[Bass] Fender Jazz 70's Reissue Bass in der Praxis

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LeGato

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Nu isse wirklich durch, die Open-Air-Saison! Rund 50 Shows, von Flensburg bis Ruhpolding, vom Clubgig bis zur 12.000-Pax-Show, vom "besser-als-Sex" bis zum "was-mache-ich-hier" war alles dabei. Auch immer mit dabei: meine letzte Neuerwerbung, ein Fender Jazz 70's Reissue Bass in 3-Tone-Sunburst. Wir haben uns in diesem Sommer ganz gut kennengelernt; Zeit für ein erstes Fazit.

Ich gehe davon aus, dass die meisten hier im Forum wissen, wie dieser Bass aussieht, allen anderen sei diese Seite empfohlen. Mein Exemplar sieht aus wie alle anderen auch (naja, er hat jetzt ein paar Dings und Dongs ;) ), so dass ich mir ein eigenes Fotoshooting erspart habe. Danke für euer Verständnis :)

Zum Thema Sound äußere ich mich weiter unten, aber auch hier gehe ich davon aus, dass die meisten hier den Klang eines JB kennen, außerdem sind auf der o.g. Thomann-Seite Soundbeispiele vorhanden, so dass ich mir auch diese für dieses Review erspart habe. Noch mal danke fürs Verständnis :)

Ganz kurz vorweg:
Da es schon unzählige Reviews dieses Basses gibt, werde ich hier den Schwerpunkt auf den Vergleich mit meinen bisherigen Arbeitsbässen legen: Was kann der 7ender besser, was nicht so gut? Natürlich rein subjektiv. Aber das ist ja bei jedem Review so...

Gegen diese Kontrahenten tritt der Mexikaner an:

Schack Unique Bolt on Limited Edition
Zierlicher, soundlich sehr flexibler 90er-Jahre "Edelbass", Baujahr 1992, Viersaiter. Neupreis ca. 2800 DM

Ibanez ATK 305
Die ATK-Serie ist wohl einigermaßen bekannt: Rockig, knurrig und ziemlich schwer. Fünfsaiter. Baujahr ca. 2006 (?), Neupreis ca. 600 (?) Euro

Und los geht's!


Verarbeitung
Alles so, wie es sein soll: Paßgenaue Fräsungen, saubere Lackierung, gut abgerundete Bundstäbchen - hier ist nix zu meckern. Besonders erwähnenswert ist das makellose weiße Binding des Griffbretts - schön! Allerdings hat dieses Binding in den ersten zwei Monaten einen deutlichen Geruch nach Lösungsmittel und heißgewordenem Kunststoff verströmt - lästig, aber verschmerzbar, zumal es sich im Laufe der Zeit verflüchtigt hat. Ok, die Blockinlays im Griffbrett sind aus Kunststoff mit Perlmutt-Look statt aus echtem Perlmutt, das war bei dem Preis aber auch nicht anders zu erwarten. Schick sind sie trotzdem :)

Die etwas billig aussehnden Plastik-Potiknöpfe gehören natürlich zum Vintage-Look dieses Instrumentes und müssen daher so sein. Über Security-Lock-Gurtpins hätte ich mich gefreut, aber es geht auch so. Die Mechaniken tun, was sie sollen und sind einigermaßen "sahnig". Nix scheppert, nix wackelt - so weit erst mal alles gut.

Kritisch erwähnen muss ich allerdings, dass sich bei einem der ersten Gigs der Saitenreiter der G-Saite ziemlich schnell auf den Boden der Brücke heruntergeruckelt hat. Eine typische Krankheit des Fender-Blechwinkels, die sich on the fly mit ein paar Tropfen Nagellack beheben lässt. Trotzdem unschön!

Gesamturteil Verarbeitung: Erwartungsgemäß gut, aber nicht herausragend.

Im Vergleich mit meinem ATK (ebenfalls einwandfrei verarbeitet) wirkt der Fender ein wenig graziler und feiner geshaped, weniger wie ein grob zugeschnittenes Brett. Aber der ATK lässt ja schon mit der riesigen Grundplatte der Brücke keine Zweifel daran, wohin die Reise gehen soll...

