Chorsingen: Schlecht für hohe Stimmen?

von JW2019, 24.01.20.

  1. JW2019

    JW2019 Registrierter Benutzer

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    Erstellt: 24.01.20   #1
    Mich würde es brennend interessieren wie lange ihr gebraucht habt um mit euren höheren Tönen zufrieden zu sein. Wie war eure Transformation? Habt ihr Wunder bewegt oder gibt es eine physiologische Grenze an der ihr Zeit verschwendet habt? Warum ich das frage? Es ist eine Mischung aus Frust und ungewisser Ungeduld. Ich bin ein Mann und singe von G2 bis G4 (ohne Falsetto). Ab C4 muss ich in den Mix gehen ("Nähh Nähh" "weinendes Baby" Geräusch) doch es dauert Jahre. Ich komme teils bis Gis4 oder A4 aber von singen spreche ich da nicht. Also meine Grenze ist G4.

    Ich will nicht die Art von Bariton sein der sein Leben lang dort oben "angestrengt" klingt. Also ich will keine Jahre an Training investieren wenn es einfach nicht geht und dieses Gebiet (C4 bis A4) eher für tiefe Tenöre oder hohe Baritöne ist, die dort mehr "Leichtigkeit" reinbringen können. Dann such ich mir eine neue Leidenschaft und gehe angeln oder so ;-)
     
  2. scenarnick

    scenarnick Registrierter Benutzer

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    Erstellt: 24.01.20   #2
    Grüß Dich

    Ich habe 9 Jahre lang Unterricht genommen und bin noch lange nicht zufrieden :) Ich hab sie einigermaßen im Griff im klassischen Ansatz, aber es hängt stark vom Kontext ab. Im Pianissimo muss ich viel früher das Register wechseln und mein Falsett hat eine harte Grenze bei D. Darüberhinaus geht gar nichts mehr. Das Brustregister variiert und liegt meist im Bereich F bis F# (4) wenn ich etwas Gas geben kann (also solistisch, nicht im Chorkontext).

    Aber in den meisten Baritonalen Stücken musst Du da ja gar nicht hin. Da reicht ein sauberes E4 völlig aus. Der Bereich, über den wir hier reden, grenzt schon an die tenorale Lage und dass man da als Bariton voller klingt ist logisch - und ich empfinde es auch als gut so.

    Wenn es mir freigestellt ist und ich einen Rock-Ansatz (bei den Damen gern als Belting bezeichnet) wählen darf komme ich durchaus höher und es klingt nicht angestrengt. Für mich hat es einen positiven Effekt gehabt, das mal wirklich zu verinnerlichen, denn darüber trainiere ich die Höhe, so dass ich dann auch im klassischen Ansatz lockerer bleibe (und meinem Kehlkopf erlaube, leicht zu steigen).

    Also alles in Allem noch lange kein Grund nur Fischen beim Angeln was vorzusingen.
     
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  3. FerdinandK

    FerdinandK Registrierter Benutzer

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    Erstellt: 24.01.20   #3
    Wieviele Stunden übst du pro Tag?

    Wenn dir diese Frage kurios erscheint, dann würde ich dir vorschlagen für einen beschränkten Zeitraum (z.b. 2 Monate) wirklich jeden Tag mind. 2h zu üben. Nicht singen, sonder Arbeiten. Eine Chorprobe von 3h zählt nicht. Dann bekommst du ein Gefühl dafür was möglich ist, was da alles wirkt und werkt.

    Bei mir hat es viele verlorene Jahre gegeben, weil ich halt Unterricht genommen hab, aber "gearbeitet" hab ich nicht wirklich. "Leicht" kommt beim Singen nicht vom nichts tun, ist nur ein Ergebnis der Arbeit davor.

    "Leicht" ist auch irgendwie modisch geworden, es muss leicht, einfach und sofort sein. Im Tennis (als Beispiel) wollen wir keine "leichten Aufschläge" sehen, wir wollen Kracher mit über 200km/h sehen. Um dahin zu gelangen ist eben viel Arbeit, Training und Passion ( = Leidensweg) notwendig.

