten Markt hat die Wirtschaft einfach (noch) keine Erfahrung. In den 80ern haben zig Millionen Michael Jacksons "Thriller" gekauft, heute enstehen hunderte Bands mit einer Fangemeinde von jeweils einer Handvoll Leuten. Während es früher eine überschaubare Zahl an großen Kinofilmen gab, gibt es heute zugtausende Filmchen bei Youtube, die aber jeweils nur ein paar hundert Views erreichen.

Ein Thema zieht sich wie ein roter Faden durch den Thread: Soll sich die Musik rein über den freien Markt finanzieren oder muss von aussen reguliert werden. Nochmal muss ich hier sagen: Es kann nicht reguliert werden. Es ist immer der Markt letzlich. Der MENSCH ist Markt. Wenn es nicht der Markt im eigentlichen Sinne ist (=Endkonsument), der über Gedeih und Verderb entscheidet, dann sind es andere Einflüsse, die aber wiederum nach gewissen Maßstäben entscheiden. Dann ist diktiert halt nicht mehr der Kommerz, sondern vielleicht die sogenannte "Kultur". Aber es bleibt eine "Diktatur" und da ist der Kommerz ja wenigstens noch am demokratischsten, denn da liegt die Macht letztlich beim Konsumenten.

Der "Kommerz" verliert aber zunehmend an Bedeutung, das sieht man ja gerade daran, dass die kleinen Underground-Künstler Zuwächse haben, während die großen verlieren.

Ja, für so jemanden ist kein Platz. Auch nicht für eine Band, die sagt touren langweilt mich ich bin lieber kreativ und bleibe daheim im Studio. Das kann man bedauern. Uns entgeht das sicher Einiges an grandioser Musik. Aber andere Leute haben vielleicht auch keinen Bock sich den Bedingungen eines Berufslebens zu unterwerfen. Pech gehabt. Die haben halt auch keinen Platz. Wer nicht arbeitet soll auch nicht essen, sagte da einst Franz Müntefering.

Im Moment sieht es aber geradezu so aus, dass die Konsumenten immer mehr sich vom "Kommerz" wegbewegen, weil auch die Konsumenten es langsam satt haben, sich nur auf das beschränken zu müssen, was viel Geld einbringt. Die Leute kaufen/konsumiieren tatsächlich immer mehr bei Anbietern, die sich nicht diesem kommerziellen Druck unterwerfen.

Allerdings müssen wir für eine Lösung des Problems ganz tief in die Kiste der Sozial-Utopien greifen. Es ist ein oberflächliches Symptom, aber eine sehr grundlegende Problematik.

Ich habe, da ich ja auch in vielen Bereichen ein sozial/underground-orientierter Mensch bin, viel mit Leuten zu tun, die ähnliche Probleme haben. In Behinderten-Wohngruppen etwa ist die Organisation oft ein einziges Chaos, weil die Mitarbeiter nicht "in die Pötte" kommen. Da funktioniert monatelang der Internet-Anschluss nicht, kaputte Türschlösser werden nicht repariert, für kranke Mitarbeiter ist keine Vertretung da, und und und ... Andererseits sind es genau solche sozialen Einrichtungen, deren Veranstaltungen wie z. B. Sommerfeste oder Weihnachtsfeiern (so man sie denn organsiert kriegt) von vielen Leuten lieber besucht werden als irgendwelche kommerziell ausgelegten Veranstaltungen.

DJ Nameless
 
Hallo Nameless,

danke für die Antwort. Ein Punkt dazu: es ist sicher so, daß es eine extrem hohe Zahl an VÖs gibt in allen Segmenten gibt. Aber in grunde war das in den 90ern auch schon so, daß man in einen größeren Plattenladen gehen und sich stundenlang durch CDs wühlen konnte, von denen man nie gehört hatte. Ich habe diese Vielfalt aber immer als Bereicherung empfunden. Es ist doch spannend, daß man hier eine extrem große Auswahl an Künstlern hat, aus denen man wählen kann. Daß niemand mehr wirklich alle neuen Releases kennt ist dabei selbstverständlich und ich denke, das ist eigentlich auch kein Problem. Ich habe es auf jeden Fall nie von irgendjemanden vorgehalten bekommen Band XY nicht zu kennen. Ich verstehe, daß man als DJ da einen anderen Ansatz hat, weil man gefordert ist seinem Publikum die besten Sachen rauszusuchen.

Aber wie gesagt- ich finde die große Auswahl taugt nicht als Argument für illegale Downloads. Um mal wieder zu meinem Auto-Beispiel zurückzukommen: in den 50ern und 60ern gab es wahrscheinlich auf deutschen Straßen hauptsächlich VW Käfer, ein paar Opel und ganz selten mal einen Mercedes. Aber sind Leute deshalb in den 80ern losgezogen und haben massenhaft Mazdas, Toyotas, Fiats und Peugeots gestohlen?

Gerade die große Auswahl macht es einem doch möglich die Sachen rauszusuchen, die man wirklich total gut findet und den Rest dann links liegen zu lassen. Es sei denn, man hat halt dieser Mitnahme-Mentalität und stopft sich die Taschen, bzw die Festplatte bis zum Anschlag voll weil man meint, man muß aus irgendeinem Grund alles haben. Wie ist das eingentlich bei Dir als DJ? Gehst Du noch mit Platten los oder legst Du quasi digital auf?
 
@Nameless: noch mal kurz zu dem Thema "zu viele Releases". Ein Problem bei Plattenfirmen ist leider, daß man vorher einfach nicht genau weiß, welcher Titel Erfolg haben wird. Ich habe mal eine Statistik gelesen, nach der ca 90-93% der Releases ihre Kosten nicht einspielen, und daß deshalb ergo die restlichen 7-10% den kompletten Apparat finanzieren müssen. Jetzt kann man natürlich wieder sagen, die Firmen sollen halt nicht so viele S****** rausbringen und sich auf starke Titel konzentrieren, aber wenn irgendwer meint, er hat das absolute Gespür für Sachen, die wirklich kommerziell erfolgreich werden, dann kann ich nur empfehlen ein eigenes Label zu gründen und diese Fähigkeit zu nutzen.
 
