Atmung und Stütze

von IcePrincess, 18.10.07.

Status des Themas:
Es sind keine weiteren Antworten möglich.
  1. IcePrincess

    IcePrincess Vocals Ex-Moderator

    Im Board seit:
    17.10.05
    Zuletzt hier:
    3.12.10
    Beiträge:
    5.594
    Ort:
    Kernen im Remstal
    Zustimmungen:
    60
    Kekse:
    17.834
    Erstellt: 18.10.07   #1
    ACHTUNG: Dieses Thema wurde aktualisiert.

    Autorinnen: Shana / Bell*



    Die Atemtechnik & Stütze - FAQ

    Disclaimer: Wir, Shana und Bell, haben die Überarbeitung der Atemtechnik/Stütze- FAQ nach bestem Wissen und Gewissen verfasst. Wir haben dabei nicht nur unsere jahrelange Erfahrung als Gesangslehrerinnen einfließen lassen. Da unsere eigenen sängerischen Wurzeln auf recht ähnlichen "Gesangsschulen" gründen, sind wir uns über folgendes weitgehend einig: Singen ist aktive Ausatmung. Nach diesem Prinzip singen wir selbst und nach ihm unterrichten wir.
    Dennoch ist uns bewusst, dass es auch andere Ansätze gibt. Da diese aber nicht Grundlage unseres Unterrichts und unseres eigenen Gesangs sind, können wir darauf nicht eingehen.



    Das Instrument Stimme

    Das Instrument Stimme besteht aus drei wesentlichen Komplexen, dem Komplex der Atmung, dem Komplex Kehlkopf und dem Komplex der sogenannten "Ansatzräume", die für Stimmklang und Resonanzbildung verantwortlich sind (Kehlrachen, Nasenrachen, Mundrachen und alle weiteren Öffnungen im Gesicht). Mittlerweile ist es wissenschaftlich allerdings umstritten, ob z.B. die Stirnhöhlen, wie man früher annahm, überhaupt Resonatoren sind!

    Die Stimmbildung selber geschieht auf Kehlkopfebene durch Schließung und Schwingung der Stimmlippen. Die Stimmlippen sind mit Schleimhaut überzogene Muskeln und bilden eigentlich ein Verschlussventil, das verhindert, dass Essen und Trinken in die Luftröhre gelangen. (Primärfunktion). Ihre sekundäre Funktion ist die Sprache und Gesang ist erst eine tertiäre Funktion.
    Gesang, der über einfache Volkslieder hinausgehen soll, ist eine Art sportliche Betätigung für die Stimmlippen und das ganze System Kehlkopf. Bei Überbeanspruchung durch Überlastung können Probleme auftreten wie Heiserkeit und Rauhigkeit bis hin zu schwerwiegenderen Veränderungen, wie Verdickungen (Knötchen, Polypen usw.) oder Verletzungen an den Stimmlippen. Solche Probleme betreffen dann nicht "nur" die Gesangsstimme, sondern wirken sich durch erschwertes Sprechen auch nachhaltig auf das ganz alltägliche Leben aus.

    Um solche Probleme zu verhindern wird die Belastung aus dem Kehlkopf herausgenommen und auf den Komplex der Atmung übertragen. SängerInnen nennen dies "Stütze". Damit ist eine Verbindung mit der Atemmuskulatur (innere und äußere Zwischenrippenmuskulatur und Zwerchfell, sekundär sind auch Bauch-, und Rückenmuskulatur beteiligt) gemeint, eine Verbundenheit beim Singen mit dem ganzen Körper. Man kann es auch "Verankerung" nennen ("Anchoring") oder "Singen aus der Mitte". Die Kraft der Atmung soll die kleinen empfindlichen Muskeln im Kehlkopf entlasten ("Bernoulli-Effekt").

    Was ist der Bernoulli-Effekt ?

    An dieser Stelle zunächst vielen Dank an Foxx, der folgende anschauliche Erklärung formuliert hat:
    Als Bernoulli-Effekt bezeichnet man das Phänomen, dass eine Luftströmung, wenn sie durch einen kleineren Querschnitt fließt, an Geschwindigkeit zunimmt und ein Unterdruck entsteht. Übertragen auf den Gesang soll dieser Unterdruck dafür sorgen, dass die Stimmlippen aneinander gesogen werden und sich daher passiv schließen, ohne selbst unter (zu starker) Spannung zu stehen.

