3. A. Plot/Handlung weiterentwickeln

von x-Riff, 02.09.06.

  1. x-Riff

    x-Riff Helpful & Friendly User HFU

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    Erstellt: 02.09.06   #1
    Plot/Handlung weiterbringen

    Die Idee für den Text habt Ihr. Einige Textzeilen stehen und Ihr wisst oder ahnt vielleicht schon, um was es insgesamt in dem Text gehen soll. Ihr habt ein paar Personen - das lyrische Ich auf jeden Fall (siehe Erzählperspektive) und vielleicht ein paar weitere Personen - bei einem Liebeslied die angebetete Person, Neider oder Konkurrenten - so etwas in der Art.

    Möglicherweise habt Ihr auch schon die Zeit, in der es geschrieben werden soll oder stattfindet: Passiert es im Moment, ist es eine Erinnerung oder passiert es in der Zukunft. Oder es gibt schon so etwas wie eine Abfolge von Ereignissen, die deutlich machen, um was es geht, was wann passiert und worauf es hinausläuft. Das ist dann schon der ideale Übergang zu dem, um das es in diesem Abschnitt geht:


    Plot und Handlung
    Jetzt wird es Zeit sich um etwas zu kümmern, das bei vielen guten songtexten ein wichtiges Element ist: die Handlung oder der plot. Was ist das eigentlich?

    Zunächst sind dies wichtige Ereignisse, Handlungen der Personen, etwas das geschieht und zu dem führt, was die Botschaft oder Erkenntnis, die Stimmung - und auch Stimmungswechsel eines songtextes darstellen.

    Die folgenden Fragen können Euch dabei helfen, eine Handlung zu entwickeln:

    Was passiert eigentlich?
    Ich nehme mal das Beispiel Liebessong, um es anschaulicher zu machen. Viele Entwürfe für Liebessongs bestehen aus einer Zeitebene und außer, dass das lyrische Ich mehr oder weniger gelungen seinen Gefühlen Ausdruck verleiht - passiert überhaupt nichts.

    Und so liest oder hört man dies und die Spannung verfliegt oft schon nach der zweiten Strophe - weil man ahnt: es kommt nichts mehr. Das muss nicht so sein.

    Geht einmal versuchsweise so heran: Welche Stationen, welche Entwicklung gab es eigentlich? Das kann sein, dass man von dieser Person von anderen gehört hat. Das ist das erste Sehen dieser Person - vielleicht aus einigem Abstand heraus, vielleicht wagt Ihr gar nicht, sie anzusprechen. Hat sie Euch von Anfang an umgehauen? Oder kanntet Ihr die Person schon länger - und plötzlich hat es wumm gemacht? Genau: tausendmal berührt ist auch deshalb so ein packender Text, weil eben die Geschichte dieser Liebe beschrieben wird: sie sind schon lange befreundet, verstehen sich gut, können zusammen lachen und Pferde stehlen. Aber nie ist liebesmäßig was gelaufen. Dann ist plötzlich eine Situation da, die beschrieben wird, und es macht: wumm und alles ändert sich.

    Wann und wo war das erste Treffen? Auf einer Party? Ein gemeinsamer Spaziergang? Man findet plötzlich einen Zettel in seiner Jackentasche oder eine gemeinsame Freundin teilt einem plötzlich mit, dass die Person einen ja schon ganz toll findet ...

    Wann war der erste Kuss, die erste Aussprache, die Mitteilung: ich stehe auf Dich, das erste Mal: Ich liebe Dich? Wann habt Ihr zum ersten mal von der Person und der Liebe mit Ihr geträumt. Überhaupt natürlich das erste Mal ...

    Wann gab es den ersten Streit, das erste Missverständnis, das erste Zerwürfnis? Und wie hat man es überwunden? Hat man es überhaupt überwunden oder steht es noch unausgesprochen zwischen Dir und Ihr/Ihm? Speziell diese Konfliktpunkte können sehr wichtig sein, um Spannung und Dramatik in die Schilderung zu bringen. Ihr kennt dies aus etlichen Filmen: Wie langweilig wäre es doch, wenn alles immer glatt liefe. Und es bringt noch ein anderes Element hinein: Die Zuhörer oder Zuschauer fangen an, sich für die Personen zu interessieren, sind gespannt, wie es weiter geht, hoffen und fiebern mit, dass es doch nun endlich klappen möge oder sie ihn doch endlich zum Teufel jagt und mit dem anderen, den sie immer übersieht, der aber viel besser zu ihr passen würde, was anfängt...

    Plötzlich habt Ihr eine ganze Menge an Begebenheiten, an Entwicklungen und an Handlung - zusätzlich zu der jetzigen Stimmung und Situation, die zunächst eine einfache Beschreibung des Umstandes, das man diese Person liebt, ist.