Hallo Leute,

danke für die Diskussion, aber ich möchte jetzt nicht mehr detailiert auf alle einzelnen Posts eingehen. Diese Medium erlaubt es mir nicht, meine Meinung ausreichend differenziert darzustellen, möchte ich nicht Stunden mit einem Post verbrignen. Nur noch einige Punkte:

Ich möchte im Endeffekt weder den Konsumenten noch der Industrie irgendeine Schuld geben. Ich bringen nur gerne die Gegenargumente, wenn das jemand tut. Ich werte auch "Kommerz"-Künstler nicht ab. Wie gesagt, ich habe auch selbst schon solche Musik produziert und mit solchen Künstlern gearbeitet. Vor nicht allzu langer Zeit übrigens auch mit einer ehemals sehr erfolgreichen Euro-Dance-Sängerin. Die sitzt übrigens heute wieder im Büro und ich weiss nicht, ob sie das aus Spass tut.

Ich bewege mich lange genug in der Musikbranche, um mir ein gewisses Urteil erlauben zu können.

Aber es ist ja echt nicht so, daß Dieter Bohlen und Ralf Siegel das Geld von meiner veröffentlichten CD bekommen.

Bist du GEMA-Mitglied? Sie bekommen nicht das Geld von deiner veröffentlichten CD, aber sie bekommen von dem Geld, das kleine Musiker für die GEMA "einziehen"! Es geht hier um das umstrittene "Pro-Verfahren".

Und daß hat dann auch nichts damit zu tun, wie das Wesen des Menschen beschaffen ist. Zusammenleben in einer Gesellschaft und damit auch wirtschaftliche Abläufe, sind von Gesetzen reglementiert und wer dagegen verstößt, muß mit Bestrafung rechnen.

Und wer macht die Gesetze? Nicht etwa der Mensch? Macht er sie nicht seinem Wesen gemäß? Oder reden wir von den 10 Geboten?

Und man muss schon auch unterscheiden zwischen physischem und geistigem Eigentum, denn Ersteres kann ich nicht teilen, ohne etwas zu verlieren (sagen wir Trinkwasser), Letzteres schon! In einer "idealen" Gesellschaft würde sich vielleicht der Einzelne verpflichtet fühlen, sein geistiges Eigentum der Allgemeinheit zur Verfügung zu stellen...

Ob man Urheberrecht und Patentrecht in letzter Konsequenz wirklich moralisch rechtfertigen kann, ist durchaus eine Frage, die man sich mal stellen sollte. Ich muss mich kurz halten, aber ich denke wir überbewerten individuelle Leistung und sehen nicht, das jede Leistung eines Einzelnen auch eine kollektive Leistung ist! Mir gefällt der Gedanke nicht, dass wir im derzeitigen System Pharma-Konzerne haben, die lebensrettende Medikamente patentieren können/dürfen/müssen und jenen dieses geistige Eigentum (die Herstellungskosten sind ja ein Witz) vorenthalten können/dürfen/müssen, die es nicht bezahlen können, obwohl sie ohne diese Medikamente sterben werden.

Ich kann das jetzt nicht wirklich ausführen, nur nochmal eine etwas hart formulierte These: Es gibt keine individuellen Leistungen, ohne kollektiven Beitrag. Doch wir erlauben es, das Einzelne alleine die Früchte ernten!

Zu recht sagt der Chinese, mir ist doch euer Urheberrecht scheißegal. War und ist uns doch auch egal, wo die Chinesen belieben. War und ist uns doch auch scheißegal, das wir die globale Ressource "gesundes Klima" für unsere Wirtschaftswachstum angezapft haben. Haben wir da die Chinesen oder die Weltgemeinschaft vorher gefragt? Haben die diesbezüglich keine Rechte?

Dann wird gejammert oh unsere Rechte werden verletzt, man respektiert unsere Urheberrechte nicht.

Da kann man sich wohl die Täter-Opfer-Frage stellen!

Da mag wieder einiges off-topic erscheinen, aber ich sehe eben all das in diesem größeren Zusammenhang.

Gruß,

Uranus
 
Hi Uranus,

ich hab jetzt auch keine Lust wieder seitenlang zu antworten, deshalb nur ein paar Punkte:
das Pro-Verfahren ist mir bekannt, aber es ist ja wirklich nicht so, daß ein besonders großer Teil der Gesamtausschüttungen an die Autoren über das PV laufen.

Und ja, natürlich machen Menschen die Gesetze. Ich habe auch nicht die Gesetze kritisiert, sondern die Leute, die sich permanent darüber hinwegsetzen und dann durch vermeintlich schlaue Schein-Argumente die Verantwortung für ihr Verhalten auf andere, in diesem Falle die Musikindustrie schieben.

Ich habe kein Interesse über irgendwelche alternativen politischen Systeme zu diskutieren, weil sich das eh verzettelt und außerdem vom Thema wegführt. Solange das Land oder die Gesellschaft in der wir leben nun mal so oragnisiert ist, wie sie es ist, muß man damit umgehen. Und ich sehe schon einige Gemeinsamkeiten zwischen physischen und nicht-physischen Produkten/Werten/wasauchimmer. Der Punkt ist einfach, daß Du Zeit, Energie und auch Geld einsetzt um nicht-physische Produkte/Lizenzen/Patente zu erstellen/erforschen/entwickeln. Über Pharmakonzerne möchte ich an dieser Stelle wirklich nicht diskutieren. Ich finde das ist ein absolutes Totschlag-Argument, und natürlich stimmen wir alle darin überein, daß Menschen nicht sterben sollten weil sie keinen Zugang zu Medikamenten haben. Das Ding ist nur, daß Du ein Problem nicht aus der Welt schaffst, indem Du auf ein schlimmeres Problem hinweist. Das gleiche gilt für Dein China-Beispiel Urheberrechte vs Umweltschutz. Aber wenn Du meinst, das passt zusammen, und daß man da doch die Täter-Opfer-Frage stelle kann, dann erkläre mir doch mal bitte was die Künstler/Produzenten/Labels den Konsumenten angetan haben, wodurch diese zum Opfer wurden und jetzt ein Recht haben Musik zu klauen.