    Hier findet ihr noch eine Erklärung zum Bernoulli-Effekt:

    Link: http://www-stud.rbi.informatik.uni-f...95/stmbld.html

    Der Bernoulli-Effekt wird in der einschlägigen gesangpädagogischen Literatur (vgl. unter anderem (Pezenburg 2007, sowie Faulstich 1997/2006) immer wieder als "aerodynamisch-muskuläre Theorie" beschrieben.


    Atmung und Gesang

    In vielen Gesangsschulen werden stimmunabhängige Atemübungen oder sogar ein bestimmtes Atemtrainingsprogramm empfohlen.

    Die Atmung besteht aus Einatmung, Ausatmung und den kurzen Ruhephasen zwischen beiden.
    Im Alltag empfinden wir die Einatmung als den aktiveren, die Ausatmung als den passiv gehenden Teil der Atmung. Beobachte einmal deine ganz normale Ruheatmung (durch die Nase), wenn du entspannt stehst oder sitzt. Im Idealfall wölbt sich dein Bauch bei der Einatmung ein wenig nach außen, es folgt eine kurze Phase der Ruhe vor der Ausatmung. Die Phase der Ausatmung sollte lautlos und schnell gehen. Ein kleines Lüftchen.
    Könntest du mit diesem kleinen Lüftchen singen?

    Singen ist tönende Ausatmung. Die Phase der Ausatmung muss also im Gegensatz zur Normalatmung extrem verlängert, intensiviert und zudem aktiv gesteuert werden können. Die Einatmung wird zu einer wichtigen Regenerationsphase. Beim Singen (= Ausatmung) gibst du sehr viel an Energie und Power, die Einatmung ist der Teil, der dir zurückgibt, was du gegeben hast. Sie soll schnell und möglichst effektiv sein, denn möglicherweise hast du in einem Stück nur kurze Pausen oder die Phrasen sind sehr lang, so dass du deine Atemkapazitäten bewusst einteilen musst. Die Spannung darf nicht sofort wieder in sich zusammenfallen.

    Die Atembewegung

    Es gibt im Prinzip zwei Atmungsarten:
    1. Die Zwerchfell-Flankenatmung
    2. Die Rippenatmung

    Die Atembewegung bei der "Zwerchfell-Flankenatmung" sieht so aus, dass sich bei der Ausatmung der Oberkörper ein wenig anhebt, während die Einatmung als ein passives Fallenlassen empfunden wird. Bei der Einatmung wölbt sich der untere Bauch nach außen (das nennt man landläufig auch "Bauchatmung"). Die Bauchwölbung geschieht passiv/reflektorisch und sekundär, wenn das Zwerchfell sich absenkt und dadurch die Eingeweide im unteren Bauch ein wenig verdrängt werden.
    Nach außen sieht das ganze wie eine Wippe oder ein Blasebalg aus. Stell dir ein Quietsche-Entchen vor: Wenn du drückst, quietscht es; lässt du es los, schnellt es automatisch in seine ursprüngliche Form zurück.
    Wichtig ist: Stell dir den auslösenden Impuls in der Körpermitte OBERHALB des Bauchnabels vor. Zu Anfang kannst du den Oberkörper bei den Ausatemübungen deutlich mit anheben. NICHT den Bauch einziehen und/oder herausstrecken. Was im unteren Bauch geschieht passiert reflektorisch, die Atemübungen sind KEIN Bauchmuskeltraining, dafür braucht es weiterhin die altbekannten Situps. Allerdings trainieren die Atemübungen auf die beschriebene Weise den großen Rückenstrecker mit.

    Die Atembewegung bei der Rippenatmung sieht so aus, dass sich die unteren Rippen bei der Einatmung bewusst nach außen dehnen. Da die Ausatmung zum singen aber dennoch aktiv sein muss, bekommst du bei dieser Methode zwei aktive Phasen statt nur einer. Wir halten daher die Zwerchfell-Flankenatmung für Gesang für geeigneter und effektiver. Es gibt aber SängerInnen, die auch mit der Rippenatmung gut zurechtkommen.