Im direkten Vergleich mit dem Schack allerdings wirkt der Fender deutlich gröber, irgendwie plumper. Wobei der Schack aber auch wirklich eine Gazelle unter den Bässen ist, daher braucht sich der Fender hier nicht zu verstecken. In punkto Verarbeitung kann er es allerdings nicht mit dem liebevoll von Hand gebauten Edel-Schack aufnehmen, hier hat die Gazelle klar die Nase vorn, während Fender und ATK ziemlich gleichauf liegen.


Handling/Bespielbarkeit
Ok, leichter und handlicher als ein ATK-Fünfsaiter zu sein ist wirklich keine Kunst, aber ein wirkliches Leichtgewicht ist auch der Fender nicht. Der Korpus kommt einigermaßen massiv daher, wirkt dabei aber weder behäbig noch störend, sondern eher einigermaßen komfortabel. Der Hals ist JazzBass-typisch schlank und rank, wenn auch etwas dicker als bei manch anderen Jazzbässen. Gut geeignet auch für Bassisten mit eher kleinen Händen/kurzen Fingern :)

Leider leider ist das gute Stück kopflastig, da hilft auch der schlanke Hals nicht! Normalerweise spiele ich mit einem sehr breiten Gurt, der die Fluchttendenz der Kopfplatte ganz gut unterbindet, aber bei einem Gig mit geliehenem Gurt (Backliner hat gepennt :( ) zeigte der Hals bei einem Mitklatschteil ("hoch die Hände") nach ca. 5 Sekunden senkrecht nach unten, und durch die fehlenden Security Locks war der Bass wegen des senkrechten Zugs des Gurtes vom Brückengurtpin weg stark absturzgefährdet. Sehr nervig! Auch bei Proben, bei denen ich lässig auf einen Barhocker gefläzt ohne Gurt im Sitzen zu spielen pflege, macht sich der Kampf gegen den Eigensinn der Kopfplatte störend bemerkbar. Hier gibt's leider Punktabzüge! Natürlich ist dieser Mangel historisch bedingt und bei diesem Modell auch zu erwarten, aber es ist und bleibt nun mal ein Mangel.

Wo wir gerade beim Meckern sind: Wahrscheinlich betrifft das nur mich und ist daher natürlich rein subjektiv, aber der Hals-PU ist mir bei meiner Standard-Spielposition ständig im Weg. Noch dazu ist er recht scharfkantig, und die Ecke der Plastiabdeckung ist unangenehm spitz, so dass ich die ersten Eingewöhnungsgigs mit einigen Schmerzen im rechten Daumen hinter mich gebracht habe. Auch jetzt noch muss ich mich ständig entscheiden, ob ich vor (also Richtung Hals) oder hinter (Richtung Brücke) dem Pickup spielen möchte. Das eine ist mir eigentlich einen Tick zu basslastig, das andere einen Tick zu knackig, meine natürliche Spielposition wäre nun mal direkt am Pickup - vielleicht ist aber gerade das ja auch eine Stärke des Instrumentes: Den Sound genau an diesem einen Sweetspot abzunehmen. Dazu weiter unten mehr.

Rechte Hand also mit leichten Problemen, wie sieht's links aus? Durchwachsen, würde ich sagen. Der schlanke Hals würde ja eine traumhafte Bespielbarkeit ermöglichen, und tatsächlich hatte ich bereits einen Original-60s-Jazz Bass in der Hand, der sich so seidig bespielen ließ, dass ich Haus, Hof und Freundin verpfändet hätte, um ihn zu besitzen, wenn er denn verkäuflich gewesen wäre.

Leider steht dieser traumhaften Leichtigkeit bei meinem Exemplar die Saitenlage entgegen, die sich allen Bemühungen zum Trotz nicht besonders flach einstellen lässt, irgendwann fängt's halt an zu schnarren. Ich will's mal so formulieren: "Normal" spielen - ok, Slappen - ok, Hochgeschwindigkeits-Slappen - anstrengend, Tappen - eher nicht!