Größerer Zusammenhang ist ok, aber man kann halt nicht immer relativ kleine, spezielle Entwicklungen in einzelnen Branchen auf die große Bühne der Weltanschauungen ziehen und dann sagen, "wenn alles fairer und besser wäre, dann gebe es dieses Problem nicht."

Anyway- ich finde es interessant, sich zu dem Thema mal auszutauschen. Ich hoffe das kam jetzt von meiner Seite nicht zu aggressiv rüber. Ich bin ja auch hier um andere Meinungen zu hören und darüber nachzudenken.

Schönes Wochenende noch!


PS:
Werder Bremen- Karlsruher SC 4:0
YEAAAAH!
 
Hallo Nameless,
danke für die Antwort. Ein Punkt dazu: es ist sicher so, daß es eine extrem hohe Zahl an VÖs gibt in allen Segmenten gibt. Aber in grunde war das in den 90ern auch schon so, daß man in einen größeren Plattenladen gehen und sich stundenlang durch CDs wühlen konnte, von denen man nie gehört hatte.

Richtig. Aber am Ende ist man aber doch mit einem Chart-Sampler wieder rausgegangen, weil man ihn einfach besser fand, und die kleinen Labels haben sich gesagt: "Wir sind halt nicht so gut wie die Großen" und das war's dann. Jetzt läuft es aber genau in die umgekehrte Richtung: 1000 kleine Bands verkaufen je 100 CD's mehr und dafür das Majorlabel 100.000 weniger. Am Ende bekommen ein paar Hundert mal so viele Leute was vom Kuchen ab, und keiner wird mehr von den Krümeln satt.

Aber wie gesagt- ich finde die große Auswahl taugt nicht als Argument für illegale Downloads. Um mal wieder zu meinem Auto-Beispiel zurückzukommen: in den 50ern und 60ern gab es wahrscheinlich auf deutschen Straßen hauptsächlich VW Käfer, ein paar Opel und ganz selten mal einen Mercedes. Aber sind Leute deshalb in den 80ern losgezogen und haben massenhaft Mazdas, Toyotas, Fiats und Peugeots gestohlen?

Nein, das nicht, aber auch das wäre sicher passiert, wenn es eine Technologie gäbe, mit der man Autos quasi zum Nulltarif duplizieren kann.

Gerade die große Auswahl macht es einem doch möglich die Sachen rauszusuchen, die man wirklich total gut findet und den Rest dann links liegen zu lassen. Es sei denn, man hat halt dieser Mitnahme-Mentalität und stopft sich die Taschen, bzw die Festplatte bis zum Anschlag voll weil man meint, man muß aus irgendeinem Grund alles haben. Wie ist das eingentlich bei Dir als DJ? Gehst Du noch mit Platten los oder legst Du quasi digital auf?

Ich arbeite zu 100% mit CD's, von der Technik reicht mir ein einfacher 19" Doppel-CD-Player und ein 2-Kanal-Mixer. Als vor einigen Jahren Tauschbörsen wie Kazaa oder Emule noch nicht offiziell verboten waren, habe ich die genutzt. Heute habe ich ein 10-€-Monatsabo bei Napster und wandle das Zeug alles analog um. Laut einer GEMA-Aussage ist auch die öffentliche Wiedergabe dieser Dateien legal, selbstverständlich vorausgesetzt, die Disco zahlt den 30%-Aufschlag für gebrannte CD's.

Zur "muss alles haben" Mentalität: Ja, da gebe ich dir schon Recht. Ich hatte anfangs versucht, mich stark auf bestimmte Musikrichtungen zu spezialisieren. Vor allem wurde ich anfangs von Piet Blank (Eins Live Partyservice) beeinflusst und habe viel nach Benelux-Trance à la Ron Van Den Beuken, Rank 1, Ferry Corsten, Gouryella, Project Medusa usw. gesucht. Schon bei den ersten Gigs habe ich schnell festgestellt, dass man nur damit nicht weit kommt. Während in Millionenstädten noch einige echte Underground-Clubs profitabel arbeiten können, klappt das in kleineren Städten und auf dem Land nicht so. Hier hat man immer ein sehr gemischtes Publikum, und nur mit Trance kommt man dann nicht weit. Im Moment ist diese Richtung eh nicht mehr sonderlich stark präsent. Um überhaupt Gigs zu bekommen, musste ich mich also mehr umorientieren und habe mich sowohl im Mainstream als auch in weiteren Underground-Richtungen umfassend informiert, dabei immer top-aktuell, so hatte ich z. B. den Sommerhit 2004 "Veo Veo" bereits im Herbst des vorausgehenden Jahres aus Mallorca mitgebracht - ich kam mir schon fast peinlich vor, da im Clubhotel nach einer Mini-Disco-CD zu fragen ... dann die Nummer hier in der Disco gespielt, Top-Tanzflächenfüller (die Leute kannten das ja auch alle aus Malle, nur mit dem Titel hatte da garantiert keiner gerechnet), dann habe ich noch im Internet auf den Song aufmerksam gemacht und damit wahrscheinlich das Ding losgetreten... genauso ist es bei anderen Sachen auch... "Boten Anna" lief bei mir auch schon lange vor dem offiziellen CD-Release in Deutschland - Basshunter hatte das Video ja ins Internet gestellt - einfach den Sound analog mitgeschnitten und gebrannt ... und dann wurde es auf einmal der Mega-Hit! Mittlerweile spricht sich das auch so langsam rum, dass ich ein echter Allrounder bin und die nächste Chart-Eintagsfliege von übermorgen ebenso im Case habe wie indischen Underground-Goa. Bei gemischtem Publikum kommt dieses Konzept wirklich 1A an. Einen Einblick könnt ihr z. B. heute abend bekommen ab 20:00 Uhr bin ich bei Radio Musik-Train on air (Link in der Signatur). Das Problem ist halt: Dieses extrem vielseitige Konzept kommt zwar bei etlichen Leuten an, nur gibt es eben kein Geschäftsmodell, welches hier funktioniert, weil zwar alle Musiker in total unterschiedlichen Ligen sind (von der Qualität her), aber letztlich alle viel Arbeitszeit benötigen, um ihre Songs zu produzieren.