    Wenn ich das richtig lese was du oben schreibst bist du möglicherweise ein (dramatischer) Tenor, der wie viele andere auch eben Probleme im "Passagio" hat. Um diese nicht angehen zu müssen macht man bequemerweise einen Bariton daraus. Ich schreib das weil ich meine, genau das was du schreibst sehr gut zu kennen. Geht das überhaupt "physikalisch"?

    Antwort: Ja!
    Schritt 1 (der schwierigste) Du musst glauben, dass es möglich ist. Gibt auch Lehrer die dir das sagen werden, aber du musst es glauben. Genauso wie eine Tennis-Laie, keinen Aufschlag mit 200km/h hinbekommt, bringst du kein A (oder G was auch immer) raus, aber es geht. War bei mir gleich, ich konnte (egal womit) nichts über G rausbringen, nicht in Kopf/Falsett oder was auch immer ich damals meinte an "Registern" zu kennen. Wollte auch schon zu singen aufhören, und hab irgendwie das auch gemacht, hab den Tenor begraben und wollte dann eben nur mehr singen "was mir Spaß macht" (mehr oder weniger alles maximal bis E/F). Hab dann alles mögliche wie Obertonsingen und Jodeln begonnen und lustigerweise war das genau das was ich brauchte.

    Ich will dir keine Tipps gegen, du hast Unterricht und einen Lehrer, mach das was der sagt, übe und es wird. Vor allem übernimm die Verantwortung, es ist deine Stimme du musst was draus machen, der Lehrer hilft dir, aber machen/üben (proben kommt von probieren) musst du.

    Würde ich mir selbst vor 15 Jahren Hinweise oder Befehle erteilen dann wäre das:
    - Sofort aus mit Chorsingen, der Tod für jede hohe Stimme, es wird praktisch nur "gefistelt".
    - Register (besser Muskelgruppen) rein trainieren. Männerstimmen müssen(!) Falsett trainieren und ausbauen, genauso wie sie Bruststimme trainieren und ausbauen müssen
    nur dann kann sich die "Kopfstimme" (wird auch gerne Mix) genannt entwickeln. Jodeln (als Beispiel) macht genau das.
    - Rezitieren ins Übungsprogramm aufnehmen (Theaterlautstärke)
    - Gaumen auf (Gähnen) Kehlkopf runter (Schlachtenbummlergesang), nicht nur so wie es angenehm ist, sonder mit dem Gedanken/Ziel "den Körper zu formen".
    - Mund auf, vertikal (Kinn nach unten, kein Breitmaulfrosch)
    - "Maske singen" -> Unsinn Ton platzieren -> Unsinn nach "Sensations" zu suchen -> Unsinn, es ist nicht das Ziel "Sensations" zu erleben, das Ziel ist es, dass Gesang beim Publikum "Sensations" verursacht.
    Wenn etwas "Sch-" klingt, dann klingt es "Sch-", nicht durch Mode verwirren lassen. Es gibt auch im derzeitigen Gesangsunterricht Strömungen die Unsinn zur Tugend ergeben, aber am Klang kann man es unterscheiden. Klingt das wie eine Mensch, wie ein Uhu, wie eine Katze, wie eine Alien? Irgendwie sollte es eindeutig nach Mensch klingen (egal welcher Stil). Ein Wort muss Wort bleiben, wenn ich kein a e i o u formulieren und klar kommunizieren kann hat´s was. A muss a bleiben und kein "hn" kann das wegtäuschen.
    - Jeden Morgen "Bänderkontrolle", ist die Bänderkontrolle positiv (auffällig, belegt, heiser, ...) -> Technikfehler -> Trainingsfehler zurück auf Start, herausfinden wo kommt das her.

    Mein ich vor 15 Jahren würde mir möglicherweise den Vogel zeigen, aber einen Versuch wäre es wert.
     
