3. E: Stil, Wortwahl

von desgraca, 29.09.06.

  1. desgraca

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    Erstellt: 29.09.06   #1
    3. E Stil, Wortwahl

    Hier stellt sich zuerst einmal die Frage, welcher Art von Sprache sich die Musik überhaupt bedient.
    Der ganz normalen Umgangssprache kommt ein Liedtext ja selten gleich..sicher, auch das kommt vor, beispielsweise bei Shania Twain: "I'm having a party,....". ob diese Texte allerdings so überzeugen ist wohl Ansichtssache.
    Oft allerdings bedienen sich Songwriter einer poetischeren Sprache, die von der Alltagssprache weit entfernt sein kann und so eher in der Lyrik, teilweise auch in narrativen Texten zu finden ist.

    Kein Wunder also, dass auf einem Doors Poster fett steht "Jim Morrison, An American Poet", nicht etwa "an American Singer". Auch so manche Metal-Epen von Schwerten, Blut und Ruhm ließen sich in ein Alltagsgespräch eher schwer einbringen.

    Ein Lied einfach einer anderen geschriebenen Textform gleichzusetzen, funktioniert allerdings auch nicht, da die Ausdrucksmöglichkeiten in einem Lied um ein vielfaches höher sind- die entsprechende Musik zu einer Aussage erspart vielfältige Erklärungen.
    jedem wird der Unterschied zwischen dem ironisch-satirischen "i love you" im Doors-Song
    "hello, I love you, would you tell me your name,
    hello, I love you would you jump in this game"


    und dem "I love you" aus "Nights in White Satin" klar-

    cause I love you,
    Yes, I love you,
    Oh, how, I love you.


    -dahingeschmachtet als gäb's kein Morgen.


    Die Satzlänge gibt einen ersten Hinweis auf die Sprachebene, in der man sich befindet- lange, vielfach verschachtelte Sätze , sogenannte Hypotaxen, weisen darauf hin, dass man sich in einem komplexeren Sprachregister befindet als bei einem Text, der nur aus kurzen, linearen Sätzen (Parataxen) besteht.
    Auch hier gibt es natürlich keinen allgemeinen Rat, welche Satzstruktur zu bevorzugen ist.

    Parataktischer Satzbau hat meist den Vorteil, dass der Text für jeden schnell verständlich und einleuchtend ist. Er kann aber auch schnell dazu führen, dass der Text, trotz einer vielleicht komplexen Textaussage, trivial wirkt.
    Auch sind Hypataxen oft nicht weniger einleuchtend, denn ineinander verflochtene Beschreibungen oder Argumente können auch zur Schlüssigkeit und Überzeugungskraft des Textes beitragen.



    For the innermost decision,that we cannot but obey, for what's left of our religion, I lift my voice and pray: May the lights in The Land of Plenty shine on the truth some day.

    ( Leonard Cohen- Land Of Plenty)

    It's true that all the men you knew were dealers who said they were through with dealing every time you gave them shelter.
    (Leonard Cohen- Stranger Song)


    Wild thing
    You make my heart sing
    You make everything -groovy
    Come on, wild thing
    (The Troggs- Wild Thing)


    get out of my dreams.
    get into my car.
    (Billy Ocean- Get out of my Dreams)


    Die Sprachregister

    1. Umgangssprache

    Der Vorteil der umgangssprachlichen Liedtexte ist, dass sie authentisch, aus dem Leben gegriffen, wirken, und eine schnelle Identifikation des Hörers mit dem Text und dem Textgeschehen möglich ist.
    Zur Umgangssprache zählt auch der Jargon- dies sind Sprachformen, die nur von einer speziellen Altersgruppe, Berufsgruppe oder gesellschaftlichen Gruppe etc. verwendet werden.
    Ein Sprachregister, das eine soziale Schicht von anderen Schichten abgrenzt, nennt sich Soziolekt. Dieser wird zum Beispiel oft in Rap-Lyrics eingesetzt.