DJ Nameless
 
Cool, ich hör mal rein wenn ich Zeit habe! Bist Du fest (ich glaube das nennt sich Resident) in einem Club oder bist Du in verschiedenen Clubs unterwegs?
 
Meine Hauptarbeit ist dieses Webradio, und eigentlich bin ich auch nur dort wirklich fest "angestellt". Hin und wieder bin ich auf diversen Veranstaltungen vor allem im Raum Solingen/Wuppertal zu sehen, aber unregelmäßig.
 
Das Ding ist nur, daß Du ein Problem nicht aus der Welt schaffst, indem Du auf ein schlimmeres Problem hinweist.

Ich sage einfach, dass alle diese Probleme letztlich die gleiche Wurzel haben. Wir betrachten aber immer alle möglichen Probleme als unabhängig voneinander. Deshalb funktionieren die Lösungsansätze eben nicht. Wir bekämpfen lediglich die Symptome und die Krise der Musikbranche ist so ein Symptom. Ich kann keine Diagnose stellen und keine Therapie bestimmen, wenn ich nicht alle Symptome im Gesamtzusammenhang anschaue.

Größerer Zusammenhang ist ok, aber man kann halt nicht immer relativ kleine, spezielle Entwicklungen in einzelnen Branchen auf die große Bühne der Weltanschauungen ziehen und dann sagen, "wenn alles fairer und besser wäre, dann gebe es dieses Problem nicht."

So speziell ist das Problem der Musikbranche nicht. Die Musikbranche hat eben das Pech, das ihre Ware nicht nur online bestellbar ist, sondern die Ware ist auch digital übertragbar.
Eigentlich ist das ein wunderbares soziales und wirtschaftliches Experiment: Man sieht, wie Konsumenten reagieren, wenn eine Ware kostenlos zur Verfügung steht. Hätte man solch ein Experiment geplant durchgeführt, hätten die "Menschenfreunde" sicherlich prophezeit, dass sich die Konsumenten bewusst und verantwortungsvoll verhalten. Wir sehen dass dies nicht so ist. Es zeigt sich, dass der Konsument kurzsichtig und egoistisch handelt. Er ist auf kurzfristigen Gewinn aus, obwohl er weiss, dass er den Kreislauf damit mittelfristig lahmlegt. Er legt genau das Verhalten an den Tag, dass er Politik und Wirtschaft vorwirft. Anscheinend handelt der Mensch also immer so, egal was er anpackt und egal wie verwerflich oder edel seine Motive aussehen. Die Probleme liegen sozusagen im Betriebsystem, nicht in der Anwendung.

Insofern ist das Phänomen sogar von immenser Bedeutung.

Noch zu GEMA: Es ist entsteht häufig ein äußerst eklatantes Missverhältnis zwischen dem Betrag, der für ein kleines Konzert unbekannter Künstler an die GEMA fließt und der Ausschüttung an die Künstler für exakt diese Konzert. Die kleinen Künstler halten also als Geldeintreiber für die Standardrepertoire-Autoren her, die vom gemeinen Alleinunterhalter um ihr Geld betrogen werden, weil dieser keine Listen einreicht. Vor dem Pro-Verfahren, war eine andere Art der Ungerechtigkeit da, zu Gunsten der "Kleinen". Die hat man aus der Welt geschafft, allerdings hat man nun eine Ungerechtigkeit zu Gunsten der "Großen" geschaffen.

Zum Thema "Pop will eat itself" fällt mir noch als Beispiel Gangsta-Rap ein. Das ganze Ding glorifiziert Kriminalität und Gewalt. Aber von dem Konsumenten, der sich das anhört erwartet man dann Moral und Anstand und ehrliches Käuferverhalten. Ne, is klar, was ein richtiger Pimp ist, der killt Cops, vercheckt Crack und vermöbelt seine Bitches wenn sie nicht parieren, aber er kopiert selbstverständlich keine CDs und verabscheut illegale Downloads.

Eigentlich ist die Musikbranche spätestens seit den 60ern ein Widerspruch in sich. Rage against the machine, die Thomas mal genannt hat, sind doch wohl sogar ein Paradebeispiel: Vehement vorgetragene antikapitalistische Botschaft, transportiert über ein kommerzielles System. Ein echter RATM-Fan muss doch geradezu seinen Beitrag zur Mission leisten, indem er brennt und downloaded was das Zeug hält. Ein echtes Trojanisches Pferd...:D

Die Band war immer auch Pro-Napster. Im Jahr 2000 gab es eine Aktion, wo Epic Napster-Accounts von RATM-Downloadern sperren liess. Wie witzig ist denn das eigentlich. Geld verdienen durch Verbreitung revolutionären Gedankengutes, sich dann wundern wenn's Früchte trägt.

