Marillion / Misplaced Childhood / 1985 / CD

von Laguna, 25.06.07.

  1. Laguna

    Laguna Helpful & Friendly User HFU

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    Erstellt: 25.06.07   #1
    Hiho und wilkommen zu meinem ersten Review.

    [​IMG]

    Das 1985 entstandene Album "Misplaced Childhood" wurde mit der "alten" Besetzung der Band, also mit dem (genialen) Sänger Fish eingesungen.
    Obwohl Marillion mit ihren früheren Alben, da zu unzugänglich, zu verstickt und zu verworren, keinen Echten Zugang zum breiten Publikum finden konnte, ist Misplaced Childhood bzw. der darauf enthaltene Song Kayleigh im Grunde das, was die Band wirklich bekannt gemacht hat.

    Zu erwähnen ist auch noch, dass Marillion es schafft, die Songs fast alle (bis auf ein zwei Übergänge) fliessend ineinander übergehn zu lassen, aber das der Hörer trotzdem merkt, dass ein neuer Song anfängt! Absolut Top!
    Insofern kann es meiner Meinung nach nicht angehn, dass der Song Kayleigh auf fast allen Compilations der 80' alleine zu hören ist! Schande über die Produzenten!:rolleyes:

    Tracklist
    01. Pseudo Silk Kimono
    02. Kayleigh
    03. Lavender
    04. Bitter Suite
    05. Heart of Lothian
    06. Waterhole
    07. Lords of the Backstage
    08. Blind Curve
    09. Childhoods End?
    10. White Feather
    -----------------------------------
    41:12 Minuten Spielzeit

    Sound
    Der Sound ist typisch Mariollion, aber im Gegensatz zu Alben wie "Script for a Jester's Tear" doch etwas offener und zugänglicher.
    Am Besten kann Marillion mit alten Liedern von Genesis verglichen werden(z.B. Foxtrott)
    Für die Zeit damals aber erscheint mir der Sound ziemlich modern.
    An der Abmische des Albums bzw auch der Songs kann man nichts bemängeln.

    Songs

    Ich hoffe, die Marillion-Fans können mir verzeihen, wenn ich blos einige Songs behandel, da es sonst eindeutig den Rahmen dieses Beitrags sprengen würde.

    Pseudo Silk Kimono [2:14]
    Ein wunderschön schaueriges Key-Intro mit der unsagbar traurigen Stimme von Sänger Fish berichtet von einer "verlorenen Kindheit" und wie diese immer wieder in das hier und jetzt zurückschlägt, von dem Leid das daraus entsteht und wie man davon gezeichnet wird.
    Ich hab selten so ein eingehendes, bedrückendes, gänsehaut-erzeugendes Intro gehört. Als dann die Keys mit den wohl weltbekannten ersten Tönen zu Kayleigh einsetzen, löst sich eine Spannung... Unbeschreibbar!:great:
    Es wird wunderbar die vorherrschende Stimmung des Albums eingefangen!


    Kayleigh [4:03]
    Das wohl bekannteste Lied dieses Albums, wenn nicht sogar das bekannteste der Band.
    Dieses Lied handelt von einer verlorenen Liebe. Es ist Interpretationssache, ob es sich um eine Kindheitsliebe handelt, die den Erzähler verlassen hat (Umzug?Politische Systeme?) oder ob es sich um eine erwachesenenliebe handelt, in der der Erzähler sich nochmals als Kind fühlen durfte und einfach er selbst sein durfte.
    Es wird nochmal die ganze Beziehung in Gedanken durchlebt, die ganzen schönen Momente, die jetzt, angesichts der Trennung mehr sarkastisch oder schon fast als Vorwurf an Kayleigh verstanden werden können, warum es zur Trennung kam. ("Erinnerst du dich an...?")
    Am Ende steht jedoch keine Klare Antwort auf die Frage, wie es zu dem schmerzlichen Ende der Beziehung kommen konnte, sondern der Zweifel, ob es nur so funktionieren konnte, wie es eben war, oder letztendlich der zerstörerische Selbstzweifel, unfähig zu sein, eine Beziehung zu führen.
    Angefangen von der Melodie, dem Rythmus, dem Gesang, Anfangs passt alles zu der verschrobenen Stimmung aus dem Intro und zur Stimmung aus dem Song. Wenn dann der Refrain einsetzt wird eine Kraft frei, die man bis dahin nicht von dieser Band erwartet hätte. Das Solo ist traurig, aber dennoch kraftvoll, hin und hergerissen zwischen der Trauer des Verlusts und dem Willen, doch noch für die Liebe kämpfen zu wollen.
    Das für Marillion sehr kräftige Ende des Songs mündet in einer fast schon zerbrechlichen Melodie, die sich langsam zum Song Lavender aufbaut.

    Lavender [2:25]
    Ein etwas kürzerer Song, der sehr zerbrechlich anfängt, fast, wie ein Morgen nach einer durchgeweinten Nacht.
    Der Erzähler beschreibt seine Eindrücke von der Umgebung, wie an einem sonnigen Morgen Kinder auf einer Wiese umherrennen, spielen, singen sieht. Das Lied das sie singen, will er aufschreiben und quasi als Pfand dafür geben, zu erfahren, was seine verflossene Liebe denkt.
    Auch hier ist der Übergang zum nächsten Song Bitter Suite wieder absolut fliessend.