    Die Chronologie der Ereignisse
    Ihr habt nun eine Liste von unterschiedlichen Begebenheiten, Situationen, Handlungen und Wirrungen.
    Ich mache es so, dass ich mir dise kurz - in Stichworten notiere und chronologisch ordne. Also was kam zuerst, was kam danach etc. Also so, wie sich das im Laufe der Zeit nacheinander ergeben hat.
    Und plötzlich habe ich einen überschaubaren kurzen Leitfaden der Entwicklung, wichtige Stationen der Handlung und einige dramatische Höhepunkte. Das ist meine Ausgangsbasis für die weitere Arbeit an dem Text.

    Ist Chronologie die Rettung?
    Da gibt es drei Antworten drauf:

    Ja. Es gibt viele Texte, bei denen zum Beispiel die Entwicklung eines Menschen oder einer Beziehung erzählt wird genau in der Reihenfolge, wie sie sich begeben haben. Am Tag als Conny Kramer starb ist so ein Beispiel. Oder eben: Tausend mal berührt.
    Meist wird allerdings zwischen die Strophen ein Refrain geschoben, der auf einer anderen Zeitebene spielt. Bei Tausend mal berührt weiß dadurch der Zuhörer, dass wohl etwas passiert sein muss, das alles geändert hat und das er wohl noch erfahren wird. Oder bei Conny Kramer der Umstand, dass die Person, um die es geht, begraben wurde. Das ist überhaupt nicht schlimm - im Gegenteil: es erhöht die Spannung, denn die Zuhörer wollen ja jetzt wissen, wie es denn dazu kam. Und das ist ja wohl grundlegend positiv.

    Nein - die erste. Der Text kann die Geschichte anders erzählen als sie sich zugetragen hat. Die Liste der chronologischen Ereignisse besteht - aber nur der Autor kennt sie und nimmt sich die künstlerische Freiheit, die Geschichte anders zu erzählen.

    Ihr kennt das aus Krimis: auf der ersten Seite passiert ein Mord oder eine Leiche wird gefunden. Spannung wird erzeugt. Der Kommissar tritt auf den Plan. Und er muss nun die Geschichte, wie es zu dem Mord kam rekonstruieren. Dazu werden Spuren gesichtet und Leute befragt. Diese erinnern sich. Das typische Stilmittel heißt hier: Rückblende. Auf einer Zeitebene - die der Gegenwart - passiert etwas: Verdächtige tauchen auf, Informationen werden gesucht und gefunden usw. Auf der zweiten Zeitebene wird in Rückblenden geschildert, woran sich die befragten Personen erinnern. Auch der Kommissar erinnert sich an frühere Fälle oder frühere Verdächtige etc. Dadurch wird Spannung erzeugt.

    Black diamond bay von Bob Dylan ist ein Text, der auf zwei Zeitebenen spielt. Ein Blick in den Text lohnt sich - und die Musik sowieso. Etliche andere songs verfahren so. (This is the story of the) Hurricane - (ebenfalls von Bob Dylan) gleichfalls sehr empfehlenswert, erzählt von einem Überfall mit tödlichem Ausgang. Dann wird das Geschehen rekonstruiert und man erfährt, wie einem Weltmeister-Kandidaten ein Mord angehängt wird, den er nicht begangen hat. Im letzten Teil des songs steht dann die Aussage: "I feel ashamed to live in country where justice is a game."
    Und das ist natürlich tausend mal spannender als jeder allgemein gehaltene Text, der Ungerechtigkeiten der Justiz anpranagert. Lest mal rein und hört mal rein - einfach großartig.

    Nein - die zweite. Ihr habt eine chronologische Liste der Handlungen und Begebenheiten. Daraus könnte man zur Not auch einen Roman machen oder eine Novelle. Nur - ein song ist recht kurz und ein songtext im allgemeinen auch. Ich gehe jetzt mal bewusst nicht auf die Ausnahmen ein, die es durchaus gibt - ob dies nun Tobacco Road von Eric Burdon mit der Band war ist oder der ein oder andere song von Bob Dylan oder Atlantis von Donovan.

    Wir bleiben also bei "normalen" songs und songtexten. Da ist eine Din A4-Seite schon eine ganze Menge. Was heißt das? Natürlich dass Ihr Euch auf das Wesentliche konzentriert, dass Ihr das Geschehen verdichtet, dass Ihr Ereignisse auslasst - nicht weil sie nicht auch schön und erzählenswert wären - sondern weil es darum geht, sich auf die wichtigsten Ereignisse und Begebenheiten zu konzentrieren.

    Also markiert in der Liste der chronologischen Ereignisse die an, die unbedingt erzählt werden müssen, damit man versteht, was passiert und warum es passiert und damit man versteht, warum Ihr diese Person liebt oder sie verlasst oder nicht mehr mit ihr klar kommt oder was auch immer.

    Konzentriert Euch dann in dem songtext darauf, diese kurz, prägnant, stimmungsvoll und interessant zu erzählen. Schaut dass Ihr einen schönen Spannungsbogen hinbekommt.

    Dann ist Euer job für dieses Thema und diesen Abschnitt erledigt.

     
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