Es gibt auch die alte Geschichte, dass die Plattenfirmen in den USA der 60iger die Underground-Zeitungs-Szene praktisch zum erliegen brachte, als sie auf Druck der Regierung hin keine Anzeigen mehr dort schaltete, die wiederum die Haupteinahmequelle der Zeitungen waren.

Die Musikindustrie war also schon immer geprägt durch verschiedenste Widersprüche und Spannungsverhältnisse, aber sie hatte das "Monopol" der Musikverbeitung.

Herr, die Not ist groß! Die ich rief, die Geister,
werd' ich nun nicht los.


Gruß,

Uranus
 
Ich sage einfach, dass alle diese Probleme letztlich die gleiche Wurzel haben. Wir betrachten aber immer alle möglichen Probleme als unabhängig voneinander. Deshalb funktionieren die Lösungsansätze eben nicht. Wir bekämpfen lediglich die Symptome und die Krise der Musikbranche ist so ein Symptom. Ich kann keine Diagnose stellen und keine Therapie bestimmen, wenn ich nicht alle Symptome im Gesamtzusammenhang anschaue.

Das sag ich ja auch.

So speziell ist das Problem der Musikbranche nicht. Die Musikbranche hat eben das Pech, das ihre Ware nicht nur online bestellbar ist, sondern die Ware ist auch digital übertragbar.
Eigentlich ist das ein wunderbares soziales und wirtschaftliches Experiment: Man sieht, wie Konsumenten reagieren, wenn eine Ware kostenlos zur Verfügung steht. Hätte man solch ein Experiment geplant durchgeführt, hätten die "Menschenfreunde" sicherlich prophezeit, dass sich die Konsumenten bewusst und verantwortungsvoll verhalten. Wir sehen dass dies nicht so ist. Es zeigt sich, dass der Konsument kurzsichtig und egoistisch handelt. Er ist auf kurzfristigen Gewinn aus, obwohl er weiss, dass er den Kreislauf damit mittelfristig lahmlegt. Er legt genau das Verhalten an den Tag, dass er Politik und Wirtschaft vorwirft. Anscheinend handelt der Mensch also immer so, egal was er anpackt und egal wie verwerflich oder edel seine Motive aussehen. Die Probleme liegen sozusagen im Betriebsystem, nicht in der Anwendung. Insofern ist das Phänomen sogar von immenser Bedeutung.

Ja klar ... Nur ist diese kurzfristige Denk- und Verhaltensweise auch nicht verwunderlich, in einem völlig überschwemmten Markt. CD-Compilations wie die Bravo-Hits, der einstige Top-Seller, werden heute z. B. bei Amazon runtergemacht, wenn da teilweise schon "uralte" Titel drauf sind (damit sind dann gerade mal 1-2 Monate alte Songs gemeint). Ich habe noch eine alte Bravo Hits "Best Of '95" hier, und wenn ich mir da anschaue, was da so alles drauf war... Conquest Of Paradise, Adiemus, Wish You Were Here, I Wanna Be With You, Boombastic ... alles Titel mit extrem hohem Wiedererkennungswert, eingängige Melodien vor allem. Selbst wenn viele Eurodance-Produktionen auch künstlich gecastet waren: Die Titel kennt heute alle noch jeder, weil sie eben extrem melodielastig waren. Noch ein schönes Beispiel, was schon für 30 Jahren an Müll geschrieben wurde:

Ich bin verliebt in die Liebe
sie ist OK für mich
Ich bin verliebt in die Liebe
und velleicht auch in Dich.

Mal ehrlich: Genau genommen ist so ein Songtext noch viel blöder als das, was heute da veröffentlicht wird (von dem obszönen Mist à la "Schönster Ar*** der Welt" mal abgesehen). Aber diese alten Platten kann man heute immer noch mitschmettern in der Disco. Und heute? Wer kann sich noch an einen Hit von Overground oder US5 erinnern?

Die Musik ist rhythmuslastiger geworden, solche Songs wie "Put Your Hands Up For Detroit" funktionieren 1-2 Mal in der Disco, spätestens beim dritten Mal nerven sie aber derart, dass sie kein Mensch mehr hören will. Der Produktionsaufwand ist aber immer irgendwie derselbe, und diese Produktionskosten müssen irgendwie gedeckt werden. Die Pharmabranche wurde ja schon als Beispiel genannt. Da müssen auch durch den Verkauf von Medikamenten Unmengen an Entwicklungskosten reingeholt werden.

Wenn nun der Konsument den Markt voll in der Hand hat, aber nur die erste Medikamenten-Erscheinung bei einem Pharmakonzern kauft und das nächste Medikament dann einfach beim nächsten Hersteller usw., dann hätte diese Branche diese Probleme auch. Die Pharmabranche funktioniert nur deshalb, weil es eine überschaubare Anzahl großer Unternehmen wie Bayer oder Ratiopharm gibt, die jeder kennt.

Im Musikmarkt hat natürlich auch der Endkonsument alles in der Hand. Wenn der aber jeweils nur die Debütveröffentlichung kauft, danach den Star "uninteressant" findet und sämtliche weiteren Releases floppen lässt, um sich dem nächsten Musiker zuzuwenden, funktioniert das System einfach nicht mehr, weil es nicht klappt, dass jemand mit einem einzelnen, einmal entwickelten Produkt ein Leben lang ausgesorgt hat (es sei denn, die Erfindung ist etwas Lebensnotwendiges).

Noch zu GEMA: Es ist entsteht häufig ein äußerst eklatantes Missverhältnis zwischen dem Betrag, der für ein kleines Konzert unbekannter Künstler an die GEMA fließt und der Ausschüttung an die Künstler für exakt diese Konzert. Die kleinen Künstler halten also als Geldeintreiber für die Standardrepertoire-Autoren her, die vom gemeinen Alleinunterhalter um ihr Geld betrogen werden, weil dieser keine Listen einreicht.