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  4. Koksi01

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    Erstellt: 24.01.20   #4
    Zufrieden? Mit dem eigenen Gesang? - wohl nie :-)

    Also g´ ist doch völlig OK für einen Bariton.
    An der Stimme und der Tessitur muss man natürlich immer arbeiten (arbeiten! Im Sinne von @FerdinandK ), aber es ist natürlich nicht jede Stimme für jede Partie geeignet. Das hat ja nicht nur mit den erreichbaren Tönen zu tun, sondern vor allem auch mit der Klangfarbe.

    Ein anderes Hobby suchen - tja - OK, wenn man meint. Aber eine Leidenschaft? Die kann man sich einfach suchen? Das ist ja fast wie "Liebe kaufen". Ich glaube ich werde langsam zu alt für diese Welt :gruebel::opa:

    lg Thomas
     
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  5. DarkStar679

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    Erstellt: 27.01.20   #5
    ich habe knapp ein jahr gebraucht, um eine oktave hinzu zu gewinnen.
    mit meiner ersten lehrerin, bei der ich etwa 4 monate zubrachte, dirigierte mich immer in die wohlfühlzone.
    als ich lernen wollte, wie man verzerrt, hat sich mich an einen lehrer überstellt, der metal singt.

    der peitschte meine stimme gnadenlos nach oben. statt D4 schaffe ich bis G5 und glaube es geht noch höher, eines tages.

    deshalb, technik und skalen üben.
     
  6. Swingaling

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    Erstellt: 28.01.20   #6
    Ich will nicht wiederholen, was oben von anderen schon geschrieben wurde, aber aus dem anderen Thread erinnere ich mich, dass du beim Übergang von der Brust- in die Kopfstimme "knatterst". Das ist keine physiologische Grenze, das ist ein Technikfehler, der sich mit Übung und Geduld beheben lässt. Ich will dich nicht entmutigen, aber bei mir hat es gute vier Jahre gedauert, bis ich kapiert habe, was bei mir beim Passaggio falsch läuft. Und es war nicht meine Gesanglehrerin, die mir dabei geholfen hat, das ist durch eigenes Herumprobieren von verschiedenen Tipps verschiedener Sänger und Gesangslehrer passiert. Ich kann es immer noch nicht so automatisiert, dass es immer da wäre, aber ich weiß jetzt, wie es geht. Und würde an deiner Stelle die Flinte nicht ins Korn werfen.
     
  7. Altina

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    Erstellt: 27.02.20 um 18:25 Uhr   #7
    Hallo Ferdinand,

    das möchte ich aber genauer verstehen. Warum hälst du Chorsingen für den Tod für jede hohe Stimme? Und warum dann nur für hohe Stimmen und für tiefe dann nicht?

    Könntest du das ausführlicher erklären?

    Ich möchte den Hintergrund verstehen, weil ich gerade in so 3 Chören und Ensembles / Projekten verschiedenster Zusammenstellung (4-30 Leute) singe, zusätzlich zu GU und Versuchen etwas solistisch auf die Beine zu bekommen. Mache ich etwas verkehrt? :engel:

    Ich merke dass ich im Chor und bei Solo irgendwie unterschiedlich singe, bis jetzt habe ich aber nicht das Gefühl, dass etwas das andere stören würde - vielleicht aber einfach nur zu wenig Erfahrung.

    Mich würde aber sehr interessieren, was du, aber auch die Anderen hierzu meinen?

    Liebe Grüße,
    Kristina
     
  8. Koksi01

    Koksi01 Registrierter Benutzer

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    Erstellt: 27.02.20 um 18:48 Uhr   #8
    @Altina : diese Aussage von Ferdinand halte ich für subjektiven Blödsinn.

