Neuer Frauen-Pop

von MVS, 19.11.07.

  1. MVS

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    Erstellt: 19.11.07   #1
    trotz der ver-timbaland-isierung des Pop und der zunehmenden (ekelerregenden) vermischung mit allen möglichen genres (bei rein kommerziellen absichten mit zumeinst grauenerregenden ergebnissen) GIBT ES TATSÄCHLICH noch gute pop-musik. und das vor allem von (jungen) damen, die hirn und herz haben.

    zunächst wäre da zu erwähnen:

    suzanne vega: beauty and crime, 2007

    nun ist suzie zwar nicht unbedingt mehr die jüngste, aber ihr neues album beauty and crime - mit einem neuen produzenten - ist dermaßen gut gelungen, dass man schon an eine "wiedergeburt" denken muss. frisch-fröhlich, ausgeglichen und so charmant wie selten präsentiert vega damit nach längerer abwesenheit ein come-back album, dass vielleicht sogar ihr bestes album überhaupt ist. es klingt nach sommer, nach VIEL goldener sonne, aber auch nach etwas melancholie, und ist eine liebeserklärung an ihre stadt new york und allem, was dort so passiert(e). von vega spricht man oft als dem ursprung des alternative folk der 80er, obwohl man "folk" nirgendwo in ihren werken finden kann (ebensowenig wie bei shawn colvin zum beispiel). vielmehr ist ihre musik wieder einmal eine klasse für sich, man könnte es vielleicht adult alternative nennen, wenn man schon eine kategorie finden muss. kurz um: höchst empfehlenswert.

    tina dico: in the red, far, notes

    der name dürfte einigen vielleicht geläufig sein, ist tina doch die stimme von zero 7 (wenn ich mich nicht irre). nach ihrer ep "far" legt sie mit "in the red" ein geniales album vor, dass an einfallsreichtum nichts mehr zu wünschen übrig lässt. hier verbinden sich eindeutig intelligenz mit eleganz, und die produktion ist so klar und gelungen, dass man eigentlich meinen müsste, frau dico würde zum internationalen superstar. das gegenteil ist aber der fall, leider. trotzdem arbeitet dico eifrig, und die ergebnisse können sich mehr als hören lassen: das album "notes" enthält frühere songs in alternativen versionen, die nicht weniger interessant sind. tina dico steht für eine traumhafte stimme, abwechslungsreiche und reichlich verwendete gitarren und nahezu perfekte produktion. stilistisch und musikalisch nicht unweit der ebenfalls interessanten

    maria mena: another phase, apparently unaffected, white turns blue

    die noch mehr zu bieten hat, als den ohnehin sehr gelungenen smash-hit "just hold me" (aus apparently unaffected). auch hier trifft sich eine traumhafte stimme mit musikalischem einfallsreichtum, wie dico geschmackvoll produziert, ohne hektik, ohne ekelhaftes nelly-furtado-syndrom, einfach nur musik machen und los gehts.

    anne heaton:

    independent-künstlerin, deren alternative-rock-folk-pop durch ihr hervorragendes klavier und großartige vokal-arrangements besticht.

    charlotte martin: on your shore, stromata, reconstructions

    die mit einem cover von den rolling stones ("wild horses") einen dermaßen vom hocker reißt: sie mit ihrer überwältigenden ausdrucksstarken stimme, dazu ihr wundervolles klavierspiel, solo ohne irgend was, dermaßen erschütternd dass einem die spucke wegbleibt. auf ihrem ersten lonplayer "on your shore" begeistert sie mit dynamischen songs mit viel klavier und schlagzeug, auf ihrem zweiten, "stromata" geht sie mehr in die electro-richtung, und auf "reconstructions" legt sie ähnlich geartete cover-versionen vor. charlotte martin hat tori amos längst den rang des typical-girl-with-the-piano abgelaufen, und verdammt hübsch ist sie noch dazu.

    laura veirs: carbon glacier, year of meteors, saltbreaker

    (anti-)folk sondergleichen, bei deren genialität durch simplizität (man könnte sagen reduktion statt produktion) mir der mund sperrangelweit offen bleibt.


    kurzum: es gibt noch guten pop, man muss ihn nur finden können. und zur zeit sind es offenbar gerade junge songwriterinnen, die das rennen machen, auch abseits von youtube-phänomenen wie kate nash oder der auch netten colbie caillat.
     