Das ist mir natürlich bekannt.

Vor dem Pro-Verfahren, war eine andere Art der Ungerechtigkeit da, zu Gunsten der "Kleinen".

Ich kenne einen "kleinen" Musiker, der schon vor vielen Jahren (lange bevor das Internetproblem aufkam) aus der GEMA wieder ausgetreten ist, weil schon der Mitgliedsbeitrag teurer war als die Tantiemen, die er bekommen hatte. Daher behaupte ich mal, dieses Ungerechtigkeitsproblem gab es schon immer, je nachdem, in welcher Liga man sich befindet.

DJ Nameless
 
Hello again,

Thema Rage Against The Machine vs Pop will it itself noch mal kurz: die These am Anfang lautete "Popmusik ist dekadent, glamurös, lebensfern, egozentriert und komplett auf Geld ausgerichtet. Das wird den Kids vermittelt, und aus diesem Grund werden sie selber so und kaufen keine CDs mehr, sondern saugen sie." Das war die These zu Pop will eat itself. Die These zu RATM lautet jetzt: "Wenn die Musikindustrie sich ein antikapitalistisches, trojanisches Pferd in den eigenen Stall holt, dann muß sie sich nicht wundern, wenn die Konsumenten den Ansagen der Band folgen und Musik illegal saugen."
Wer den Widerspruch entdeckt kriegt ein Bier von mir.

Aber laßt uns mal etwas zurück zum eigentlichen Thread-Thema kommen. Wie stellt Ihr Euch den Musikmarkt im Jahr 2017 vor? Gibt es noch CDs, gibt es noch Plattenläden, wie entwickeln sich legale Downloads, welche Quellen hat der Musiker noch, um von seiner Musik zu leben? Was ich ganz spannend finde ist auch die Entwicklung des (sogenannten) Musik-Fernsehens. Ich geb morgen mal eine längere Vorlage, mit meinen Vorstellungen dazu, evtl auch mit einem Vorher-Nachher-Vergleich. Gute Nacht erst mal!
 
Wer den Widerspruch entdeckt kriegt ein Bier von mir.

Das ist kein Widerspruch. Ich definiere RATM nicht als Pop. Ich sage hier nur "Rock will eat itself too". Es läuft bei verschiedenen Zielgruppen anders, aber mit dem gleichen Ergebnis, die einen zahlen nicht mehr, weil sie kein Bewusstsein oder Interesse haben, die anderen WEIL sie es haben.

Ich versuche halt verschiedene Facetten zu Beleuchten. Das Phänomen ist halt nicht so einfach wie man es vielleicht gerne hätte bzw. ist eigentlich sehr einfach, aber einfache Erklärungen hört man ja auch nicht gerne. Ich kann dir das Problem exakt und mit genau einem Wort beschreiben: "Egoismus"

Aber laßt uns mal etwas zurück zum eigentlichen Thread-Thema kommen. Wie stellt Ihr Euch den Musikmarkt im Jahr 2017 vor? Gibt es noch CDs, gibt es noch Plattenläden, wie entwickeln sich legale Downloads, welche Quellen hat der Musiker noch, um von seiner Musik zu leben? Was ich ganz spannend finde ist auch die Entwicklung des (sogenannten) Musik-Fernsehens. Ich geb morgen mal eine längere Vorlage, mit meinen Vorstellungen dazu, evtl auch mit einem Vorher-Nachher-Vergleich. Gute Nacht erst mal!

Die düstere Version macht mir mehr Spass :D:

2017 ist China der Musikmarkt Nummer 1. Jeder produziert hauptsächlich für diesen Markt. Illegale Downloads und gebrannte CDs sind dort aufgrund bester intakter Zensur- und Überwachungsinfrastruktur kein Thema und werden mit rigiden Strafmassnahmen im Keim erstickt. Allerdings muss man sehr vorsichtig sein, da die chinesischen Plattenfirmen auch einfach nicht-lizenziertes Material in alle Welt verkaufen und das natürlich ohne Tantiemen. Die EU und USA sind machtlos und wollen sich nicht wegen eines relativ unbedeutenden Wirtschaftszweiges mit der größten Supermacht der Welt anlegen. Mit der hat man ganz andere Probleme.

Der Musikmarkt in D funktioniert gar nicht schlecht, sogar besser als heute. Musikpiraterie ist Vergangenheit. Alle elektronischen Kommunikationsvorgänge werden lückenlos protokolliert und automatisch ausgewertet. Historisch wichtiges Datum für diese Entwicklung war der 09.11.2007 als der Bundestag von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt die sog. Vorratsdatenspeicherung beschloss.

Physikalische Musikdatenträger gibt es nicht mehr, nur noch Datenträger mit Lizenzen. Drahtloses Breitbandinternet ist flächendeckend verfügbar und alle Abspielgeräte beziehen die Musik zum Abspielen von zentralen Servern von Phononet, die Musikdaten werden nur so lange wie nötig lokal gespeichert. Einige Ewiggestrige versuchen noch das Signal auf dem Weg zu den Lautsprechern analog einzufangen und auf analoges Tonband aufzunehmen. Auf CD brennen ist nicht, da Trusted Computing allgegenwärtig ist und jeder CD-Brenner vor dem Brennen von Audio-Dateien deren Lizenzstatus prüft.

Lokale Computer so wie wir sie kennen ,sind eh nur noch bei echten Nerds anzutreffen. Der Durchschnittsbürger greift online mit einem handlichen Endgerät hauptsächlich auf virtuelle Desktops zu. Er hat seinen Computer, das Betriebsystem und alle Anwendungen praktisch online, nur noch das Interface ist zu hause. Daher gibt es auch keine Software-Piraterie mehr. Hier und Hier findet man Beispiele, der bescheidenen Anfänge des Web 4.0, die historisch so um 2007 anzusiedeln sind.