    Ein Hinweis: Man sollte sich aber beim Verfassen von Lyrics ein BISSCHEN auch den persönlichen Gegebenheiten anpassen---wenn man irgendwann mal die 50 passiert hat und nicht wirklich Ahnung davon hat, wie die Sprache derer unter 20 funktionert und strukturiert ist, sollte man sie auch nicht unbedingt benutzen. Es hat sich noch kein Teenager von einem kaugummikauenden Grauhaarigen angesprochen gefühlt, der mit Phrasen wie "ey Alder was gehd" um sich schlug.

    2. Mundart/ Dialekt

    Hier wird der Identifikationseffekt noch verstärkt, allerdings nur bei einer sehr kleinen Gruppe von Hörern, nämlich denen, die selbst diesen Dialekt verwenden.
    Für Hörer jenseits dieser regionalen Grenzen kann ein solcher Text eher befremdlich klingen.

    Der andere a Fahrender, so hat man g'sagt
    A Fescher, die Uroma hat net lang g'fragt
    Und i steh' vor 'm Speigel und i schau mich an
    Und dann sag i: Alle Achtung, an dem is was dran
    (STS- I Bin Aus Österreich)


    3.Fachsprache

    Sie wirkt gebildet, oft aber leidet unter den Fachbegriffen eine schöne Satzstruktur, und durch die Fremdworte auch die Wortmelodie, was diese Texte unter Umständen schwer singbar macht, denn über vielsilbige lateinischstämmige Begriffe stolpert es sich leicht, daher ist man gut beraten, fachsprachliche Begriffe sparsam zu dosieren.

    Our hopes and expectations
    Black holes and revelations
    (Muse- Starlight)



    4. Lyrische Sprache

    Die lyrische Sprache ist geprägt von Metaphern, Bildern, Reimen und anderen Sprachfiguren, und dient oft dem Ziel, einem Text einen Schönheits- und künstlerischen Charakter zu verleihen. Diese Texte sind meist nicht so stark aussageorientiert wie andere, beziehungsweise die Aussage kann in der Aufmerksamkeit des Hörers zurücktreten. Das soll nicht heißen, dass die Aussage des Textes vernachlässigt wird oder weniger wichtig ist, allerdings ist sie oft schwerer greifbar, nicht so offen zugänglich, es ist ein aktiverer Hörer gefordert.
    Gerade das kann einen Text aber natürlich auch spannend machen, besonders wenn es mehr als eine Interpretationsmöglichkeit gibt, also nicht letztendlich geklärt wird, was im Text dargestellt oder beschrieben werden soll.

    I met a man who lost his mind
    in some lost place I had to find,
    follow me the wise man said,
    but he walked behind.
    (Leonard Cohen- Teachers)


    5. Vulgärsprache

    Dieses Sprachregister ist ganz stark aussageorientiert, und dient fast immer der Kritik oder soll einschüchternd wirken. Der (un-?)erwünschte Nebeneffekt ist natürlich, dass die Texte von vielen Hörern als niveaulos abgetan werden, denn wer den Satz schon mit einer Beschimpfung beginnt, dem hört man nicht unbedingt zu, was er zu sagen hat, und sei seine Kritik noch so berechtigt.

    Ficke dein Arsch extrem Danach kannst du nach hause gehen
    Wer ist so Aggro wie ich und mein Schwanz
    Ich sitz dir im Nacken und fick deine Angst
    (Aggro Berlin- Aggro)


    Eine Variante sind "Tabu-Wörter" in sonst standardsprachlichen Texten: diese werden dort meist zur Hervorhebung oder Belustigung eingesetzt.

    Carolina she's from Texas
    Red bricks drop from her vagina
    (Adam Green- Carolina)



    6. Sprung zwischen Sprachebenen


    Der Effekt hierbei ist die Hervorhebung des Worts aus der anderen Sprachebene:

    ben is drinking coffee
    mary's drinking tea
    betty's having breakfast
    in the plastic surgery.
    (Fools Garden- Lemon Tree)


    Zu einem Springen zwischen unterschiedlichen Sprachebenen OHNE textbezogene Intentionen ist allerdings abzuraten, da das teilweise nicht sehr geschickt klingt- wenn in einem beinahe wissenschaftlichen Report plötzlich ein "fuck" zu lesen ist, macht das nur dann Sinn, wenn dieses "fuck" irgendetwas ganz besonders hervorheben soll, ansonsten klingt es einfach nur deplaziert und belustigend.
     