Tatsächlich ist der Fender von allen drei Instrumenten dasjenige, dass sich in punkto Bespielbarkeit am "billigsten" anfühlt. Die Finger der linken Hand müssen besonders bei Hammer-ons, Pull-offs, Tapping und ähnlichen artistischen Einlagen einiges an Arbeit verrichten. Was natürlich auch wieder gut für den Sound sein kann...

Das hier kein Missverständnis aufkommt: Es handelt sich hier um Meckern auf hohem Niveau! Einer unserer Techniker bescheinigte dem Neuzugang beim ersten mal in die Hand nehmen eine "geile Bespielbarkeit". Wahrscheinlich bin ich einfach ziemlich verwöhnt, selbem Techniker drückte ich nämlich hinterher den ATK zum Vergleich in die Hand, Kommentar: "Oh wow!!". Der Schack war zu diesem Zeitpunkt leider zu Hause, hätte aber beide Instrumente deutlich getoppt.

An die spielerische Leichtigkeit des Schack, der sich tatsächlich anfühlt wie ein Shortscale, kommt allerdings keiner der beiden heran. Weder bei der Korpusergonomie noch bei der Bespielbarkeit.

Fazit: Der Fender ist deutlich handlicher als der ATK, alles andere wäre auch sehr verwunderlich. An die federleichte und ausgewogene Grazie des Schacks kommen beide Instrumente allerdings nicht mal ansatzweise. Bei der Bespielbarkeit muss sich der Fender aufgrund der etwas höheren Saitenlage auch dem ATK geschlagen geben. Mag sein, dass das eine Besonderheit dieses konkreten Exemplars ist, die Serienstreuung ist bei Fender ja bekanntlich nicht gerade gering...


Sound
Schawoll! Der Neck-PU schiebt, der Bridge-PU liefert Knackigkeit und Knurr, so einfach ist das! Der Fender ist ein echtes Tiefmitten-Monster! Der Sound kommt unverschämt kraftvoll, straff und durchsetzungsstark, ohne dabei jemals zu wummern oder breiig zu werden, und das auch in den höheren Lagen. Obenrum klingt's immer schön nach Holz, das typische Fender-"Nööök" ist bei jeder Soundeinstellung deutlich zu hören. Jazz Bass eben.

Meine "Arbeitseinstellung" in der Band ist ganz einfach: Beide PUs voll auf, Höhenblende je nach gusto ganz auf oder ein bisschen zurückgeregelt, je nach Song und Anschlag. Wie weiter oben schon beschrieben, erfordert die Bespielbarkeit ein ganz ordentliches Hinlangen, und das kommt dem Grundklang des Basses sehr entgegen. Kraftvolles Spiel, kraftvoller Sound! Für fitzelige Feinheiten ist das Ganze nicht wirklich ausgelegt, eher für banddienliche Fundamentarbeit und plakative Fill-Ins. Dieser Bass sagt ganz klar "hier bin ich, gewöhnt euch dran!".

Der ATK ist zwar dafür bekannt, selbst ganz gut loszurummsen, aber im direkten Vergleich muss er sich doch dem Fender geschlagen geben. Der Sound des ATK ist doch etwas steriler und irgendwie "dünner", auch wenn er Feinheiten des Spiels besser wiedergibt. Erstaunlich! Obenrum zeigt sich der ATK eher "silbrig" im Gegensatz zu dem offenen Holzton des Fender. Die Unterschiede zwischen den beiden sind bei jeder Soundeinstellung deutlich zu hören.

Der Schack fällt hier ein bisschen aus dem Rahmen: Sein Grundsound ist deutlich neutraler ausgelegt, extrem ausgewogen und mit endlos langem Orgelsustain. Durch seine sehr flexible Dreiband-Aktiv-Elektronik ist er ein klangliches Chamäleon, von Tanzmusik-Gegrummel bis Fusion-Genäsel, von Mark-King-Slapgewitter bis Solo-Gesäusel geht alles. Dazu gibt er auch feinste Spielnuancen direkt an den Amp weiter. Allerdings schafft er niemals ganz diesen typischen Fendersound mit dem holzigen "Nööök", das besonders den Jazz Bass so auszeichnet.