    Im Chor muss man anders singen wie ein Solist:
    Als Solist muss die Stimme tragen und sich hervorheben. Auch wenn der Chor singt, muss sich der Solist abheben. Das macht man mit bestimmten Obertönen (Stichwort Sängerformant). Wenn ich aber im Chor oder Ensemble singe, soll sich meine Stimme harmonisch mit den anderen mischen.
    Warum die andere Klangfarbe der Stimme schaden sollte weiß wohl nur Ferdinand alleine. Keiner meiner Freunde und Kollegen die ständig als Solisten auftreten singt nicht zumindest in ein/zwei Chören oder Ensembles. Keiner davon zerstört sich dabei seine Stimme.
    Ich singe selbst z.Z. (inkl. Projektchören) in drei Chören und drei Ensembles. Das schadet meiner Solostimme aber ganz sicher nicht, sonst hätte ich mit meiner Professorin RICHTIGE Probleme :-)

    lg Thomas
     
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  9. Altina

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    Erstellt: 27.02.20 um 19:29 Uhr   #9
    Danke Thomas,
    das klingt schon mal gut, so was ähnliches habe ich auch vermutet bzw. empfinde ich selber eher so.
    Diesen Satz finde ich aber sehr interessant:
    Das mit im Chor sich mit anderen Stimmen vermischen ist nicht so das Problem :-D

    Die andere Seite ist aber extremst spannend. Wie kriegt man diesen Sängerfornant, was auch immer das genau ist? Bis jetzt habe ich eher das Gefühl ich verschwinde im Chorklang eher. Ich hatte eine Stelle aufgenommen, wo ich alleine ein paar Takte als Alt 1 eine bewegtere Linie habe, die man eigentlich hören sollte. Der Rest der Mannschaft singt 3-4-stimmig außen rum, mit 1-2 Sängerinnen pro Stimme. Ich komme da einfach nicht durch. In einem anderen Stück durfte ich beim 5-6 Takte langen Frauenterzett-Solo die Altstimme versuchen. Ok, dabei ist mir von lauter Aufregung die Stimme fast komplett weggebrochen. Auf der Aufnahme davon höre ich mich schon, aber so als ob da keine Solistin die Altstimme gesungen hätte, sondern eine kleine Gruppe. Dunkel, unsicher, neutral :-D Ähnlich Klangfarbe, die bei unserem Ensemble die Altstimme insgesamt hat, nichts persönliches. Vielleicht bin ich einfach noch eine Nummer zu klein für solche Stellen, aber bei Solosingen in GU habe ich eigentlich nicht das Gefühl, ich wäre zu leise und "nur dunkel". Passiert da was im Chor, was nicht passieren soll? :rolleyes:

    Kennst du irgendwie das Problem bzw. weisst du was ich meine?
     
  10. scenarnick

    scenarnick Registrierter Benutzer

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    Erstellt: 27.02.20 um 19:30 Uhr   #10
    Hi @Koksi01 und alle

    Diese Aussage ist zu pauschal, aber nicht gerade unwahr für die nicht-ausgebildete Stimme. Wenn man mal hinter diesen Mythos schaut:
    • Im (Laien-)Chor singt man mit anderen zusammen, so dass man sich selbst nicht so deutlich wahrnimmt und dadurch technisch nicht korrigieren kann
    • Im Chor wird häufig Pianissimo verlangt, so dass der Solist eben durchkommen kann. Das bringt gerade Männerstimmen ins Passagio oder ins Falsett und das will geübt sein, damit es nicht verkrampft wird und die Stimme leidet
    • Wenn es ein Chor ist, in dem auch mal fff gesungen werden darf neigen unausgebildete Sänger/Innen (siehe oben) zum unkontrollierten überschreien
    Chorsingen per se ist nicht schlimm, aber wenn wenig ausgebildete Menschen im Chor singen besteht eine Gefahr der Falschbelastung und Überlastung der Stimme. Eine gute Stimmbildung kann dem entgegenwirken.
     
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  11. moniaqua

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    Erstellt: 27.02.20 um 20:00 Uhr   #11
    So pauschal wäre ich mit dieser Aussage vorsichtig. Ich kenne eine Sopranistin, die durfte, als sie neu zu einer GL ging, nicht in den Chor. Mit dem Argument, dass sich manche Sachen erst festigen müssten, weil man sich im Chor so allerlei Unarten angewöhnen kann. Und ich würde das nicht von der Hand weisen. Gerade, wenn man sich nicht gut hört, drückt man mitunter auf die Stimme, oder macht andere Unartigkeiten.
     
