Viele Dur - Akkorde, Eine Tonleiter?

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Dshan
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Hallo zusammen,

bei meinen Versuchen mich mit Harmonielehre auseinander zu setzen sind mir in letzter Zeit einige Songs unter gekommen, die ich nicht einordnen kann.
Es geht um Songs, die mehr als drei Dur - Akkorde enthalten.
So wie ich es laut Stufentheorie verstehe lassen sich auf den sieben Stufen drei Dur - Akkorde, drei Moll - Akkorde und ein verminderter Akkord bilden. Vorausgesetzt wir wollen diese mit leitereigenen Tönen bilden. Das ist in der Praxis aber nicht immer (oder sogar meist nicht?) der Fall.

Beispiele:

The air beneath my fingers - White Stripes; Akkordfolge: A, C, G, D.
Etliche Kings of Leon Songs z.B. Four Kicks; Chorus: E, G, C, D. Außerdem im Soloteil ein A und in der Bridge ein A#

Wenn ich bei letzterem alle enthaltenen Töne zusammen nehme, komme ich auf: c, d, e, f, g, g#, a, a#, b, c#

Welche "Logik" steckt hinter solchen Akkordfolgen?
Wie kann ich diese theoretisch aufbauen / greifbar machen?
Und wie bestimme ich die Tonart um z.B. passende Bassläufe zu schreiben?

MfG

Dshan
 
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Vorausgesetzt wir wollen diese mit leitereigenen Tönen bilden.

Eben. Und das will fast Keiner ...

Deswegen werden in der Regel außer den datonischen (leitereigenen) auch chromatische (leiterfremde) Akkorde verwendet.

Wenn man es kompliziert sehen will, dann geschieht dies durch MI (Modal Interchange): Man "borgt" sich einen Stufenakkord einer anderen Tonleiter aus. Zum Beispiel: Tonart C-Moll. V wäre (in äolisch) Gmoll. Da aus verschiedenen Gründen aber ein Durakkord als V bevorzugt wird (Leittöne), borgt man sich die V von einer Tonart aus, in der die V REGULÄR ein Dur-Akkord ist: C harmonisch moll. Da kommt ein G-Dur als diatonische V vor, und die borgt man sich aus ...

Wie gesagt, man kann es auch einfacher sehen: Bilde auf jedem Ton der Tonleiter einfach einen Dur- oder Moll-Dreiklang, oder auch einen halbverminderten oder verminderten, wie es Dir paßt ... es gilt nur, das Ganze logisch weiterzuführen ...

LG, Thomas

---------- Post hinzugefügt um 11:48:03 ---------- Letzter Beitrag war um 11:44:59 ----------

Und wie bestimme ich die Tonart um z.B. passende Bassläufe zu schreiben?

Nur mit dem Ohr! Bei welchem Ton findest Du am ehesten das Gefühl, ahh, da bin ich daheim, der ist Ausgangs- und Kernpunkt des Ganzen, zu DEM steht alles irgendwie in Beziehung ... ? Das sollte der GRUNDTON sein. Dann noch prüfen, ob die I Dur oder Moll ist, und schon hast Du die Tonart ...

Thomas
 
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Und wie bestimme ich die Tonart um z.B. passende Bassläufe zu schreiben?

Gar nicht. Einen einfachen, aber effektiven Bass schreibst Du ganz gut mit Grundton und Quinte.
Riffs wirken besser mit wenig Tönen bei guter Rhythmik. Für Bassisten ist es entscheidend, mit dem Drummer "tight" zu spielen. Es macht daher Sinn, sich das Metronom einzuschalten und eine regelrechtes Repertoire an rhythmischen Figuren drauf zu schaffen.

Als nächstes Kapitel würde ich die Beschäftigung mit "Approach Notes" empfehlen. Erst die chromatischen, dann auch diatonisch. Schon mit ein wenig Erfahrung bei der effektiven chromatischen und diatonischen Annäherung an wichtige Töne und sowie das "Umspielen" von Akkordtönen durch doppelt und dreifach Approaches kommst Du relativ schnell recht weit.

Außerdem gibt es einige nützliche Cliché-Figuren wie z.B: 1 2 3 5... (z.B: C D E G...). Ausgiebiges Spielen von Akkordbrechungen (Arpeggios) kommt auf dem Bass nicht sehr gut, wenn man begleiten soll. Versuche zunächst lieber mit wenig "Bewegung" auszukommen, also nicht andauernd das Griffbrett abarbeiten oder möglichst viele Töne pro Zeiteinheit zu spielen (Achteltriolen, Sechzehntel), wenn ein Anderer gerade sein Solo spielen will.