    Warum Atemübungen/Atemtraining ?

    Die Antwort ist oben bereits angeklungen. Normalatmung ist für das Sprechen und ab und zu mal ein wenig Schreien natürlich meist ausreichend. Aber vielleicht hast du auch schon erlebt, dass die Stimme schnell an ihre Grenzen kommen kann (Heiserkeit), wenn du viel geschrien oder laut gesprochen hast, z.B. in der Disko oder wenn du Vorträge halten musstest. Trotzdem warst du in solchen Fällen möglicherweise gar nicht wirklich laut, deine Stimme war nicht "tragend".

    Du kannst dir vorstellen, dass sich die Anforderungen an die Atmung beim Singen ganz enorm erhöhen. Du willst nicht nur laut klingen, sondern dabei auch noch qualitativ schöne Töne erzeugen, du willst möglicherweise lange am Stück singen und dabei nicht heiser werden. Auch das sogenannte Sängervibrato hängt mit der feinen Balance zwischen Atempower-, und Flexibilität zusammen und zeigt sich daher bei den meisten AnfängerInnen noch nicht.

    Töne entstehen, wenn sich die Stimmlippen schließen und mit Hilfe der Ausatmung, sowie der im Kehlkopf vorhandenen Muskulatur zum schwingen gebracht werden. Je höher ein Ton ist, desto fester schließen und spannen sich die Stimmlippen. Du brauchst dann eine entsprechend größere Energiequelle, um sie zum schwingen zu bringen. Für klassischen Gesang wird die schwingende Masse bewusst verkleinert ("Kopfstimme"), um leichter in die Höhen zu kommen. Populäre Songs, die mehr schwingende Masse erfordern liegen dementsprechend tiefer.

    Je mehr ein Ton geschmettert wird (z.B. Belting) desto mehr Muskelmasse muss dabei schwingen. Je größer die Masse ist, die schwingen muss desto mehr muss wiederum deine Atemmuskulatur leisten können, denn sonst kommst du entweder ins Schreien (Gefahr der Stimmschädigungen) oder du wirst immer leiser und deine Töne klingen dünn.

    Stell dir vor, du willst mit deinem Fahrrad einen Berg hochfahren. Im ersten Gang ist es am leichtesten. (kleinere Masse) Aber wenn es sehr lange bergauf geht wirst du möglicherweise, falls deine Beine nicht speziell für diese Leistung trainiert sind, dennoch an deine Grenzen kommen. Du wirst dadurch vielleicht sehr langsam oder musst sogar absteigen. Umso schlimmer, wenn du es im dritten Gang versuchst.

    Auf das Singen übertragen heißt das: Je höher du singen willst und je mehr Power deine Songs haben sollen, desto mehr musst du dafür an Input geben können. Da die Kehlkopfmuskulatur sehr leicht ermüdet (Heiserkeit oder sogar Druck und Schmerzen im Hals beim Singen) muss die Atemmuskulatur diese Power übernehmen. Wenn der Input nicht reicht werden hohe Töne dünn oder tun sogar weh und du hast nicht die Lautstärke und Tonqualität, die du dir für deine Songs vielleicht wünschst.
    Die Atemmuskulatur kann gezielt trainiert werden.


    Unsere Atemübungen - Atemtraining

    Es gibt drei Arten von Atemübungen für Gesang, nämlich Kraftübungen, Flexibilitätsübungen sowie Ausdauerübungen/Atemverlängerungsübungen

    Kraftübungen
    Die Kraftübungen müssen mit möglichst viel Power ausgeführt werden, dafür evtl. lieber weniger Wiederholungen. Sie trainieren die inneren Zwischenrippenmuskeln. Diese sind für die Ausatmung zuständig und können für Gesang trainiert werden.

    Du machst z.B. kräftige sch sch sch, f s sch, p t k oder was dir da auch immer einfällt und dir gut tut.

    Angenehm ist es für viele SchülerInnen, die Atempowerübungen mit Bewegung und Rhythmus zu kombinieren. Mach z.B. immer 4 x (oder 3x) sch sch sch sch auf einen Schritt und laufe so durch deinen Übungsraum. Dann verdoppele das Tempo bei gleichbleibender Intensität und mache 6x sch sch sch sch sch sch auf einen Schritt. Die letzte Übung ist recht anstrengend. Mach das immer solange, dass du dich dabei anstrengen musst und mach dann eine Pause von ein paar Minuten vor der nächsten Einheit.