  12. Swingaling

    Swingaling Registrierter Benutzer

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    Erstellt: 27.02.20 um 20:40 Uhr   #12
    Piano oder pianissimo singen finde ich tatsächlich auch um einiges schwieriger, wenn man nicht in Unterspannung geraten will. Leise gut zu intonieren, muss man wirklich lernen. Und die Gefahr im Chor ist, dass man nicht leise und mit guter Körperspannung singt, sondern gedämpft, was wirklich nicht gut für die Stimme ist. Und auch mit guter Stimmbildung ist es ja nicht so, dass der Chorleiter alle Leute gleichzeitig im Blick hat. Man muss also schon bis zu einem gewissen Maß selbst gelernt haben, seine Grenzen zu spüren und seine Stimme gesund einzusetzen.

    Es gibt aber noch ein Problem im Chor: Gerade wenn man ziemlich musikalisch und noch dazu eher ein Gruppentyp ist, ist die Gefahr größer, dass man nicht auf sich selbst fokussiert bleibt, was man beim Singen (gerade im Lernprozess) aber muss. Man wird also durch die anderen vom eigenen Singen abgelenkt, und da kann es schneller passieren, dass man mal den Ton hochdrückt o.ä.

    Ganz generell ist Chorgesang einfach ein völlig anderes Spiel als Sologesang: In der Gruppe sollte ich auch auf die Gruppe hören, es soll ein Gesamtklang dabei herauskommen und es sollten nicht einzelne Stimmen besonders hervorstechen. Insofern spielt ein besonderer Charakter, den ich im solistischen Gesang vielleicht herausarbeiten würde, um mich als Sängerpersönlichkeit darzustellen, im Chor keine Rolle, und auch ein starkes Vibrato oder "Schnörkel" tanzen aus der Reihe.
     
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  13. Altina

    Altina Registrierter Benutzer

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    Erstellt: 27.02.20 um 21:55 Uhr   #13
    Stimmt, wobei ich kenne es eher in der Form, dass man genau aus dem von dir genannten Grund eher zu stark zurück geht, nach dem Motto dass wenn die anderen schon zu laut bei piano sind, das einzige was ich ja machen kann damit die Gruppe leiser wird, ist mich selbst leise zu machen :-D
    Das habe ich auch früher jahrelang gemacht, und stelle mich jetzt mühsam wieder um. GU hat gezeigt dass ich mir dabei im alten Chor (der übrigens berühmt für sein piano und Musikalität war) zum Teil eine falsche Technik eingeeignet habe - zu wenig gestützt und nur Volumen/staunen/Luft bei piano. Für Sologesang ganz besonders doof, deswegen darf ich jetzt im Umlerneprozess bei Solo grundsätzlich kein piano singen ;-)

    Ich achte aber inzwischen auch im Chor darauf, und versuche kein richtig leises pianissimo zu erreichen, sondern maximal mp, so dass ich noch stützen kann und das Gefühl habe dass der Klang trotz pianissimo noch rausgeht. Wenn's mal zu laut sein soll, soll es mir die CL sagen.

    Also nach meinem Gefühl stand heute hilft Sologesang und GU auch bei dem Chorsingen ungemein. In andere Richtung ist es vielleicht nicht so eindeutig, aber bei gleichzeitiger GU stört auch Chor nicht, sondern das Ganze ergänzt einander. Außerdem könnte ich gar nicht ohne Chor, oder zumindest ohne mehrstimmige Ensembles. Solo ist irgendwie schon geil, aber richtig glücklich werde ich wenn ich andere gleichwertige Stimmmelodien neben mir höre... Mal ein tiefer Basston in unmittelbarer Nähe, und das Leben ist wieder schön.
     
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  14. FerdinandK

    FerdinandK Registrierter Benutzer

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    Erstellt: 27.02.20 um 22:18 Uhr   #14
    Jeder soll machen wie er/sie will. Jeder kann die Karrieren innerhalb und außerhalb beobachten und daraus lernen, oder sich denken, für mich gilt das sicher nicht. Den Karriereweg Chorsänger, fortgeschrittener Chorsänger, Solist gibt es nicht.