Ein optimales Lehrwerk dazu den richtigen Tönen auf dem Bass, ohne "Skalen" zu pauken wäre Ed Friedland, Building Walking Bass Lines. Es gibt auch eine Fortsetzung dazu, nur Rhythmik kommt im Heft leider nicht vor.
"Läufe" als Bewegung von einem Akkord zum Anderen funktioniert mit diesem Konzept ausgezeichnet.

Bei richtigen Solos spielt man eigentlich nach Gehör und was man bereits gelernt hat, zum Überlegen ist da bekanntlich keine Zeit.

An Skalen würde ich zunächst die Beschäftigung mit der Dur/Moll Pentatonik vorschlagen, damit kann man sehr viel anfangen und außerdem verheddert man sich nicht so schnell in der ausgeprägten Funktionalität von Skalen mit mehr Tönen.
Es bei Pentatonik nämlich keine Rolle, welche Funktion dein Akkord in einer Kadenz hat (z.B. Tonika, Subdominante opder Dominante). Durch pentatonische Substitutionsskalen bekommst Du außerdem bei wenig Aufwand reichlich Farbe ins Spiel.

Viele Songs lassen sich durch die Stufentheorie beschreiben, aber oft nur in ihrer erweiterten Form und nicht nach den "strengen" Regeln, die in der tonalen Klassik einst erarbeitet wurden.

Daher macht es Sinn, sich bei Interesse mit der Akkordskalentheorie zu beschäftigen, die sie seit den 50ern für die Analyse des Jazz entwickelt wurde und seit den 80ern auch stark zunehmend in Pop- und Rockmusik Anwendung findet.
Als Theoriebücher wird dafür häufiger Frank Sikora - Neue Jazz-Harmonielehre empfohlen (beachte auch die PDF auf den beiliegenden CDs).

Etwas knapper formuliert und noch mehr auf die praktische Anwendung konzentriert ist der Stoff bei Fritsch, Kellert, Lonardoni - Improvisieren.

Die effektivste Unterrichtung in Approach Notes fand ich in Philipp Moehrke - Jazz Piano Improvisation Concepts. Darin geht es um Single Lines, Pentatonik und Approach Notes, es passt also auch für Nicht-Pianisten perfekt.
Optimalerweise spielt man sich einfach anhand der beiliegenden CD durch die Übungen, für Notfälle liegt aber ein "Lösungsheft" bei, falls man total auf dem Schlauch steht.
 
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Wow vielen Dank für die nützlichen und ausführlichen Antworten.
Sikoras Jazz-Harmonielehre besitze ich sogar. Hatte ich aber vor erst zur Seite gelegt, da es doch ganz schön starker Tobak ist und ich damals nicht mal Grundlagen hatte was Musiktheorie angeht. Bin gerade mal durch Inhaltsverzeichnis und Glossar geflogen konnte dort aber zu "Approach Notes" nichts finden. Gibt es dazu auch einen deutschsprachigen Begriff? Daran könnte es liegen, dass ich nichts gesehen habe.

Mit der Pentatonik hab ich mich schon eingehend beschäftigt. Das ist der Grund warum ich mich wieder vermehrt mit Harmonielehre beschäftige. Ich hab mich nur all zu sehr an die Einfachheit der Pentatonik gewöhnt und versuche jetzt aus dieser wieder "aus zu brechen". Das gestaltet sich aber schwierig. Mir fehlen irgendwie die Anknüpfungspunkte, bzw. das Ganze ist doch recht unübersichtlich.

Gibt es Bücher zur Akkordskalentheorie, die sich speziell mit Rock und Pop und eben nicht mit Jazz auseinander setzen?
Habe dahingehend schon mal unsere Musikabteilung in der Uni Bib durchwühlt, aber nur Material zu Musikgeschichte oder lyrischer Analyse gefunden.
 
Mein Tip für (fast) alle musikalischen Lebenslagen: Halt Dich an die Akkorde und deren Töne. Auch - und gerade - wenn es komplete Akkorde sein sollten.

Für approach-notes weiß ich jetzt auch keinen deutschen Begriff, aber übersetze es mal wörtlich .... das kommt dem Sinn doch schon so nah wie möglich: Annäherungs-Töne ...

---------- Post hinzugefügt um 21:01:46 ---------- Letzter Beitrag war um 20:57:44 ----------

Gibt es Bücher zur Akkordskalentheorie, die sich speziell mit Rock und Pop und eben nicht mit Jazz auseinander setzen?