    Wichtig dabei:
    • Sehr kräftig ausatmen
    • Der Oberkörper soll sich bei den Lauten (der Ausatmung) leicht anheben, der Rücken
      streckt sich leicht
    • Bei der Einatmung fällt der Bauch passiv nach unten
    Wir empfehlen AnfängerInnen, mit 30 - 40 kräftigen sch am Stück zu beginnen und diese Anzahl allmählich individuell zu steigern. Regelmäßig jeden Tag ein paar Minuten Atemtraining ist besser als wenn du es nur einmal im Monat eine Stunde lang machen würdest. Pass auf, wie es dir damit am Anfang geht und übertreibe es nicht. Steigere dein Pensum langsam, denn diese Übungen sind für den Körper zunächst ungewohnt.

    Flexibilitätsübungen
    Sie trainieren die Fähigkeit des Zwerchfells, sehr schnell und effektiv loszulassen, nachdem ausgeatmet wurde und eine Gesangsphrase vorbei ist. Die Einatmung heißt auf Sängerdeutsch "Abspannen", das bedeutet, du lässt die Spannung, die sich im Körper durch die Ausatmung (den Gesang) aufgebaut hat, los.

    Eine Übung aus dem Yoga kann dies gut verdeutlichen:
    Du atmest durch die Nase in kleinen, ruckartigen Stößchen aus und lässt die Einatmung jedes Mal, also nach jedem Stößchen, ganz in Ruhe von alleine zurückkommen. Zuerst gelingt das vielen nur sehr langsam. Versuch allmählich dein Tempo zu steigern, aber hör immer dann auf wenn du merkst, dass dein Bauch hart wird oder du auch die Einatmung aktiv nimmst. Du atmest aktiv nur AUS, die Einatmung macht dein Körper von alleine. Stell dir eine innere Durchlässigkeit vor. Auch wenn der Mund geschlossen ist, weil du durch die Nase ausatmest bleibst du innen in Mund und Rachen geöffnet.

    Die Übung geht auch mit Mundatmung als Hechelübung durch den Mund oder mit kleinen kurzen s s s s oder s sch s sch s sch. Stell dir z.B. einen Zug vor, der immer schneller wird und sich dabei von dir entfernt. Die ersten s sch s sch machst du langsam und kräftiger und wirst dann immer schneller und dafür leichter.


    Ausdauerübungen
    Sie trainieren einen langen Atemstrom und damit auch die Atemdosierung:
    Singe auf einem dir angenehmen Ton und ruhig ganz zart wwwwwwwww, solange du es kannst. Irgendwann spürst du den Einatem-Impuls. Dein Körper signalisiert dir damit, dass es Zeit wird für die Einatmung. Der Einatem-Impuls ist ein Überlebensreflex, der Körper signalisiert dir sein Bedürfnis also auch rechtzeitig bevor es zu spät wäre. Gehe also kurz über darüber hinaus, mach dann eine kurze bewusste Pause (spüre die Spannung) und lass dann los, so dass die Einatmung passiv/reflektorisch in dich einströmen kann.
    Lass die Einatmung in deiner Vorstellung bis ganz nach unten in deinen unteren Bauch fallen (das Zwerchfell soll sich ganz absenken können).
    Du kannst diese Übung mit einem geraden Ton machen oder mit dynamischen Wellen.
    Du kannst anstatt auf wwwwwwww auch auf stimmhaftem sssssssssssss singen (wie ein summendes Insekt). Ebenfalls sehr effektiv sind lip rolls (Lippenvibrato, das klingt wie das verlängerte Schnauben eines Pferdes und wird mit den Lippen erzeugt.
    Wenn Du kurz und kräftig "brrrrrr" mit Lippenvibrato machst (wichtig ist, dass es wirklich mit den Lippen und nicht hinten im Rachen erzeugt wird), dann spürst Du eine Muskelaktivität in Deiner Leibesmitte - das ist Deine Stütze.