    Mit 20 im Schönbergchor, super Gelegenheit. Mit 35 noch im Schönbergchor, dann wird es eng mit der Profikarriere. Gerade als angehender Profi ist es gefährlich ein "Mascherl (singt im Chor)" zu bekommen. Chor/Ensemble als "Durchlauferhitzer" möglich.

    Aber insbesondere als Laie stelle man sich vor man würde alle Energie in den GU und das Training dafür investieren (und nicht in den Chor) was da alles möglich wäre. Ich bin was ich tue, singe ich 20h Chor 1h Solo, wird es wohl anders sein als wenn ich 1h Chor singe und 20h Solo.

    Piano fisteln in den hohen Stimmen konterkariert jeden GU, aber natürlich kann man wenn man will.

    Oft fragt man sich warum sich nichts ändert, aber es ist Wahnsinn zu hoffen dass sich etwas ändert und dabei doch immer das gleiche zu tun.

    "the hunt for happiness" ist ein Trugbild, eine Chimäre der Wohlfühlzone. Es geht ja gerade darum immer dorthin zu gehen wo man sich nicht wohlfühlt.


    Disclaimer: All just Blödsinn for Runaways.
     
  15. drowo

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    Erstellt: 28.02.20 um 07:57 Uhr   #15
    Ich sehe das ähnlich wie Ferdinand (vielleicht nicht ganz so drastisch ;)): man wird nicht zum Solisten wenn man nur lange genug Chor singt. Außerdem haben Chor und Solo unterschiedliche "Do's and Don't's" - teilweise ist die Tugend des einen die Sünde das anderen. Ich zum Beispiel würde ganz sicher aus jedem Chor rausfliegen :nix: Daher: wer Solist sein bzw werden will sollte (zumindest vorwiegend) solistisch singen.

    Es gibt sicher genügend Profis die beides können. Sie sind sich aber der Unterschiede bewußt und singen dann auch dem Zweck entsprechend.
     
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  16. Koksi01

    Koksi01 Registrierter Benutzer

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    Erstellt: 28.02.20 um 08:28 Uhr   #16
    Natürlich kenne ich dieses Problem :-)
    Ich habe vor Jahren mal bei einem Chor wegen Bassmangels bei Haydns Kleiner Orgelsolomesse ausgeholfen. Und die Chorleiterin fragte mich, ob ich nicht beim Agnus die "Bass-Soli" (das waren 3x vier Töne :-)) singen könnte. Ich habe mir damals die Seele aus dem Leib geschrien, aber gehört hat man wohl nicht sehr viel :-(.
    Mitlerweile habe ich dieses Problem nicht mehr. Aber wenn ich dann Profis höre, die sich sogar mit einem Piano über den Chor legen können, weiß ich, warum ich noch ein paar Jahre Studium vor mir habe :-)

    Natürlich, aber ein guter Chorleiter sollte das auch hören und korrigieren!

    Es dauert generell ziemlich lange, bis man ein sauberes piano singen kann. Das ist ungleich schwerer als ein forte zu donnern. Da muss schon einiges an Technik stimmen.

    :great: Das hast du schön gesagt! Kann ich großteils unterschreiben.

    Also ich glaube nicht, dass viele von uns hier eine Profi-Solosängerkariere vor sich haben :-)

    Ich habe mal eine Doku über den österreichischen Staatsopernchor gesehen. Da hat jeder ein abgeschlossenes Gesangsstudium hinter sich. Und wenn man weiß, was jemand drauf haben muss, um überhaupt einmal die Aufnahmsprüfung zu einem Gesangsstudium zu schaffen, kann man sich ein wenig vorstellen, was das für Kapazunder sind.
    Ich studiere als "Spätberufener" LMO (Lied, Messe, Oratorium) am Konservatorium für Kirchenmusik. Hier sind immer wieder junge SängerInnen, die zwei/drei Jahre hier als Vorbereitung für die Aufnahmsprüfung für die Uni studieren.

