@The_Dark_Lord - gibt es vergleichbare Erklärungen auch in einem deutschen Video, oder muss ich mal wieder nach Wien kommen?
Wir haben dazu ein paar Blog-Posts für die
Website vorbereitet, die sollten dann bald der Reihe nach online gehen.
So technisch versierte Reviewer wie The Headphone Show gibt es im deutschsprachigen Raum aber nicht (und auch kaum anderswo).
Tun wir mal kurz so, als wäre eine im Ohr perfekt umgesetzte Harman Kurve wirklich der beste Weg etwas "neutral" zu hören.
Das ist nicht ganz das was unser Kopfhörer macht, aber der Unterschied ist marginal.
Oder anders formuliert: die Hörtests die wir in den letzten 5 Jahren durchgeführt haben mit dem Ziel eine neutrale Klangwiedergabe für Studiokopfhörer zu quantifizieren, kamen zu einem sehr, sehr ähnlichen Ergebnis wie Sean Olive.
Was jetzt eigentlich nicht verwunderlich sein sollte für jeden der sich die Forschungsergebnisse mal genauer angesehen hat (das meiste kann man in der AES e-Library nachlesen).
Ausserdem wissen wir, das die Art wie ein Kopfhörer abdichtet einen großen Einfluss darauf hat, wie das Ohr die im Kopfhörer als Quelle vielleicht noch veränderte (also Non-Harman) Kurve wahrnimmt.
Vor allem im Bassbereich, genau. Bei geschlossenen Kopfhörern (bzw allen Kopfhörern mit geschlossenem Frontvolumen, auch wenn das Rückvolumen offen ist) sollte man den Bass deshalb immer an die eigene Präferenz anpassen (auch wenn die "Präferenz" in dem Fall durch die Anatomie / Haare / Bart / Brille beeinflußt wird).
Bis zu 6 dB an Bass kann da verloren gehen bei "normaler" Benutzung (zB als Brillenträger).
Gibt es keinen sinnvollen Weg, das dann am individuellen User zu messen? Mit dieser Messung könnte jeder Nutzer zumindest mal sein "persönliches NULL" als EQ Profil hinterlegen.
Aufgepasst - hier sind zwei Dinge relevant:
- Welchen Schalldruck-Frequenzgang erzeugt der Kopfhörer an deinem Ohr
- Welchen Schalldruck-Frequenzgang soll der Kopfhörer an deinem Ohr erzeugen.
Ersteres ist verhältnismäßig leicht zu messen, man braucht nur ein Mikrofon das im Ohrkanal positioniert werden kann. Ein paar Feinheiten muss man aber noch beachten: Das Ohrkanal-Volumen soll dabei nicht beeinflußt werden, man braucht also ein Mikrofon das den Ohrkanal nicht blockiert, ansonsten sieht der Kopfhörer die falsche akustische Last und der Lautsprecher bewegt sich tatsächlich anders.
Also: man braucht ein so-genanntes "Open-canal in-ear" Mikrofon. Mit einer 3mm Elektret-Kapsel und einem 3D-Drucker lässt sich das realisieren. Kostet etwa 5€ an Material.
Das eigentliche Problem ist aber der zweite Punkt: Wenn ich den Frequenzgang an deinem Ohr gemessen habe weiß ich immer noch nicht, wie der Frequenzgang an deinem Ohr eigentlich aussehen soll - es fehlt die Referenz!
Bei Lautsprechern ist das verhältnismäßig einfach: Der Frequenzgang eines Lautsprechers sollte flach sein (eine möglichst gerade Linie). Das ist nicht ganz leicht zu messen weil man die Reflexionen rausrechnen muss, aber auch das ist möglich.
Bei Kopfhörern ist das eben nicht so leicht, weil ein tatsächlich flacher Frequenzgang (selbe Schalldruck-Amplitude bei allen Frequenzen) ganz eindeutig
nicht das Ziel ist, egal wie gemessen wird: Nicht im Freifeld, nicht am Trommelfell, nicht am Ohrkanal-Eingang, nicht am Ohr-Referenzpunkt, nicht am Ohrsimulator. Es gibt keinen Punkt an dem ein richtig klingender Kopfhörer einen völlig flachen Frequenzgang erzeugt.
Das heißt, wenn wir die Messung die wir an deinem Ohr durchführen auch bewerten wollen ("bei welchen Frequenzen ist es zuviel, wo ist es zuwenig..."), brauchen wir eine Referenz.
Man könnte jetzt sagen man misst einfach die eigenen Lautsprecher im eigenen Studio mit seinem Ohr - und das würde auch funktionieren. Richtig
gut funktionieren tut das aber nur, wenn die eigenen Lautsprecher und der eigene Raum völlig fehlerfrei sind. Und wer hat schon die perfekten Lautsprecher, Hand aufs Herz?
Der übliche Weg ist es, hier auf die Diffusfeldtransferfunktion (DFTF) zurückzugreifen - die beschreibt den Frequenzgang wenn der Schall aus allen Richtungen mit gleicher Amplitude am Ohr eintrifft. Das kann man in einem Hallraum messen, genauer geht es aber wenn man die eigene HRTF vermisst (mit dem selben open-canal in-ear Mikrofon!) und daraus die DFTF berechnet (gewichteter RMS Mittelwert).
Was uns zur Frage bringt: Wie misst man die HRTF?
Und da ist die Anwort: Sowas misst man nicht zuhause. Das ist
enorm schwierig, selbst unter Laborbedingungen.
Die Kurzfassung also: Es ist
sehr, sehr, sehr leicht, beim Messen der persönlichen Referenz (ob jetzt über eigene Lautsprecher oder über HRTF->DFTF) einen Fehler einzubringen. Es ist sogar unvermeidbar - die Frage ist nur wie groß der Fehler ist.
Leider zeigt die Erfahrung dass dieser Fehler
sehr schnell gleich groß ist wie der "Fehler" (also der Unterschied) zwischen einer Messung auf
deinem Kopf und einer Messung an einem standardisierten Kunstkopf.
Und wenn man nicht garantieren kann dass das Messergebnis genauer ist als das Messergebnis mit einem Kunstkopf, dann ist es ganz offensichtlich den Aufwand nicht wert.
Also: Komm nach Wien ans
Institut für Schallforschung und lass dort deine HRTF messen, dann komm zu uns ins Labor und wir messen den Kopfhörer an deinen Ohren
Um also die Frage direkt zu beantworten: nein, einen
sinnvollen Weg gibt es nicht, das direkt am User zu messen.
Man bekommt zwar sehr schnell ein Ergebnis, hat aber keine Möglichkeit dieses Ergebnis zu bewerten.
Das gilt ganz allgemein für alle Kopfhörer, nicht nur für den LW6.
Kopfhörer sind immer ein Kompromiss - man kann mit vertretbarem Aufwand sehr viel machen (zB mit standardisierten EQ presets zum linearisieren) und sehr viel verbessern, aber um auf 100% zu kommen bedarf es absurd hohen Aufwand.