Fazit: Der Fender ist ein echter Bandplayer! Er ist tatsächlich nicht so vielseitig wie der ATK und erst recht nicht wie der Schack. Er kann im Wesentlichen einen Sound: Den typischen, unverwechselbaren holzigen Fender-"Nöök"-Sound, und den kann er richtig, richtig gut! Meiner Meinung nach auch besser als einige der Jazz Bass-Signature-Modelle von Fender, die zwar lauter, bassiger und auch viel teurer sind als der 70s Reissue, aber eben auch ein bisschen weniger holzig. Meine Meinung.


Gesamtfazit:
Von meinen ersten fünf/sechs Jahren als Musiker abgesehen, habe ich mit diesen drei Bässen jeweils wesentliche Teile meiner bislang ca. 25jährigen musikalischen Karriere bestritten. Jeder hat seine Vor- und Nachteile, gute Bässe sind sie sicher alle.

Im direkten Vergleich und in der täglichen Praxis ergibt sich aus meiner Sicht für den Fender folgendes Bild: Wer den typischen Fender-Sound sucht, muss wohl oder übel einen Fender nehmen und wird dafür reich belohnt mit einem durchsetzungsstarken, in jeder Situation unkomplizierten und unverwechselbaren Sound. Und genau darum geht es mir auf der Bühne. Ich würde mir noch eine etwas bessere Bespielbarkeit wünschen, und die Kopflastigkeit kann in manchen Situationen tatsächlich lästig sein. Aber wie gesagt: Gejammere auf hohem Niveau! Und der Sound macht alle Mängel mehr als wett.

Eine Kleinigkeit sollte noch erwähnt werden: Der "Hey, ein Fender!"-Effekt bei Soundchecks. In den letzten 25 Jahren bin ich insgesamt nie so oft auf meinen Bass angesprochen worden wie allein in dieser einen Saison mit dem Fender. Egal wie schick, teuer oder ausgefallen: Bei einem Fender verspüren Mitmusiker, Techniker und sonstige Bühnenwusler irgendwie den unbezähmbaren Drang, ihn sofort in die Hand zu nehmen. Keine Ahnung, ob das jetzt gut oder schlecht ist ... :D
 
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Hi LeGato!

Schöner, ausführlicher, ehrlicher Bericht, danke!

Grüße

Thomas
 
LeGato

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Naja, ich dachte, ein Review nach ausführlicher Benutzung fällt vielleicht ein bisschen anders aus als ein in der ersten Euphorie des Neukaufs geschriebenes... :evil:

Schön, wenn der eine oder andere was damit anfangen kann :)
 
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Feines Review,
aber einen 750,- €-Bass
mit einem 2.500,- €-Teil zu vergleichen
ist mir schwer vermittelbar.

Gleichwohl steht dieser Bass auf meinem Wunschzettel.
(Da wird er aber auch noch ein paar Jahre stehen)

:D
 
LeGato

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aber einen 750,- €-Bass
mit einem 2.500,- €-Teil zu vergleichen
ist mir schwer vermittelbar.

Nun ja, zum einen hat der Schack damals 2800 D-Mark gekostet (nicht Euro, die älteren unter uns erinnern sich noch :D ), zum anderen kann ich natürlich nicht beurteilen, was dir persönlich leicht oder schwer vermittelbar ist.

Ich persönlich finde es nicht nur legitim, sondern geradezu spannend, Instrumente miteinander zu vergleichen, die nicht die selben Voraussetzungen mitbringen. Wenn ich mir ein Haustier zulegen möchte, informiere ich mich ja auch erst mal, ob ein Hamster oder doch ein Elefant besser zu mir passt - um dann (wie in meinem Fall) doch bei zwei Hunden zu landen :)

Wie gesagt, alle drei Bässe waren/sind bei mir als "Arbeitsbässe", d.h. als meine erste Wahl für Liveshows, im Einsatz. Und da führte interessanterweise der Weg vom "Edelbass" zu den sagen wir mal "solideren Handwerkern". Auch wenn ich das nicht immer rational begründen kann und schon erst recht nicht im Voraus geplant habe, hat diese Entwicklung sicherlich ihre Gründe.

Und das finde ich persönlich erheblich spannender als der gefühlt hundertsiebenundzwanzigste Testbericht zu einem Bass, den die meisten hier eh schon kennen...
 
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