  2. antipasti

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    Erstellt: 29.09.06   #2
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    You make everything - GROOVY
     
  3. desgraca

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    Erstellt: 29.09.06   #3
    oops danke !
     
  4. x-Riff

    x-Riff Helpful & Friendly User HFU

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    Erstellt: 29.09.06   #4
    Sehr schön und informativ, nate.
    An einigen Stellen hat´s aber aus Eile, denke ich, a weng geschlampert; ich markier mal fett:

    So - alles bereinigt.
    Zu 99% waren das Bindestriche - die kommen nicht direkt an das Wort- (wie hier), sondern mit Blank links und rechts (wie nach "Bindestrich"). Direkt an das Wort kommen sie nur, wenn sie andere Wortteile oder -kombinationen ersetzen (wie hier).

    Ich hoffe, das kommt jetzt nicht zu klugschei*erisch rüber.
    (Und das wird ja eh gelöscht, wenn das ganze Forum noch mal überarbeitet wird.)

    Klasse Beitrag,

    x-Riff
     
  5. desgraca

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    Erstellt: 29.09.06   #5
    äh---du hast bindestriche verschoben? :eek:

    musst du ne langeweile haben:D
     
  6. desgraca

    desgraca Threadersteller Registrierter Benutzer

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    Erstellt: 24.01.07   #6
    3. E Stil, Wortwahl

    Hier stellt sich zuerst einmal die Frage, welcher Art von Sprache sich die Musik überhaupt bedient.
    Der ganz normalen Umgangssprache kommt ein Liedtext ja selten gleich...sicher, auch das kommt vor, beispielsweise bei Shania Twain: "I'm having a party,....". ob diese Texte allerdings so überzeugen ist wohl Ansichtssache.
    Oft allerdings bedienen sich Songwriter einer poetischeren Sprache, die von der Alltagssprache weit entfernt sein kann und so eher in der Lyrik, teilweise auch in narrativen Texten zu finden ist.

    Kein Wunder also, dass auf einem Doors Poster fett steht "Jim Morrison, An American Poet", nicht etwa "an American Singer". Auch so manche Metal-Epen von Schwerten, Blut und Ruhm ließen sich in ein Alltagsgespräch eher schwer einbringen.

    Ein Lied einfach einer anderen geschriebenen Textform gleichzusetzen, funktioniert allerdings auch nicht, da die Ausdrucksmöglichkeiten in einem Lied um ein vielfaches höher sind - die entsprechende Musik zu einer Aussage erspart vielfältige Erklärungen.
    jedem wird der Unterschied zwischen dem ironisch-satirischen "i love you" im Doors-Song

    "hello, I love you, would you tell me your name,
    hello, I love you would you jump in this game"

    und dem "I love you" aus "Nights in White Satin" klar

    cause I love you,
    Yes, I love you,
    Oh, how, I love you.

    - dahingeschmachtet als gäb's kein Morgen.


    Die Satzlänge gibt einen ersten Hinweis auf die Sprachebene, in der man sich befindet - lange, vielfach verschachtelte Sätze , sogenannte Hypotaxen, weisen darauf hin, dass man sich in einem komplexeren Sprachregister befindet als bei einem Text, der nur aus kurzen, linearen Sätzen (Parataxen) besteht.
    Auch hier gibt es natürlich keinen allgemeinen Rat, welche Satzstruktur zu bevorzugen ist.

    Parataktischer Satzbau hat meist den Vorteil, dass der Text für jeden schnell verständlich und einleuchtend ist. Er kann aber auch schnell dazu führen, dass der Text, trotz einer vielleicht komplexen Textaussage, trivial wirkt.
    Auch sind Hypataxen oft nicht weniger einleuchtend, denn ineinander verflochtene Beschreibungen oder Argumente können auch zur Schlüssigkeit und Überzeugungskraft des Textes beitragen.