    Chorsingen und Sologesang widersprechen sich nicht. Die Klangformung ist eine Andere. Aber wenn ich das konsequent (mit)lerne, kann ich problemlos zwischen den beiden hin- und herschalten.
    Ich singe in mehreren Formationen. Chorsingen übe ich beim Chorsingen (ich studiere zuhause höchstens meine Stimme ein). Sologesang trainiere ich. Und zwar im Schnitt zwischen einer und drei Stunden täglich.

    lg Thomas
     
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  17. moniaqua

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    Erstellt: 28.02.20 um 08:39 Uhr   #17
    :gruebel: Woher wohl die Biographien kommen, in denen als Referenz "Tölzer Sängerknaben" oder "Regensburger Domspatzen" oder sowas steht? Und wie es wohl kam, dass wir SolistInnen aus z.B. dem Rundfunkchor hatten? Die dort im Chor angestellt waren/sind, wohlgemerkt. Mozart hat übrigens seine Solo-Stücke in den Messen soweit ich weiß aus dem Chor raus komponiert. Es gibt, in den Urschriften(!), Hinweise, wie der Anschluß an den Chor bei Überlappungen, die sowieso selten vorkommen, zu gestalten sind.
     
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  18. Swingaling

    Swingaling Registrierter Benutzer

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    Erstellt: 28.02.20 um 08:55 Uhr   #18
    @moniaqua: Mal ganz abgesehen von den ganzen Soulgrößen, die im Gospelchor angefangen haben, ich erwähne jetzt nur mal ein paar sehr prominente Namen wie Aretha Franklin, Sarah Vaughan, Whitney Houston, Dionne Warwick, Marvin Gaye, Sam Cooke...
     
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  19. scenarnick

    scenarnick Registrierter Benutzer

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    Erstellt: 28.02.20 um 09:07 Uhr   #19
    Monument mal - ich spüre zwei Paar Schuhe :)

    Die obigen Aussagen (Piano, Pianissimo etc.) beziehen sich auf klassische, möglicherweise auch geistliche Chöre und dass da die Stimm-Anforderungen anders sind für einen Choristen als an einen Solisten. Im Gospel / Pop / Rock Bereich sieht das Thema ganz anders aus. Beides schwierig, aber ganz anders. Ich wage mal zu behaupten (mit 30 Jahren Erfahrung in geistlichen Chören, aber nur 2-3 Jahren im Pop / Rock), dass der Ansatz und die Bildung der Stimme im Gospel-Bereich zwischen Solist und Chor ähnlicher ist, als in z.B. geistlicher Musik.

    Außerdem siehe das Zitat oben
    Stimmt - viele gute Solisten haben als Kinder in guten Chören angefangen, in denen sie Ausbildung bekamen. Dann haben sie mit Beginn eines - vielleicht - Musikstudiums den Chor verlassen und sich auf solistische Aufgaben konzentriert. Das geht und das sind die typischen Lebensläufe. Nehmen wir mich als Beispiel. Ich bin 49 Jahre alt, habe 30+ Jahre in geistlichen Chören, davon knapp 10 Jahre mit klassischer Ausbildung dazu. Eine Profi-Karriere ist für mich abgefahren und war schon abgefahren, als ich mit Mitte 20 noch immer (und ohne begleitende Ausbildung) im Tenor 1 die Matthäus Passion zum 6. Mal gemacht habe.

    In Summe: Chor als Kind / Jugendlicher: Super, denn man lernt viel. Dann baldigst Ausbildung parallel zum Chor, dann entscheiden ob man den klassischen Solistenweg gehen will (als vlt. zukünftiger Profi). Dies bedeutet ggfs. den Chor zu verlassen, so lange bis man technisch gefestigt genug ist, mit anderen Profis (!) in sowas wie einem Opernchor oder Rundfunkchor zu singen.

    Der "U-Musik" Bereich hat da andere Karrierewege
     
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    Erstellt: 28.02.20 um 09:10 Uhr   #20
    Kann ich nur unterstreichen. Echte Gospelchöre sind eigentliche "Solisten-Ensemble".
     
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