Auch der Musiker produziert mit Online-Cubase. Wenn er Aufnahmen macht, werden diese im Hintergrund blitzschnell auf den Steinberg-Server hochgeladen. Beim Abspielen kommt ein Stream zurück und wird lokal gewandelt und abgehört. Der Musiker merkt bei dem ganzen Vorgang keinerlei Unterschied. Er kann sofort sämtliche auf dem Markt befindliche Software-Plugins und -instrumente in seinem Projekt testen und bei bedarf sofort während der Produktion online kaufen. Ist er mit der Produktion fertig, kann er online eine Phononet-Listung beantragen und man kann dann sofort von allen Endgeräten aus auf sie zugreifen.

Hobbymusiker, die noch 2007 mit jeder Menge gecrackter Software produziert haben, haben's deutlich schwerer. Das geht nicht mehr, da keine Anwendung mehr lokal ausgeführt wird und Steinberg natürlich volle Kontrolle über seine eigenen Server hat.

Welche Musik promotet wird - das ist immer noch der Schlüssel zum Erfolg - entscheiden nicht mehr herkömmliche A&R-Manager, sondern Marketingleute der branchenfremden Unternehmen, die den Musikmarkt in seiner Krise übernommen haben. Man setzt Musik und Künstler nicht nur gezielt für eigene Werbe- und PR-Zwecke ein, sondern auch allgemein, um die Masse in den äusserst unsicheren Zeiten bei Laune und auf Linie zu halten. Die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft investiert enorme Budgets in den Aufbau neuer Künstler. Ein Vielzahl bekannter Hits, gehen auf deren Konto, wie zuletzt der Uptempo-Kracher "Ich scheiss eh auf Rente" der nimmermüden Punk-Opas "Die Toten Hosen".

Gruß,

Uranus
 
Wie stellt Ihr Euch den Musikmarkt im Jahr 2017 vor?

Also die "düstere Version" von Uranus nehme ich mal nicht ganz ernst :)

Ich denke, CD's wird es weiterhin geben, wenngleich mehr Rohlinge als gekaufte Original-CD's. Dem MP3-Format gebe ich eine sehr lange Zukunft, und ich glaube, selbst die Vinylplatte wird sich in bestimmten Kreisen weiterhin halten wie jetzt auch.

Kopierschutzsysteme werden sicher in 10 Jahren nicht mehr auf dem Markt sein, weil bald auch der letzte Depp merken wird, dass JEDER Kopierschutz mittels Analog-Umwandlung ausgehebelt werden kann. Langsam merken es ja die Downloadshop-Anbieter auch schon. "Trusted Computing" wird sich nicht durchsetzen, weil es der Kunde nicht mitmachen wird. Das Zeug kauft einfach keiner. Virtuelle Desktops sind sicher für Firmen usw. eine interessante Sache (genau wie Netzwerktechnik heute), aber wohl kein Privatanwender wird z. B. Liebesbriefe, Bankkontodaten oder Ebay-Passwörter auf einem x-beliebigen Online-System ablegen, was sich ja doch recht leicht knacken lässt. So doof ist keiner ... und wenn, dann ist er selbst schuld. Gespeichert wird wohl weiterhin lokal auf Festplatte, CD-ROM, USB-Stick & Co.

Ich befürchte ernsthaft folgendes: Wenn die Konsumenten weiterhin fast nur noch Eintagsfliegen kaufen, ist es nicht mehr möglich, die teuren Produktionskosten durch Plattenverkäufe etc. zu refinanzieren. Daher glaube ich daran, dass es dann bald nur noch Hobby-Musiker geben könnte. Dadurch wird Musik, für die man viel Zeit braucht, komplett vom Markt verschwinden, als nächstes dann High-End-Studios, echte Profi-Instrumente, weil sich die Hobbyisten sich das nicht leisten konnten. Der Haupteinnahme-Bereich, nämlich die hochpreisige Ware, verschwindet, und die Frage ist, inwiefern die Hersteller nur von dem Billigkram überleben können.

Besser fände ich ja ein System, welches sicherstellt, dass die Musiker eben wenigstens ungefähr gerecht für ihre Arbeit bezahlt werden, was ja auch schon mal vorgeschlagen wurde. Der Haken: Es werden bei weitem nicht alle Musiker die Disziplin haben, mit Verstand ranzugehen und zu sagen: "Ich produziere nicht bewusst Schrott, nur um mein Grundgehalt zu kriegen". Das Gegenteil wird passieren, das wurde ja schon in der DDR im Kommunismus bewiesen.

Frage an Radio Eriwan: Was passiert, wenn in der Sahara der Kommunismus eingeführt wird? Die ersten zehn Jahre gar nichts. Dann wird allmählich der Sand knapp.

DJ Nameless
 
Also die "düstere Version" von Uranus nehme ich mal nicht ganz ernst :)

Sooo unernst war sie eigentlich nicht gemeint...


Kopierschutzsysteme werden sicher in 10 Jahren nicht mehr auf dem Markt sein, weil bald auch der letzte Depp merken wird, dass JEDER Kopierschutz mittels Analog-Umwandlung ausgehebelt werden kann.

Zu diesem Thema analog "Abgreifen" das nun schon öfter aufgekommen ist: Also ich nehme ein 128kbit encodiertes MP3 und wandle das - mit fragwürdigen Wandlern - nach analog, dann wieder nach digital. Dann muss ich evtl. von Hand schneiden und viele Encodieren dann wieder nach MP3 um Speicherplatz zu sparen. Beim Abspielen wird logischerweise nochmal von digital nach analog gewandelt, dann vielleicht wiederum datenkomprimiert gestreamt. DAS hat nun mit Hi-Fi nicht mehr das geringste zu tun. Kannst du mal so ein MP3 posten? Ich glaube auch, dass es vielen zu aufwändig ist, die Musik nur für den eigenen Konsum verwenden.