  2. MVS

    MVS Threadersteller Registrierter Benutzer

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    Erstellt: 20.11.07   #2
    hinweis: ich mache hier nicht wirklich werbung (naja, ein wenig). vor allem möchte ich dem einen oder anderen, der ohne erfolg nach guter pop-musik sucht, den einen oder anderen hinweis geben, wo diese zu finden ist. denn es gibt sie. noch.

    Anne McCue: Koala Motel (Anspieltipp: Driving down alvarado)

    aus australien stammt dieses interessante geschöpf, dass sich irgendwo in der schnittmenge von nanci griffith und den dire straits aufhält, so seltsam das auch klingt. aber vielleicht sind australierinnen ja gern etwas seltsam. schon der erste track des albums "driving down alvarado" klingt ruppig in der stimme, etwas nach "halt abstand sonst bekommst eine auf die fresse", musikalisch etwa so als hätten sich dire straits "walk of life" und irgend ein tango miteinander vermischt. danach geht es folk-rockig weiter. mccue glänzt mit unerwarteten akkord- und harmoniewechseln ohne ende. die produktion klingt nicht ganz so klar wie bei tina dico zum beispiel, aber so bodenständig wie billy joels letztes album "river of dreams" (was vor allem am schlagzeug liegt). normalerweise fällt es mir leicht, einem album eine jahreszeit zuzuordnen, aber hier tu ich mir schwer, am ehesten passt das ganze zum herbst. nicht, weil viel country und folk darin ist, sondern weil das gros der songs eher langsam daherplätschert (in einem sehr positiven sinne aber). balladesken wiegen sich hier sanft im spätsommerwind wie blätter auf einem baum, zauberhaft bisweilen, gewöhnungsbedürftig aber auf jeden fall. songlängen liegen gern weit über vier minuten - kurz: für jeden, der etwas mehr zeit hat, als der top-40 fan.

    Cara Dillon: After the Morning (Anspieltipp: I wish you well, The streets of Jamie)

    wenn wir von jahreszeiten sprechen, ist dieses album eindeutig für den frühsommer bestimmt. cara dillons zarte, bezaubernde stimme, fragiler gitarrenpop mit wenig drum herum, beschränkung auf das wesentliche. carla bruni hat zwar schon ein englisches album aufgenommen, aber hätte sie es nicht, könnte man fast glauben, cara dillon wäre eine gute freundin von ihr. musikalisch-melodisch erinnert sie oft an irische volksweisen, aus dessen fundus sie reichlich schöpft, anstatt dudelsack kommt aber das klavier zum einsatz, das gitarre und schlagzeug begleitet. fazit: höchst bezauberndes und intelligentes cross-over zwischen irischer folklore und pop, ausnahmsweise gelungen.

    Colbie Caillat: Coco (Anspieltipp: Bubbly, Battle)

    noch so ein you-tube phänomen, aber diesmal ausnahmsweise keine sandi thom, sondern jemand echtes. wer "bubbly" noch nicht kennt: also wenn DAS nicht bezaubernd ist. colbie caillats gitarren-bass-klavier-pop ist zwar dann und wann etwas zu zuckrig, aber in einer dermaßen verhiphopten poplandschaft ist sonniger urlaubsgitarrenpop mit inselfeeling auf bestellung eine wahre erholung. dermaßen unaufgeregt und entspannt war ein debüt schon lange nicht mehr. stimmlich erinnert sie teilweise durchaush an tina dico, musikalisch zeitweise an dido (und rollo armstrong) oder minnie drivers erstes album (nur mit besserer tontechnik).