    Die Sprachregister

    1. Umgangssprache

    Der Vorteil der umgangssprachlichen Liedtexte ist, dass sie authentisch, aus dem Leben gegriffen, wirken, und eine schnelle Identifikation des Hörers mit dem Text und dem Textgeschehen möglich ist.
    Zur Umgangssprache zählt auch der Jargon - dies sind Sprachformen, die nur von einer speziellen Altersgruppe, Berufsgruppe oder gesellschaftlichen Gruppe etc. verwendet werden.
    Ein Sprachregister, das eine soziale Schicht von anderen Schichten abgrenzt, nennt sich Soziolekt. Dieser wird zum Beispiel oft in Rap-Lyrics eingesetzt.

    Ein Hinweis: Man sollte sich aber beim Verfassen von Lyrics ein BISSCHEN auch den persönlichen Gegebenheiten anpassen ... wenn man irgendwann mal die 50 passiert hat und nicht wirklich Ahnung davon hat, wie die Sprache derer unter 20 funktionert und strukturiert ist, sollte man sie auch nicht unbedingt benutzen. Es hat sich noch kein Teenager von einem kaugummikauenden Grauhaarigen angesprochen gefühlt, der mit Phrasen wie "ey Alder was gehd" um sich schlug.

    2. Mundart/ Dialekt

    Hier wird der Identifikationseffekt noch verstärkt, allerdings nur bei einer sehr kleinen Gruppe von Hörern, nämlich denen, die selbst diesen Dialekt verwenden.
    Für Hörer jenseits dieser regionalen Grenzen kann ein solcher Text eher befremdlich klingen.



    3.Fachsprache

    Sie wirkt gebildet, oft aber leidet unter den Fachbegriffen eine schöne Satzstruktur, und durch die Fremdworte auch die Wortmelodie, was diese Texte unter Umständen schwer singbar macht, denn über vielsilbige lateinischstämmige Begriffe stolpert es sich leicht, daher ist man gut beraten, fachsprachliche Begriffe sparsam zu dosieren.




    4. Lyrische Sprache

    Die lyrische Sprache ist geprägt von Metaphern, Bildern, Reimen und anderen Sprachfiguren, und dient oft dem Ziel, einem Text einen Schönheits- und künstlerischen Charakter zu verleihen. Diese Texte sind meist nicht so stark aussageorientiert wie andere, beziehungsweise die Aussage kann in der Aufmerksamkeit des Hörers zurücktreten. Das soll nicht heißen, dass die Aussage des Textes vernachlässigt wird oder weniger wichtig ist, allerdings ist sie oft schwerer greifbar, nicht so offen zugänglich, es ist ein aktiverer Hörer gefordert.
    Gerade das kann einen Text aber natürlich auch spannend machen, besonders wenn es mehr als eine Interpretationsmöglichkeit gibt, also nicht letztendlich geklärt wird, was im Text dargestellt oder beschrieben werden soll.


    5. Vulgärsprache

    Dieses Sprachregister ist ganz stark aussageorientiert, und dient fast immer der Kritik oder soll einschüchternd wirken. Der (un-?) erwünschte Nebeneffekt ist natürlich, dass die Texte von vielen Hörern als niveaulos abgetan werden, denn wer den Satz schon mit einer Beschimpfung beginnt, dem hört man nicht unbedingt zu, was er zu sagen hat, und sei seine Kritik noch so berechtigt.
    Eine Variante sind "Tabu-Wörter" in sonst standardsprachlichen Texten: diese werden dort meist zur Hervorhebung oder Belustigung eingesetzt.



    6. Sprung zwischen Sprachebenen

    Der Effekt hierbei ist die Hervorhebung des Worts aus der anderen Sprachebene:




    Zu einem Springen zwischen unterschiedlichen Sprachebenen OHNE textbezogene Intentionen ist allerdings abzuraten, da das teilweise nicht sehr geschickt klingt - wenn in einem beinahe wissenschaftlichen Report plötzlich ein "fuck" zu lesen ist, macht das nur dann Sinn, wenn dieses "fuck" irgendetwas ganz besonders hervorheben soll, ansonsten klingt es einfach nur deplaziert und belustigend.
     
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