Für Rock und Pop dürfte - Achtung: Arges Klischee - die "Diatonik der Durtonleiter und der Molltonleiter" genügen. Aber ernsthaft ... geh´ einfach von den Dreiklangstönen aus, die fehlende dazwischen such´ Dir nach dem Gehör. Das funktioniert bestimmt.
 
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...Gibt es Bücher zur Akkordskalentheorie, die sich speziell mit Rock und Pop und eben nicht mit Jazz auseinander setzen?

Auf dem neuesten Stand bin ich auf diesem Gebiet leider nicht. Die Wikipedia Artikel (Links am Ende beachten) sind auf jeden Fall ein guter Einstieg, auch http://www.jazzguitar.be liefert Einiges an Informationen.
http://de.wikipedia.org/wiki/Jazzharmonik
http://de.wikipedia.org/wiki/Akkord-Skalen-Theorie
http://en.wikipedia.org/wiki/Jazz_harmony
Es gibt sehr viele weitere Internetseiten, die auf das Thema eingehen.

Akkordskalentheorie mit Anwendungen aus dem (Hard&Heavy)-Rock kenne ich nur von DVDs der Lick Library, im praktischen Bezug allerdings auf die Gitarre spezialisiert.

Nur, damit Du keine Zeit verschwendest: es ist nützlich, wenn ein improvisierender Musiker viele Skalen geübt hat, in gehörter Musik wiedererkennt und unbewusst für seine Ideen abrufen kann.

Umgekehrt wird man durch fleissiges Skalen üben oder Wissen aus der Harmonielehre aber noch lange kein improvisierender Musiker.

Das geht am besten über den Weg, das Gehör beim Spielen ganz praktisch zu entwickeln, das heißt:
Singen - Spielen.
Lieber etwas einfacher, aber dem Gehör folgend spielen. Das erspart auf Dauer eine Menge Frust und man entwickelt sich musikalisch weiter.

M.E. ist es für das Gehör sehr nützlich, Skalen auch modal zu üben, wie es einige Autoren vorschlagen.

Skalentraining: der allererste Schritt würde darin bestehen, neue Modes oder Tonleitern nur bis zum fünften Ton zu spielen.

Dann durch den "Quintenzirkel rückwärts" üben, also in fallenden Quinten/fortschreitenden Quarten des Grundtons. Das ist die wichtigste kadenzeille Bewegung überhaupt, weil sie dem Ohr jeweils den neuen Grundton vermitteln kann.

Wenn das klappt, werden die Skalen auf den vollen Umfang erweitert und wieder rund um den Zirkel geübt. Damit sind die Durtonleitern in allen Tonarten verfügbar.

Nun folgt eine kadenzielle Abfolge
D dorisch, G mixolydisch, C ionisch, F lydisch, A aeolisch, E phrygisch, B lokrisch (B = dt.H)
Das sind natürlich immer die gleichen Töne der C Dur Tonleiter, nur von einer neuen Stufe beginnend. Man kann es deshalb auch als Umkehrungen der C Dur Tonleiter sehen.

Schließlich folgt das modale Üben der Skalen, hier am Beispiel C
Cdorisch, C mixolydisch, C ionisch, C lydisch, C aeolisch, C phrygisch, C lokrisch
In dieser letzen Form werden die Qualitäten der Skalen dem Ohr viel deutlicher vermittelt als beim üblichen diatonischen Üben. Wahrscheinlich schreibt man sich die Übung erst einmal auf.
http://www.jazzbooks.com/mm5/download/FREE-scale-syllabus.pdf

Sikora sollte man m.E. extrem aufmerksam lesen, um das Buch richtig ausschöpfen zu können. Deshalb gab ich auch meinen Tip zu einfacher/handfester unterrichtenden Büchern/Heften wie Fritsch et al. oder Moehrke.

...Sikoras Jazz-Harmonielehre ...konnte dort aber zu "Approach Notes" nichts finden.

Auf die Schnelle nachgeguckt: einen Abschnitt zu Approach Notes (Annäherungstöne) findet sich bei Sikora z.B. auf den Seiten 524ff unter dem Begriff "Licks & Tricks - Chromatik".

...Ich hab mich nur all zu sehr an die Einfachheit der Pentatonik gewöhnt

Pentatonik an sich ist einfach, ihre musikalisch fortgeschrittene Anwendung ist es aber nicht, vergl. Sikora, S. 522.

Pentatonik bedeutet eben nicht nur, C D E G A über C Dur und A C D E G über A Moll bzw. eine von beiden über das gesamte Key Center C zu spielen.

Wenn dir Möglichkeiten der Pentatonik wie dort beschrieben bereits voll verfügbar wären, gäbe es diesen Thread wahrscheinlich gar nicht. :D
 
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