    Bitter Suite [7:56]
    Der meiner Meinung nach vielseitigste, verworrenste, traurigste aber auch schönste Song des Albums. Er ist in 5 Abschnitte Gegliedert.
    Nach einem fast schon an Tool anmutenden Intro wird in "Brief Encounter" auf das romantische Buch "die schwarze Spinne" angespielt. Doch diesmal ist die Spinne (im Buch Symbol für die Pest) keineswegs das Böse oder die Bestrafung Gottes, sondern die einzige vertraute eines einsamen, obskuren Künstlers (Marillion selbst gemeint?)
    Noch im ersten Teil wird die verwelkende Nelke (Symbol für Sozialdemokratie) beschrieben, die der Erzähler von seiner Liebe erhalten hat. Er wartet auf einen Anruf von ihr.
    In "Lost Weekend" wird eben von dieser Liebe erzählt, dass sie ein "wunderschönes Mauerblümchen" ist, von ihrem Vater aber als Hure abgestempelt wird, weil sie an einem Freitagabend in einem Club Sex hatte.
    Es folgt ein rythmisch wie melodisch komplexer Zwischenteil, der gehörig fahrt in das bis jetzt eher ruhige Lied bringt.
    "Blue Angel" handelt von der Begegnung des Erzählers mit diesem Mädchen in Lyon, die für ihn die "Magdalene" gewesen sein muss. Jedoch erzählt er auch klar von den Blessuren und den Psychischen Problemen (sie sagt ihm keinen Namen).
    Er selber, noch von der Trennung mit seiner Liebe zerstört, nimmt sie erst garnicht so wahr, sondern bezahlt sie für ihre Liebes-Dienste. Als er jedoch die Wörter "J'entend ton coeur" (zu deutsch : Ich höre dein Herz) hört, erinnert er sich wider an sein Herz...
    Es folgt eine deutliche Verlangsamung, ein Besinnen, die Realität holt den Erzähler ein, nachdem der Teil doch eher noch von dem berauschenden Liebesglück geprägt war.

    "Misplaced Rendezvous"
    Der Erzähler erkennt, dass auch diese Wochenendliebe nicht mehr von ihm will und besinnt sich zurück auf seine alte Liebe, der er einen Breif schrieb. Er erkennt, dass sie ihm nicht folgen wird, obwohl sie gesagt hat, das würde nie passieren. Wie aus Trance erwacht erkennt er, dass das ganze ein Deja-vu ist, da er das genauso mit seiner alten Liebe erfahren hat.

    "Windswept Thumb"
    Der Erzähler erkennt, dass er alt geworden ist, dass es spät geworden ist, aber dass er trotzdem, egal, wo er gerade steht, seinen Weg, seinen Umweg, egal wie verworren immer weiter gehen wird und das er als einziges Ziel den Regen (Schwierigkeiten, Nässe Kälte) immer erwarten wird, da der Regen seine Angewohnheit ist.

    Insgesamt ein absolut unbeschreiblicher Song mit unheimlich guter Stimmung, die getragen von der Musik zeitweise überkocht und zeitweise in sich zusammenbricht.


    Misplaced Childhood [4:33]
    Das wohl fröhlichste Lied des Albums. (ist mein Gute-Laune-Guter-Morgen-Song geworden ;-) )
    Die dunkelen Wolken der Vergangenheit sind endlich vergangen (und somit auch der Regen) Und obwohl der Erzähler um seine verlorene Kindheit trauert, die er schon für verloren glaubte, erscheint ihm sein früheres ich und zwar das Kind, das sich noch nicht verliebt hatte, das einst noch lachte... Das geschieht mit einer musikalischen Explosion, die man am Anfang des Songs (wieder mal) nicht erwartet hätte.
    In diesem Moment findet er sein verkorenes Herz wieder, er erkennt, dass er nichts davon hat, seiner Vergangenheit nachzurtauern, seiner unglücklichen Liebe.
    Er sieht ein, dass er seine Kindheit eigentlich nie verloren hatte, er hätte sich blos selber in die Augen sehen müssen, da dort alle Antworten auf seine Fragen versteckt sind.
    Er entdeckt in sich die neue kindliche Kraft, die er in der Asche seiner Erinnerung vergraben hatte.
    Es folgt ein ziemlich gut gemachter Übergang zum nächsten Lied White Feather. In diesem findet das Album einen würdigen Abschluss, da er dort mit all seinen Taten nach der Verlorenen Kindheit aufräumt, aber einsieht, dass das alles sinnlos war.
    Er schwört sich treue zu sich selber, er will keiner Nation mehr angehören, außer der Nation seines Herzens. Er sieht ein, dass es nichts bringt, sich für irgendwen oder irgendetwas zu verstellen, sondern dass man sich selbst und seinen werten treu bleiben soll.
    (Angelehnt ist das Lied an den Brauch, Deserteuren im Krieg 4 Weiße Federn zu schicken)

    Insgesamt liefert das Album einen absolut soliden Eindruck ab, von dem ich hier leider nur einen kleinen bruchteil wiedergeben konnte.(Wertungen hab ich mir erspart, für mich ist eh alles top!)

    Ich hoffe, ich kann einige Leute hier für dieses Album, ja vll. auch für die Band Marillion begeistern!
    Desweiteren freue ich mich über jegliche Art von konstruktiver Kritik! (ob als PN, als Antwort hier oder als Bewertung)

    So Far...

    Laguna Dessen Signatur übrigens auch von diesem Album stammt!;)
     
  2. Chip&Fish

    Chip&Fish Registrierter Benutzer

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    Erstellt: 16.11.08   #2
    Als ebenfalls Marillion Fan (seit 1984) kann ich dir die Conventions empfehlen.
    In 2009 findet wieder eine statt.
    Wer weiß, wie lange die noch spielen.
     
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