    Ich habe geschrieben, wie wichtig es ist, die Ausatmung mit Übungen zu trainieren. Die Einatmung (das "Abspannen") ist aber für deinen Gesang mindestens ebenso wichtig. Wenn du nicht effektiv abspannen kannst bleiben Restspannungen erhalten, die dir das Singen erschweren und Druck im Kehlkopf erzeugen können. Wenn du also merkst, dass du trotz ausreichender Ausatempower Druck im Hals bekommst oder nicht durch deine Phrasen durchkommst, liegt es oft daran, dass du nicht effektiv genug abgespannt hast.


    Beispiel aus der Praxis (Rocksängerin, singt in verschiedenen Bands, auch lange Gigs):

    Im Anhang findet Ihr den Übungsplan einer Schülerin von Shana. Sie ist Rocksängerin, Mitte 20, mit eigener Band und Mitwirkung in verschiedenen semiprofessionellen Bandprojekten.
    Die Schülerin hat eine dunkle, schwere und eher tiefe Stimmveranlagung, Stimmumfang inzwischen in Übungen c - c''', Belting bis e''

    Der Übungsplan umfasst einen Zeitraum von ca. 6 Monaten mit regelmäßigem Atemtraining.

    Atemübungen:
    Sch sch sch schnell und langsam, jedoch immer mit sehr viel Power
    Nasal = Flexibilitätsübung durch die Nase
    "Mönch" = mit Blasebalgbewegung der Arme wie im Film "Vaya con Dios"
    Sss/sch = "Zugfahrübung" langsam beginnen und immer schneller werdend
    wwww = Ausdauerübung wie beschrieben

    Erläuterung zur Übungstabelle:
    4x100 sind 4 Einheiten von jeweils 100x sch sch sch sch.... in relativ schnellem Tempo
    4x100 langsam das selber nur gedehnter schhhhhhhhhhhh schhhhhhhh schhhhhhh
    560 am Stück gemischt heisst, daß sie die langsame und die schnelle Variante abgewechselt hat.

    On ssss oder sch oder ffff oder s sch s sch ist dabei egal.

    Nach ca. 1 Monat gelang ein Song ("Call me when you're sober"), der vorher noch unmöglich gewesen war, ohne dass die Schülerin im Hals fest wurde.

    Nach 4 Monaten gelang ein 4-Stunde- Gig ohne stimmliche Ermüdungserscheinungen (Repertoire Rock!)

    Nachdem wir erläutert haben, was es mit der Sängeratmung auf sich hat und warum Atemübungen wichtig sind, können wir genauer auf die berühmte "Stütze" eingehen, denn kaum ein Begriff aus der Welt des Gesangs wird so oft missverstanden.

    Was ist die Stütze ?

    Ursprünglich ist der Begriff aus der italienischen Belcanto-Schule entlehnt; die Italiener nannten es "appoggio", was eher Anlehnung bedeutet. Mit Stütze ist eine Verbindung mit der Atemmuskulatur (also Interkostalmuskulatur, d.h. innere und äußere Zwischenrippenmuskeln und Zwerchfell, sowie Bauch-, und Rückenmuskulatur, an der das Zwerchfell hinten befestigt ist). Manche bezeichnen die Stütze als "Verankerung" ("anchoring") oder Anbindung der Stimme an den Atem. Doch es ist immer dasselbe gemeint: du lässt deine Atemmuskulatur arbeiten, sie wird ein Fundament Deiner Tonerzeugung.

    Man sollte den Begriff der Atemstütze zwar nicht ausschließlich auf das Prinzip der aktiven Ausatmung reduzieren, und "appoggio" umfasst auch noch andere Ansätze, aber sie würden den Rahmen dieser FAQ sprengen. Nur so viel:
    Die Stütze ist ein komplexer Vorgang, bei dem viele Muskelgruppen beteiligt sind, deshalb ist die Vielfalt der Definitionen für Anfänger ziemlich verwirrend. Da jeder Mensch anders empfindet und auch die Körperwahrnehmung individuell ist, empfindet auch jeder Sänger die Stütze anders. Während der eine mehr im Brustkorb stützt, bezieht der andere den Bauch mit ein und der nächste spürt beim Stützen eher seine Rückenmuskulatur. Anders ausgedrückt: die Verankerung der Töne in der Leibesmitte, das Spüren, wie die Atemmuskulatur arbeitet, kann von jedem intensiver an einer anderen Stelle empfunden werden.
    Über einen Punkt zumindest herrscht Einigkeit: die Kraft kommt nicht aus dem Hals !