    Ilse DeLange: The Great Escape (Anspieltipp: The Great Escape)

    das ist wohl eher etwas für die erwachsenen. delange am treffpunkt von funk, soul, jazz und pop, stimmlich erinnert sie mich sehr an die wunderbare biggi binder, kraftvoll, aber bescheiden, wenn es notwendig ist. auffällig ist übrigens die rms-lautstärke des albums ... aber naja, mastering für marketing. musikalisch immer interessant zwischen konventioneller produktionsweise und kleinen experimenten für zwischendurch. wer sich alanis morissette mit der stimme vorstellen kann, die irgendwo zwischen cyndi lauper, kim carnes und bic runga liegt, sollte sich ilse delange anhören.

    Kasey Chambers: Barricades and Brickwalls (Anspieltipp: Not Pretty Enough), Carnival (Anspieltipp: Railroad)

    wenn man stimmlich verschlampt klingen kann, muss es kasey chambers sein. sie klingt immer etwas verschlafen (oder versoffen, wer weiß das schon), und vielleicht macht gerade das den reiz von kasey aus. stilistisch sehr an anne mccue erinnernd.

    Keri Noble: Fearless (Anspieltipp: If no one will listen)

    keri noble gehört wie charlotte martin und anne heaton zu den absoluten ausnahmephänomenen. meist begleitet sie sich selbst und produziert sich auch selbst. von ihr ist außer dem regulären album "fearless" eigentlich "nur" demo- oder ep-material vorhanden, und auch das nicht im handel, sondern nur über ihre webseite. dabei ist keri noble ein absolutes genie, gesanglich, melodisch und auf dem klavier. auch hier ist wieder reduktion statt produktion die devise, viele balladen, viel gefühl und vor allem: ehrlichkeit.

    Nerina Pallot: Dear Frustrated Superstar (Anspieltipp: Jump, Alien)

    wäre nellie mckay kommerzieller und poppiger, hieße sie zweifellos nerina pallot. zwischen todernst und zum brüllen komisch sind sowohl texte als auch die musikalische ausgestaltung ihrer kleinen perlen. hier eine zeile aus jump: "go on and jump, give it a try, checking the parachute, see if it flys, i don't care if i should fall: i'll never bruise. go on and jump, give it a try, don't call the ambulance, i'm still alive, and if i should break my neck i'll make the news". hört man ihr nicht zu, könnte man meinen, dass hier eine barbie singt, aber dann kommen plötzlich wörter wie "mean motherfuckers" oder "bitches" und schon ist man wieder hellhörig (nicht wahr?).

    Paula Cole: Courage (Anspieltipp: El Greco, Lovelight)

    nach ihren ersten drei alben in einer schlimmen familiären krise hatte sie eigentlich beschlossen, sich aus dem musikgeschäft zurückzuziehen. aber vielleicht ist eine frau mit dermaßen überbordender kreativität und genialität einfach nicht geschaffen, KEINE musik zu machen. ob ihr neues album courage aber an ihre früheren erfolge anknüpfen kann ist fraglich, fehlt doch das treibende, hektische, das dirty-angry-little-girl, dass ihre ersten drei alben so ausgezeichnet hat. vielleicht erkennt man an diesem album, wie sehr persönliche krisen eine künstlerin verändern können. und auch das ist sehr viel wert für den, der gewillt ist, sich damit auseinanderzusetzen.

    Vienna Teng: Dreaming through the noise (Tipps: Transcontinental 1:30 AM; Love turns 40), Waking Hour (Tipps: Gravity, Daughter, Decade and one), Warm Strangers (Tipps: Feather Moon, Harbour)

    wenn ich vorher schon von intelligenz oder genialität sprach: vienna teng multipliziert das ganze noch mal. die ausgebildetet informatikerin arbeitete einige zeit bei cisco, bevor sie sich ganz ihrer musik widmete - gott seis gedankt. so viel gutes kann man gar nicht über sie schreiben, dass es ihr gerecht würde, darum lass ich es. ich sage nur soviel: sie ist das ultimative meisterwerk in jeder hinsicht.
     
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