Ausserdem ist es durchaus im Bereich des wahrscheinlichen, dass das Signal in künftigen Abspielgeräten wirklich erst ganz am Ende im Lautsprecher gewandelt wird und nur noch mit Know-How und Bastelarbeit analog abgegriffen werden kann. Eine "nicht vom Hersteller vorhergesehene D/A-Wandlung" kann man auch flugs kriminalisieren, damit ist dann wenigstens dafür gesorgt, dass es keine professionellen Anbieter für entsprechende Gerätschaften gibt und die breite Masse das nicht tun kann.

Aber dann seh' ich schon Leute, die bei der Wiedergabe die Musik mit dem Headset-Mikro am Lautsprecher mono aufnehmen. Dann sind wir nur noch einen kleinen Schritt vom Soundstandard von Wachszylindern und Phonographen entfernt, die im Jahre 1877 erfunden wurden.

Dem MP3 an sich gebe ich aber nicht so lange, da Speicherkapazitäten und Übertragungsgeschwindigkeiten ja stets steigen. Ausserdem werden die Datenkompressionverfahren auch verbessert. Allerdings ist davon auszugehen, das sämtliche neueren Standards auch v.a. im Hinblick auf möglichst sicheres DRM gesetzt werden.

Langsam merken es ja die Downloadshop-Anbieter auch schon. "Trusted Computing" wird sich nicht durchsetzen, weil es der Kunde nicht mitmachen wird. Das Zeug kauft einfach keiner. Virtuelle Desktops sind sicher für Firmen usw. eine interessante Sache (genau wie Netzwerktechnik heute), aber wohl kein Privatanwender wird z. B. Liebesbriefe, Bankkontodaten oder Ebay-Passwörter auf einem x-beliebigen Online-System ablegen, was sich ja doch recht leicht knacken lässt. So doof ist keiner ... und wenn, dann ist er selbst schuld. Gespeichert wird wohl weiterhin lokal auf Festplatte, CD-ROM, USB-Stick & Co.

Da wäre ich wirklich nicht so "optimistisch", v.a. weil verschiedenen Interessengruppen das sehr gelegen käme. Ich glaube wirklich, das Software-Anbieter irgendwann keine lokal ausführbaren Programme mehr anbieten werden, auch aus Pirateriegründen. Der Privatanwender wird allein aus Kostengründen und Bequemlichkeit dazu tendieren und es wächst eine Generation nach, die mit den eigenen Daten völlig ungeniert umgeht. Gib dir mal die ganzen MySpace-Kiddies, aus öffentlichen Profilen kannst du oft das gesamte Privatleben rekonstruieren und selbst Halbnackt-Fotos gehören praktisch zum Standardrepertoire. Es scheint fast, als wüchse da sogar ein gewisser Daten-Exhibitionismus heran. Staat und Sicherheitsbehörden hätten natürlich auch ein großes Interesse an solch einer Entwicklung. Der Terror lauert ja schliesslich immer und überall und wird mit der Zeit sicher nicht weniger. Die Vorratsdatenspeicherung habe ich auch bewusst mit eingebracht, die wurde vor wenigen Tagen unter verhältnissmässigem Desinteresse der breiten Bevölkerung beschlossen. Den Leuten immer mehr Angst gemacht, und es findet damit automatisch eine Verschiebung der Prioritäten statt. Weg von Datenschutz und Privatsspähre, hin zu - vermeintlicher - Sicherheit. So wird man das den Konsumenten auch Verkaufen.

Und das "Ablegen" von Passwörtern oder Daten findet doch heute schon statt. Ich muss doch beim Online-Banking auch entsprechende Daten eingeben und das wird ja massenhaft genutzt. Da seh ich keinen Unterschied.

Ich befürchte ernsthaft folgendes: Wenn die Konsumenten weiterhin fast nur noch Eintagsfliegen kaufen, ist es nicht mehr möglich, die teuren Produktionskosten durch Plattenverkäufe etc. zu refinanzieren. Daher glaube ich daran, dass es dann bald nur noch Hobby-Musiker geben könnte. Dadurch wird Musik, für die man viel Zeit braucht, komplett vom Markt verschwinden, als nächstes dann High-End-Studios, echte Profi-Instrumente, weil sich die Hobbyisten sich das nicht leisten konnten. Der Haupteinnahme-Bereich, nämlich die hochpreisige Ware, verschwindet, und die Frage ist, inwiefern die Hersteller nur von dem Billigkram überleben können.

Möglich, aber man muss schon auch bedenken, dass die Produktionsmethoden ja auch optimiert werden. Eine Produktion geht heute schon in einem Bruchteil der Zeit der analogen Aufnahmen. In der Zeit, die man damals mit Bandspulen verbracht hat, spielt man heute einen Song ein.

Es gibt heute schon gutes Amp- und Instrumenten- und Signalprozessorenmodelling und das wird ja schon massenhaft eingesetzt. Ich glaube wirklich es kommt irgendwann der Zeitpunkt, wo diese Ansätze nicht nur dem Original gleichkommen, sondern sogar die neuen Standards setzen. Ich habe auch Grund zur Annahme, das man Algorithmen entwickelt, die Musik sehr gut mischen und Mastern. Ich will die technische Diskussion hier nicht vertiefen (und bitte auch keine darüber auslösen). Ich will nur sagen, dass es hier natürlich auch enorme Fortschritte gegeben hat und geben wird. Große Teile der Amateuraufnahmen und auch weite Teile dieses Forums würden sonst gar nicht existieren.

Wir stehen wirklich an einem merkwürdigen Scheideweg und keiner kann wirklich vorhersagen, ob sich das große Potential positiv oder negativ auswirken wird.


Gruß,

Uranus
 

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