    Und vergiss nicht: im Grunde ist das Stützen ein ganz natürlicher Vorgang, also eine Funktion, die Dein Körper sowieso beherrscht, nur dass Du sie intensiv und bewusst nutzt, wenn Du singst. Wenn du laut rufst oder lachst, werden genau die Muskeln aktiviert, von denen wir die ganze Zeit sprechen, damit der Stimmapparat nicht überanstrengt wird.

    Wenn unsere Schüler die Stütze nicht finden, d.h. Probleme haben, die Stimme an den Atem anzubinden, machen wir z.B. folgende Übung: sie sollen sich vorstellen, dass sie am Fenster stehen, während jemand unten auf der Straße sie sucht, aber nicht findet bzw. nicht sieht, und durch Rufen ("Hey !" "Hallo !" "Joe!" usw.) auf sich aufmerksam machen. Dabei probieren wir auch verschiedene Tonhöhen aus, bleiben aber immer im Rufmodus und wir bitten die Schüler, sich auf die Muskelaktivität zu konzentrieren, die sie beim Rufen spüren.
    Auch die weiter oben beschriebene "Pferdeschnauben-Übung" (Lippenvibrato/ lip roll) ist hilfreich zum Spüren der Muskelaktivität.
    Spätestens jetzt wird auch klar, warum Atemübungen so wichtig sind - wer eine trainierte Atmungsmuskulatur zur Verfügung hat, kann natürlich lauter und ausdauernder singen, ohne dabei seinen Stimmapparat zu überanstrengen.


    Was sollte Stütze nicht sein ?

    Alles, was mit Drücken, Pressen, Quetschen und so weiter einhergeht. Weder das Gefühl, wenn man auf dem Klo sitzt und drückt, noch die Pobacken zusammenkneifen, noch den Bauch bewusst einziehen, auch wenn es leider Gottes immer noch Gesangslehrer gibt, die so etwas propagieren - mach es nicht, Deine hohen Töne werden eng, klein und gepresst daherkommen und im schlimmsten Fall schadest Du deiner Stimme.

    Literatur:

    Gerhard Faulstich: "Singen lehren - singen lernen - Grundlagen für die Praxis des Gesangsunterrichtes, 5. Auflage, Augsburg 2006, Originalausgabe 1997

    Michael Pezenburg: "Stimmbildung - Wissenschaftliche Grundlagen - Didaktik - Methodik", Augsburg 2007
     
    gefällt mir nicht mehr 77 Person(en) gefällt das
  2. antipasti

    antipasti Singemod Moderator

    Im Board seit:
    02.07.05
    Beiträge:
    25.227
    Ort:
    Wo andere Leute Urlaub machen
    Zustimmungen:
    5.420
    Kekse:
    91.893
    Erstellt: 30.04.10   #2
    Cörnel hat eine Hausarbeit mit dem Titel

    Die Atmung beim Gesang
    Atmen üben oder nicht?

    verfasst, die hier als PDF angehängt ist.

    Hier "zum Schnuppern" das Inhaltsverzeichnis:

    1 Zielsetzung und Gegenstand der Hausarbeit .
    2 Probleme mit dem richtigen Atmen - Die "Stütze"
    3 Unterschiedliche Lehrmeinungen zur Atmung beim Singen
    3.1 Atmen üben
    3.1.1 Isolierte Atemübungen
    3.1.2 Körperübungen für die Atmung
    3.1.3 Atemübungen in Kombination mit Phonation
    3.1.4 Gefahren der bewussten Atmung​
    3.2 Atmen nicht üben
    3.2.1 Gefahren der reflektorischen Atmung​
    4 Unterrichten eines Schülers, der anderer Meinung ist
    5 Fazit
    6 Literaturverzeichnis
     

    Anhänge:

    gefällt mir nicht mehr 22 Person(en) gefällt das
Die Seite wird geladen...

Status des Themas:
Es sind keine weiteren Antworten möglich.
mapping